Mit der wachsenden Staatsverschuldung Deutschlands ändert sich auch die Dynamik am Anleihemarkt. Am Mittwoch drohte erstmals das Scheitern einer Platzierung neuer Staatsschulden. Allein die Finanzagentur verhinderte Schlimmeres.
picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
Deutschlands Aufstieg in den Schuldenolymp vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Eine kurze Chronologie der vergangenen Tage:
Am Freitag präsentierte Finanzminister Lars Klingbeil die Eckwerte des Bundeshaushalts 2027. Die Ausgaben des Bundes steigen um 30 Milliarden auf 555 Milliarden Euro – ein Zuwachs von rund sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Entsprechend schnell wächst auch die Neuverschuldung des Landes.
Am Montag schwadronierte der Minister dann über weit fortgeschrittene Konsolidierungstätigkeiten. Legen wir den Begriff der Konsolidierung in seinem ursprünglichen Wortsinn aus, würde dies bedeuten, dass der ungezügelten und unseriösen Haushaltspolitik doch noch Ketten angelegt und wenigstens die Geschwindigkeit des Absturzes reduziert worden wäre. Dass dies mitnichten der Fall ist, bestätigte am Mittwochmittag der Kapitalmarkt. Dort ereignete sich aus finanzpolitischer Sicht beinahe Historisches. Deutschland geriet bei der Emission neuer Bundesanleihen derart ins Taumeln, dass allein die Finanzagentur – verantwortlich für die Emission deutscher Staatsanleihen – als Retterin in der Not Schlimmeres verhinderte.
Mit größerem Schaden wäre konkret gemeint: Eine Auktion scheitert, sendet ein massives Schocksignal in den Markt und könnte möglicherweise Kaskaden von Anleiheverkäufen sowie einen Zinsschock auslösen. Dass dies nicht geschieht, verdanken wir allein Institutionen wie der Finanzagentur oder der Europäischen Zentralbank, der Interventionsfeuerwehr des Kapitalmarktes, die wenigstens kurzfristig unseriöse Haushaltspolitik durch die Inflationierung überschüssiger Schulden überdecken können.
Das sogenannte Bid-to-Cover-Verhältnis, also das Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot dieser Anleihe, lag bei gefährlichen 0,7. Es war allerdings nicht die erste Auktion im Juli, die problematisch verlief. Bereits am 1. Juli drohte die Emission einer siebenjährigen Bundesanleihe zu scheitern. Auch in jenem Fall intervenierte die Finanzagentur und nahm rund ein Viertel der Emission vom Markt, um Schlimmeres zu verhindern. Zur Einordnung dieser Zahl: Gewöhnlich behält die Finanzagentur etwa zehn Prozent jeder Anleiheemission zurück und versorgt damit den sogenannten Sekundärmarkt, also jene Finanzinstitutionen und Börsenakteure, die nicht das Privileg des Erstzugriffs besitzen wie die sogenannten Primary Dealer. Diese bilden sozusagen die erste Absorptionslinie für Staatsschulden und operieren engmaschig innerhalb des Zentralbanksystems.
War dies möglicherweise der Beginn erster Turbulenzen angesichts wachsender Staatsschulden in der Bundesrepublik? Zum Ende des Jahres dürfte die Staatsschuldenquote Deutschlands bei etwa 70 Prozent liegen. Kalkulieren wir die unterschiedlichen Sondervermögen hinzu, bewegt sich die Quote bereits in Richtung 80 Prozent. Auch die nicht gedeckten Zahlungsverpflichtungen aus den Sozialversicherungssystemen, vor allem aus der gesetzlichen Rentenversicherung, betragen ein Vielfaches des Bruttoinlandsprodukts. Nichts Ungewöhnliches in einer Welt hochverschuldeter Staaten. Die Vereinigten Staaten rangieren derzeit mit einer Schuldenquote von rund 125 Prozent deutlich höher als Deutschland, verfügen als größte Volkswirtschaft der Welt jedoch über eine wesentlich höhere Krisenresilienz als ein Land, das sich über Jahre energiepolitisch erhebliche ökonomische Schäden zugefügt hat. Weltweit liegen die Staatsschulden bei etwa 95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ähnlich wie in der Eurozone.
Kritische Auktionen wie die vom Mittwoch dürften künftig zur Regel werden. Interventionen der Finanzagentur, möglicherweise schon bald auch der Europäischen Zentralbank, die ihre während der vergangenen Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise erworbenen Anleihebestände noch immer reduziert, dürften dann zur politischen Routine werden. Der Markt kann die europäischen Schulden schlichtweg nicht mehr in dem Maße absorbieren, während die Nachfrage nach US-Staatsanleihen in den vergangenen Monaten neue Rekordstände erreicht hat.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Debatte über die Einführung sogenannter Eurobonds an Plausibilität. Austerität kommt politisch nicht infrage, eine Rückführung oder gar ein Rückbau der gigantischen Wohlfahrts- und Staatsapparate im Euro-Club ist vorerst ausgeschlossen. Der Gang an den Kreditmarkt, verbunden mit höheren Abgaben, bleibt damit die verbleibende Option.
Brüssel nutzte die Corona-Lockdowns zur Einführung der ersten großen gemeinsamen Euro-Anleihe im Rahmen des Programms NextGenerationEU. Seinerzeit sammelte die EU mit der Kreditdeckung ihrer Mitgliedstaaten rund 800 Milliarden Euro ein, die vor allem den schwer angeschlagenen Staatskassen Spaniens und Italiens zugutekamen. Dies scheint der Weg zu sein, den die Europäische Union künftig beschreiten wird, um nationale Schuldenprobleme schrittweise in einem gigantischen gemeinsamen Schuldenpool zu konsolidieren.
Die Auktion vom Mittwoch dürfte diesen Prozess beschleunigen. Denn allen Beteiligten ist klar: Gerät selbst Deutschland bei einzelnen Anleiheemissionen ins Taumeln, droht die Finanzierungslage für die hochverschuldeten Staaten der europäischen Peripherie deutlich schwieriger zu werden.



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