Reaktionen auf das Scheitern der Impfpflicht: Wut, Hass, Verzweiflung

Mit dem politischen Projekt des Impfzwangs stürzen auch seine Anhänger in ein tiefes Loch, das an den Katzenjammer nach der Wahl Donald Trumps erinnert. Die größte Entgleisung verantwortete ein SPD-Abgeordneter mit einem Nazi-Vergleich.

IMAGO / Christian Spicker
Der SPD-Politiker Joe Weingarten fiel nach dem Scheitern aller Anträge mit einem kruden historischen Vergleich auf.

Mit dem Aus für die Impfpflicht stürzen für einige Impfverfechter und Zero-Covid-Anhänger Welten zusammen. Die Klage: Nicht einmal für einen klitzekleinen Impfzwang für Senioren hat es gereicht. Zuletzt hatte das Koalitionsgeschacher wie eine Auktion mit steigenden Angeboten gewirkt: zuerst 18, dann 50, schließlich 60.

In der Presse, im Fernsehen und den sozialen Netzwerken herrscht eine Stimmung, die dem Katzenjammer nach der Wahl Donald Trumps 2016 gleicht. Die Reaktionen reichen von Verblüffung und Enttäuschung bis hin zu Wut, Hass und dem Wunsch nach Vergeltung im Herbst, wenn die Corona-Krise zurückkehrt.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte Jasper von Altenbockum, es handele sich heute um einen „traurigen Tiefpunkt der Pandemie“. Eine Impfpflicht sei jedoch weiterhin richtig, da es „eine Mehrheit für die Impfpflicht im Bundestag gibt und das Risiko einer Herbstwelle mitsamt eines neuen Lockdowns zu groß ist“.

Die Süddeutsche Zeitung beschwerte sich erbittert über das Scheitern der Impfpflicht: Scholz habe es „versemmelt“ und sei „nach allen Regeln der Kunst“ gescheitert. Darin liegt nicht nur eine politische Abrechnung, sondern auch Frust über das fehlgeschlagene Wunschprojekt.

Deutlicher artikulierten sich Politik und Presse in den sozialen Medien. Schuldige hat man sofort ausgemacht: die FDP, aber vor allem die CDU. Die Grüne Jugend sagte: „Die Impfpflicht scheitert an parteitaktischen Überlegungen von CDU und CSU. Das ist schlicht verantwortungslos.“ Andreas Audretsch, Abgeordneter der Grünen, warf der Union vor, „gewissenlos“ zu sein, viele hätten jedoch Vorsorge zugunsten eines „populistischen Erfolges“ für Friedrich Merz verhindert, das sei „unwürdig“.

Die größte Entgleisung verantwortete der SPD-Abgeordnete Joe Weingarten. Er sagte: „Zum ersten Mal seit 1945 jubeln die Faschisten im Reichstag wieder. Dank der CDU. Ein Tiefpunkt des Parlaments.“ Kurz nach Verkündung der Abstimmungsergebnisse hatten AfD-Abgeordnete geklatscht und gefeiert.

Dabei ist die Angelegenheit nicht so einfach. Ohne Fraktionszwang kann kaum eine Partei grundsätzlich in Haftung genommen werden. So sprach sich Max Lucks, 24 Jahre alt, Abgeordneter für die Grünen aus Bochum, in seiner Rede gegen eine Impfpflicht aus – und damit gegen die Linie seiner Partei.

In Untergangsmanier prophezeiten Anhänger des Antrags, dass die Rechnung für dieses Verhalten viele noch teuer zu stehen komme. Insbesondere der Herbst wurde zur Zeit der Abrechnung hochstilisiert – allen voran von Karl Lauterbach. Der Gesundheitsminister twitterte: „Einziger Gesetzentwurf, der die allgemeine Impfpflicht gebracht hätte, ist gerade gescheitert. Es ist eine sehr wichtige Entscheidung, denn jetzt wird die Bekämpfung von Corona im Herbst viel schwerer werden. Es helfen keine politischen Schuldzuweisungen. Wir machen weiter.“

