Die offene Gesellschaft ist nachhaltiger

Das Wochenende steht bevor und vielleicht will der eine und die andere mal von etwas anderem hören als in den Endlosschleifen unserer Newsmaschinerie. Von Zeit zu Zeit lohnt es sich, weiter zu schauen als bis morgen. Das tat ich vor einiger Zeit in einem kleinen Kreis. Wenn Sie mögen, können Sie an ihm nachträglich teilnehmen.

So ein Migrationshintergrund hat manchmal Vorteile. Ich bin ein Fall dieser Kategorie und das gleich mehrfach. Mein Vater kam ein paar Jahre, bevor Hitler Österreich „heim ins Reich“ holte, aus dem Teil Jugoslawiens illegal in die Steiermark, der bis 1920 zur ungarischen Hälfte der Habsburger Monarchie gehört hatte – heute Slowenien. Das Dorf, in dem ich aufwuchs, lebte von einer Papierfabrik. Ihre 1.200 Arbeiter waren praktisch alle wie mein Vater und meine Mutter aus strukturschwachen Grenzgebieten zugewandert, die meisten vom Balkan. Viele sprachen gebrochen Deutsch. Unter ihnen waren auch Süditaliener, die in Südtirol gearbeitet hatten und von der Möglichkeit Gebrauch machten, als Südtiroler für das „Großdeutsche Reich“ zu optieren, da Hitler für seinen Pakt mit dem faschistischen Italien Mussolinis auf das deutsche Südtirol verzichtete. In meiner Volksschulklasse von 40 Mädchen und Knaben hatten weniger als zehn keinen Migrationshintergrund.

Ich begann mein Berufsleben in Bonn, wo mich der Beamte auf dem Ausländeramt fragte: „Du können Deutsch?“ Immerhin nahm er meine Antwort hin: „Ja, besser als Du.“ Die den Warteraum füllenden Mitbürger türkischer Herkunft taten sich mit ihm weniger leicht. Jedes Mal, wenn die veröffentlichte Aufregung dem Tragen von Kopftüchern gilt, habe ich meine Großmutter vor Augen. Sie verließ als tiefgläubige Katholikin das Haus nie ohne ein Kopftuch und einen knöchellangen Rock.

Wahrscheinlich denke ich daher seit jeher etwas anders über „Einheimische“ und „Fremde“. Auf einer Insel der Mur, dem Hauptfluss der Steiermark, die dann in die Drau mündet, die in der Donau aufgeht, erzählte mir mein Vater, machten seit ewigen Zeiten die Zigeuner auf ihren europaweiten Wanderungen Rast. Von ihren Sitten und ihrer Musik hörte ich viel. Von ihren Tricks bei der Essens-Beschaffung und -Zubereitung lernte ich das eine und andere. Weshalb das Wort Zigeuner für mich bis heute ein absolut positives ist, an das sich wahre Märchen meiner Kindheit knüpfen. Brahms ungarische Tänze hören, bedeutet auch Zigeuner-Musik hören.

Der Eiserne Vorhang ist gefallen, die Mauer ist weg. Geblieben sind die Mauern in den Köpfen, die schon vor Hitler und Stalin da waren: die tief sitzenden Vorurteile gegen den Fremden, die und das Fremde. Parallel dazu entwickelt sich unübersehbar das globale Dorf. Mit immer mehr Menschen, die dahin gehen, wo sie ihre Chancen – auf Zeit oder  auf Dauer finden.  Bis es die eine bunt gemischte Weltbevölkerung gibt, die in allen Metropolregionen gleich „aussieht“, in denen 80 Prozent der Menschen um 2050 leben werden, dauert. Aber die Entwicklung ist voll im Gang: dazu vier Thesen.

Die Zeit der großen Gewissheiten ist vorbei

Was wir an religiösen und ideologischen Fundamentalismen in immer neuen und aufgeregteren Ereignissen und Nachrichten sehen und hören, ist mehr ein letztes Aufbäumen gegen eine unwiderstehliche Pluralisierung und Säkularisierung des „Glaubens“ als alles andere. Die „Praktizierenden“ sind bei Christen wie Muslimen ständig weiter schrumpfende Minderheiten. Mit der Globalisierung wird alles überall vielfältiger und unverbindlicher, ob wir es mögen oder nicht. Der entscheidende Wettbewerb der neuen Zeit spielt sich in der Frage ab, wo sich die Talente, die Angehörigen der kreativen Klasse in großen Zahlen niederlassen.

Als Folge der Veränderungen in den USA nach dem 11. September 2001 ziehen bestimmte urbane Plätze in Kanada, Australien, Europa und Asien Talente und Kreative an, deren Ziel früher Amerika war. Wo aber die kreative Klasse arbeitet und lebt, dorthin folgen ihr die Unternehmen mit Zukunft. Die kreative Klasse ihrerseits geht dorthin, wo Lehre und Forschung, technische und kulturelle Infrastruktur exzellent sind und das gesellschaftliche Klima offen ist: ausgeprägt tolerant gegenüber dem und den Anderen. Wer dieses Klima verweigert, wird bald nicht zu den Wohlstandszonen zählen.

