Niedersachsens Städte und Gemeinden warnen vor finanziellem Kollaps

Bund und Länder verteilen Ansprüche, Kommunen zahlen die Rechnung: In Niedersachsen kippen Haushalte, während Klimaziele, Migration und Soziallasten Rathäuser überfordern. Am Ende verschwinden dafür Freibäder, Vereine und Kultur.

IMAGO

Jetzt protestieren auch die Städte und Gemeinden. Vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover hat am Mittwoch der niedersächsische Städte- und Gemeindebund gegen drohende Überschuldung protestiert. Er warnt vor einer dramatischen Schieflage der Kommunalfinanzen. Präsident Marco Trips beschreibt die Lage im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Der Staat insgesamt lebt über seine Verhältnisse. Und das auf Kosten der Kommunen. Die öffentlichen Haushalte sind insgesamt an ihre Grenzen geraten.“

Die Kommunen stünden dabei „am Ende der Nahrungskette“. Bund und Länder beschließen Leistungen, Standards und Versprechen – die praktische Umsetzung landet häufig in den Rathäusern. Trips: „Wir versuchen mit unserer Aktion heute, die Kommunalfinanzen stärker in den Vordergrund zu rücken.“

Nach Angaben von Trips kann etwa jede fünfte niedersächsische Kommune ihren Haushalt bereits nicht mehr ausgleichen. Weitere Gemeinden lebten noch von Rücklagen, doch diese Reserven seien endlich. Seine Prognose: Die Zahl der Kommunen mit echten Finanzproblemen könnte sich in den kommenden Jahren verdoppeln. Der heutige Aktionstag soll deshalb die Kommunalfinanzen stärker in den Vordergrund rücken. Viele Städte und Gemeinden, so Trips, gerieten „gerade in Schieflage“.

Niedersachsens Kommunen verzeichneten 2025 trotz steigender Steuereinnahmen ein Finanzierungsdefizit von rund 3,6 Milliarden Euro. Die kommunale Verschuldung liegt bei mehr als 23 Milliarden Euro. Besonders stark drücken Sozialausgaben, Jugendhilfe, Schulbegleitung, Personal, Zinsen, Kita- und Bildungsaufgaben auf die Haushalte. Trips nennt vor allem die Sozialausgaben als Hauptproblem. Viele Aufgaben seien wichtig, aber im Gesamtsystem kaum noch finanzierbar.

Eine einfache Lösung über höhere Einnahmen sieht der Gemeindebund nicht. Zwar können Kommunen Grund- und Gewerbesteuer anheben. Doch damit lasse sich die Dynamik der Ausgaben nicht auffangen. Selbst eine deutliche Grundsteuererhöhung wäre, so Trips, nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Zugleich würden höhere Gewerbesteuern die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. Das eigentliche Problem liege deshalb nicht bei einzelnen Gemeinderäten, sondern in der dauerhaften Übertragung neuer Aufgaben ohne ausreichende Gegenfinanzierung.

Auch die angekündigten Milliardenhilfen lösen das Grundproblem nicht. Investitionsprogramme helfen bei Schulen, Straßen, Gebäuden oder Infrastruktur. Sie schließen aber keine Haushaltslöcher. Kommunen brauchen nicht nur Geld für neue Projekte, sondern auch Mittel für den laufenden Betrieb: Personal in Kitas, Unterhaltung von Gebäuden, Jugendhilfe, Sozialleistungen, Schwimmbäder, Sportstätten und Verwaltung. Genau dort wächst die Lücke.

Besonders brisant ist, wo Kommunen im Ernstfall sparen müssten. Bei den Pflichtaufgaben bleibt wenig Spielraum. Wer konsolidieren muss, greife daher zuerst zu den sogenannten freiwilligen Leistungen: Schwimmbäder, Kultur, Sportförderung, Zuschüsse für Vereine, Bibliotheken, Musikschulen, Stadtfeste. Doch genau diese Angebote machten das Leben vor Ort aus. Trips: „Das ist demokratiegefährdend.“ Denn der Bürger erlebt den Staat nicht zuerst im Bundeshaushalt, sondern im geschlossenen Freibad, im gestrichenen Zuschuss für den Sportverein oder in der verfallenden Schule.

Derzeit würden immer neue Geschenke verteilt: kostenlose Tablets, beitragsfreie Kitas, kostenlose Ganztagsbetreuung, in Hannover ist kostenloses Mensaessen jetzt ein Thema im Kommunalwahlkampf. Trips: „Aber irgendjemand muss das alles bezahlen.“

Personalabbau ist nach Ansicht des Gemeindebundes ebenfalls keine realistische Antwort. In vielen Verwaltungen herrscht kein Personalüberhang, sondern Personalmangel. Zahlreiche Stellen sind unbesetzt. Wer sparen will, müsse daher über Aufgaben und Standards reden. Trips fordert weniger Berichtspflichten, weniger Bürokratie und weniger zusätzliche Vorgaben. Sein drastisches Bild dafür: Man müsse „mit der Säge durchgehen“.

