DER SPIEGEL Nr. 42 – Macron: „Ich bin nicht arrogant. Ich sage und tue, was ich mag.“

Lehrreich das Kommunikationsverhalten der Bienen für jede öffentliche und politische Wirklichkeit: Nicht jede Kundschafterbiene findet Gehör. Wer zu oft Unsinn geplappert hat, wird von den fleißigen Arbeitsbienen einfach ignoriert.

Nach drei Wochen Abstinenz tut die Lektüre des Spiegels gut. Das liegt in erster Linie am Hauptakteur der Titelgeschichte, Emmanuel Macron. In einem Parforceritt erklärt er im Spiegel-Gespräch mit Klaus Brinkbäumer, Julia Amalia Heyer und Britta Sandberg im Elysée-Palast den Zustand von Frankreich und Europa, dass einem schwindelig werden kann. Anregungen zum Nachdenken über den deutschen Blick auf den Nachbarn und die Europäische Union gibt es reichlich.

DER SPIEGEL ist sichtlich fasziniert von Macron; er ist der neue Hoffnungsträger. Das kann man verstehen, wenn man die abgewirtschafteten deutschen Spitzenpolitiker anschaut. Ja, da kann man neidisch werden. Dieser Faszination erliegt der SPIEGEL. Keine kritischen Frage zu 10 zusätzlichen Behörden, der Ausdehnung des EURO auf Länder, die ihn weder brauchen noch wollen, zum Ausbau einer Transferunion zu Lasten Deutschlands; kein ernstzunehmendes Wort zur zunehmenden Spaltung Europas in Ost und West. Wer SPIEGEL-Redakteure auf dem Bauch liegen sehen will – hier ist die Möglichkeit. Alles was scheint, scheint zu faszinieren.

Blick zurück - nach vorn
Blackbox KW 41 – Buchmesse: Narrenhände beschmieren Tisch und Stände
Dabei vermittelt Macron in dem Gespräch neben einem wohltemperierten Sendungsbewusstsein durchaus auch Menschlichkeit, Wärme und Realitätssinn. Ein Muss an diesem Wochenende ebenso wie der Beitrag von Nils Minkmar „Stürmer und Dränger“ über – wie es im Teaser zutreffend heißt – „die Macht der Erzählung im Politikverständnis des neuen französischen Präsidenten …“. Macron zeigt sich in klassischer Manier als gebildeter Europäer, dem es ergeht wie den meisten Hochbegabten: zu schnell, zu früh, immer auf der Schwelle zum Missverständnis. Eine Herausforderung für alle Gesprächspartner. Seine Hoffnung: dass die Deutschen ihn nicht allein lassen, sondern tatkräftig die Erneuerung und Vertiefung der Europäischen Union mit ihm zusammen vorantreiben. Aber kann es auch eine deutsche Hoffnung sein, Frankreich in Europa zu dienen? Das CUI BONO, wem dient der Macronismus, bleibt in der Faszination der Person stecken.

Dass dies der Fall sein könnte, signalisiert bereits ein weiteres Spiegel-Gespräch „Engel, wir beide dienen Deutschland“ von Michael Sauga und Christoph Schult mit dem FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Der gilt in der sich abzeichnenden Jamaika-Koalition als Spitzenkandidat für die Schäuble-Nachfolge und gewinnt als möglicher künftiger Finanzminister Macrons Vorschlägen für den Umbau des ESM zu einem europäischen Währungsfonds gute Seiten ab: „Wir würden Investitionen  vergemeinschaften – und nicht die Schulden“. Auch dies Interview ist lesenswert, liest man hier doch nicht nur die ewigen Politstanzen. Mal sehen, ob dieses Outing in der FDP und bei den deutschen Steuerzahlern auf breite Zustimmung stößt.

Dieter Degowski sei „Keine Gefahr mehr“, sagt dessen Anwältin in einem Nicht-Interview mit Jürgen Dahlkamp und Beate Lakotta. Wen interessiert das 30 Jahre nach der Geiselnahme von Gladbeck? Ein Nicht-Interview deswegen, weil keine echte News darin steckt. Nur der Anlass ist scheinbar spektakulär.

