Streit um Burka-Verbot: Feminismus ringt um Deutungshoheit

Die taz-Redakteurin verlangt eine Abgrenzung zur AfD aus Mangel an Identität und will sich damit gegen Terre des Femmes abgrenzen, die ihr aber genau das vorwerfen: Ein Abgrenzungsproblem.

© NICOLAS ASFOURI/AFP/Getty Images

Die Frauenrechtsgruppe „Terre des Femmes“ findet, Vorwürfe gegen ihre Forderung eines Burka-Verbots seien so vehement, teils denunziatorisch geworden, dass sie die Debatte vergiften.

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie leichtfertig neuerdings gerade jüngere Journalistinnen bereit sind, Presse- und Meinungsfreiheit zu opfern, nur, um unbequeme Fragen zu vermeiden, die zu stellen doch ihre ureigene Aufgabe sein sollte.

Ein aktuelles Fallbeispiel liefert Patricia Hecht für die Berliner taz. Bei ihr trifft es dieses Mal die 1981 in Hamburg gegründete Frauen- und Mädchenrechts-NGO Terre des Femmes, die sich für ein Verbot von Burka und Gesichtsverschleierung einsetzt, weil sie heute schon befürchten, dass Verschleierung zukünftig in Deutschland viel öfter vorkommen wird. Terre des Femmes will also vorbeugend fordern, bevor man einer wachsenden Zahl verschleierten Frauen etwas abfordern muss.

So weit, so gut und auch von Patricia Hecht grundsätzlich nicht beanstandet. Ein Zugeständnis an Burka und Co macht sie nicht. Aber sie geht mit keinem Wort auf die Prophylaxe-Idee von Terre des Femmes ein, wenn sie schreibt: «Nun möchte Terre des Femmes ein Problem abschaffen, das nicht sonderlich weit oben auf der Liste der Dringlichkeiten steht. (…) Dabei hat sogar der Bundestag jüngst festgestellt, dass solche Schleier „hierzulande eher selten“ anzutreffen sind. Es gibt also faktisch keinen Grund, sie zu verbieten.»

Nun gibt es eine Reihe nicht gesellschaftskonformer Verhaltensweisen, die ähnlich selten passieren, wie im Moment noch das Tragen einer Burka, die aber dennoch aus gutem Grunde unter Strafe gestellt werden, quasi als Wegweiser hinein in eine geordnete Gesellschaft. Hinein in ihr ureigenes Wertesystem.

Aber Patricia Hecht geht es um etwas ganz anderes. Die Journalistin hat ein offensichtliches Abgrenzungsproblem. Kein so seltenes, denn darunter leidet aktuell auch die Mehrheit im Deutschen Bundestag. Der Abgrenzungskandidat heißt AfD: Bin ich gegen die Burka, bin ich gegen etwas, gegen das sich auch die AfD positioniert hat. Hecht empfiehlt den Frauenrechtlern der NGO daher, sich doch bitte Themen auszusuchen, wo das nicht der Fall ist: Schwangerschaftsabbruch, Lohngefälle und körperliche oder sexualisierte Gewalt. Nun kann es passieren, dass man mindestens bei den beiden letztgenannten Themen doch wieder auf AfD-Linie liegen könnte, glaubt die Autorin aber offensichtlich noch nicht.

Mit einem Wort: Abgrenzung auch hier verfehlt. Also Abgrenzung in dem Sinne, dass man es selbstbewusst aushält, auch einmal mit der AfD einer Meinung zu sein, ohne Sorge, sich deshalb bereits vereinnahmen zu lassen. Wie wenig selbstbewusst ist das ausgerechnet beim Thema Feminismus? Nun ist die einstige Vorzeigefeministin – quasi die Mutter des Feminismus in Deutschland – Alice Schwarzer, nicht nur partiell ins konservative Lager übergewechselt. Die Zeitung „Der Freitag“ nannte sie in einem Atemzug mit Sarrazin und Broder unter der Rubrik: „Die Rechtsdenker – im dunkeldeutschen Wald“. Die Zeitung schrieb über Schwarzer: „Gäbe es ein ZK des Feminismus, würde sie den Vorsitz beanspruchen.“ Und weiter: „Wenn es Alice Schwarzer nicht schon gäbe, sagen böse Zungen, hätte man sie erfinden müssen, um den Feminismus in Verruf zu bringen.“

Wenn nun also Patricia Hecht bei der taz als „Redakteurin für Gender und soziale Bewegungen im Inland“ gegen die Burka-Verbotsforderung von Terre des Femmes anschreibt, weil das Deckungsgleich mit einer AfD-Forderung sei, wenn sie also Abgrenzungsprobleme reklamiert, dann darf man spekulieren, dass es sich um einen innerfeministischen Positionsstreit handelt: Feminismus hat hier nur dann eine Existenzberechtigung, wenn er politisch links steht. Schon aus Tradition. Wenn sich etwa Autorinnen wie Birgit Kelle Feministinnen nennen, dann darf das nicht sein. Entsprechend häufig auch die Anwürfe gegen Kelle in der taz bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen, welche Kelle allerdings für sich entscheiden konnte.

