Generation Y: Es ist Zeit, sich durchzubeißen! Wir wollen!

Es ist alles perfekt – eigentlich….

Generation Y. Ich habe schon so viel über dich gelesen. SO VIEL! Immer sitze ich da und bejahe jede einzelne Charaktereigenschaft dieser Generation. Es ist amüsant, wie uns alle immer analysieren. Ich selbst gehöre dieser Generation an und ich hasse es.

Genau wie mein Leben, meine Unzufriedenheit, mein Aussehen. Ich fühle mich machtlos. Unmotiviert. Ausgelaugt. Ich möchte doch eigentlich so viel erleben und die Welt verändern, aber ich schaffe es nicht mal, regelmäßig meine Wohnung aufzuräumen. Der große Zuspruch, den diverse Artikel über „meine Generation“ erhalten, zeigt mir aber: du bist nicht allein! Aber was bringt‘ s mir? Ich schreibe diesen Text auf einem Blatt Papier. Warum? Weil ich Angst habe, dass mich die äußeren Einflüsse wieder einholen und ablenken. Das passiert mir auch oft bei der Arbeit am PC, aber ich würde es niemals zugeben.

Irgendwas mit Medien

Wer bin ich nun? Jemand, der mit großen Erwartungen in ein Medienstudium gestartet ist, weil die Eltern ein Jahr Auszeit und Reisen für unnötig hielten. Eigentlich wollte ich immer Schauspielerin werden. Eigentlich.

Und auf einmal blickst du dich um und siehst Abifotos von diesen kleinen Mädchen, die damals gerade in die 6. Klasse kamen, als du Abitur gemacht hast und dir wird bewusst: Scheiße, ich werd‘ erwachsen! Wie ist das denn passiert? 6 Jahre soll das nun schon her sein, dass wir uns gnadenlos in Ungarn zur Feier des bestandenen Abiturs abgeschossen haben?

Es ist nicht nur das Bewusstsein darüber, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Ich meine, es ist auf einmal schon Juli und dabei war doch gerade erst Silvester?! Nein, es ist auch das Bewusstsein darüber, was in deinem Umfeld passiert. Besonders aufgefallen ist mir das bei unserem Abiturienten-Treffen Anfang des Jahres.

Da sind Leute in meinem Alter, die studieren noch immer, aber ebenso welche, die sind bereits verheiratet und/oder haben Kinder. Einerseits beneide ich die Dauerstudenten, die wohl noch bis 30 zur Uni gehen werden, andererseits frage ich mich: wie machen die das bloß? Das Leben kostet doch auch Geld und ich hätte ehrlich gesagt keine Lust mehr, wie zu Studienzeiten jeden Cent umdrehen zu müssen. Dann sehe ich auf der anderen Seite diese jungen Familien und kann mich so überhaupt nicht mit dem Gedanken identifizieren, jetzt schon verheiratet, oder gar Mama zu sein! Die Verantwortung für einen weiteren kleinen Menschen auf dieser Erde zu übernehmen, wo ich doch nicht mal für mich selbst alles gebacken kriege. Das ist auch der Punkt, an dem man seine eigenen Eltern wieder richtig zu schätzen lernt. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich ihnen nicht meine ganzen Fragen stellen könnte. Ich weiß nämlich, dass ich eigentlich nichts weiß. Das ist gruselig.

Warten in der Gefühlssuppe

Ich befinde mich nun in dieser Gefühlssuppe, die sich mein Leben schimpft, und weiß einfach komplett nicht, wo hinten und vorne ist. Auf einmal sitzt du jeden Tag 9 Stunden im Büro und kriegst mit Müh und Not deine Freizeit koordiniert. Wenn man jung ist, will man immer unabhängig sein. Aber wenn man dann mal unabhängig ist, seine eigenen Rechnungen bezahlen muss, sich um seine Versicherungen kümmern und diesen ganzen Kram, von dem man nach Schule und Studium sowieso keine Ahnung hat, erledigen muss, wird dir bewusst, wie uncool dieses „Erwachsensein“ doch ist. Ich gebe es zu, meine Generation ist eine Generation der Heulsusen und ich bin wahrscheinlich die Allergrößte.