Ebenfalls nur scheinbar spektakulär ist auch Martin Hesses Beitrag „Verzettelt und verzwergt“ über den Zustand der beiden deutschen Großbanken Deutsche Bank und Commerzbank. Einzig richtig ist die Analyse, dass beide Häuser schon lange nicht mehr das sind, was sie einmal waren oder vorgaben zu sein. Dass aber ein Journalist den beiden Geldhäusern ihr Geschäftsmodell meint erklären zu müssen, zeugt von Selbstüberschätzung.

Gerne gelesen: Bernhard Zands Analyse über die Stimmungslage in Peking vor dem 19. Parteitag. Wie XI Jinping das Land regiert und den Macherhalt plant, ist zu lesen in „Chinas Macht-Maschine“.

Meine Buchmessenwoche
Macron und Merkel, Houellebecq und die Blondinen
Ein Highlight ist für mich der Beitrag „Honig im Kopf“ von Johann Grolle über die Kommunikation von Bienen. Gelernt habe ich, dass Bienen sich regelmäßig bei ihrem Schwarm erkundigen, was sie als nächstes erledigen sollen. Sie schwärmen aus, suchen nach Nahrung und geben den im Stock bei der Königin verbliebenen Arbeitsbienen Signale für deren Aufgaben. Erst wenn mehrere Kundschafterbienen grünes Licht geben, setzt sich ein ganzer Schwarm in Bewegung. Schwarmintelligenz at its best, eine Anregung zum Lernen.

Wie kann man Wasser sparen und gleichzeitig „grüne“ Energie gewinnen? Philip Bethge berichtet in „Die Kraft der Tröpfchen“ über eine ökologisch saubere Art der Energiegewinnung über die Verdunstung als Energiequelle.

Die „Schulz-Story“ des Spiegels muss heftigste Debatten ausgelöst haben. In das Ressort Kultur „abgeschoben“ hat die Redaktion die eigentlich politische Diskussion, geführt von zwei Seiten: Eva Menasse mit „Zwischen Schweigen und Pöbeln“ und Sascha Lobo, der das „Inszenierungsdesaster“ beschreibt. Während Lobo das Versagen in der SPD-Zentrale verortet, die keinen Ausweg aus der medialen Unmündigkeit gefunden habe, hat Menasse die „Schuldigen“ anderswo ausgemacht: bei anderen Medien (ich fühle mich gerade an die letzte Ausgabe erinnert), allen voran bei Ex-Spiegel-Kollege Gabor Steingart, der im Handelsblatt „vendettaartige Schmähungen über den Ex-Alkoholiker ohne Abitur“ ausgeschüttet habe. Jetzt muss mir mal jemand auf die Beine helfen: All die Elogen im Spiegel sollen weniger Durchschlagskraft gehabt haben als die Wirtschaftszeitung aus Düsseldorf? Ein interessantes Phänomen für Medienmacher und Kommunikationsinteressierte.

Denken wir kurz zurück an das Kommunikationsverhalten der Bienen: Nicht jede Kundschafterbiene findet Gehör. Wer zu oft Unsinn geplappert hat, wird von den fleißigen Arbeitsbienen einfach ignoriert.

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Kommentare

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  • Jahrgang 68

    „logo!“, die ÖRR-Nachrichtensendung für Kinder (auf KiKA) kann sich gleich mit einreihen.

    Bei Google steht da unter „Auszeichnungen“: Deutscher Fernsehpreis für die beste Information.

    Wie nannte Marcel Reich-Ranicki (als designierter, aber nicht angetretener Fernsehpreisträger) die damit prämierten Machwerke? „Blödsinn!“

  • Hellweg

    Zwei alte Muttis und eine „freiberuflich arbeitende Visagistin, die ihn bei Fernsehauftritten und Reisen ins Ausland begleitet“.
    Ist das nicht so was wie spätrömische Dekadenz? ;-))
    Der Mann ist mir nicht geheuer.

