Neujahrsvorsätze und wie sie wirklich gelingen

Wir allen haben so eine Art grünen Politiker in uns, der uns ständig Vorschriften macht und moralisch schikaniert. Wie wir ihn überlisten und uns bessern - ein Rezept für gelingende gute Vorsätze vom Spieltheoretiker und Mathematiker.

(Bild: Robot plays chess, © Inok, Fotolia

Herr Meier liebt Vanilleeis und hasst Schokoladeneis. Deshalb hat er diesmal einen besonderen Neujahrsvorsatz: Wenn er das nächste Mal an einer Eisdiele vorbeikommt, will er keinesfalls Schokoladeneis kaufen, weil er es ja nicht mag. Verrückt? Warten wir es ab.

Die ersten Wochen geht es mit seinen Vorsätzen noch gut, aber irgendwann im Februar (das Wetter ist in diesem Jahr bekanntlich recht warm) steht er am Tresen und hört sich sagen: „Einmal Schokoladeneis bitte!“ Er hasst sich dafür. Schon so früh rückfällig geworden! Herr Meier ist in bester Gesellschaft: Angeblich werden bis zur Jahresmitte 50% aller Neujahrsvorsätze gebrochen, bis zum Jahresende 90%. Nur dass der arme Herr Meier zu seiner Schwäche auch noch für verrückt gehalten wird. Denn wieso, bitteschön, kauft er nicht einfach das Eis, das er mag?

Gute Frage. Aber dummerweise die gleiche Frage, die man bei fast jedem Neujahrsvorsatz stellen muss. Beobachten wir dafür kurz Frau Schulze. Wenn sie das nächste Mal an einer Eisdiele vorbeikommt, will sie sich gar kein Eis kaufen. Die ersten Wochen geht das noch gut, aber schon früh im Jahr steht sie am Tresen und hört sich sagen „Einmal Schokoladeneis bitte!“. Sie hasst sich dafür. Schon so früh rückfällig geworden!

Frau Schulze macht das gleiche wie Herr Meier: Sie kauft ein Eis, das sie nicht kaufen will. Aber niemand hält sie für verrückt. Viele halten sie vielleicht für schwach, aber nicht für verrückt. Wieso eigentlich nicht?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei dieses Paradoxon gar keins, weil der Neujahrsvorsatz von Herrn Meier absurd war. Er hat sich vorgenommen, etwas zu tun, was er sowieso tun will. Ist es nicht offensichtlich, dass man sich etwas vorzunehmen hat, was einem schwer fällt, man also eigentlich nicht tun will? Hätte er sich nicht – wenn schon – vornehmen müssen, das gehasste Schokoladeneis zu kaufen?

Der Grünen-Politiker in uns

Wir stoßen hier auf eine Absurdität in den Neujahrsvorsätzen: Sie bestehen fast immer darin, etwas wollen zu sollen, was man gar nicht will. Das ist so, als gäbe es nicht nur einen Herrn Meier, sondern zwei. Der eine ist der Vorsatz-Meier, der andere der Umsetz-Meier. Beide wissen genau, welches Eis der Umsetz-Meier mag, nämlich Vanilleeis. Aber der Vorsatz-Meier nimmt für sich in Anspruch, dem Umsetz-Meier Vorschriften machen zu dürfen, welches Eis er kaufen soll. Der Vorsatz-Meier kommt seiner Aufgabe nur dann vorschriftsmäßig nach, wenn er etwas fordert, was der Umsetz-Meier eigentlich gar nicht will. Im Gegenzug pfeift der Umsetz-Meier meistens auf die Vorschriften und tut, was er tun will. Daraufhin erhebt sich der Vorsatz-Meier moralisch über den anderen und macht ihm ein schlechtes Gewissen. In der Beziehung der beiden Meiers ist der Vorsatz-Meier das Äquivalent zum typischen Grünen-Politiker.

