Ukraine und Pegida: Vertrauen in Journalisten sinkt

Ukraine-Krise und Pegida-Demonstrationen stellen die Arbeit von Journalisten in Frage. Nun beschäftigt sich auch das Medienmagazin ZAPP vom NDR mit der Frage, warum Journalisten so viel Vertrauen verloren haben.

Laut der Umfrage haben 63 Prozent der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung deutscher Medien.

Von diesem Teil der Nutzer empfindet fast jeder Dritte die Berichterstattung als einseitig und 18 Prozent gehen gar von einer bewussten Fehlinformation durch die Medien aus. Das Misstrauen zieht sich dabei quer durch alle Alters- und Einkommensgruppen, unabhängig von Geschlecht und Wohnort. Zudem scheint es sich sogar auf die Wahrnehmung der Medien insgesamt auszuwirken. 14 Prozent aller Befragten meinen, dass ihr Vertrauen in die Medien durch die Berichterstattung über die Ukraine-Krise gesunken sei. Insgesamt ist das Vertrauen in die Medien so schlecht wie lange nicht mehr. Haben im April 2012 noch 40 Prozent der Befragten angegeben, großes oder sehr großes Vertrauen zu den Medien zu haben, sind es jetzt, im Dezember 2014, nur noch 29 Prozent.

Dazu einige Thesen, die ich auch bereits mehrfach gedruckt vorgelegt habe:

1) Journalisten pflegen oft eine Art „Hinrichtungsjournalismus“. Dabei wird nicht versucht, Menschen Ausdruck zu verleihen, sondern sie bewusst misszuverstehen, Aussagen zu verkürzen, aus dem Zusammenhang zu reißen, um diese Menschen negativ vorzuführen. Das schafft Schlagzeilen, denn die Meute greift auf, was andere ihr vorwerfen. Dagegen wehren sich immer mehr Menschen, denen ein Presserechtler nicht zur Verfügung steht, durch Schweigen. Profis umgeben sich mit Pressesprechern, Anwälten und Aufpassern; lassen sich Interviews zur Autorisierung vorlegen und schwächen problematische Aussagen ab. Umso anstrengender wird die Jagd und die Suche nach „authentischen“ Aussagen, die sich skandalisieren lassen. Beispiele für diese Art „Hinrichtungsjournalismus“ finden sich zu viele; immer wenn ein verkürztes Zitat eingesetzt wird, kann man davon ausgehen: Hier wird die Wahrheit durch Überspitzung zumindest verdreht, oft völlig verkehrt.

2) Erfolgversprechend ist eine „Skandalisierung“. Nicht mehr Sachverhalte werden berichtet, sondern Missstände sollen aufgedeckt, Schufte vorgeführt, Verantwortliche gesucht und angeprangert werden. Dies ist sicherlich auch eine Aufgabe des Journalismus. Aber die Technik und Vorgehensweise hat sich verselbständigt. Ein Beispiel schickt der sächsische Politiker Arnold Vaatz (siehe unten): Wochenlang wurden die Bewohner der Stadt Sebnitz der mörderischen Ausländerfeindlichkeit bezichtigt – bis sich die Wahrheit sehr schlicht und sehr anders herausstellte.

3) Meinung überdeckt die Fakten. Ein Beispiel lieferte die Tagesschau am Montag, dem 15.12. um 20:00 Uhr. Es wurde gemeldet, dass die Zahl der Teilnehmer an der Pegida-Demonstration abgenommen habe. Tatsächlich meldete aber der Liveticker der Sächsischen Zeitung bereits um 19:43 Uhr mit: „Thomas Geithner; Pressesprecher der Polizei Dresden, gibt die offiziellen Zahlen zu den Teilnehmern bekannt. Er spricht von „mehr als 10.000″ Menschen“, also tendenziell einer Steigerung der Teilnehmerzahl, und gleichzeitig einer Abnahme bei den linken Gegendemonstrationen. Nun muss man kein Pegida-Anhänger zu sein, um die manipulative Absicht zu erkennen: Diese politisch skandalisierte Organisation soll klein geredet werden. Gerade das staatlich finanzierte TV-System aber sieht sich latent dem Verdacht ausgesetzt, im Dienste der Regierungen zu stehen, was durch die Zusammensetzung der Rundfunkräte ja auch bestätigt wird. Eine hübsche Analyse der Tagesschau, Satz für Satz seziert, lesen Sie hier.

4) Journalisten laufen Gefahr, sich zum Handlanger der Mächtigen zu machen. Die Droge heißt Nähe. Journalisten möchten gerne den Mächtigen nahe sein, um Informationen zu erhalten. Nähe setzt aber ein Mindestmaß an Zustimmung voraus. Also teilen Journalisten den „Spin“, die „Drehung“, die Politiker den Ereignissen geben. Gerade in Berlin ist diese Nähe zu eng geworden, weil Politiker und Journalisten im Regierungsviertel tagein tagaus aufeinander kleben. Politiker und PR-Agenturen haben gelernt, sich diese Neigung von Journalisten zu nutze zu machen. Sie sind daher im Meinungskampf allen anderen Gruppen weit überlegen.