Entgegen manchen Buchtiteln stirbt nicht die Arbeit aus, sondern einfache Arbeit. So wie mit Beginn der Industrieepoche die Landarbeit schrumpfte: Statt 80 Prozent der Bevölkerung, die dort Schwerstarbeit leisteten, brauchen wir nur noch drei Prozent, die überwiegend Maschinen arbeiten lassen. Gestern war das Verhältnis zwischen Arbeitern und Angestellten 3:1. Morgen (2020) ist es umgekehrt. Im Wissenszeitalter werden Maschinen nicht mehr von angelernten Arbeitern bedient, gebaut, montiert, sondern von intelligenten Maschinen, die von noch intelligenteren Maschinen gewartet, gebaut, entwickelt werden: mit dem Internet der Dinge in die vierte industrielle Revolution. Ein Traum von Marx und Engels wird ganz anders wahr, als sie sich das vorstellten: Menschen müssen nicht mehr als Maschinen arbeiten.

Die Zeit der großen Einheiten geht zu Ende

Als Österreich vor mehr als 30 Jahren seine Stromerzeugung liberalisierte, stellte sich jede zweite Neuanmeldung als die Wiederaufnahme von kleinen Wasserkraft-Werken heraus. In der Zeit der Gigantonomie von Elektrizitätswerken waren diese stillgelegt worden. Die meisten Großkraftwerke, Atommeiler eingeschlossen, verdanken ihr Entstehen der Neigung sozialdemokratischer Regierungen zu Großbetrieben. Große Betriebe haben große Belegschaften, gewerkschaftlich gut zu organisieren.

Inzwischen gibt es auch in Deutschland und anderswo eine noch zaghafte, aber in Gang befindliche Entwicklung hin zu autarken Lösungen. In zunehmender Zahl machen sich Gemeinden mit ihren örtlichen und kleinregionalen Gegebenheiten in Sachen Stromherstellung unabhängig. In einer werden die Abfälle der Holzindustrie genutzt, um damit den gesamten Strombedarf zu decken. Wo anders sind es andere Techniken, die sich im jeweiligen Umfeld anbieten.

Damit Gemeinden autarke Lösungen verwirklichen können, brauchen sie die Zustimmung möglichst aller Einwohner und Unternehmen. Wo dieser Prozess gelang, entfaltete er höchst interessante Nebenwirkungen. Der Gemeinschaftsgeist, einmal geweckt, nahm andere Bereiche ins Visier. Kindertagesstätten, Dorfläden, Altenbetreuungsnetze, Ortswährungen entstanden. Was in der Stromerzeugung geht, ist auch in der Wasser- und Abwasserwirtschaft möglich, der Müllentsorgung usw. Und bei ihnen allen kann kostendeckend bis gewinnbringend für die Bürger und Gemeinden gewirtschaftet werden. Politisch öffnet das die Chance, dem Wort kommunale Selbstverwaltung Leben einzuhauchen: mit gar nicht hoch genug einzuschätzenden  Folgen für die Machtverhältnisse zwischen dem „Unten“ und „Oben.“

Da die Politik mit der Bildungsreform nicht weiterkommt, sind mehr und mehr Betriebe dabei, eigene Kindertagesstätten und Schulen zu errichten, damit Vater und/oder Mutter bei ihnen arbeiten und bleiben. Um Fachkräfte anwerben und halten zu können, sind diese Einrichtungen mit kleinen Gruppen und bestem Personal ausgestattet, was in staatlichen Einrichtungen, wenn es sie am Ort überhaupt gibt, nicht der Fall ist.

Die vertrauten Räume der politischen Ordnungen ändern sich

Metropol-Regionen zeichnen sich als die politischen Ordnungs-Räume der Zukunft ab. Die globale Entwicklung braucht ihr lokales Fundament. Selbst kleinere Nationalstaaten sind in den raschen Veränderungen des globalen Dorfs und seiner lokalen Welten zu groß und schwerfällig für flexible und schnelle Lösungen. Die Entscheidungsprozesse der parlamentarischen und bürokratischen Demokratien sind diesem Ausmaß und Tempo an Veränderungen nicht gewachsen. Unternehmen, NGOs und lokale Initiativen finden kooperative Wege, hinter denen die institutionelle Legalisierung kontinuierlich zurückbleibt. Vieles aus der Verordnungsflut der EU-Kommission wird in der Praxis längst gar nicht angewandt. Informelles ersetzt zunehmend und leise das Formelle. Absprachen und Abkommen treten an die Stelle zu praxisfern und unübersichtlich gewordener Vorschriften. Die wirklichen Entscheidungen werden in Gremien getroffen, die es nicht gibt. NGOs finden in mal öffentlichen, mal nicht öffentlichen Abkommen mit Konzernen mehr Erfolg für ihre Sache als in spektakulären Protestaktionen.

