Italien und Spanien setzen auf Kernenergie

Noch vor der Sommerpause soll das italienische Parlament die Regierung zum Wiedereinstieg in die Kernenergie emächtigen. Premier Meloni will massiv in diese Technik investieren. In Spanien iwackelt der Ausstiegsbeschluss. Mittlerweile sind rund 66 Prozent der Spanier Befürworter der Kernenergie. Von Wolfgang Kempkens

IMAGO / Europa Press

Der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 schockte die Italiener mehr als Bürger in anderen Ländern, die zu diesem Zeitpunkt Kernkraftwerke betrieben. In einer Volksabstimmung beschlossen sie das Ende dieser Technik. 1990 wurden die letzten der vier italienischen Kernkraftwerke stillgelegt, was kaum Probleme bereitete, denn nur eins davon hatte mit gut 800 Megawatt eine nennenswerte elektrische Leistung. Die anderen kamen zusammen nur gut auf die Hälfte.

Heute versorgt sich das Land zu jeweils gut 40 Prozent mit grünem und fossilem Strom. Bis zu 20 Prozent des Bedarfs wird importiert, vor allem aus Frankreich und der Schweiz. Jetzt will Italien wieder unabhängiger werden, zum einen, weil die Kosten für Erdgas steigen, zum anderen, um die Klimaziele zu erreichen.

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Hier kommt die Kernenergie wieder ins Spiel. Das Parlament hat jetzt einen von der Regierung von Ministerpräsident Giorgia Meloni vorgelegten Gesetzentwurf mit 155 Ja-Stimmen, 86 Nein-Stimmen und acht Enthaltungen gebilligt, der den Weg für die Rückkehr des Landes zur Nutzung der Kernenergie ebnet. Die Vorlage geht nun an die zweite Kammer, den Senat. Die Regierung geht davon aus, dass das Gesetz dort noch vor der Sommerpause Ende Juli endgültig gebilligt wird.

Das Gesetz wird die Regierung ermächtigen, die Rückkehr zur Kernenergie im Rahmen der EU-Dekarbonisierungsmaßnahmen bis 2050 und der Ziele zur Energiesicherheit umfassend zu regeln. Das Mandat umfasst unter anderem die Einrichtung einer unabhängigen Behörde für nukleare Sicherheit, die Stärkung der wissenschaftlichen und industriellen Forschung, die Entwicklung neuer Kompetenzen sowie die Durchführung von Informations- und Sensibilisierungskampagnen.

Schon in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends hatte die italienische Regierung die Rückkehr zur Kernenergie ins Visier genommen. Doch der Unfall von Fukushima beendete diese Träume. Im März 2011 beschloss die Regierung, mindesten ein Jahr lang darauf zu verzichten, den Weg zurück zur Kernenergie zu ebnen. Damit entsprach sie dem Volkswillen, wie eine Umfrage drei Monate später zeigte. 94 Prozent der Bürger lehnten den Bau neuer Kernkraftwerke ab.

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Eine Umfrage von Juni 2021 ergab ein völlig anderes Bild. Ein Drittel der Italiener befürwortete danach eine erneute Prüfung der Nutzung der Kernenergie im Land. Mehr als die Hälfte der Befragten wollte den Einsatz neuer, fortschrittlicher Kerntechnologien nicht ausschließen. Heute wünschen sich laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts SWG von Mitte Mai 2026 ganze 67 Prozent der Italiener Investitionen in Kernkraftwerke der nächsten Generation, etwa kleine modulare Kernkraftwerke.

Die Pläne sind ehrgeizig. Bis 2050 sollen Kernkraftwerke mit einer Leistung von bis zu 16 Gigawatt installiert werden, die bis zu 20 Prozent des Stromverbrauchs abdecken, also Importe überflüssig machen, wenn man die heutigen Zahlen zugrunde legt. Schon 2025 hat die Regierung angekündigt, 200 Millionen Euro in das von dem italienischen Physiker Stefano Buono gegründete, mittlerweile allerdings französische Unternehmen Newcleo zu investieren. Die Transaktion, die einer Beteiligung von zehn Prozent an dem Unternehmen entspricht, ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Newcleo entwickelt einen bleigekühlten Reaktor. Der Prototyp soll bis Ende 2026 in Italien fertiggestellt werden. Er wird allerdings nicht mit nuklearer Wärme, sondern elektrisch beheizt. Die Anlage namens PRECURSOR soll der Erprobung von Komponenten wie einer Pumpe für flüssiges Blei dienen. Der erste wirklich nuklear betriebene 30-Megawatt-Reaktor soll in Frankreich gebaut werden. Die kommerzielle Größe wird bei 200 Megawatt liegen. Daher gehören diese Anlagen zu den Small Modular Reactors (SMR), denen wohl die Zukunft gehört.

