Friedrich, sei gnädig – geh’!

Der Bundeskanzler ist zu einer Belastung geworden. Nicht nur für seine Partei, die er in die außerparlamentarische Opposition führt, sondern für das ganze Land. Wenn er seinen Amtseid ernst nimmt, muss er sein Amt aufgeben.

picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH

Werfen wir, lieber Leser, ganz am Anfang ganz ausnahmsweise einen ganz kurzen Blick zurück.

Juni 1984: Deutschland ist amtierender Fußball-Europameister. Bei der EM in Frankreich scheidet die Mannschaft denkbar erbärmlich schon in der Vorrunde aus. Bundestrainer Jupp Derwall ist mit großer Sicherheit der unbeliebteste Mensch des Landes. Axel Springers „Bild“-Zeitung formuliert in riesigen Lettern auf der Titelseite eine Rücktrittsforderung: „Derwall, sei gnädig – geh’!“

Zeitsprung. September 2026: Heute will das Land nicht den Rücktritt des Bundestrainers, sondern des Bundeskanzlers.

Vernichtende Niederlagen

Das Ende des Jupp Derwall wurde damals durch eine 0:1-Niederlage gegen Spanien besiegelt. Das Ende des Friedrich Merz dürfte heute durch die 4,9-Prozent-Niederlage in Mecklenburg-Vorpommern eingeleitet werden.

Merz als Parteivorsitzender hat schon jetzt Historisches erreicht: Unter seiner Führung fliegt die CDU erstmals aus einem Landesparlament. Der Bundeskanzler nennt das Ergebnis ein „Desaster“. Er übernehme Verantwortung. Die besteht darin, dass er einfach weitermacht.

Der Kapitän der Titanic rammt den Eisberg und erklärt Besatzung und Passagieren auf dem sinkenden Schiff: Tut mir leid. Dumm gelaufen. Aber ich halte Kurs.

Bei der Haushaltsdebatte im Bundestag vor ein paar Tagen ist AfD-Chefin Alice Weidel ein kleiner, aber feiner rhetorischer Coup gelungen. Sie sprach die Abgeordneten der Union direkt an – und sprach aus, was sehr, sehr viele von ihnen tatsächlich insgeheim denken dürften:

„Schauen Sie sich Ihre Kollegen links und rechts von Ihnen an. Einer von den beiden wird in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr dasitzen, wenn Friedrich Merz mit Ihnen fertig ist.“

Es ist sogar noch viel schlimmer.

Nicht nur der Unionsabgeordnete rechts ODER links wird wohl fehlen. Wenn’s ganz schlecht läuft, sind beide weg. Und der in der Mitte gleich mit dazu.

In Mecklenburg-Vorpommern sind aus zwölf CDU-Mandaten vor der Wahl – null Mandate nach der Wahl geworden. Die Union im Norden ist zur außerparlamentarischen Opposition geworden. Eine Splitterpartei.

Am selben Abend verzwergt sich die CDU in Berlin um beinahe zehn Prozentpunkte. Nur noch 18,8 Prozent statt 28,2. Nur noch 34 statt 52 Sitze im Abgeordnetenhaus (so heißt das Berliner Landesparlament).

Seit dem Einzug von Friedrich Merz ins Kanzleramt im Mai 2025 hat die Partei sieben Kommunal- und Landtagswahlen bestritten. Zweimal konnte sie leicht dazugewinnen, fünfmal hat sie verloren. Dabei sind für die CDU allein 33 Landtagsmandate verdunstet.

Die CDU unter Friedrich Merz ist nur noch eine Rumpftruppe.

Der 70-Jährige aus dem Sauerland treibt seine Partei ins Verderben. Mitleid ist trotzdem nicht angebracht, denn es ist für die CDU ein im Wortsinn selbstgewähltes Schicksal. Der ganze Laden lässt sich von Merz widerstandslos zur politischen Schlachtbank führen – und fragt unterwegs noch höflich, ob man das Messer selbst schleifen darf.

