Die Leichtigkeit des Neins

Die Tschechen haben verstanden, gegenüber deutschen Ideologen misstrauisch zu sein – die Deutschen könnten es auch lernen! Habt Mut zur Leichtigkeit! Habt Mut, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und dann die Konsequenzen zu ziehen.

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Das Pils kommt, wie Sie wissen, aus Pilsen, auf Tschechisch »Plzeň« geschrieben. Die Tschechen sind sparsam mit ihren Vokalen. Der bekannte Satz »Strč prst skrz krk« hat keinen einzigen davon; Plzeň hat immerhin einen, bei zwei Silben, ähnlich wie das bayerische »Dirndl«.

Wir Wegners halten es für eine gute Idee, dass unsere Kinder ihr Tschechisch lebendig halten, und so waren sie letztens auch in Pilsen. Die Kids haben immer erst Hemmungen, mit Fremden in derselben Sprache zu reden, wie sie mit den Großeltern (und manchmal mit mir) reden, doch sie verstehen sofort und nach einer Zeit trauen sie sich auch, den Kakao (der dort genauso heißt) auch auf Tschechisch zu bestellen.

In Pilsen kann man unterirdische Stadttouren buchen (Info: plzenskepodzemi.cz). Unter Pilsen führen 19 Kilometer Kellergänge auf drei Etagen. Die oberste ist privat, die unteren beiden Etagen sind öffentlich. Heutzutage sind die Zugänge aus den privaten Kellern hinunter in die öffentlichen zugemauert. Früher waren sie zugänglich und boten zum einen Zuflucht im Falle, dass die Stadt angegriffen wurde, zum anderen gab es unterirdische Kneipen. Das Bier wurde dort kühl gelagert, da die Temperatur konstant zwischen 8 und 14 Grad lag. Man trägt Helme und die Kinder waren natürlich begeistert von den labyrinthartigen Gängen – wie in einem Film, nur in echt!

Die Führungen werden auch auf Deutsch angeboten, für die vielen deutschsprachigen Touristen. Die Dame, welche einen durch die Gewölbe steuert, ist Tschechin, und sie spricht perfektes Deutsch, mit jenem tschechischen Akzent, den wir – nahtlos in Wiener Schmäh übergehend – von Bullys Pavel & Bronko und natürlich im Original von Karel Gott kennen. (Es wird übrigens erzählt, dass die Liedautoren hinter Karel Gott die Lieder absichtlich so schrieben, dass er bei Vokalen, die ihm besonders lagen, seine Stimme zur Geltung bringen konnte. »Biene Maaajaaaaa, erzähle uns von diiiiiiiiiiiiiir –Majaaaaaaaaaa, flieg durch deine Welt … «.)

Elli ist bei der Führung durch die Katakomben etwas aufgefallen, das mir selbst immer selbstverständlich erschien. »Kann es sein«, fragte sie, »dass die Tschechen im Vergleich viele Dinge mit mehr Leichtigkeit nehmen?« (Wenn Tschechen und Leichtigkeit in einem Gedanken vorkommen, dann ist natürlich Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins der nächste Gedanke, doch hier geht es weder um den Prager Frühling noch um erotische Eskapaden. Es ist etwas Leichteres, aber doch, ja, Tieferes.)

Die Stadtführerin berichtete, dass Kaiser Rudolf II. während einer Pestepidemie in Prag (1599 – 1600) samt Hofstaat nach Pilsen zog. Damit war Pilsen neun Monate lange die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Die Reiseführerin schmunzelte selbstironisch und augenzwinkernd: »Sie können sich vorstellen, dass wir darauf stolz sind!«

Doch, es war nicht nur die Stadtführerin, welche die eigene Geschichte so realistisch wie selbstironisch betrachtete. Die Pensionsbetreiberin, der Museumswärter, manche Kellnerin – versuchen Sie es selbst, wenn Sie einmal in Tschechien sind! Viele wissen, wo das Land herkommt, und schätzen also realistisch(er) ein, wo man heute ist und wo man hin will.

