Entmachtet den Wahhabismus und sein saudisches Regime

Nach der militärischen Niederlage des Islamistischen Terrors braucht es den Aufbau funktionierender Gesellschaften und Wirtschaften durch Syrer, Iraker und Nachbarn.

Alle Welt empört sich über die Funktionäre der FIFA und des Fußballs. Dabei haben diese in großer Weitsicht die nächsten Weltmeisterschaften nach Russland und Katar gelegt. Russland kann dieses Mega-Ereignis wahrscheinlich besser vor IS-Terror schützen als westliche Staaten. Und in Katar gibt es gar keine Gefahr, denn dort sitzen ja viele, wenn nicht die Mehrheit der Milliarden-schweren Financiers des sogenannten Islamischen Staats, den wir zutreffender Islamistischen Terror nennen sollten.

Soll das Mega-Geschäft Fußball sein ramponiertes Gesicht ein wenig restaurieren wollen, muss der organisierte Fußball die WM 2022 dem – religiös formuliert – Sündenpfuhl Katar wegnehmen und in einem zivilisierten Land veranstalten. Von Katar an drängt sich geographisch gleich nebenan ein noch wesentlich bedeutenderer Schritt auf, allerdings nicht für den internationalen Fußball, sondern die internationale Politik. Will diese ihre ramponierte Moral verbessern, muss sie das Regime des Islamistischen Staats Saudi-Arabien aus der internationalen Staatengemeinschaft ausschließen.

Es geht auch ohne saudisches Öl

Die zerstrittenen Richtungen des Islam müssten bei ihrer Haltung der saudischen Feudal-Dynastie gegenüber eigentlich einig sein: Die Prinzenbande fällt in Heerscharen an jedem Wochenende in den Diskotheken von Dubais Luxushotels zum Huren, Saufen und Koksen ein. Jeder, der sich für Rüstungslieferungen an die saudische Königsfamilie interessiert, weiß, dass diese bei der Rüstungsindustrie zu weit überteuerten Preisen einkauft, damit diese im Cash-Back das Taschengeld der an die 7.000 Prinzen finanziert. Auf den investigativen Journalismus des ganzen Westens wartet hier eine Goldmine, deren Ausbeutung allerdings nicht ohne Risiko ist. Medien wie Al Jazeera und andere im arabischen und persischen Sprachraum, in den Islam-Gesellschaften Asiens und Afrikas sind gleichermaßen gefragt.

Vor allem aber die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre NATO-Verbündeten müssen sich endlich entscheiden. Wer die westlichen Werte als seine reklamiert, muss der saudischen Feudal-Dynastie die Tür weisen. Es geht auch ohne saudisches Öl, wenn der Westen will, heute besser denn je. Die Beziehungen der USA und Saudi-Arabiens sind zynischer Weise in der Moral beider Seiten unheilige. Die viel tiefer christlich-jüdische Tradition der US-Gesellschaft als der europäischen dürfte mit dem islamistischen Saudi-Arabien keinerlei Gemeinsamkeit dulden. Das islamistische Saudi-Regime dürfte keine nicht-islamischen Truppen im Land der heiligen Stätten des Islam zulassen.

Spätestens an dieser Stelle ruft jemand: Realpolitik! Gut, reden wir davon. Realpolitik verlangt zu erkennen, dass die Kausalkette aus den Zuständen in den islamisch geprägten Ländern mit den willkürlichen Grenzen, welche der Westen nach dem Ersten Weltkrieg im mittleren und nahen Osten sowie Afrika gezogen hat, von Katar nach Westen und vom Äquator nach Norden Stück für Stück aufgelöst werden muss, soll in die Welt, in der wir leben, langsam eine Ordnung einkehren, die offene Gesellschaften brauchen. Ich weiß, das klingt paradox oder blauäugig, wo wir in Europa momentan auf dem gefährlichen Weg in autoritäre Polizeistaaten sind. Und wo ernstzunehmende Stimmen davor auch in den USA warnen.

Grenzen zu Brücken
Europa-City: ein Singapur in Nordafrika und ein Hongkong in der Ägäis
Sollen wir diesen Weg nicht zu weit gehen (müssen), muss die arabische Landmasse zwischen dem Golf von Aden, der Türkei und Iran befriedet werden. Nur wenn das gelingt, kommt auch Afrika zur Ruhe. (Die heutige Geiselnahme in Malis Hauptstadt Bamako unterstreicht das einmal mehr.) Dazu ist ein ganzes Paket von Politik auf mehrere Jahrzehnte notwendig: Politisch, militärisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich muss alles ineinander greifen, um nachhaltig wirken zu können.

Politik lebt schon immer sehr stark von Symbolen – in unserem digitalen Zeitalter noch mehr als je zuvor. Das Bild vom Krieg, das Frankreichs Präsident Hollande für die französische Innenpolitik zeichnet, kann er in seiner Wirkung ebenso wenig in französischen Kommunikations-Grenzen halten wie das Kanzlerin Merkel mit ihrer ebenfalls innenpolitische Adresse „Wir schaffen das“ misslang. Anders verhält es sich mit der Anrufung des UN-Sicherheitsrates durch Frankreich, Russland und die USA mit dem Ziel eines global gültigen UN-Mandats. Einigt sich der Sicherheitsrat nach welchem zähen Prozess auch immer auf ein UN-Mandat zum Einsatz gegen den Islamistischen Terror, ist der Schritt gemacht, dem weitere folgen können.

Realpolitik braucht utopische Ziele

Natürlich ist mir klar, dass hinter den Beziehungen zum Saudi-Clan massive wirtschaftliche Interessen stehen, die nur sehr schwer zu überwinden sind – in Nordamerika wie in Europa. Aber hier kann die sonst oft für viel kleinere Ziele beschworene Zivilgesellschaft ins Spiel treten: Her mit der Organisations-übergreifenden Kampagne im Internet und auf allen anderen Kanälen, die vom Westen und allen seinen Einrichtungen unaufhörlich fordert: Boycott Saudi-Arabia, entmachtet den Wahhabismus.

Entlang der neuen Seidenstraße, dem ehrgeizigen chinesischen Großprojekt, kann ein Wirtschaftswunder der neuen Dimension verwirklicht werden. Gerade weil dieser Plan noch gar keine konkrete Gestalt hat, ist er als gemeinsame Antwort der Weltmächte geeignet auf die Frage: Was nach der militärischen Niederlage des Islamistischen Terrors?

Danach braucht es die Menschen dieser Großregion zum Aufbau funktionierender Gesellschaften und Wirtschaften. Die kaufmännischen Traditionen des Zweistromlandes sind gerade bei den Syrern tief verwurzelt. Ihr Talent sorgt in den Flüchtlingslagern für Strukturen. Sie sind mit den Interessen einer globalen Wirtschaft völlig kompatibel. Ein großes Win-Win-Geschäft ist wirtschaftlich und sozial, politisch und gesellschaftlich möglich.

Utopisch? Utopien werden immer so konkret, wie die Realisten wollen.

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