Sie bezahlen für das Auto. Aber der Verkäufer bestimmt die Mitfahrer, die Anzahl, die Regeln, das Tempo und verlangt für jede Zumutung noch einen Aufpreis. Kommt Ihnen bekannt vor? Willkommen im Staat als Autohaus: Der Bürger zahlt, andere fahren gegen Ihren Willen auf Ihre Kosten mit und am Ende sollen Sie sich für die Fahrt auch noch bedanken. Von Thilo Schneider
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Stellen Sie sich folgenden Fall vor: Sie haben ein Auto gekauft. Sie haben den Rechnungsbetrag bezahlt und nun sitzen Sie in ihrem neuen Gefährt. Sie freuen sich, dass Sie unbeschwert von A nach B werden reisen können und können es kaum erwarten, Ihr Auto zu starten. Der Verkäufer steht neben Ihnen und hat den Schlüssel bereits in der Hand.
Begierig wollen Sie zugreifen und loslegen und der Verkäufer reicht Ihnen bereits die Schlüssel, als hinter ihm die Türe aufgeht und drei – nennen wir sie „nicht ganz appetitliche“ – Personen den Verkaufsraum betreten, die Hintertüren öffnen und sich auf den Rücksitzen platzieren. Der Verkäufer selbst läuft um das Fahrzeug herum und nimmt auf der Beifahrerseite Platz.
„Was soll das?“, wollen Sie wissen. „Oh“, sagt der Verkäufer, „das habe ich möglicherweise vergessen, Ihnen zu sagen. Die drei Personen im Fonds nehmen Sie natürlich immer mit und fahren sie dorthin, wohin diese Personen gerne möchten!“
Sie protestieren. Es ist schließlich Ihr Auto, Sie haben es bezahlt! „Das mag einerseits stimmen, sagt der Verkäufer fröhlich vom Beifahrersitz, „aber Sie wollen sicher nicht die armen Leute da bestrafen, weil die sich kein Auto leisten können! Das wäre asozial!“ Hinter Ihnen grinsen Sie Ihre neuen Beifahrer über den Rückspiegel mit einem erschütternden Zahnstatus an.
Zuerst glauben Sie an einen Scherz, aber keiner der Insassen macht Anstalten, auszusteigen. „Raus!“, brüllen Sie Ihre drei fremden Passagiere an, aber die scheinen Sie nicht zu verstehen. Einer schnäuzt sich und wischt seine Hand an den Polstern ab. Sie versuchen es schärfer: „RAUS! ALLE! DAS IST MEIN AUTO!“
Der Verkäufer links von Ihnen lächelt. „Das ist ein Irrtum“, sagt er, „das Auto gehört uns allen!“ Sie insistieren: „Moment, ich habe die Mühle bezahlt! Also gehört sie mir!“ „Steht wo?“, fragt der Verkäufer und setzt hinzu: „Schauen Sie: Wir als das Autohaus Ihres Vertrauens stellen Ihnen ja nicht nur das Fahrzeug zur Verfügung, wir machen auch den Service, wenn es kaputt ist. Also haben wir auch ein Mitspracherecht über die Verwendung des Fahrzeugs. Wir haben alles gecheckt und gewartet und unser Bestes gegeben, damit Sie komfortabel fahren können. Und wir geben das weiterhin. Versprochen. Das räumt uns durchaus ein Mitspracherecht über die Verwendung des Fahrzeugs ein!“
Das leuchtet Ihnen ein. Sie legen den ersten Gang ein und fahren los, während der Verkäufer sich zufrieden zurücklehnt und die Leute im Fonds einen Singsang aus ihrer Heimat anstimmen. Nach 200 Metern stoppt das Fahrzeug abrupt und geht aus.