Wie kommt’s? Nun ja, ich habe direkt nach meinem „irgendwas mit Medien“-Studium einen „irgendwas mit Medien“-Job gefunden. Ich kann mit felsenfester Überzeugung sagen, dass der Großteil aller Medienschaffenden seinen Job nur macht, weil sie insgeheim davon träumen, selbst vor der Kamera zu stehen. Ich will nicht lügen. Es gab immer wieder Höhen und Tiefen, aber was mich wirklich dazu bewegt hat, dieser Welt zunächst mal den Rücken zu kehren, war definitiv die fehlende Konstanz. Meine Mutter sagt, ich solle gewisse Dinge hier nicht schreiben. Es könnte mir mal schaden. Ja, denn wir leben in einer Welt, in der Leute ihre Jobs wegen Facebook-Posts verlieren können. Irgendwie absurd, wenn man genauer drüber nachdenkt.

Also machen mich die Befristungen wirklich so unsicher, dass ich das Leben gar nicht mehr genießen kann? Ich war schon immer ein Mensch, der nach Sicherheit strebte. Geht das überhaupt, wenn man alle 4 Monate nicht weiß, wohin es eigentlich mit einem geht? Ist es überhaupt so, dass man in irgendeiner Branche heute noch „sicher“ ist?

Ich glaube, ich bin nun vorübergehend raus aus der Unsicherheit und weg von der Krankheit (stressbedingte Schilddrüsenunterfunktion). Ich habe in diesem Jahr sogar schon richtig toll abgenommen, bin aber trotzdem so unzufrieden wie nie zuvor. Es ist alles perfekt! Ein gut bezahlter Job, eine eigene Wohnung, eine super Figur und doch erscheint alles irgendwie sinnlos.

Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mir diese tollen und inspirierenden Reise- und Foodaccounts bei Instagram anschaue. Es sind diese fast lächerlich schönen Bilder, die einen in eine Welt der Illusion mitreißen. Ich habe neulich sogar gehört, dass es Accounts gibt, die ausschließlich Bilder mit einem gewissen Rosa-Anteil posten. Da muss ich schmunzeln, aber gleichermaßen gefallen mir diese Accounts. Wirklich! Ist es also diese falsche Realität, die uns an unserem nicht-so-glossy Leben und an uns selbst zweifeln lassen? Wollen wir wirklich das pinke fluffige Healthfood-Quark-Parfait zum Frühstück auf unserer Designer-Couch mit Glitzerkissen, auf der wir mit unseren kuscheligen Overknee-Strümpfen über perfekt mit Coffee-Scrub gepeelten Beinen sitzen und unsere traumhaften Hairburst-Locken schütteln, als wären wir gerade eben so aufgestanden?

Auch dies kommt mir irgendwie so bescheuert vor, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Was ist es nun eigentlich, was wir wollen? Wenn uns all die schönen Dinge, eigener (Abnehm-)Erfolg und dieses ganze „perfekte“ Leben nicht glücklich machen? Ist es die Reizüberflutung, die uns vergessen lässt, was es wirklich bedeutet zu leben?

Button „teilen“ teilt sich nicht mit

Alleine, dass wir heutzutage alles über einen Button „teilen“, wir aber in Wirklichkeit von diesem kostbaren Moment nichts abgeben würden und ihn vielleicht sogar selbst nicht richtig erleben, weil wir viel zu sehr damit beschäftigt sind, was andere wohl davon halten. Es ist nicht nur, dass wir unsere Inhalte so rasend schnell in die ganze Welt hinaus schicken, sondern dass umgekehrt auch so viel globale Information über uns herein prasselt wie nie zuvor.

Hier sind wir also, unzufrieden in einer Welt, in der wir alles haben, was das Herz begehrt. Wo es auf einmal trendy ist, kein Fleisch mehr zu essen und man sich mit Saftkuren und Superfood vollpumpt, bis einem der Matcha zu den Ohren rauskommt. Wir leben so dekadent, davon hätten alle Generationen vor uns nur träumen können. Uns ist dies bewusst und doch sind wir nicht zufrieden.