  • Andrea Dickerson

    „Wir würden Investitionen vergemeinschaften – und nicht die Schulden“

    Wie bereits gesagt, man muß Wolfgang Kubicki genau und bei allem auf die Finger schauen, denn mein Verdacht ist, daß er zu Kohls Euro Waigel wird und Schäuble wie Stoltenberg wegen dessen Vorbehalte zur „Finanzunion“ mit Frankreich abserviert wurde. Schäuble hat anders als Stoltenberg sehr viel Schaden angerichtet, Griechenland, Inzuchtblödsinn, aber so weit wollte er dann doch nicht gehen, den riesigen französischen Schuldenberg dem deutschen Steuerzahler aufzubürden.

  • Martin Lederer

    Bei Macron, Trudeau, Lindner, … ist ALLES nur Image. Möglichst viel und teureres Make-Up, möglichst viel und teure Image-Beratung. Aber ein Teil der Wähler will das haben. Er braucht etwas zum Träumen. Egal wie blöd das, was er anhimmelt.

  • Gerd Sommer

    Le Pen hatte recht, Frankreich wird jetzt von der deutschen Weihnachtsgans regiert, Metzger Macron begibt sich auf den kunstvollen Pfad die Gans bei lebendigem Leibe auszunehmen. Die ewig nachwachsende Stopfleber sozusagen…

  • nonevernomore

    „Wer zu oft Unsinn geplappert hat, wird von den fleißigen Arbeitsbienen einfach ignoriert.“ Herrlich. Danke.

  • Jûrgen Streeb

    Wow, das hat gesessen!

  • Da Vi

    Der Spiegel war mal einst ein wirklich lesenswertes Magazin. Lang, lang ist’s her. Es muss dort ein Generationenwechsel stattgefunden haben. Insbesondere die Online-Ausgabe ist inzwischen eine gesinnungsethische Plattform von Oberlehrern und Chefgouvernanten (man lese nur mal die Rubrik „die Lage“ von dieser Woche) für betreutes Denken. Am amüsantesten ist aber die Micky Maus –
    Seite „bento“ sozusagen die gesinnungsethische Früherziehung. Hauptfeind sind „Rechte“ (wobei da alles was nicht links ist, in einen Topf geworfen wird) und natürlich der böse Kapitalismus. Die Zensur im Kommentarbereich spricht meistens Bände. Die Kommentare der oft pseudointellektuellen Schwafler auch. Linke gesinnungsethische „Haltungsathleten“, die sich gegenseitig ständig ihrer „toleranten“, weltoffenen und „gebildeten“ Großartigkeit versichern müssen, von Demokratie faseln und gar nicht merken wie bigott sie sich gegenüber Andersmeinenenden verhalten –
    blanke Onanie.

  • Nico Laus

    Macron denkt „Frankreich zuerst“ – versieht es mit dem Label „Europa“ und schon sind Merkel und Claqueure von diesem eitlen Pfau begeistert.

    Ausbau einer „Transferunion zu Lasten Deutschlands“!
    Merkel würde antworten: Na und, das ist nun mal so … wir profitieren davon, anderen mehr zu geben. Wir sind beliebt, das sieht daran, dass immer mehr zu uns kommen wollen – wegen meinem freundlichen Gesicht.

    Ich muss aufhören, mir wird übel ….

    • Da Vi

      Wir wissen doch aus Macrons Lebenslauf, dass er bei älteren Damen gut ankommt.

    • Martin Lederer

      In Frankreich hieß es zu allen Zeiten der Geschichte „Frankreich zuerst“. Was ich dem Land auch nicht vorwerfe.

      Und bei den Deutschen war es immer so, dass sie irgendein Ideal brauchten, was möglichst wenig mit ihnen zu tun hat, damit sie geistig aus den Niederungen des unbefriedigenden Zustandes fliehen können.

  • Jûrgen Streeb

    Sehen Sie, werter Autor, das Bienensterben hat in unserem Land dramatische Ausmaße angenommen und so können wir Deutschen nicht mehr von ihnen lernen. Der Michel läuft denen, die permanent den größten Unsinn plappern unbeirrt hinterher und wie die Lemminge in das eigene Verderben.

    • Davy Crocket

      “ … come on, babe,
      follow me
      I’m the Pied Piper …“