Sie sehen den Verkäufer wütend an: „Was soll das? Was ist hier los?“ „Der Wagen hat angehalten“, stellt der Verkäufer sachlich richtig fest. „Das merke ich. Aber warum hat er das getan?“ „Es steigen noch Leute zu“, sagt der Verkäufer und tatsächlich: Zwei weitere Menschen tauchen auf und quetschen sich mit dazu auf die Rückbank.
„He“, sagen Sie, „das ist verboten“. „Überlassen Sie das uns, Ihrem Autohaus des Vertrauens. Wir übernehmen die volle Verantwortung“, erklärt Ihnen der Verkäufer, während aus dem Fonds ein intensiver Geruch aufsteigt, weil sich einer Ihrer Mitreisenden eine Dose Fisch genehmigt.
Zornig drehen Sie sich um: „Hier wird nicht im Auto gegessen!“, brüllen Sie den Mann an. „Lassen Sie ihn doch“, sagt der Verkäufer, „er hat eben Hunger. Seien Sie nicht so pingelig. Seien Sie nicht so deutsch.“
„Aber es ist doch mein Auto, da darf ich ja wohl bestim…“. Der Verkäufer unterbricht Sie: „Ist es eben nicht. Den Irrtum begehen viele. Nur, weil sie den Wagen bezahlt haben, gehört er nicht Ihnen. Oder wenigstens Ihnen allein. Ich habe Ihnen ja schon erklärt, was wir alles für Sie getan haben. Da dürfte ein bisschen Toleranz und Respekt schon angebracht sein, finden Sie nicht? Oder wollen Sie das Auto bauen?“
Sie drücken seufzend erneut den Startknopf. Mit etwa 20 Stundenkilometern fahren Sie weiter. „Es geht nicht“, bemerken Sie, „der fährt gar nicht schneller.“ „Sie müssen sich nur mehr Mühe geben“, sagt der Verkäufer. „Sie können aber auch eine „Schneller-App“ dazubuchen, das kostet dann aber extra!“
Sie sind entsetzt. Sie haben ein Fahrzeug gekauft, das nicht Ihnen gehört, sondern sozialisiert wird und wenn sie möchten, dass es schneller als 20 Stundenkilometer fährt, sollen Sie auch noch extra zahlen? „Sind Sie wahnsinnig?“, fragen Sie den Verkäufer. Der lächelt: „Nein. Sie!“, sagt er. „Sie haben uns als Ihr Autohaus gewählt, also ist es Ihre Verantwortung!“, hält er Ihnen vor.
„Hätte ich gewusst, was das für ein verdammtes Autohaus ist, hätte ich Sie nicht gewählt“, brüllen Sie ihn an. „Oh, Sie wussten das. Sie hätten nur einmal das Kleingedruckte im Vertrag lesen müssen. Aber Ihnen hat ja das Auto so gut gefallen, dass Sie einfach loslegen wollten. Das ist jetzt nicht unsere Schuld.“
Sie schnallen sich ab: „Das reicht mir! Ich will die elende Karre nicht und ich hätte jetzt gerne mein Geld zurück. Aber pronto!“ Der Verkäufer kratzt sich am Kopf und legt die Stirn in Falten: „Ich fürchte, das ist nicht so ohne weiteres möglich. Sie können zwar das Fahrzeug verlassen, aber dann wird – das Kleingedruckte, Sie wissen schon – eine Nichtnutzungsgebühr in Höhe von 27 Prozent plus Kirchensteuer fällig. Da ist es besser, Sie fahren nur mit 20 km/h, kommen jedoch trotzdem Ihrem Ziel näher!“
Vom Rücksitz hören Sie kratzendes, ungutes Geräusch. Der Fischmann hat sich soeben über ihre Rückenlehne und die Mittelkonsole erbrochen. „Doktor“, sagt er. Der Verkäufer klopft Ihnen aufmunternd auf die Schultern und deutet nach vorn durch die Windschutzscheibe. „Na los!“, sagt er fröhlich, „Vorwärts kann unser Auto!“
Weitere Albträume des Autors unter www.politticker.de



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