In ein ähnliches Horn tönte die jüngste Bundestagsabgeordnete des Parlaments, Emilia Fester. „Wir haben es nicht geschafft, eine politische Antwort auf die zerreißende Frage zu finden, die seit Monaten im Privaten ausgefochten werden muss. Wahrscheinlich erwartet uns ein weiterer Coronawinter“, sagte sie. „Das tut mir schrecklich leid. Ich habe es anders gewollt.“

Katharina Schulze nahm den Ball auf und verband dies mit dem Gedanken, warum wenigstens die Minimalforderung irgendeiner Impfpflicht nicht aufgenommen worden wäre. „Tja. Nicht mal eine Impfpflicht ab 60. Was für ein Armutszeugnis“, erklärte die Vorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag. „Der nächste Herbst kommt bestimmt und wir sind immer noch nicht gut vorbereitet.“ Ähnliches sagte Schahina Gambir, Bundestagsabgeordnete der Grünen. Es sei bitter, dass „nichtmals der kleinste Kompromiss“ eine Mehrheit gefunden habe, die Stimmung sei „Bedrückend“, nur nicht bei den Fraktionen (sic!) rechtsaußen.

Andere wurden grundsätzlicher. Emma Kohler, Mitglied der Grünen Jugend, FFF-Aktivistin und Social-Media-Managerin des Bundestagsabgeordneten Wolfgang Ehrenlechner, schrieb: „Wer nein zur Impfpflicht sagt, sagt ja zum Lockdown und nein zur Freiheit.“ Die Linksjugend beschwor die Gefahr von „tausenden Toten“ bei der nächsten Herbstwelle. Anonyme User zeigten Särge mit FDP-Schrift, kritisierten einen „Durchseuchungszwang“ oder beklagten, sie würden von der Politik „mal wieder vor den Bus geschubst“. Ein anderer Nutzer schrieb, Kubicki habe nun mehr Verantwortung für die Corona-Toten als „alle anderen Querdenker zusammen“.

Auch die sich selbst so bezeichnende Satire-Sendung „heute-show“ machte mit einem Statement aufmerksam, das weniger kritisch, denn als Ausweis schlechten Verlierertums gelten muss: „Eil: Bundestag beschließt Verlängerung der Pandemie um zwei Wellen.“

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Kommentare ( 271 )

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caesar4441
1 Monat her

Sehr viele Zeitgenossen vertragen Wahrheit überhaupt nicht ,sie reagieren allergisch.Die Symptome reichen von schweren Ausschlägen bis zur tödlichen Atemlähmung.Das einzige bekannte Gegenmittel ist eine Überdosis Unwahrheit forte. Das Gegenmittel muß unverzüglich verabreicht werden .Besonders betroffen von der Wahrheitsunverträglichkeit sind Politiker und Journalisten.In diesen Berufen gilt die Wahrheitsunverträglichkeit als anerkannte Berufskrankheit.Auch Lehrer gelten als besonders gefährdete Gruppe.Vergrünung des Gehirnes erschwert den Verlauf ,jeder Kontakt mit der Wahrheit muß streng vermieden werden.
Heiliger Relotius bitt´für uns !

pedro22
1 Monat her

@LadyGrilka55 „Nein, es ist derzeit nur Eines gut: Dass es (vorerst?) keine „Impf“pflicht geben wird. … …“ Richtig, alles gut gesagt und mit wirklich gutem Einblick in die ganze Misere, danke viel Mals dafür, so klnnte ich es nie machen!! Und doch einige Gedanken und Hinweise: Auch wenn wir den Nürnberger Kodex in das GG gießen, bleibt die Frage, was ist dann das GG, woher kommt es, wer wollte das und warum…? Aus meiner Sicht bzw. Kenntnis, wurde es von den Alliierten, allen voran die USA, so gewollt und fast gänzlich auch so diktiert (ähnlich wie die Konstitution von Japan,… Mehr