Er sagte nicht „Kettensäge“, wie das der argentinische Präsident Milei erfolgreich getan hat.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz könnten Verwaltungsabläufe langfristig verbessern. Doch auch sie beseitigen kein bundesweites kommunales Defizit von mehr als 30 Milliarden Euro. Dasselbe gilt für Zentralisierung. Manche Querschnittsaufgaben ließen sich bündeln, etwa IT,

Personalabrechnung oder Verwaltungsverfahren. Aber die kommunale Selbstverwaltung habe auch eine demokratische Funktion. Sie sorgt dafür, dass Entscheidungen vor Ort nachvollziehbar bleiben. Wer alles nach Hannover, Berlin oder in zentrale Behörden verlagert, entfernt den Staat weiter von den Bürgern.

Den Protest der Kommunen will Trips als ein Warnsignal aus der Ebene verstanden wissen, auf der Politik unmittelbar sichtbar wird. Wenn Rathäuser nur noch Mangel verwalten, wenn Vereine, Schwimmbäder und Kulturangebote verschwinden und gleichzeitig immer neue Rechtsansprüche beschlossen werden, verliere der Staat vor Ort Glaubwürdigkeit, mahnt Trips.

Was Trips ebensowenig wie die meisten Kommunen ansprechen, sind die beiden großen politischen Kostentreiber, die viele Kommunen zusätzlich belasten: Die selbst gesetzten oder gesetzlich flankierten Klimaziele und die Folgen der anhaltenden Massenmigration. Vielen Städten konnte es in den vergangenen Jahren nicht schnell genug gehen, sich zu klimaneutralen oder treibhausgasneutralen Kommunen auszurufen. Hannover etwa will bis 2035 klimaneutral werden; Osnabrück strebt Klimaneutralität für die gesamte Stadt bis 2030 an, spätestens bis 2040.

Solche Beschlüsse bleiben nicht auf dem Papier stehen. Sie ziehen Programme, Planstellen, Gutachten, Wärmeplanung, energetische Standards, Verkehrsumbau, Gebäudesanierung, Fernwärmeausbau und Förderbürokratie nach sich. Das Niedersächsische Klimagesetz weist Kommunen ausdrücklich Klimaschutzaufgaben zu; die kommunale Wärmeplanung ist für Städte und Gemeinden inzwischen Pflicht.

Hinzu kommt die Migration. Aufnahme, Unterbringung, Betreuung und Integration von Flüchtlingen und Asylbewerbern sind keine abstrakten Bundesprogramme, sondern landen praktisch vor Ort: bei Landkreisen, Städten, Gemeinden, Schulen, Kitas, Sozialämtern, Wohnungsämtern und Ausländerbehörden. Die niedersächsischen kommunalen Spitzenverbände hatten bereits gewarnt, die Zuwanderung stelle die Kommunen in der bisherigen Form vor einen „nicht mehr lösbaren Finanzierungs-, Organisations- und Integrationsdruck“. Auch spätere Positionspapiere forderten, Vorhaltekosten, Unterbringung und Integration dauerhaft auskömmlich zu refinanzieren.

Die kommunale Finanzkrise ist nicht nur das Ergebnis leerer Kassen oder steigender Sozialausgaben. Sie ist vor allem eine Folge politischer Großprojekte, die vom Bund beschlossen oder moralisch aufgeladen werden, deren Kosten aber in den Gemeinden sichtbar werden. Klimaneutralität, Wärmewende, Mobilitätswende, Integrationsaufgaben und Migrationsfolgen treffen auf Rathäuser, die schon jetzt nicht genug Personal haben und ihre Haushalte nicht mehr ausgleichen können.

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Kommentare ( 26 )

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WGreuer
20 Tage her

Nun, die linksvergrünten Städte, Stadtverwaltungen und Stadträte haben den linksgrünen Mist jahrelang jubelnd mitgetragen. Es wr doch toll, erwünscht und „wichtig“. Egal ob Klimawahn, Massenmigration, etc. Alles wurde ohne aute Kritik an den Ländern oder an der Regierung geschluckt. Kritik war verpönt, wenn AfD-Abgeordnete (oder auch mal FW oder andere) kritisiert haben, wurden sie als Natsi und rrrächts beschimpft. Die Finanzierungsprobleme sind die logische Konsequenz aus all dem linksgrünen Mist.
Nun wird geliefert, was bestellt wurde. Sie werden es aber trotzdem nicht kapieren.