Nein, es sind nicht alle Tschechen, doch es fällt schon auf, wie viele man trifft, die ihre eigene Geschichte wirklich kennen. Böhmen wird seit mindestens 200.000 Jahren von Menschen bewohnt. Man fand Neanderthaler-Überreste, Blattspitzen, Klingen und andere frühe Werkzeuge. Man ging durch die üblichen europäischen Entwicklungen von sich abwechselnden Stämmen und Herzogtümern. Im 9. Jahrhundert erlebte Böhmen die Christianisierung, 1198 wurde das Königreich Böhmen geboren, welches 1918 in der Tschechoslowakei aufging.

Eine sympathische, aber gelegentlich unangenehm folgenreiche Eigenschaft der Tschechen ist es, einen eigenen Kopf zu haben und stur auf diesem zu bestehen. Viele Deutschen meinen, Luther hätte die Reformation erfunden, doch vor Luther kam Jan Hus, der seine reformatorische Lehre nicht widerrufen wollte und also am 6.7.1415 beim Konzil von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Böhmen in den Kämpfen zwischen protestantischen und katholischen Mächten aufgerieben, teilweise entvölkert, wurde von der Gegenreformation auf Linie gebracht und später mit deutschsprachigen Siedlern wieder »aufgefüllt«. Hitler hatte den »Generalplan Ost«, der auch Tschechen weitgehend ersetzen sollte. Im Prager Frühling versuchten die Tschechen wieder einmal, einen eigenen Kopf zu haben, was die Russen mit Panzern unterbanden.

Ich wurde in Deutschland sozialisiert. Ich bin in den Straßen Kölns großgeworden, ich habe in Deutschlands Schulen gelernt. Ich wurde angeleitet, die Dinge ernst zu nehmen, so wie die (meisten) anderen Deutschen die Dinge ernst nehmen. Ich sehe die Leichtigkeit der Tschechen, und ich sehe ein spiegelbildliches Verhältnis zwischen Geschichte und Leichtigkeit. Tschechen kennen (oft) ihre eigene Geschichte genauer als die Deutschen die ihre, sie nehmen sie erstaunlicherweise mit Leichtigkeit und doch sind sie bereit, an der entscheidenden Stelle ihr Bestes zu tun, dass sie sich nicht wiederholen wird. Deutsche kennen ihre eigene Geschichte – selbst die des Zweiten Weltkriegs – oft auf erstaunlich flachem, schlagwortartig emotionalen und faktenarmen Niveau. Sie nehmen alles sehr schwer und Leichtigkeit oder gar Zweideutigkeit gelten als obszön. An der entscheidenden Stelle jedoch, wenn es darum geht, eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden, sind sie wie der Fußgänger, der vom gelben Kleinwagen angefahren wird, und dann zwar sein Leben lang gelbe Kleinwagen meidet – aber dumm in rote LKWs und schwarze Motorräder hineinläuft.

Goethe schreibt im West-östlichen Divan:

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. 

Die heutige deutsche Antifa spiegelt dieses Dunkel wieder. Sie tut es auf besonders exemplarische Weise, deshalb muss sie hier erwähnt werden. Der Schrecken geht nicht weg, wenn man ihn ignoriert, das wiederum hat uns die Geschichte gelehrt. Diese Leute sind mehr als nur ein paar schwarzvermummte Schläger, welche Angst und Schrecken gegen Abweichler verbreiten. Die Antifa ist vor allem das Gegenteil von Leichtigkeit, Geschichtsbewusstsein und Selbstschutz. Sie benimmt sich wie die SA von einst, sie weiß nichts von der Geschichte, und sie nimmt sich über alle Maßen ernst. Antifa ist die vorletzte Steigerung einer Geisteshaltung, die eine Meinung umso aggressiver vertritt, je weniger sie in Vernunft und Verantwortung begründet ist.

Machen wir an dieser Stelle einen Schritt über die Landesgrenze, nach Polen.

