Chancen, Risiken, Ursachen der Migration

Sind es nicht doch Krokodilstränen, die Politiker und Medien über das grauenhafte Schicksal ertrinkender Migranten im Mittelmeer und anderswo weinen? In der Tat: Es sind Menschen „wie du und ich“ und jeder Mensch ist einmalig und lebt nur einmal. Welch eine Verzweiflung muss diese Menschen treiben und welch eine fatale Hoffnung auf bessere Lebenschancen in Europa? Es scheint hier ein kurzfristig unlösbarer Konflikt vorzuliegen als Resultat verfehlter Politik im letzten Jahrhundert.




Trotz allen guten Willens der Gutmenschen können nicht alle leidenden Menschen aus krisengeplagten Entwicklungsländern in die Wohlfahrtsoasen Europas aufgenommen werden.

Jedoch: Europa muss helfen – aber wie? Alle Schiffbrüchigen aufnehmen – das wäre gleichbedeutend mit „freier“ Einwanderung und zusätzlich eine Belohnung für die verbrecherischen Schlepperbanden. Vermehrte Militärpräsenz der NATO, wie vereinzelt gefordert, wird das Problem auch nicht an der Wurzel packen.

Abschreckung als Alternative

Es wäre daher sinnvoller (und ist schon verschiedentlich vorgeschlagen worden), legale Möglichkeiten der Einwanderung zu eröffnen. In den Botschaften und Konsulaten müssten Einwanderungsanträge gestellt werden können. Ob der „australische Weg“, wie grausam er auch scheint, nicht langfristig die überzeugendere Lösung darstellt? Auch die Philippinen schickten Schiffe mit Migranten zur Abschreckung wieder zurück aufs Meer.

Kurzfristig wird das Problem nur mit besserer Abschreckung zu lösen sein. Aber eine langfristige Lösung muss angestrebt werden! Daher ist nach den Ursachen der Migration zu fragen. Menschen wollen – verständlicherweise – ihre wirtschaftliche und persönliche Situation verbessern.

Daher: Ist das heutige Migrationsproblem nicht auch eine Folge der verfehlten Weltwirtschafts- und Entwicklungspolitik der Industriestaaten im letzten Jahrhundert? Viele europäische Staaten und die USA haben sich durch „Abschottung“ von der Dritten Welt Wettbewerbs- und Entwicklungserfolge verschafft. Ein freier Welthandel, so lehrt die Ökonomik, führt zu einem Angleichen des Wohlfahrtsniveaus der beteiligten Staaten. Im 18. Jht. hat die Auswanderung aus Europa hier Wohltandsmöglichkeiten eröffnet (höhere Löhne) – und gleichzeitig hat der Humankapitalimport der amerikanischen Entwicklung geholfen (in den USA Löhne gesenkt, was zu Protesten der Arbeiter führte). Nach ökonomischer Logik wandern entweder Menschen zu profitableren Arbeitsplätzen oder Waren und Dienstleistungen wandern und schaffen in den Exportländern Arbeitsplätze. Importe sind jedoch stets eine Gefahr für konkurrierende nationale Produkte. Exporte erhöhen dagegen die Beschäftigungsmöglichkeiten und den Wohlstand. Verständlicherweise schützen sich Nationalstaaten vor einer unkontrollierten Einwanderung. Sie könnten jedoch den Armen der Entwicklungsländer aber auch helfen, indem sie ihnen ihre Waren und Dienstleistungen zu einem fairen Wettbe-werbspreis abkaufen. Genau das aber haben Unternehmen und Gewerkschaften in Europa und den USA über Jahrzehnte be- wenn nicht verhindert.

Anstatt den Menschen der Dritten Welt ihre Waren abzukaufen haben Industriestaaten Entwicklungshilfe geleistet. Handel führt zu Wohlstand – nicht Geschenke! Ein Spötter bezeichnete Entwicklungshilfe einmal als ein „Nehmen des Geldes der Armen reicher Länder und ein Geben an die Reichen armer Länder“. Beiderseitige Korruption hat die durchgeführte Ent-wicklungshilfe versanden lassen und eben keine Entwicklung ermöglicht. Die durchgeführte Entwicklungshilfe hatte die eher Entwicklung gehemmt. Allerdings haben sich die Eliten vieler Entwicklungsländer durch Entwicklungshilfe gerne korrumpieren lassen, weil dies ihre Macht absicherte. Staatliche Hilfe muss nämlich über ihre Konten gehen!

Ohne Zukunftschancen in ihrem Land bleibt den Menschen als Ausweg nur die Migration. Unser kurzfristiger wirtschaftlicher Vorteil hatte langfristige negative Folgen und kommt nun als Bumerang zurück. Mittlerweile haben europäische Staaten ein Demographieproblem. Migranten sind daher jetzt willkommen, weil wir sie brauchen. Kurzfristig scheint das wieder für die Industrieländer von Vorteil zu sein. Langfristig schadet dies der Dritten Welt.

Ein Beispiel möge das Problem aufzeigen: Als der Arbeitsmarkt nach der rasanten Entwicklung der Bundesrepublik in den 1960er Jahren spannte, hätten in einer Wettbewerbssituation die Löhne ansteigen müssen. Deutschland wählte jedoch den Import von Gastarbeitern. Das senkte die Löhne und hielt die Arbeitskosten gering. Gleichzeitig wurde jedoch weniger investiert. Die höheren Löhne hätten nämlich zu Rationalisierungsinvestitionen geführt, was das Volkseinkommen – auch pro Kopf – hätte ansteigen lassen.




Ausbeutung nimmt zu statt ab

Die nicht überzeugende Familienpolitik führte nun zu einem demographischen Problem. Uns fehlen erneut Arbeitnehmer, die wiederum aus anderen Ländern kommen sollen. Kurzfristig mag es vernünftig klingen – jedoch, was sind die langfristigen Folgen?

Wir importieren dadurch Humankapital, also Menschen, die in armen Ländern eine gewisse Ausbildung bekommen haben. Es sind zusätzlich die aktiveren Unternehmertypen, die sich auf den Weg nach Europa machen. Das senkt die Wachstumschancen der armen Länder und erhöht den Wunsch zur Migration. Arme Länder werden – sie sind für ihre jämmerliche wirtschaftliche Situation allerdings mit verantwortlich – ausgebeutet. Wir heimsen uns ihr Humankapital ein (brain drain). Ob nicht durch unkontrollierte Migration in Europa doch langfristig ethnische Konflikte entstehen können – mit religiösen Spannungen?

Wir sollten Importe aus der Dritten Welt erleichtern und den dortigen Politikern ernsthaft die Funktionsweise und die Chancen einer „Sozialen Marktwirtschaft“ und guter Regierungskunst erläutern. In den 1980er Jahren habe ich bei Essen mit dem jeweiligen „Entwicklungsminister“ dieses Thema angeschnitten. Die jeweilige Antwort: „Ach, am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Und damit war die Sache vom Tisch. Allerdings hatte die ökonomische Zunft – in der Folge des Siegeszuges des Keynesianismus – auch mehr gerechnet als ordnungspolitische Vorschläge für die Entwicklung von Ländern ausgearbeitet.

Wenn Entwicklungshilfe, dann mit Auflagen in Richtung Rechtsstaat, funktionierende Bürokratie und Demokratie. Nur so lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung fördern. Ohne wirtschaftliche Perspektiven in den Herkunftsländern werden die dortigen Menschen weiterhin den waghalsigen Weg nach Europa antreten und eine Abschottung wird auch mit Zäunen (siehe Mexiko – USA) nicht gelingen.




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