Er ist erst elf Jahre alt, besucht die Mittelschule und zählt bereits zu den Tatverdächtigen bei den schweren Ausschreitungen in Mailand: Ein Junge hat offenbar gemeinsam mit älteren Jugendlichen Geschäfte geplündert. Handyvideos haben ihn verraten.
picture alliance / ANSA | MATTEO CORNER
Die Video-Clips verbreiteten sich über TikTok und andere soziale Netzwerke: Ein kleiner Junge in dunkler Kleidung und mit teilweise verdecktem Gesicht verlässt ein geplündertes Bekleidungsgeschäft in der Mailänder Innenstadt. Um seinen Hals hängen mehrere Gürtel, die offenbar gerade gestohlen wurden. Andere Aufnahmen zeigen ihn inmitten der Ausschreitungen, neben einem brennenden Mistkübel und beim Angriff auf einen Supermarkt.
Die oft geteilten Aufnahmen führten die Ermittler direkt in eine Schule in Mailands Stadtteil Barona: Nach Recherchen des Corriere della Sera bei den Ermittlungsbehörden ist der Junge marokkanischer Herkunft und kam vor vier Jahren nach Italien. Er lebt mit seiner Familie in einer Sozialwohnung im südwestlichen Stadtviertel Barona und besucht dort die zweite Klasse einer Mittelschule.
Die Carabinieri identifizierten ihn nur kurz nach den Ausschreitungen am Wochenende – besonders deutlich ist ein Video aus der Via Dante, einer der bekanntesten Einkaufsstraßen Mailands. Auf dem Clip ist zu sehen, wie der junge Plünderer aus dem Bekleidungsgeschäft Luigi Fusaro kommt, bei sich trägt er mehrere neue Gürtel. Weitere Aufnahmen zeigen ihn beim Angriff auf eine Carrefour-Filiale, deren Scheiben von den Plünderern zertrümmert wurden.
Ein Passant, der den Buben filmte, kommentierte dessen geringe Körpergröße, worauf der elfjährige Tatverdächtige mit einer provozierenden Geste reagiert hat.
Der Elfjährige ist keineswegs der einzige Minderjährige, der nach den schockierenden Ausschreitungen von der Polizei ausgeforscht werden konnte. In Desio, nördlich von Mailand, identifizierten die Carabinieri einen 16-jährigen Jugendlichen aus Marokko. Er war während der Krawalle am Samstag auf Mailands Domplatz mit einer gestohlenen Dienstmütze eines Carabiniere gefilmt worden. Die Kopfbedeckung soll einem Beamten der Polizeistation Crescenzago abgenommen worden sein. Auch gegen diesen Jugendlichen wurde Anzeige wegen Verwüstung und Plünderung erstattet, dazu kamen noch Diebstahl sowie Verunglimpfung der Streitkräfte. Er blieb zunächst auf freiem Fuß.
Andere junge Tatverdächtige müssen ebenfalls mit Konsequenzen rechnen: Nach Angaben der Nachrichtenagentur ANSA ordnete das Jugendgericht in Mailand für elf minderjährige Beschuldigte die Unterbringung in betreuten Einrichtungen oder Hausarrest an. Die Jugendlichen waren zuvor wegen mutmaßlicher Beteiligung an Verwüstungen, Plünderungen und Widerstand gegen die Polizei festgenommen worden.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni äußerte sich besonders betroffen über das geringe Alter einiger Beteiligter: Dass der jüngste Verdächtige erst elf Jahre alt sei, tue weh und mache Angst.
Ein Fall als Warnsignal für die ganze Gesellschaft
Tatsächlich werfen die Ereignisse in Italien unangenehme Fragen auf: Wie kann ein elfjähriges Kind unbeaufsichtigt an gewaltsamen Ausschreitungen teilnehmen? Welche Verantwortung tragen die Eltern und die Erziehungsberechtigten?
Die Causa aus Mailand zeigt jedenfalls, wie weit sich Kinder bereits in gewalttätige Auseinandersetzungen oder in kriminelle Handlungen hineinziehen lassen können – und wie begrenzt die Möglichkeiten des Staates sind, darauf zu reagieren. Mailand ist nicht die einzige Großstadt in Europa, die dieses gewaltige Problem hat.



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