Wie kommt der Vorsatz-Meier eigentlich auf die seltsame Idee, moralisch überlegen zu sein? Einfach: Er nimmt für sich in Anspruch, übergeordnete Interessen zu verfolgen, wogegen der Umsetz-Meier nur kurzfristig an sich selbst denke. Der Vorsatz-Meier argumentiert zum Beispiel so: „Schokoeis mag zwar scheußlich schmecken, aber es verschafft den armen Schoko-Bauern mehr Geld als Vanilleeis. Deshalb müssen wir es essen.“ Dass den Umsetz-Meier die Schokobauern nicht die Bohne interessieren, ist aus Sicht des Vorsatz-Meiers nicht akzeptabel; selbst dann nicht, wenn jener die Vanille-Bauern unterstützt, die zwar weniger arm sind, aber wenigstens die Bohnen anbauen, die ihm schmecken. Wir stoßen hier auf das allgemeine Problem moralischer Überhöhung: Sie funktioniert nur, wenn jemand seine eigenen Werte „objektiv“ über die eines anderen stellt.

Das ist das erste Problem bei Neujahrsvorsätzen: Oft wollen wir etwas wollen, was wir nicht wollen, und wundern uns dann, dass wir es nicht machen. Es hilft ein einfacher Test: Gibt es wirklich einen überordneten Grund, aufgrund dessen der Umsetz-Meier in uns das wollen sollte, was wir uns gerade vornehmen? Nehmen wir einmal den Vorsatz, seinen Schreibtisch ab jetzt immer brav aufzuräumen. Ist das wirklich sinnvoll oder rauben wir uns damit nur die Zeit, kreativ zu arbeiten, weil wir uns mit kleinlichem Aufräumen aufhalten? Die Antwort dürfte für jeden individuell anders ausfallen, aber es sind sehr unterschiedliche Antworten möglich. Denken Sie nicht, die eine Antwort sei die objektiv bessere Antwort; Ihr Umsetz-Meier hat die gleichen Rechte wie der Vorsatz-Meier, auch wenn dieser sicherlich der wortgewandtere Argumentierer ist.

Wenn Sie sich in diesen Tagen dabei erwischen, solche totalitären Vorsätze zu treffen, dann lachen Sie herzhaft darüber und vergessen Sie sie gleich wieder. Besser gleich jetzt in den Papierkorb damit als sich erst noch ein paar Monate lang mit diesem überheblichen Vorsatz-Meier zu dem Thema herumzustreiten.

Ein Vertrag mit uns selbst

Etwas bessere Argumente bekommt dieser Kollege aber, wenn sich beide Meiers wenigstens über die übergeordneten Werte einig sind, etwa so: „Eis schmeckt zwar gut, aber zu viel davon macht dick. Dann fühlen wir uns zwar für fünf Minuten gut, aber den Rest des Tages schlecht, weil wir nicht fit sind. Das ist ein schlechter Deal, und deshalb lassen wir in diesem Jahr die meisten Eise mal lieber weg.“ Wenn die beiden Meiers jetzt einen Vertrag schließen könnten, dann würden sie es vermutlich in beiderseitigem Einvernehmen tun. Dieser Vertrag hat zumindest das Zeug für sinnvolle Neujahrsvorsätze.

Allerdings können die beiden Meiers in uns keinen Vertrag schließen, zumindest keinen bindenden (wie die hohe Rückfallrate der Neujahrsvorsätze ja zeigt). In jeder einzelnen Situation ist der Umsetz-Meier der Entscheider und der Vorsatz-Meier kann höchstens herumzetern und die Moralfahne schwenken. Das lässt den Umsetz-Meier im Regelfall aber ziemlich kalt.

Der Vorsatz-Meier muss deshalb etwas mehr tun als nur herumzumoralisieren. Er muss sich überlegen, unter welchen Bedingungen der Umsetz-Meier im Ernstfall mitmacht und diese Bedingungen schaffen. Dafür ist er aber meist selbst viel zu selbstgefällig und denkt, es reiche aus, die Moralkeule auszupacken.

Der übliche Rat an den Vorsatz-Meier lautet, konkrete Ziele zu setzen, etwa „Ich rauche pro Tag nur noch fünf Zigaretten“ oder „Ich spiele täglich mindestens 30 Minuten mit meinen Kindern“. Versetzen Sie sich bitte einmal die Lage des Umsetz-Meiers, der solche Ziele hört. Wird er nicht einfach sagen: „Fünf Zigaretten am Tag sind in Ordnung, aber wieso bekomme ich keine davon ab? Das ist unfair. Sollen doch die anderen Umsetz-Meiers darauf verzichten, nicht ich!“ Für den Umsetz-Meier sind solche konkreten Vorgaben immer nur Gängelungen durch den Vorsatz-Meier, und die mag er gar nicht. Was insofern relevant ist, als er immer am längeren Hebel sitzt, denn er ist ja nun einmal der, der umsetzt. Er reagiert auf solche Vorschriften wie Verbraucher, denen die schönen alten Glühbirnen verboten werden.