Der Spiegel schreibt: »Polen braucht dringend Arbeitskräfte – und wirbt sie in aller Welt an. Nur nicht in muslimisch geprägten Ländern.« (spiegel.de, 4.8.2015)

Dass es ein echter Spiegel-Artikel ist, erkennen Sie an Formulierungen wie dieser:

»Trotz der im In- und Ausland kritisierten Politik der regierenden Nationalkonservativen erlebt die polnische Wirtschaft einen Boom.«

Der Spiegel moniert, dass das katholische Polen nicht um Menschen wirbt, deren Religion ihnen zu verbieten scheint, sich Juden oder Christen zu Freunden zu nehmen (Sure 5:51), die »Ungläubiger« als Schimpfwort benutzt und die in keinem einzigen Land, in dem sie in der Mehrheit ist, mit demokratischen Grundwerten kompatibel zu sein scheint. Linke schließen beide Augen und wollen den mit dem heißen Eisen blenden, der die Augen offen zu halten wagt.

Tschechen und Polen werden heute von Deutschen teils offen rassistisch beschimpft für ihre Entscheidung, nicht wieder einem Wahn der Deutschen den »Lebensraum« zur Verfügung zu stellen. Sie folgten der Merkel nicht darin, ihr Land mit Energiephantasien ins Knie zu schießen. Sie haben sichtbar wenig Lust, dem Euro beizutreten, dafür boomen in Polen und Tschechien gleichermaßen die Arbeitsmärkte. Noch wenige Monate, dann ist wieder Weihnachten, und wir werden von der fröhlichen Leichtigkeit der Weihnachtsmärkte in Prag oder Warschau hören – während in Köln und anderen deutschen Städten der Glühwein geschützt von Betonblöcken und Maschinengewehren geschlürft wird.

Die Tschechen haben verstanden, gegenüber deutschen Ideologen misstrauisch zu sein – die Deutschen könnten es auch lernen! Habt Mut zur Leichtigkeit! Habt Mut, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und dann die Konsequenzen zu ziehen. Und, wenn euch der Mut fehlt, unternehmt eine Tour durch die Pilsener Unterwelt! Am Ende bekommt dort jeder Erwachsene einen Gutschein für ein kaltes Pilsener Urquell. Das ist bei der Hitze besonders erfrischend, und vielleicht hilft es ja beim Mut!


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

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Kommentare ( 24 )

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Die Unterwelt von Pilsen ist wirklich sehenswert. Und der Zoo von Pilsen ist auch sehr schön! Und ein freundliches Ahoj bekommt jeder hin.

Unterlaßt doch endlich, Fotos mit englischen Worten abzubilden. Es geht umdeutsche Themen! Und in diesen Fall, um Tsecheiche Nachbarn. Also ein NEIN oder ein NE (besser beides), statt des unsäglichen Englisch in deutschen Themen. Für mich sind die Tschechen ein gemütliches, heiteres, manchmal Schwermütig, weitestgehend auf den Boden der Tatsachen, der Natur verbunden und der Heimat… auf alle Fälle ein Liebenswertes Volk.Ich bin gerne dort, unterhalte mich viel mit Einheimichen. Viele können Deutsch (nicht aus Zwang, sondern wegen den Wortspielereien, wenn es ins tschechie übersetzt wird. Und dann Rück übersetzt wird. Da gibt es viele Lacher und Neuinterpretationen. Auch haben… Mehr
Ja lieber Dushan,Sie treffen mit ihren Worten immer wieder voll ins Schwarze! Aber Sie kennen ja die Verhältnisse hier in Deutschland bestens,also wissen Sie auch,das wir in einer sterbenden Demokratie gerade so vor uns hin vegetieren.Solange das links-grüne hier gepflegt und deren Gehilfen von der Antifa sogar staatlich finanziert werden,solange wir von ADM und ihren Vasallen „regiert“ werden,mit tätiger Mithilfe durch einen Haufen ********** Wähler,ja so lange werden wir das Nein sagen auf der Europäischen oder Weltbühne durch deutschen Mund nicht mehr hören! Mit Grausen „erwarte“ Ich die „Ergebnisse“,die ADM uns Fußvolk zur Kenntnisnahme über „ihren“ Besuch beim Sozialisten in… Mehr