Der beste Mann der AfD

Manche Dinge sollten nicht in Vergessenheit geraten. Nach dem Rücktritt von Angela Merkel als CDU-Vorsitzende im Jahr 2018 hat Friedrich Merz für ihre Nachfolge kandidiert. Das hier war sein wichtigstes Wahlkampfargument:

Solche Tweets nennt man wohl „schlecht gealtert“. Damals verlor Merz noch gegen Annegret Kramp-Karrenbauer. Erst 2022 schaffte er es auf den CDU-Thron. Seitdem hat sich sein Projekt „AfD halbieren“ so entwickelt:

September 2025
Bei der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen verliert die CDU leicht. Die AfD schießt von 5,1 Prozent auf 14,5 Prozent.

März 2026
In Baden-Württemberg verpasst die CDU trotz Zugewinnen erneut Platz eins. Die AfD verdoppelt sich auf 18,8 Prozent.

März 2026
In Rheinland-Pfalz gewinnt die Union ausnahmsweise 3,3 Prozentpunkte hinzu. Aber die AfD gewinnt 11,2 Prozentpunkte dazu und holt mit 19,5 Prozent ihr westdeutsches Rekordergebnis.

September 2026
In Sachsen-Anhalt bricht die CDU von 37,1 Prozent auf 17,2 Prozent ein. Die AfD gewinnt 23 Prozentpunkte und siegt haushoch mit 43,8 Prozent.

September 2026
Bei der niedersächsischen Kommunalwahl verliert die CDU 4,5 Prozentpunkte. Die AfD springt von 4,6 Prozent auf 15,9 Prozent.

September 2026
In Berlin verliert die CDU 9,4 Prozentpunkte und holt nur noch 18,8 Prozent. Die AfD gewinnt 7,1 Prozentpunkte und holt 16,2 Prozent.

September 2026
Mecklenburg-Vorpommern endet für die CDU im parlamentarischen Totalschaden. Die AfD gewinnt 21,5 Prozentpunkte dazu und wird auch hier mit 38,2 Prozent stärkste Partei.

Dasselbe Bild auf Bundesebene:

  • Als Merz Anfang 2022 CDU-Chef wird, steht es in der „Sonntagsfrage“ des Instituts INSA zwischen Union und AfD in Prozenten 24:11.
  • Im Januar 2024 steht es dann 31:21.
  • Bei der Bundestagswahl 2025 lautet das Ergebnis 28,5:20,8.
  • Im September 2025 führt die AfD erstmals mit 26:25.
  • Im September 2026 steht die Umfrage bei 29:20.

Nein, Friedrich Merz hat die AfD nicht halbiert. Er hat sie eher verdoppelt – und dabei seine eigene Union kleingehobelt.

Der Polit-Pinocchio

Der Ex-Blackrock-Mann hat im Bundestagswahlkampf 2025 immer und immer wieder ein zentrales Versprechen gegeben: solide Staatsfinanzen. Sofort nach der Wahl hat er dann die größte Schuldenorgie der deutschen Geschichte organisiert – noch dazu mit dem schon abgewählten Bundestag.

Das war die Ursünde, und den Makel wird er nie mehr los.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert. Das Spiel mit den gebrochenen Zusagen beherrscht der Bundeskanzler virtuos.