Nicht sollen, sondern wollen

Der wichtigste Teil der Vorsätze besteht daher darin, dem Umsetz-Meier aufzuzeigen, dass die Umsetzung auch für ihn von Vorteil ist. Wenn das nicht gelingt, dann kann man den Vorsatz gleich begraben, und das auch zu recht. Wenn es keinen Spaß macht, 30 Minuten mit seinen Kindern zu spielen, dann wäre dieses Vorhaben nur eine Fortsetzung des fremdbestimmten Arbeitstages und hat daher nicht nur wenig Aussicht auf Umsetzung, sondern würde vermutlich die gesamte Lebensqualität gar nicht erhöhen. Wie bei den Glühbirnen. Wenn die LED-Lampen einen Vorteil haben, dann werden sie auch ganz ohne jede Vorschrift gekauft; und wenn nicht, nun, dann sollte man sie besser auch nicht kaufen.

Damit ein Vorsatz sinnvoll wird, ist schon etwas mehr Planung und damit Arbeitseinsatz des Vorsatz-Meiers nötig. Es reicht nicht, unserem zukünftigen Ich etwas zu verbieten, sondern wir müssen eine Situation schaffen, mit der wir sowohl aus der übergeordneten Sicht gut leben können als auch aus der zukünftigen Sicht des Umsetzers. Betrachten wir dafür ein paar schöne Neujahrsvorsätze:

Mehr Zeit mit den Kindern: Vier gewinnt wird schnell ganz schön langweilig. Aber wie wäre es damit, gemeinsam ein Baumhaus zu bauen? Oder ein anderes längeres Projekt, das man zwar planen muss, das dann aber viel interessanter wird? Wie gesagt, der Vorsatz-Meier darf ruhig auch ein wenig Arbeit in den Vorsatz stecken und nicht nur moralisch fordern.

Weniger essen, rauchen, trinken: Ein häufiges Problem dürfte sein, dass wir diese Tätigkeiten nicht mehr genussvoll ausüben, sondern gehetzt und mit schlechtem Gewissen zwischen einem Meeting und dreißig Emails. Der Umsetz-Meier hätte viel mehr Freude an einer genussvollen Zigarre mit Freunden als an einem ganzen Päckchen hektischer Zigaretten. Um sie ihm zu geben wäre aber der Vorsatz-Meier gefragt, denn Planung fällt nun mal in dessen Ressort. Danach wären sicherlich beide Meiers zufrieden.

Weniger Fernsehen und mehr lesen: Lesen macht Spaß, aber nicht nach einem anstrengenden Arbeitstag. Wie wäre es mit eine halben Stunde lesen vor dem Frühstück bei einer Tasse Kaffee? Und abends ein selbst gewähltes Hörbuch statt drei Stunden fremdbestimmten Gedudels? Auch das geht nicht, wenn wir den Tag ohne durchdachten Ablauf (der durchaus zur Routine werden darf) auf uns zukommen lassen und hoffen, dass der Umsetz-Meier schon alles richten wird.

Mehr kreative Projekte und weniger Zeit mit Emails: Das ist schon fast das Vanilleeis, das man aus Versehen nicht kauft, denn nur wenige werden es als besonders genussvoll empfinden, sich durch Hunderte von Mails durchzugraben.

Komischerweise tun es aber sehr viele, obwohl sie in dieser Zeit viel lieber fotografiert oder ein Buch (oder wenigstens einen Businessplan) geschrieben hätten. Auch hier ist es ein überzeugender Plan, einfach mit dem kreativen Teil anzufangen und die Mails danach anzugehen. Passen Sie nur auf, dass hier nicht der Vorsatz-Meier zu seiner Planungsunfähigkeit auch noch die moralische Keule auspackt, man dürfe gar nicht so viel Spaß haben. Denn eine Sicht hat sich dieser Besserwisser in vielen Jahren inzwischen zu eigen gemacht: Spaß ist unmoralisch.

Und damit verbleibt mir nur noch, Ihnen viel Spaß im neuen Jahr zu wünschen! Lassen Sie Ihren Vorsatz-Meier einen guten Plan ausarbeiten, durch den Sie diesen Spaß auch wirklich haben!

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Kommentare ( 6 )

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