Soziologe Streeck: Und was ist, wenn es nächstes Jahr ein neues Virus gibt?

Die Datenlage sagt so gut wie nichts aus über Infektionswege und Gefährlichkeit von Corona, kritisiert Wolfgang Streeck, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Die Krise habe gezeigt, dass das System der globalen Vernetzungen an seine Grenzen stoße.

picture alliance / Pacific Press | Alessandro Bosio

Köln. Wie bewältigt Deutschland eine weitere Virus-Pandemie im nächsten oder übernächsten Jahr? Nach Ansicht des Kölner Soziologen Prof. Wolfgang Streeck sind die finanziellen Spielräume des Staates bis dahin aufgebraucht, eine weitere Pandemie werde unbeherrschbar. „Ich kann mir eine Situation vorstellen, in der dieses System schon früher an seine Grenzen gerät: Wenn nämlich im nächsten oder übernächsten Jahr noch ein „neuartiges Virus“ kommt, nicht unbedingt ein schlimmeres, aber jedenfalls eines, das nicht mit den Mitteln zu bekämpfen ist, die jetzt entwickelt wurden“, schildert Streeck, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, im Magazin Tichys Einblick. „Noch mal dieselben Schulden aufnehmen? Das ist das wirklich Brisante an unserer Lage: Die Unbeherrschbarkeit der globalen Netze und deren Unterhaltungs-, Absicherungs- und Schadensausgleichskosten, die wir vor uns herschieben, weil sie nicht bezahlbar sind.“ Das weltweite Aufhäufen von Schulden könne so nicht weitergehen. „Vielleicht gibt es irgendwann einen Schuldenschnitt; was dann passieren kann, entzieht sich jeder Fantasie.“

Zum Verzweifeln ist nach Streecks Einschätzung der Umgang mit den Corona-Zahlen, Fachleuten würden sich „die Haare sträuben“, so der Soziologe. „Generell sind die Statistiken, die uns jeden Abend von den Fernsehmännern und -frauen verlesen werden, zum Verzweifeln: «In Zusammenhang mit» verstorben sagt so gut wie nichts, «neu infiziert» müsste heißen «positiv getestet», für «geheilt» steht die Zahl der positiv Getesteten minus der Zahl der «an und mit» Gestorbenen.“ Ebenso verwirrend sei die Darstellung der Auslastung der Intensivbetten. „Ich würde gern wissen, wie die erhebliche Diskrepanz zwischen den angeblich vorhandenen, noch freien und in Reserve rasch aufbaubaren Intensivbetten und der offensichtlichen, immer wieder berichteten Grenzbelastung der Intensivstationen zustande kommt.“


Das ganze Interview in Tichys Einblick 03-2021 >>>

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Kommentare ( 109 )

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109 Comments
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Kuno.2
7 Monate her

Selbstverständlich gibt es 2022 und so fort jeweils neue Mutationen und insoweit neuen Virus.
Denn das haben Viren eben so an sich, dass diese mutieren.
Deswegen müssen ja auch die sogenannten „Grippeschutzimpfungen“ jedes Jahr wiederholt werden, eben wegen deren Mutation.
Die Welt wird aus dieser selbst verursachten und hochgejubelten Pandemie nicht mehr herauskommen.

Last edited 7 Monate her by Kuno.2
Andreas Sewald
7 Monate her

Dilettantismus als Fahrplan? Ich fang dann mal ohne Anspruch auf Vollzähligkeit an. Was hat man uns in den vergangenen 12 Monaten nicht alles mit zweifelhaftem Erfolg zugemutet. Die teure Corona-App, die ein Rohrkrepierer war und eigentlich die überlasteten Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung der Infektionsketten unterstützen sollte. Das Desaster mit dem nur unzureichend verfügbaren Impfstoff, weil Merkel keine nationalen Alleingänge wagen wollte und die wohl wichtigste Regierungshandlung seit Bestehen dieser Republik an den Moloch Brüssel delegierte. Jetzt hebt sie und Ihr Trupp achselzuckend die Schultern und schiebt die Verantwortung von sich. Politiker und ihre Berater, die zuerst Masken für sinnlos, dann… Mehr

Peter Silie
7 Monate her

In meiner näheren Umgebung sind in den letzten Wochen drei Menschen gestorben. Und zwar deshalb, weil sie altersbedingt schlicht ihr Lebensende erreicht hatten. Hätten sie COVID bekommen, hätte man sie zu den unter allen Umständen zu vermeidenden Covidtoten gerechnet. Sterben Menschen in den Alten- und Pflegeheimen kurz nach einer Impfung, kommt hingegen niemand auf die Idee, diese Toten dem Impfstoff zuzurechnen. So werden Statistiken verfälscht. Menschen, die an ihr Lebensende gekommen sind, sterben nun einmal. Der einzig wichtige und ehrlich Parameter zur Bestimmung der Gefährlichkeit einer Infektionskrankheit, wäre die Sterblichkeit bei den vitalen Menschen. In diesem Sinne sind Pest, Ebola,… Mehr