Die Einen sagen, man muss sich eine Auszeit nehmen und verreisen. Am besten nach Asien oder so, um zu sich selbst zu finden. Die Anderen sind überzeugt, dass man nur aus sich selbst heraus wirklich glücklich werden kann. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir als kleines Kind mal aufgefallen ist, dass ich viel seltener „ohne Gedanken“ einschlafe als früher. Damals war mir nicht bewusst, was das bedeutet. Heute weiß ich, dass es bereits in jungen Jahren mit dem „Gedanken machen“ begann und man heute nahezu nie sein Gehirn dazu kriegt, einfach mal die Fresse zu halten. Oder sind es vielleicht doch die Stimmen aus dem Umfeld? Die skinny Instagram-Models, die einen an sich selbst zweifeln lassen? Die wunderhübschen Youtuber und Promis mit ihren ach so tollen Leben, oder wie sie uns daran teilhaben lassen? Das Problem ist irgendwie auch, dass heutzutage nichts unmöglich scheint.

„Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“ Arthur Schopenhauer weiß auch, dass sich mit Leuten vergleichen, denen es besser geht als einem selbst, schon immer uncool war und dass es wahrscheinlich noch nie jemanden glücklich gemacht hat. Ständig sehe ich diese Facebooktafeln mit Floskeln über das Leben, dass man es schätzen und die Gegenwart genießen soll. Diese Bilder haben hunderttausende von Likes, aber wer setzt das denn wirklich für sich um?

Und da höre ich dieses Lied in meinem Kopf und mir wird klar, dass es vielleicht gar nicht an unserer Generation liegt, dass wir so unsicher sind und unseren Platz nicht so recht finden können, sondern dass es schlichtweg zum Erwachsenwerden dazugehört, was mir meine Mutter in einem Gespräch sogar bestätigt. Man sei nur früher nicht so verweichlicht gewesen und hätte sich durchgebissen anstatt aufzugeben. Auch hätte man sich damals überhaupt nicht so mitteilen können wie heute.

Oder vielleicht doch?

Mit 16, sagte ich still:
ich will,
will groß sein, will siegen,
will froh sein, nie lügen.
Mit 16, sagte ich still:
ich will,
will alles oder nichts.

Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen,
die Welt sollte sich umgestalten
und ihre Sorgen für sich behalten.

Und später, sagte ich noch:
Ich möcht´ verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren.
Und später, sagte ich noch: Ich möcht´
nicht allein sein und doch frei sein.

Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen,
das Glück sollte sich sanft verhalten,
es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten.

Und heute, sage ich still:
Ich sollt
mich fügen, begnügen,
ich kann mich nicht fügen,
kann mich nicht begnügen:
will immer noch siegen.
will alles, oder nichts.

Für mich soll’s rote Rosen regnen,
mir sollten ganz neue Wunder begegnen,
mich fern vom Alten neu entfalten, von dem, was erwartet, das meiste halten.

Ich will, ich will!

Das Lied von Hildegard Knef ist in einer ganz anderen Generation entstanden und doch so relevant wie nie. Die vielen Möglichkeiten, die uns heutzutage offen stehen, machen das Finden einer Aufgabe oder eines Ziels, nach dem wir streben, extrem schwer. Wir sind verwirrt und unsicher wie jeder andere auch, der jemals den Prozess des Erwachsenwerdens durchgemacht hat.

Danke für die Aufmerksamkeit. Es ist an der Zeit sich durchzubeißen! Wir wollen!

Über die Autorin:

christinafrederiksChristina Dörr (YT/IG: @nutellacinderella) kommt aus dem Alpenvorland (Allgäu). Nach ihrem Abitur im Jahr 2009 studierte sie angewandte Medienwirtschaft mit der Fachrichtung TV-Producing und TV-Journalismus an der Hochschule Mittweida sowie der Medienakademie München. Seit 2012 war sie für diverse TV Produktionen tätig und arbeitet seit 2015 im Bereich des Business Development & Online Marketing. Christina Dörr lebt in ihrer Wahlheimat München.

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Kommentare ( 3 )

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