5) Journalisten teilen bestimmte Werte und versuchen, diese zu transportieren – und dabei entsteht eine ausgeprägte Einseitigkeit. Journalisten in Deutschland verstehen sich mehrheitlich als dem linken oder grünen Spektrum zugehörig, was an sich nicht verwerflich ist. Allerdings besteht ihr Berufsethos darin, sich als „Meinungslenker“ zu verstehen; während etwa angelsächsische Journalisten sich als „Nachrichten-Geber“ sehen. Darin ähneln unmittelbar nach der Wende westdeutsche übrigens den stalinistisch ausgebildeten ostdeutschen Kollegen. Dies ist vermutlich eine lange Tradition, die in der lange autoritären Struktur Deutschlands begründet liegt.

6) Journalisten wollen, wie alle Menschen, in der Gruppe geachtet und geschätzt werden. Sie orientieren sich an Vorbildern, denen sie nacheifern. Dadurch entsteht der Gruppendruck. Er wird verschärft durch die derzeitige Medienkrise. Im Schwarm fühlt sich der einzelne Fisch sicher; je näher man aufeinander rückt, um so homogener, mächtiger und einheitlicher wirkt der Schwarm, und umso bedrohlicher. Das reduziert die Gefahr für den Einzelnen, abseits zu stehen, oder gar Kritik einstecken zu müssen.

7) Der Gruppendruck führt zum „Wolfsrudel“, von dem sich der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Beck gejagt fühlte.  The winner takes it all. Loosers don’t sell. Tony Blair hat den Mechanismus kurz vor seinem Rücktritt beschrieben: „Aus der Sorge, etwas zu verpassen, jagen die Medien heute, mehr als je zuvor, in einem Rudel. In diesem Modus sind sie wie ein wildes Biest, das Menschen und Reputationen einfach in Stücke reißt.“

Sicherlich gibt es noch weitere Gründe für den Konformitätsdruck der Medien. Dazu zählt die Nähe zur politischen Macht im Zuge der Zentralisierung Deutschlands auf Berlin als Haupt-Medienstandort. Das redaktionelle Herz vieler Regionalzeitungen, wie etwa der Süddeutschen, schlägt nicht mehr vor Ort, also zum Beispiel in München, sondern in Berlin und gleicht sich somit den anderen Redaktionen zwischen Restaurant Borchardt und Café Einstein in Berlin Mitte an. Evelyn Roll, langjährige Korrespondentin, spricht von einer „freiwilligen Gleichschaltung“. Viele Journalisten in Berlin übernehmen unkritisch die Sicht der Regierung. eigentlich sollte es ja selbstverständlich sein, dass Demonstrationen sich gegen die Regierung richten; Pro-Demonstrationen kennt man eigentlich nur aus Diktaturen. Um so erstaunlicher ist, wie bereitwillig Journalisten, in diesem Fall wiederum als beliebiges Beispiel die Süddeutsche, Minister-Meinungen transportieren und sich zu eigen machen: So machte die Süddeutsche am 15.12. mit der Aussage des Justizministers Maas auf, die Pegida-Demonstrationen seien eine „Schande für Deutschland“.

Historisch gesehen wäre es eher ein Novum, wenn Maas der Kritik der Demonstranten am Regierungskurs zugestimmt hätte. Aber diese kritische Distanz scheint vielen Journalisten in Berlin abhanden gekommen zu sein, da sie Opfer der Nähe sind. Und wie die ARD darauf reagiert, hier auf dieser Site unter „Meinung“

Zu den aktuellen Vorfällen erhielt ich folgenden Kommentar von Arnold Vaatz:

„Das erste Mal hörte ich im März 2001 während meiner Abgeordnetensprechstunde von einem Bürger, dass er nie wieder mit einem Vertreter der Medien ein Wort reden werde. Wegen Sebnitz.

Wikipedia von heute hierzu „Im November 2000 geriet Sebnitz bundesweit in die Schlagzeilen.[3] Angeregt durch ein Gutachten von Christian Pfeiffer hatte die Bild-Zeitung berichtet, dass der sechsjährige Joseph Kantelberg-Abdullah am 13. Juni 1997 in einem Sebnitzer Freibad von rassistischen Jugendlichen ertränkt worden sei. Der Ablauf konnte nie zufriedenstellend geklärt werden.[4] Die eigentliche Todesursache des Jungen war ein Herzinfarkt beim Schwimmen mit anschließendem Ertrinken, ausgelöst durch einen angeborenen, von der Mutter bei den Ermittlungen jedoch verschwiegenen Herzfehler[5], wie der Spiegel im Januar 2001 meldete. Die Vorgänge um den Tod des Jungen führten zu einer monatelangen bundesweiten intensiven Berichterstattung.[6] Auch Volker Schlöndorff interessierte sich für den vermeintlichen Stoff.[7] „

Damals wurde einer ganzen Kleinstadt fälschlicherweise pauschal Verschleierung und Beihilfe zu einem gemeinschaftlichen Mord aus rassistischen Beweggründen unterstellt. Die Stadt Sebnitz hat sich von dieser medialen Rufmord zu keinem Zeitpunkt erholt. Ich kenne Menschen, die seit dieser Zeit jegliche Kommunikation nicht nur mit den Medien, sondern auch mit der Politik als Ganzes abgebrochen haben.“

Arnold Vaatz ist seit 2002 Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 1990 bis 1992 war er Sächsischer Staatsminister in der Staatskanzlei und von 1992 bis 1998 Sächsischer Staatsminister für Umwelt und Landesentwicklung.

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