  • Merz versprach die Abschaffung des Bürgergeldes. Was kam, war ein neuer Name („Grundsicherung“), neue Formulare und ein paar lächerliche Sanktionen. Das Grundkonzept blieb: der Sozialstaat als Geldautomat für Menschen, die nicht arbeiten.
  • Merz versprach das Ende des Heizungsgesetzes. Heraus kam wieder ein neuer Name („Gebäudemodernisierungsgesetz“), in dem die staatliche Kontrolle des Heizungskellers weiterlebt.
  • Merz versprach niedrigere Stromsteuern für alle. Bekommen haben sie nur ausgewählte Unternehmen. Bürger, Handwerker und Dienstleister müssen weiter blechen.
  • Merz versprach Steuerentlastungen und schloss Steuererhöhungen aus. Einige wenige Erleichterungen gibt es tatsächlich – aber so richtig erst 2028. Dafür gibt es sofort nun doch höhere Steuern: einen neuen Spitzensteuersatz und niedrigere Bemessungsgrenzen.
  • Merz versprach flexiblere Arbeitszeiten. Arbeitsministerin Bärbel Bas, im Nebenberuf SPD-Co-Vorsitzende, torpediert das erfolgreich und präsentiert stattdessen ein Dickicht aus Tarifvorbehalten, Ausnahmen und elektronischer Zeiterfassung.
  • Merz versprach eine Migrationswende. Nun ja, da erübrigt sich jeder Kommentar.

Diese Regierung hat ein festes Ritual: Union und SPD einigen sich. Merz verkündet den Durchbruch. Die SPD entdeckt nachträglich neue Bedenken. Danach wird verschoben, verwässert oder eine Kommission gegründet.

Jedes Mal, wenn Merz eine „Wende“ verspricht, macht die SPD daraus einen Kreisverkehr. Der Mann erkauft sich den Fortbestand der Koalition – und damit seinen Verbleib im Amt – mit den Grundwerten seiner Partei.

Das nennt er dann „Kompromiss“, und man weiß wirklich nicht mehr so richtig, ob er nicht vielleicht tatsächlich selbst daran glaubt.

Wo ist der Kaiser?

Nach der 0:1-Niederlage gegen Spanien bei der EM 1984 mit dem schmachvollen Ausscheiden schon in der Vorrunde vergingen genau sieben Tage. Dann trat Bundestrainer Jupp Derwall zurück.

Franz Beckenbauer wurde sein Nachfolger. Der „Kaiser“ hatte sich in der Zwischenzeit – natürlich ebenfalls in der „Bild“-Zeitung – öffentlich dazu bereit erklärt, den darniederliegenden deutschen Fußball wieder flott zu machen: „Ich bin bereit.“

Wo ist heute der Franz Beckenbauer der CDU?

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Kommentare ( 14 )

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14 Comments
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hansgunther
12 Minuten her

Nein, Merz kann und darf noch nicht gehen! Zuerst muß er die CDU komplett beerdigen, als bester Wahlhelfer der AfD zum Triumph verhelfen und das Kanzleramt sturmreif für sie schießen. Erst dann darf er sich „hochdekoriert“ in den Ruhestand ins Sauerland verabschieden. Im übrigen ist genau das sein Plan – nichts anderes läßt sich von seinem fatalen Tun ableiten! Die Gründe dafür haben ihm Merkel und die CDU selbst geliefert!

Last edited 5 Minuten her by hansgunther
Autour
12 Minuten her

Tja… irgendwie wissen alle Journalisten, dass es vorbei sei…
Ich sehe nur nicht wie die CDU aus dieser Lage herauskommen soll… Merz wird nicht „freiwillig“ gehen. Der hält sich für den Besten… der bekommt gar nicht mehr mit was um ihn herum geschieht.
Und potentielle Kandidaten können nur über Neuwahlen einen Merz beerben… und Neuwahlen würden für die CDU im totalen Desaster enden!
Also wird man weiter wurschteln und zittern und bangen und sich in den Abgrund manövrieren… und Merz wird sein Projekt: „CDU geht den Weg der FDP“ fertig stellen.

Spyderco
3 Minuten her

,,Wenn er seinen Amtseid ernst nimmt…“
🤣🤣🤣

moselbaer
13 Minuten her

Dass Friedrich Merz seine Wähler betrogen und belogen hat, wie kein anderer vor ihm, das fällt ihm jetzt auf die Füße. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Wie sagt man in Köln: fott es fott. Aber es bleibt das Problem der CDU: dieser Klatschhasenverein hat den Lug und Betrug nicht nur geduldet, sondern mitgetragen. Außerdem sind etliche Teile dieser Partei mittlerweile grünrot durchseucht. Führungsnachwuchs wurde nach Merkelscher Tradition abgesägt, aber nicht gefördert. Aufgestiegen sind zweibeinige Phrasendreschmaschinen. Auch bei Aufbietung aller Fantasie kann ich mir nicht vorstellen, wie diese Partei Deutschland aus der von dieser Partei verursachten Krise führen soll.