Aber auch der Spiegel steht der taz in nichts nach, wenn er ebenfalls untertitelt:
„…Terre des Femmes will, dass Nikab und Burka aus der Öffentlichkeit verschwinden. Eine Nähe zur AfD weisen die Frauenrechtlerinnen trotz ihrer Forderung zurück.“

Eine Nähe zu was sonst noch muss man zurückweisen, um sich genügend abgegrenzt zu haben? Man grenzt sich verbal ab, weil man keine selbstverständliche Abgrenzung anbieten kann? Weil sich ein paar schwarze Schafe unter die Feministinnen geschlichen haben, nein, weil nun sogar die einstige Vorzeigefeministin Schwarzer braune Unterwäsche tragen soll?

Terre des Femmes zeigt sich in einer Erklärung zur Forderung des Burka-Verbots viel selbstbewusster: Religionskritik sei generell ein Merkmal jeder aufgeklärten, pluralistischen und offenen Gesellschaft und hätte nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Mehr noch: Terre des Femmes sieht sich „in der Tradition der Feministinnen, die sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts gegen den religiös-patriarchalischen Fundamentalismus und seine vorgeschriebenen Geschlechterrollen und voraufklärerischen Ansichten einsetzen.“ Die NGO spricht sich eindeutig aus gegen „Beschneidung, Frühehe, Vollverschleierung und Kinderschleier“, die sie als „rassistisch, islamophob oder (neo)kolonialistisch“ dechiffriert. In Richtung von Patricia Hecht und anderen urteilt sie hart: „Die Vorwürfe sind so vehement, teils denunziatorisch geworden, dass sie die Debatte vergiften.“

Was nun Patricia Hecht für die taz in wenigen Zeilen entgegenzusetzen hat, ist leider kein Debattenbeitrag sondern allenfalls der gescheiterte Versuch einer Verteidigungsrede. Die Autorin fühlte sich offensichtlich persönlich angegriffen. Sie verlangt eine Abgrenzung zur AfD aus Mangel an Identität und will sich damit gegen Terre des Femmes abgrenzen, die ihr aber genau das vorwerfen: Ein Abgrenzungsproblem.

Eine verquere Dialektik und also eine leider mangelhafte Debattenfähigkeit, wenn Hecht mit folgenden Worten schließt: „Aber auch Terre des Femmes weiß, dass Debatten in bestimmten Kontexten geführt werden. (…) Terre des Femmes macht sich zum Helfershelfer – nicht der Frauen, sondern der AfD.“

Nun hatte sich Terre des Femmes aber gerade gegen diesen Anwurf debattenstark aufgestellt. Der taz und Patricia Hecht ist das gleich – wohl in der Hoffnung, dass die taz-Leserin nicht ebenfalls den deutlich ausführlicheren Beitrag der NGO gelesen hat.

Journalismus: geopfert auf dem Altar eines Feminismus, der intern um seine Deutungshoheit ringt. Patricia Hecht hat in diesem Ringen gerade für die taz das Handtuch geworfen.

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Kommentare ( 124 )

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Aber genau diese Diskussion haben wir doch seit sich die Bundesrepublik unter der alternativlosen Merkel“Dauerdurchregierungs“CDU (aber Putin oder andere für undemokratische Durchregierungsdaueramtszeiten kritisieren…) von der bürgerlich freiheitlich-demokratisch willensbildenden Mehrheitsgesellschaft hin zur selberdenkerabgeschafften ideologischen sozialistischen Gleichschritts-Denkverbots-Einheitsfront gegen Faschismus und Rechts und für Frieden und Sozialismus immer bereit – bewegt hat. Die mit Hilfe der erputschten Breitenmedien jede freie Willensbildung durch Beschimpfung, Stigmatisierung, Relativierung, FakeNews und jeder fehlenden Sachlichkeit, Rationalität und Objektivität einer freien Gesellschaft schließlich auch jede grundsätzliche Freiheit vernichtete verfassungsgemäße Freiheit und Gleichheit der Andersdenker kann nicht ewig garantiert werden! NOCH freie Denker gaben doch schon vor Monaten und Jahren… Mehr
immer wenn die Religionen in’s Spiel kommen geht es drunter und drüber. Haben wir denn keine anderen Probleme im Land??? Scheinbar ist es doch so, um von den bisher ungelösten Problemen abzulenken und das Versagen diesbezüglich von den verantwortlichen Politikern abzulenken befeuert man Scheindebatten. Verkorkste Politemporkömmlinge brauchen immer wieder ein Thema um von ihrem eigenen Versagen abzulenken. Unsere jahrhundertelang gelebten Traditionen lassen einen derartigen Mumpitz eben nicht zu. Es gibt genug Länder auf der Erde wo so etwas toleriert wird, die anderen dort vorherrschenden Lebensweisen von uns aber nie toleriert würden. Mann nehme sich ein Beispiel an der Natur. Dort… Mehr