RS
1 Monat her

So ganz verstehe ich ja nicht, wieso H. Lauterbach dieses Gesetz machen wollte. Denn wir sind ja doch alle tot. Oder geimpft. Für wen also sollte dann die Impfpflicht gelten? Für die Toten? Kann Karl sie wieder lebendig machen? Zuzutrauen ist ihm alles. Zum Wohle der Bürger führt er einen permanenten Disput mit seinem stärksten Gegner, sich selbst. Seine Argumentationsstrategie ist bestechend: Das Alter Ego mit argumentativem Hakenschlagen so zu verwirren, daß es nicht mehr durchblickt. Diese tut es ihm aber gleich. Das Ergebnis? Naja, Karl eben. Der Blick…! Er sagt uns so viel. Eine Impfpflicht sei weiterhin richtig, da… Mehr

Last edited 1 Monat her by RS
LadyGrilka55
1 Monat her

Ja, auch meinen Dank! Allerdings: Die sollten nicht unbedingt ans Aufhören denken. Erstens wissen wir nicht, was im Herbst wieder in puncto „Impf“pflicht versucht werden könnte. Zweitens ist das, was uns derzeit an „Klimarettungs“terror und an Kriegstreiberei zugemutet wird, auch Grund genug für weitere Proteste. Außerdem müssen noch einige Dinge „rückgängig gemacht“ werden – diesmal mit meiner Zustimmung -, nämlich die „Impf“pflicht für die Menschen, die in der Pflege und in medizinischen Einrichtungen arbeiten, und der unterirdische Umgang mit den Ungeimpften. Die Verfasser des „Hass- und Hetze“-Gesetzes sollten dessen Geltungsbereich mal auf ihre eigenen Verbalinjurien im Umgang mit Andersdenkenden und… Mehr

Last edited 1 Monat her by LadyGrilka55
Helfen.heilen.80
1 Monat her

Lauterbach geht nicht von allein. Das kann man aus seiner ganzen Erscheinung lesen, der kennt keine Kapitulation. Er ist nicht zufällig auf diesem Posten. Wer derartig auf „Mission“ ist hört erst auf, wenn er von seinem Vorgesetzten von seinen Aufgaben entbunden wird. Oder wenn die Ampel platzt, und er so aus dem Amt scheidet.

LadyGrilka55
1 Monat her
Antworten an  Helfen.heilen.80

Lauterbach geht nicht von allein, weil er das nicht KANN. Seine psychische Disposition verbietet ihm situationsgerechtes Denken und Handeln, denn m.E. entspricht sein Verhalten weitgehend der ICD-10-Definition von Narzissmus. Seine Eitelkeit, seine Arroganz, sein Größenwahn und vor allem sein Bedürfnis, ständig bewundert zu werden (von einer Talkshow zur nächsten) sprechen für diese Annahme.

Man kann also nur hoffen, dass Olaf Scholz ihn chasst, um sich selbst über die Runden zu retten, zumindest noch für eine Weile.

Matt
1 Monat her
Antworten an  LadyGrilka55

Bisher hat Lauterbach Scholz mit seinem Geplärre nur geholfen: H.Scholz kann alle anderen Strippen ohne öffentliche Aufmerksamkeit weiterziehen.Es gibt keine soziale Frage, keine Inflation, keine wirtschaftlichen Folgen der Coronamassnahmen, keine Schädigung der Entwicklung der Kinder, keine nukleare Bedrohung, keine amerikanische Hegemonie.Alles bleibt folgenlos für IHN.Sehr geschickt, wie ich finde?

LadyGrilka55
1 Monat her

Diese penetrante Dummheit und Starrköpfigkeit im linksgrünen Lager, basierend auf Unwissenheit und Faktenresistenz werden immer unerträglicher! Dazu kommt eine umfassende Verachtung für unsere Verfassung und unsere bürgerlichen Grundrechte, die mich schaudern lässt. Mit „linksgrünem Lager“ meine ich durchaus auch die CDU, die zwar gestern in puncto „Impf“pflicht ab 60 richtig abgestimmt hat, dies aber vielleicht auch nur deshalb tat, weil sie hoffte, stattdessen ihr eigenes genauso menschen- und freiheitsfeindliches Projekt, das „Impf“register durchzubekommen. Gerade dieses „Impf“register der CDU zielt doch in totalitärer Weise darauf ab, alle Bürger unter digitale Kontrolle zu bekommen bzw. zumindest den Anfang dazu zu machen, und… Mehr