Der Prozess hin zu etwas, was auch Glokalismus genannt wird, erinnert an die Städtebünde in unterschiedlichen Epochen der Geschichte: den griechischen und phönizischen im Mittelmeer und denen der Hanse in Nordeuropa. Rechtssicherheit boten diese Zusammenschlüsse, lange bevor es den Rechtsstaat gab. Eine Entwicklung, die zu einem Neben- und Miteinander von Föderationen von Metropolen und Metropol-Regionen führt, ist gut vorstellbar: von Föderationen, die nicht in erster Linie auf das Beherrschen von Territorien aus sind, sondern auf verbindliche Regeln im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Umgang miteinander.

Die Vorstellung, unsere heutigen Nationalstaaten und Staatenbünde würden von solchen neuen Föderationen in Prozessen politischer Willensbildung und demokratischer Abstimmungen abgelöst, wie wir sie heute gewohnt sind, wäre irreführend. Vielmehr dürfen wir vom Nebeneinander oft verwirrender Art für lange Zeit oder andauernd ausgehen. Der Historiker denkt an die Endzeit des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“: wo im Reichsdeputationshauptschluss noch einmal alles geregelt wurde, woran sich anschließend niemand hielt.

Die Räume der Kommunikation pluralisieren sich

Als Heinrich Heine 1834 das erste Mal eine Eisenbahn mit 30, 40 Stundenkilometern „dahinrasen“ sah, stellte er fest: „Die Eisenbahn hat uns den Raum gestohlen, jetzt bleibt uns nur noch die Zeit.“ Heute können wir ihn ergänzen: Das Internet hat uns die Zeit gestohlen, jetzt bleibt uns gar nichts mehr.

Als der Buchdruck das Wissen der Zeit zu demokratisieren begann, begriffen die Mächtigen nicht, dass sie mit dem Monopol des Wissens auch das Monopol auf Macht verlieren mussten. Den Mächtigen heute geht’s genauso. Sie glauben, das Internet regulieren zu können. Selbst die Inhaber der Medienmacht, die Verlage, Radio- und Fernsehsender, kommen mit dem Internet nicht klar. Sie sprechen von neuen Medien, kommen mit dem Internet aber schon als neuem Vertriebsweg nicht klar, geschweige denn, dass sie die neue Qualität von Kommunikation erkennen.

In der gedruckten Bibel stand nichts anderes als in denen, die Mönche Jahrhunderte lang als Handschriften angefertigt hatten. Aber wo es keine Mönche und Klöster mehr brauchte, um Bibeln zu schreiben, konnte die Katholische Kirche auch nicht mehr verhindern, dass Luther die Bibel ins Deutsche übertrug und durch den Buchdruck jedem zugänglich machte. Heute ist es jedem einzelnen möglich, Texte und Bilder zu publizieren. Die Verlage und Sender verlieren ihr Monopol, zu bestimmen, worüber wie und wann berichtet wird. Bei Berichten von den gefährlichen Plätzen der Welt mischen sich zwei Phänomene: Die alten Medien ziehen sich aus der Fläche zunehmend zurück und füllen die Lücke immer öfter mit Bildern und Nachrichten von nicht Professionellen (und weisen nicht immer darauf hin).

Die Generation Y ist mit dem Internet aufgewachsen. In Asien suchen und findet sie ihre Informationen im WorldWide Net, weil sie seinen Teilnehmern mehr glauben als den Sendern und Zeitungen ihrer mehr oder weniger autoritären Regierungen. Aber auch im Westen wissen die Jüngeren – und inzwischen nicht mehr nur sie – aus ihren Netzen viel früher und besser, was ihnen das Fernsehen in ewig gleichen Filmkonserven den ganzen Tag über serviert. Und abends haben sie schon gehört und gesehen, was am nächsten Tag in der Zeitung steht.

Wer sich so informiert, holt und bildet sich auch seine Meinung im Netz. Vor allem die politischen Parteien (und die von ihnen beherrschten Institutionen) haben wie damals die Kirche noch nicht realisiert, dass sie mit ihrem Informations-Monopol auch ihr Macht-Monopol verlieren. Die Eliten insgesamt entfernen sich vom tatsächlichen Leben der Menschen immer mehr in ihre Parallelgesellschaften. Montesquieu sagte einst: „An einem Hof von Höflingen wird der Fürst selbst zum Höfling.“ In unseren Hauptstädten sind diese Höfe zu besichtigen, auch wenn es keine Könige  mehr gibt, nur auf Zeit Gewählte. In den neuen Räumen der Kommunikation im Internet entstehen neue (Gegen)Öffentlichkeiten neben der einen, an die wir lange gewöhnt waren. Welche Rückwirkungen sie auf Politik und Gesellschaft haben werden, können wir noch nicht wissen. Dass es tiefgreifende sein werden, dürfen wir voraussetzen.

Der freie Zugang zum Internet ist der Zugang zum Wissen der Zeit. Wer diesen Zugang kontrollieren will, wird sich wundern, womit er sich anlegt, welche Kräfte er entfesselt. Was in Cyberspace stattfindet, hat begonnen, die alten Meinungsmechanismen und Entscheidungsräume zu entmachten.

Die Tage der Vormundschaft des Staates und des Diktats der Politik sind gezählt, auch wenn das viele noch nicht wahrhaben wollen. Die Chance von Freiheit lebt, die offene Gesellschaft hat den längeren Atem.

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Kommentare ( 17 )

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