Hueckfried69
14 Minuten her

Der geht nicht! Er hat, wenn man so will, einen Vertrag bis 2029. Jeder, der ihn gewählt hat, sollte sich daran erinnern. Bei Derwall ging es nur um Mannschaft und Volk. Bei Merz um Rheinmetall; das ist ein anderer Schnack.

Last edited 11 Minuten her by Hueckfried69
Kraichgau
32 Minuten her

keiner wird mehr kommen von der CDU,lassen wir Weidel das mal ausprobieren,schlimmer kanns nicht mehr kommen hier im Land der Deutschen

Steuernzahlende Kartoffel
33 Minuten her

Der Mann kapierts nicht mehr. Vor der Wahl beleidigt er die Wähler, nach der (Ab-) Wahl klebt er an seinem Sessel. Richtig ist, eine bloße personelle Rochade und ein Weiter-so mit der quasi genauso abgehalfterten ehemaligen Arbeiterpartei, die sich (siehe M-V) als Wahlgewinner sieht und jetzt wahrscheinlich auch noch die Pseudo-Reförmchen aufkündigt, das bringt rein gar nix. Merzel durch Wüst auszutauschen bringt zwar positivere Berichte, und die sind ja für die sensiblen vor-der-Brandmauer-Politdarsteller existentiell. Bei den nächsten Wahlen aber würde sich zeigen – außer Zeit nix gewonnen, dafür weitere Wähler verloren. Die „etablierten“ Parteien schaffen es nicht mehr sich selbst… Mehr

Hueckfried69
3 Minuten her

Wuest wird sich hüten. Die letzten Umfrageergebnisse sind glänzend, als Kanzler wäre er nach einem Jahr fertig.

Schwabenwilli
36 Minuten her

Das schlimmste was der AfD passieren könnte wäre ein CDU Kanzler der die Brandmauer einreißt.
Merz wird bleiben müssen, wer sollte ihn ersetzen, ein Wüst, ein Günter etc?

Jatoh
37 Minuten her

Eine gesunde Fußballliga hat einen Franz Beckenbauer und andere hervorragende Spieler hervorgebracht.
Die Betonung liegt auf Liga und gesund!

Guzzi_Cali_2
38 Minuten her

Merzy kann nicht gehen. Er hat den Auftrag, Deutschland zu zerstören und gehen kann er erst, wenn das vollbracht ist. Es ist nur eine Mutmaßung, aber diejenigen, die ihm diesen Auftrag erteilt haben, MÜSSEN was gegen ihn in der Hand haben – kein normaler Mensch läßt sich tagtäglich so derartig demütigen, als daß er nicht irgendwann den Bettel hinschmeißen würde. Irgendwas sagt mir, daß auf einmal ganz üble Dinge zutage treten könnten, wenn er vorzeitig aufgibt. Ich traue ihm da zwischenzeitlich ALLES zu. Verschwörungstheorie hin oder her – eine andere logische Erklärung gibt es nicht. Wenn doch, lasse ich mich… Mehr

Haba Orwell
38 Minuten her

> Der Bundeskanzler ist zu einer Belastung geworden. Nicht nur für seine Partei, die er in die außerparlamentarische Opposition führt, sondern für das ganze Land.

Es ist nicht bloß eine einzige Person, sondern die gesamte Agenda und das gesamte globalistische Netzwerk.

Fralarovi
40 Minuten her

Wieso braucht die CDU einen Kaiser, einen Franz Beckenbauer?

Wieso braucht Deutschland eine christlich-demokratische Union, wenn sie weder christlich noch demokratisch ist?
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