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Außer Newcleo gibt es weltweit rund ein Dutzend Unternehmen, die an derartigen Reaktoren arbeiten. Der erste, entwickelt von dem amerikanisch-japanischen Unternehmen GE Hitachi Nuclear Energy, wird derzeit in Kanada gebaut. Das Kernkraftwerk mit der Bezeichnung BWRX-300 hat eine elektrische Leistung von 300 Megawatt.

Der italienische Kraftwerksbetreiber Edison will sich hingegen nicht auf den bleigekühlten Reaktor verlassen. Er plant den Bau von zwei 400-Megawatt-SMR des französischen Herstellers Nuward zwischen 2020 und 2040.

Während Italien und Deutschland auf Reaktorunglücke mit Ausstieg reagierten, hielten die Spanier ihren Kernkraftwerken die Treue. Immerhin decken sie 20 Prozent des Bedarfs, was nicht so leicht zu kompensieren wäre. Spuren hinterließen die Reaktorunglücke allerdings auch dort. 2019 einigte sich die Regierung mit den Betreibern auf ein Ende des spanischen Kernkraftzeitalters im Jahr 2035. Das wurde 2023 noch einmal bestätigt, auch wenn es vor drei Jahren schon Stimmen gab, die vom Ausstieg abrieten.

Jetzt steht zunächst die Stilllegung der Blöcke 1 und 2 des Kernkraftwerks Almaraz an. Sie sollen gemäß der Einigung 2027 und 2028 vom Netz genommen werden. Derzeit denkt die spanische Regierung darüber nach, den beiden Blöcken eine dreijährige Schonfrist einzuräumen. Das brächte Zeit zu prüfen, ob eine grundlegendere Änderung des Ausstiegsplans erforderlich ist, sagt Marta Ugalde, Präsidentin von „Foro Nuclear“, des spanischen Forums der Kernindustrie, das eher der Auffassung ist, dass das Land neue Kernkraftwerke braucht. Laut Umfrage des Instituto Real Elcano hat sich die Zustimmung der spanischen Bürger zur Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken von 43 Prozent im Jahr 2023 auf 66 Prozent im Jahr 2025 erhöh.

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Das liegt nicht zuletzt daran, dass es am 28. April 2025 auf der Iberischen Halbinsel zu einem der größten Stromausfälle Europas seit Jahrzehnten gekommen ist. Große Teile von Spanien und Portugal waren für viele Stunden ohne Strom; betroffen waren auch Telekommunikation, Bahnverkehr, Ampeln und Teile der Wasserversorgung.

Ursache war kein Anschlag, sondern schlicht die Überlastung des Netzes, das durch hohe Anteile an Solar- und Windkraft stark strapaziert wird. Darauf entfallen fast 50 Prozent der Stromerzeugung in Spanien. Die Folge: Sonnen und Windmangel erfordern, ebenso wie zu viel Solar- und Windstrom, gewaltige Anstrengungen, das Netz stabil zu halten. Manchmal geht es schief.

„Wenn wir in Spanien eine Energiewende wollen, die tatsächlich funktioniert, müssen Kernenergie und erneuerbare Energien zusammenarbeiten, wobei stets die Systemstabilität im Blick behalten werden muss“, sagt Ugalde.

Wolfgang Kempkens studierte an der Techni­schen Hochschule Aachen Elektrotechnik. Nach Stationen bei der „Aache­ner Volkszeitung“ und der „Wirtschaftswoche“ arbeitet er heute als freier Journalist. Seine Schwer­punkte sind Energie und Umwelt.

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Kommentare ( 2 )

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2 Comments
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Haba Orwell
23 Minuten her

> Das Gesetz wird die Regierung ermächtigen, die Rückkehr zur Kernenergie im Rahmen der EU-Dekarbonisierungsmaßnahmen bis 2050 und der Ziele zur Energiesicherheit umfassend zu regeln.

Gegen den „Green Deal“ stellt sich aber auch Meloni nicht?

deltacenter
5 Minuten her
Antworten an  Haba Orwell

Nö,aber die macht wenigstens etwas ! Nicht wie unsere Idioten….