Helfershelfer des radikalen Islams oder des Unrechtsregimes im Iran zu sein, das ist natürlich vollkommen legitim.

„Dabei hat sogar der Bundestag jüngst festgestellt, dass solche Schleier „hierzulande eher selten“ anzutreffen sind. Es gibt also faktisch keinen Grund, sie zu verbieten.»“

Ich dachte, man muss immer den Anfängen wehren

Wenn ich bei einem 15tägigen Istanbul (Westistanbul) weniger islamistische Kopftücher sehe als in einer Minute in einem großstätischen Einkaufszentrum in Deutschland, dann muss die Frage erlaubt sein: In was für einem Land leben wir und was für Leute sind das, die das auch noch chic finden.

Und nur mal so am Rande: Die EINZIGE Journalistin und das einzige Medium, dass seit Jahrzehnten schon sehr qualifiziert gegen die Verschleierung und die patriarchalischen Parallelgesellschaften der Muslime in Europa/Deutschland argumentiert und das mit geradem Rückrat gegen den Mainstream sind Alice Schwarzer / EMMA. Da konnte man schon vor über 10 Jahren genau nachlesen, wie mit dem Schleier islamische Ideologisierung getrieben wurde.
Fanden damals nur ALLE doof. Sowohl die anderen Feministinnen UND der mainstream-Journalismus. Lohnt sich alles zu lesen, weil natürlich immer noch sehr aktuell und argumentativ hochwertig.

Ich kann Frau Hecht nur empfehlen, mal in ein arabisches Land zu reisen und sich den dortigen Gegebenheiten anzupassen: in einem 5 Sterne First class Hotel, der Ehemann breitbeinig und in kurzen Hosen, die Ehefrau vollverschleiert und muss sich jeden Bissen mühsam unter dem Vollschleier “reinschieben“ … ! Nur noch zum K…! SPÄTESTENS dann käme evt. ein Prozess des Nachdenkens in Gang.

Die „verquere“ Argumentationslinie der taz-Dame entbehrt ja nicht einer gewissen Intelligenz. Frage bleibt: Wozu der Aufwand? Was steckt dahinter? Die Abwehr des Familien- und Frauenbildes der AfD kann es kaum sein, weil sich dieses doch recht islamisch-altbacken anmutet (Lektüre: Al Ghazali: „Buch der Ehe“). Was dann? Sollte es nur um die Kleinhaltung oder -machung des alten (und jungen??) weißen Mannes gehen, so schlage ich den Damen vor, endlich mal eine matrilineare Gesellschaft zu proklamieren nach Vorbild der Minankabau etwa, dort schon alles da: Nur Frauen haben Besitz, der nur an die weiblichen Nachkommen weiter vererbt wird, es gibt das Institut… Mehr
Der Feminismus hat sich im Multikulti (neudämlich: „Diversität“)-Wahn schon selbst in Verruf gebracht, da hätte es die Schwarzer nicht gebraucht. Diese unsäglichen Revierkämpfe in dieser Blödenreligion, ob man, wenn man schon dabei ist, eine „Randgruppe“ (Frauen) besserstellen zu wollen, man hier nicht noch Randgruppen innerhalb der Randgruppen berücksichtigen muss, sind auch nicht neu: so sind Radikale eben, wenn ihre „Sache“ nicht genug Dampf hergibt, machen sie sich selbst welchen – intern. In die Rechte Ecke stellen kann man sich übrigens nur selbst, so wie auch in jede andere Ecke. Wer nicht mitspielt, dem geht das über kurz oder lang sonstwo… Mehr

„Feministinnen“ wie die TAZ-Autorin halten ja Schleier und Kopftuch im Islam ja auch für die „Freiheit“ der Frau. Um es mal zu verdeutlichen: Wenn ein Sklave früher mit Fußfesseln das Haus verlassen durfte, sind also dessen Ketten ein Zeichen der Freiheit. Warum gehen die „Feministinnen“ nicht das Übel an der Wurzel an: die islamische Religion und ihre Männer, die von der frauen- und menschenverachtenden Religion profitieren. Trauen sie sich das nicht?