Last edited 1 Monat her by LadyGrilka55
Elisabeth D.
1 Monat her

Der leider sehr übergewichtige Herr Weingarten gehört doch einer Partei an, die explizit gegen Hass und Ausgrenzung wettert. Hassäusserungen werden sogar strafrechtlich verfolgt. Seine Parteigenossin Nancy Faeser ist da sehr rigoros. Aaach! Ich vergaß, das gilt ja nur für den Kampf gegen Rechts! Der knallrote SPD-ler kann dagegen Menschen mit anderer Meinung beleidigen ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Schließlich ist er auf Linie und zeigte „Haltung“. Ach, eins noch, ich hoffe doch, dass stark adipöse Menschen das Gesundheitssystem nicht zu stark belasten.

LadyGrilka55
1 Monat her
Antworten an  Elisabeth D.

„Ach, eins noch, ich hoffe doch, dass stark adipöse Menschen das Gesundheitssystem nicht zu stark belasten.“ Doch, doch, tun sie. Mit jedem Kilo über dem sogenannten Normalgewicht ein bisschen mehr. [Satire Ende] Im Ernst: Auch Übergewichtige kann man nicht über einen Kamm scheren, genausowenig wie die Alten. Die einen leben trotz Kilos und/oder Alter recht gesund, bewegen sich viel im Freien und fühlen sich wohl in ihrer Haut. Die anderen wiederum tun das Gegenteil und fühlen sich vielleicht sogar dabei wohl. Oder auch nicht. Fazit: Das Gerede über „vulnerable Gruppen“ usw. muss aufhören. Das ist einfach nur dämlich und nervig.… Mehr

Busdriver
1 Monat her

Wenn ich diesen pastösen Herrn mit der ungesunden Gesichtsfarbe sehe und höre, was er von sich gibt, fällt mir wieder ein, dass sehr viele Politiker im Bundestag und in den Länderparlamenten eine Negativselektion darstellen. Nicht die Besten sitzen dort, von Bürgern gewählt, sondern die am besten an ihre jeweiligen Parteistrukturen angepassten.

RS
1 Monat her

Früher sprach man gelegentlich von „Dummschwätzern“. Heute sind Dummtwitterer dazu gekommen.

Babylon
1 Monat her

Die „Sozialfaschisten“ so die Bezeichnung der KPD während der Weimarer Republik für die SPD, sollten mal ihre Koalitionen mit der Links-Partei überprüfen, die in der Tradition der SED steht, die ihrerseits eine KP nur mit anderem Namen war. Der „Sozialfaschist“ Weingarten beklagt Faschismen im BT und ist offenbar selber einer.

LadyGrilka55
1 Monat her
Antworten an  Babylon

Die alte Sozialdemokratie der 50er- bis 90er-Jahre, die sowohl demokratisch wie auch sozial war, existiert nicht mehr. Die SPD von heute ist weder demokratisch noch sozial. Über Herrn Weingarten könnte man sagen: Ein Esel schimpft den anderen Langohr. Die selbsternannten „Kämpfer gegen Rechts“ sind allesamt Sozialisten und damit auch Faschisten, was man unschwer an ihren Methoden der Unterdrückung Andersdenkender erkennen kann (Diffamierung, Bestrafung, Denunziation, Bespitzelung usw.). Die brutalen Methoden der von Roten und Grünen hofierten „Antifa“ erinnern doch z.B. fatal an das Vorgehen von Hitlers SA (Drohungen und Gewalt, u.v.m.). Nicht den „Faschismus“ bekämpfen sie, sondern den bürgerlich denkenden und… Mehr

Last edited 1 Monat her by LadyGrilka55
Helfen.heilen.80
1 Monat her
Antworten an  Babylon

Beuruhigend zu sehen, dass diese Personen offenbar gar nichts vom Inhalt der Entscheidung begriffen haben, sondern in einer infantilen wir-gegen-die Spirale festhängen. Das übertrifft nicht sonderlich den Horizont von „Krieg der Knöpfe“ (Yves Robert). Und DIE entscheiden jetzt über das weitere Vorgehen in Angelegenheit des Ostkrieges. Herrgott hilf!