Kleinere, ethnisch recht homogene Nationen haben es aktuell in einer Zeit des linken Internationalismus und der neoliberalen Globalisierung nicht leicht. Langfristig sollte es sich für die gut 10 Millionen Tschechen auszahlen, wenn sie ihre Landesgrenzen verteidigen und nur im Minimalprogramm der EU mitschwimmen. Die Utopien der Internationalisten werden alle krachend scheitern, weil sie die sozialbiologische Begrenztheit des Menschen komplett ausblenden. Kommt es zum unvermeidlichen Crash (siehe Schicksal der lateinischen Münzunion, Schicksal Jugoslawiens oder der Sowjetunion), stehen die kleinen Nationen als kulturell und genetisch eng verwobene Gemeinschaften oft prächtig da.

Den Muslimenhass muss man bei den Polen unbedingt auch historisch sehen. 1683 vor Wien, als es auf Messers Schneide stand, ob die Osmannen ganz Mitteleuropa erobernwollten, haben gerade die Polen mit ihrer Streitmacht unter Führung von Jan Sobieski III., allerdings auch gemeinsam mit Bayern und Sachsen, die muslimische Flut im Großen Türkenkrieg auf Jahrhunderte verhindert.
Dämliche Politiker haben dann allerdings nach dem 2.Weltkrieg die Invasion der muslimischen Massen sozusagen zu Fuss und dazu noch unter staatlicher Förderung zugelassen und eingeleitet, die heute noch anhält.
Aber wenigstens Polen und Ungarn stemmen sich gegen diese demographische Aggression.

Herr Wegner, Sie sind zu beneiden! Sobald die Verhältnisse hier unerträglich werden, können Sie und Ihre Famile besonders leicht in ein sicheres, osteuropäisches Nachbarland auswandern, da alle die Sprache beherrschen. Wir Zurückbleibenden müssen dann auch weiterhin ertragen, wie die verdammten – äh – bekannten Gesichter aus Politik und Medien auch weiterhin versuchen, uns ihre heile MultiKulti-Welt vorzugaukeln. Das tun sie dann aber aus vielen kleinen “Wandlitzen” heraus, für die jetzt schon die Grundsteine gelegt werden: Man erwirbt ein großes Grundstück mit guter Verkehrsanbindung und zieht eine breite, hohe Mauer drumherum, auf der Tag und Nacht der Wachdienst patroulliert. Um die… Mehr
Die Frage ist : Wie soll das gehen, bei dieser Politikerkaste, bei den ( ******** )Medien, bei der ideologisierten Entbildung bzw. Pädagogik von Kleinkinderbeinen an, bei den ( sozialistischen) „ Kirchen“, bei den geistes/ gesellschaftswissenschaftlichen „ Eliten“, bei der Großindustrie bzw. dem Großkapital ? Und alle Genannten laufen und ziehen ( wenn auch aus partiell unterschiedlichen Motiven) am selben Steang und in dieselbe Richtung. Das ****** hat sich schon ziemlich tief hineingefressen und weit verbreitet, so dass die Abwehr oder Selbstheilung erlahmt, zumal sie ohnehin unterdrückt wird. Man unterhalte sich einfach mal mit jüngeren Menschen und hier vorzugsweise mit StudentInnen.… Mehr

Hat uns nicht auch Ihr „Landsmann“ (ich darf das doch bitte hier formulieren?) J. Hasek nicht den so wunderbar ideologieresistenten Soldaten Schwejk beschert?
Wäre da nicht eine Art von Neuauflage möglich? Leider bin ich selber nicht literaturfähig, aber wie wäre es mit einer Figur von harmlosem Gemüt, inmitten des strammen Milieus links-grüner Mobilmachung, der dort eigentlich nur hinein gestolpert ist, weil dort die hübscheren Frauen sind, dann aber mit Greenpeace in irgendeine schwachsinnige Umweltkampagne gerät und nun auf einmal an der Klima-Front steht und nicht weiß wie ihm dort geschieht.