Zebra
21 Tage her

Na ja, Gleichstellungsbeauftragte, Klimabeauftragte usw. könnte man ersatzlos streichen.

Siggi
21 Tage her

Daran sind sie selbst Schuld. Massen an Ungebetenen Migranten ins Land holen und dann nicht klarkommen. Genau mein Homor.

In Sachsen Anhalt wird man bald sehen, wie das geht und welche Erfolge dann gefeiert werden.

Klaus D
21 Tage her

Das meisten davon haben wird er CDU/CSU zu verdanken und jetzt kommt das immer mehr durch was sie damals gemacht hat….. Angela Merkel hat diese Kostenverschiebung vor allem in den Bereichen Kinderbetreuung, Flüchtlingspolitik, Rentenreformen und bei der Pflegeversicherung umgesetzt. Die Folgen spüren die Bürger und Städte heute extrem deutlich durch marode Infrastrukturen und steigende Abgaben. Hier ist die genaue Übersicht, wo (Bereiche), wie (Maßnahmen) und mit welchen Folgen das passiert ist: 1. Kinderbetreuung: Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz (2013) Wo es gemacht wurde: Im Bereich der Familien- und Bildungspolitik. Was genau passierte: Der Bund beschloss im Jahr 2013 den gesetzlichen… Mehr

Kaltverformer
21 Tage her

Städte und Gemeinden werden von Parteigängern von CDU, SPD und Grünen regiert.
Wenn es ihnen wichtig gewesen wäre, dann hätten sie in ihrer Partei bereits aufstehen müssen, als diese Plünderung einsetzte.
So aber, im Kampf gegen Räääächts und die AFD haben alle geschwiegen, weil es sollte ja kein Angriffspunkt erzeugt werden.
Am Ende zahlen die Bürger die Minderleistung (das ist noch höflich formuliert für die kulturelle und wirtschaftliche Abwrackung Deutschlands) der politischen Kaste.

Kraichgau
21 Tage her

Hm,am Personal der Kommunen bzw der Planstellen liegt es bei uns in BW weniger,eher am weit verbreiteten „Mutterschaftsurlaub“ der Mitarbeitenden,denn deren Stellen werden über Jahre nicht stellvertretend besetzt und fallen damit effektiv weg

Phil
21 Tage her

Dieses Problem ist so Alt wie das wechselspiel zwischen Volk und Regierung. Wie sagte doch Bastiat vor über 178 Jahren: „Der STAAT ist die große Fiktion, nach der sich JEDERMANN bemüht, auf Kosten JEDERMANNS zu leben.“ Daran hat sich nichts geändert und wenn einmal die Jakobiner und Sozialisten an der Macht sind, wird der Staat mittels Bürokratie und Beamten der richtigen „Gesinnung“ zu einer Maschinerie der Umverteilung auf Kosten aller und der Zukunft der eigenen Kinder, bei den Babyboomern sogar auf Kosten von Kindern, die sie gar nicht produziert haben. Die Generation der 68-iger hat im Westen den Neomarxismus wieder… Mehr

Or
21 Tage her

Nun, ich würde die Sache etwas problematischer sehen, wenn das gewählte Parteienspektrum auf der Kommunalen- und Gemeindeebene sich signifikant von denen, auf Landes- und Bundesebene unterscheiden würden.
Aber so müssen halb die gleichen Parteien vor Ort das umsetzen, was sie in den Landeshauptstädten und in Berlin beschlossen haben.

GEZ zahlende Ratte
21 Tage her

„Am Ende verschwinden dafür Freibäder, Vereine und Kultur“ – wie passt das zum sakrosankten Buntheits- & Vielfaltsversprechen? Oder ist doch nur eine Umvolkung nebst Implementierung (allein) islamischer Riten etc. gewollt? Jdf. steuert alles darauf zu, nicht zuletzt dank der „alternativlosen“ Politik von Lügen-Merzel & Lars-Sensibel. Danke, dass ich für diesen Stuss auch noch bezahlen darf!

Minusmann
21 Tage her

…“Schwimmbäder, Kultur, Sportförderung, Zuschüsse für Vereine, Bibliotheken, Musikschulen, Stadtfeste.“ – Ich verstehe die Aufregung nicht. Das alles wird doch wett gemacht durch die Bereicherungsmaßnahmen, also die bunte Einwanderung, die uns die Regierung verschrieben hat. Wozu in die Bibliothek gehen, wenn man auf der Straße echte, unverfälschte Lebenserfahrungen z.B. mit Talahons und virtuosen Messermännern machen kann?