Schrödingers Katze wird 100

Die Schrödingergleichung ist das Grundgesetz der Quantenmechanik. Sie beschreibt, wie sich der Zustand eines winzigen Teilchens über die Zeit verändert. Sie ist die Grundlage für Microchips in Mobiltelefonen und Computern. Unter den vielen Innovationen, die wir ihr verdanken, zählen auch der Laser und die Magnetresonanztomographie. Von Hans Hofmann-Reinecke.

IMAGO / United Archives International

Sie wollen also einen Rahmen für dieses große Poster basteln. Dazu haben Sie vier Holzleisten an den Enden zusammen geschraubt: längs sind sie zwei Meter lang, quer anderthalb. Das ist eine Struktur mit schönen Proportionen – so lange sie am Boden liegt. Sobald Sie aber versuchen den Rahmen aufzustellen, da wird er schräg und klappt zusammen. Aber Sie haben eine Idee: wenn Sie diagonal, zwischen den gegenüber liegenden Ecken je eine Schnur spannen, dann würde Ihre Konstruktion schön stabil und rechtwinklig bleiben. Aber wie lang müsste so eine Schnur sein? Ausprobieren?

Ich habe es für Sie ausgerechnet: genau 2,5 Meter. Vor mir und 500 Jahre vor Christus hätte das auch ein gewisser Pythagoras von der griechischen Insel Samos gekonnt. Das war aber nicht seine einzige Leistung. Er und seine Schüler haben erkannt, dass die Welt zahlenmäßig zu beschreiben und nicht rein chaotisch war. Das beeinflusste die abendländische Geistesgeschichte ganz wesentlich.

Zwei Jahrtausende ging es dann mit Physik und Mathematik allerdings nur langsam voran, aber 1687 kam schließlich die Revolution. Sir Isaac Newton schrieb die „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“, die Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie. Er hatte entdeckt, dass sich die Vorgänge der Natur – das Fallen eines Apfels oder die Bewegung der Gestirne, durch Mathematik vorhersagen lassen.

Aber nicht nur das; man konnte mit Hilfe von Mathematik und Physik jetzt auch Maschinen mit den gewünschten Eigenschaften auf dem Papier konstruieren, man konnte ihr Verhalten vorausberechnen, bevor man sie gebaut hat. Das technische Zeitalter mit Eisenbahn, Luftfahrt und Automobil hatte die Welt verändert.

Der Liebe Gott würfelt nicht

Doch dann, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, entdeckte man Phänomene, die der geheiligten Newtonschen Physik nicht gehorchten. Die kleinsten Teilchen hatten anscheinend ihre eigenen Spielregeln. Die Elektronen in einem Atom bewegten sich zwar um dem Kern, der eine Anziehungskraft auf sie ausübte, wie die Sonne auf die Planeten. Aber während sich deren Bahn präzise durch Newtons Gleichungen beschreiben ließ, zeigten die Elektronen ein ganz anderes Verhalten.

Die besten Denker jener Zeit zerbrachen sich den Kopf, unter ihnen Max Planck, Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger. Letzterer entwickelte dann 1926, vor genau 100 Jahren, eine Gleichung, die das Verhalten der Elektronen im Atom ganz richtig beschrieb, die aber zur Folge hatte, dass sich ein Sytem gleichzeitig in zwei verschiedenen Zuständen befinden konnte. Erst durch die Messung würde es sich, per Zufall, für den einen oder anderen Zustand entscheiden.

Einstein protestierte gegen die Zufälligkeit: „Der Liebe Gott würfelt nicht“, worauf ihn Nils Bor zurechtwies: „Hören Sie auf dem Lieben Gott zu sagen, was er zu tun hat.“ Um zu demonstrieren, dass diese Beliebigkeit der Zustände nur in ganz elementaren Systemen, wie etwa Elektronen in einem Magnetfeld gilt, ersann Schrödinger das folgende Gedankenexperiment.

Die arme Katze

Ein radioaktives Atom ist gleichzeitig in zerfallenem und ursprünglichem Zustand. Erst eine Messung würde es definitiv in die eine oder andere Form bringen.

Dieses radioaktive Atom ist in einer Schachtel zusammen mit einem Geigerzähler, der einen elektrischen Impuls abgeben würde, falls das Atom zerfällt. Dieser Impuls würde einen Mechanismus auslösen, der Giftgas in der Schachtel verteilt, in der auch noch eine Katze liegt. Die Arme würde das nicht überleben.

Da das Atom sowohl zerfallen, als auch in ursprünglichen Zustand ist, hat der Geigerzähler sowohl seinen Impuls ausgesandt als auch nicht. Das giftige Gas ist also sowohl ausgeströmt als auch in der Flasche geblieben – und damit ist die Katze sowohl lebendig als auch tot. Erst das Öffnen der Schachtel – der „Messvorgang“ – würde den einen oder anderen Zustand verwirklichen.

Das sollte demonstrieren, wie diese neue Form der Physik, die Quantenmechanik, zu absurden Ergebnissen führt, wenn man sie auf makroskopische Systeme anwendet.