Peter Silie
7 Monate her

Man lernt bereits im ersten Semester, daß man Normieren muß: Die Zahl der positiv Getesteten ist in Relation zu der Gesamtzahl der Tests zu setzen.
Darüber hinaus sind bei statistischen Verteilungen auch immer Kenngrößen anzugeben, wie etwa die Standardabweichung, der wahrscheinlichste Wert, der Durchschnittswert, der Median usw.
Was hier der Öffentlichkeit präsentiert wird und worauf die Entscheidungen der Politik beruhen, sind Zahlen ohne Aussagekraft.
Die Generation, die erstmals bei PISA abgeschmiert ist, ist jetzt berufstätig und findet sich u.a. in den Medien wieder. So was, kommt eben von so was. Dafür können Sie jetzt aber Gendern.

Cubus
7 Monate her

Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, falls noch jemand dahingeht. Natürlich ist ein nächstes Virus schon in der Pipeline, sagte doch auch Bill. The Grat Reset, das geht nicht über Nacht, da wird es weitere geben. Und sollte das Volk echten Widerstand leisten, dann ein Virus, das die Menschen wirklich dahinrafft. Wer nicht hören will, muss fühlen. Alles beschlossene Sache, es gibt kein Zurück.

Peter Silie
7 Monate her
Antworten an  Cubus

Müßte es nicht eher „Crudus“ heißen?

AnSi
7 Monate her

Warum so lange warten? IN Afrika haben sie doch schon Ebola wiederentdeckt. Zwar nichts Neues, aber mal wenigstens RICHTIG gefährlich. Geld ist zwar alle, Gesundheitswesen kaputt, aber es ist wenigstens so schön bunt hier!
Weiter mit Volldampf Richtung Regenbogen!

GiacomoLeopardi
7 Monate her

Ja klar. Ab jetzt ist immer Virus-Alarm. Ist ja auch immer Terror-Alarm und Klima-Alarm. Was die Eliten, mit Hilfe ihrer Schergen, einmal mühsam durch beharrliches Lügen und unablässige Panikmache in den Köpfen der Bevölkerung etabliert haben, soll auch da drin bleiben. Man wäre ja irre, wenn man Entwarnung gäbe, auf dem besten Wege zur totalen Kontrolle. Aber weiter geht’s für uns alle schon – nur anders…

Egon Rudel
7 Monate her

Es ist doch immer das gleiche Prinzip, an das sich die Neo-Kommunisten halten: Der Mensch ist von Geburt an gleich, nur die Gesellschaft diskriminiert. Deswegen werden, um den Weltfrieden mit einer Weltregierung durchzusetzen, alle Länder und alle Personen innerhalb der Länder nivelliert. Deswegen Gender Mainstreaming, Multikulti, CO2 oder Corona. Die reichen Länder werden herunter gewirtschaftet, die armen sollen die Möglichkeit haben gerecht aufholen zu können. Die EU ist nur ein Experiment, da lernt man aus Fehlern und setzt das in der Weltregierung besser um. Biden ist beliebt, weil er mitmacht, Trump hatte nicht mitmachen wollen. Die AfD ist EU-kritisch, ist… Mehr

Old-Man
7 Monate her

Ein kluger Mann, dieser Wolfgang Streeck, das er verzweifeln könnte an dem hahnebüchenen Unsinn der uns tagtäglich präsentiert wird, das kann Ich sehr gut verstehen!. Schon im letzten Jahr, wo die „Coronatoten?“ noch deutlich einstellig waren, sagte ein Hamburger Pathologe, das man nur von Coronatod sprechen könnte, wenn durch eine Obduktion zweifelsfrei Corona als Todesursache abgesichert wäre, alles andere wäre unredlich. Kurze Zeit später wurde darauf reagiert, und nicht mehr von Coronatoten, sondern von an und mit oder Corona verstorbenen geredet, was natürlich genauso blödsinnig ist, wie einem am Herzinfarkt verstorben einen an Herzinfarkt und Blähungen verstorbenen zu nennen!! Das… Mehr

bkkopp
7 Monate her

Zur letzten Frage des Autors hilft vielleicht zu verstehen, dass traditionell die Zahl der Intensivbetten aus den Inventarlisten gemeldet wurden. Es sind einfach Betten mit den dazugehörigen technischen Geräten. Auch Räume mit den entsprechenden Anschlüssen sind meist vorhanden, wenn sie nicht gerade anderweitig genutzt werden. KH-Ärzte spekulieren, dass sehr viele KH für 20-30% der gemeldeten Intensivbetten nicht das notwendige Fachpersonal haben, und oft nie hatten, und bei erhöhtem Bedarf auch nicht bekommen können. Wenn sich dann auch noch ein paar Fachkräfte krank melden, dann kann die tatsächlich einsatzfähige Kapazität nur ca. 2/3 der gemeldeten betragen, auch wenn es dafür keine… Mehr