Die Quantensprünge

Diese Quantenmechanik wird in kürzester Form durch die „Schrödinger Gleichung“ Hψ = Eψ symbolisiert. Sie ermöglicht die Entwicklung der Substanzen, der Halbleiter, die in den integrierten Schaltkreisen unserer Handys und Computer die Arbeit machen. Unter den vielen anderen Innovationen, die wir ihr zu verdanken haben, sind der Laser und die MRT, die Magnetresonanztomographie. Da werden wir in sehr starke Magnetfelder gelegt, und die Kerne der Wasserstoffatome, die etwa 10% unseres Körpergewichts ausmachen, werden durch Radiowellen (ca. 50 MHz) dazu gebracht sich zu entscheiden, ob sie „Up“ oder „Down“ liegen wollen. Daraus wird dann ein Atlas unseres Inneren erstellt – genauer und ohne Strahlenbelastung wie beim Röntgen.

Entdeckungen oder Erfindungen wie sie von Pythagoras, Newton oder Schrödinger und Co. gemacht wurden haben nicht nur die Wissenschaft bereichert, sie haben die Welt verändert. Stellen Sie sich das 19. Jahrhundert ohne Eisenbahn, das 20. ohne Auto und das 21. ohne Handy vor. Man spricht dann oft von zivilisatorischen „Quantensprüngen“. Das ist gut gemeint, aber schlecht verstanden. Ein Quantensprung in der Physik ist die kleinste mögliche Veränderung in einem System.

Erwin Schrödinger, ursprünglich Wiener, lebte von 1887-1961, und auch er selbst zeigte eine für quantenphysikalischer Systeme typische Verhaltensweise, nämlich sich gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Zuständen zu befinden. Er konnte sich nicht für die eine oder andere Frau entscheiden und lebte dann gleichzeitig mit beiden.


Der Bestseller des Autors „Grün und Dumm“, und andere seiner Bücher, sind bei Amazon erhältlich. Weitere Artikel und Kontakt zum Autor bei www.think-again.org

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Kommentare ( 7 )

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Ralf Poehling
20 Tage her

Hat sich mal jemand gefragt was passiert, wenn Schrödinger seine Kiste aufmacht und die ist dann nicht etwa leer oder enthält die erwartete Katze, sondern völlig unerwartet einen Fuchs? Oder einen Hund? Oder noch schlimmer: Eine Horde Gorillas, die sich gegenseitig die Kokosnüsse an die Birne werfen? 😉

Platypus
21 Tage her

Der Autor sollte nicht über Physik schreiben, wenn er es nicht versteht. Der Text ist eine Quälerei, wie zum Beispiel der Satz „Ein radioaktives Atom ist gleichzeitig in zerfallenem und ursprünglichem Zustand.“ Schrödingers Gedankenexperiment beruht darauf, daß Katze, radioaktives Atom, Geigerzähler und Gift zusammen in einem Kasten sind und man keinen Einblick hat. Niemand kann berechnen, ob das Atom zerfallen ist oder wann das Atom zerfallen wird. Diese Unberechenbarkeit ist Ursache der Ungewißheit darüber, ob die Katze lebt oder nicht. Das Öffnen des Kastens ist das Experiment, welches das Ergebnis liefert: tot/nicht tot und damit den Zerfall des Atoms bestätigt… Mehr

Wittgenstein_
20 Tage her
Antworten an  Platypus

Diese Erklärung ist genau so falsch, sogar sachlich ungenauer als der Artikel selbst (der auch nicht sauber ist, vor allem beim Thema MRT). Wenn das Problem lediglich die „Unberechenbarkeit“ wäre, dann wäre diese Art von Unwissen wie bei einer makroskopischen Münze, die unter einem Becher liegt: Sie zeigt längst Kopf oder Zahl, wir kennen das Ergebnis nur noch nicht. Das ist aber nicht Quantenmechanik. Das Problem liegt der Quantenmechanik selbst zugrunde. Die quantenmechanische Zustandsentwicklung nach der Schrödingergleichung ist linear, daher gilt das Superpositionsprinzip. Somit ist die Superposition zweier Lösungen auch immer eine Lösung. Das hat auch nichts mit dem Beobachter… Mehr

Mausi
24 Tage her

„Könnten Sie das?“ Absolut nicht. Wie gut, dass es Menschen mit anderen geistigen Kapazitäten gibt. Sonst gäbe es viele Erfindungen nicht. Und wie traurig, dass wir echte geistige Überflieger nicht fördern. Stattdessen hängen wir jedem einen Uniabschluss oder gar eine Professur um den Hals.

P.Schoeffel
25 Tage her

Wenn der Schrödinger seine Katze vor 100 Jahren in die Kiste gesperrt hat, weiß ich sicher:
Die Katze ist tot – vor ca. 99 Jahren verhungert.
Da brauche ich keine Quantenphysik.

Micci
25 Tage her

Übrigens: wer noch nach einem schönen Beispiel sucht, um das mit der Katze zu erklären, verweise doch einmal auf die Gender“wissenschaft“:

Da gibt es tote Radfahrende!

Micci
25 Tage her

Genau das ist Schrödinger:
die Katze ist tot, aber sie wird 100 🙂