Gastronomie am Abgrund: Nach zwei Lockdowns folgt jetzt eine Stornierungswelle wegen der Flut

Gäste stornieren massenhaft ihre Buchungen in Flutgebieten – unnötigerweise, sagt der Branchenverband Dehoga. Noch ein Lockdown, und Gaststätten würden “wie die Fliegen” sterben, warnt ein Branchenkenner.

IMAGO / Michael Gstettenbauer

Bereits die Eltern von Heinz Bruns waren Gastwirte im Haus Kemnade – einer Wasserburg aus dem 15. Jahrhundert, die direkt an der Ruhr in der Nähe von Bochum steht. „Wir sind regelmäßig von Hochwasser betroffen, aber diese Flut war die schlimmste der letzten 60 Jahre“, berichtet Bruns. Das Wasser sei im Erdgeschoss 1,80 Meter hoch gestanden. Möbel, Spülmaschinen, die Küche, Fenster – all das hätten die Fluten vernichtet. Der Schaden könnte in die Millionen gehen, schätzt der Wirt. Zum Glück sei er bloß der Pächter und die Wasserburg sei gut versichert. Trotzdem: „Mit dem Gedanken aufzuhören, habe ich auch schon gespielt.“

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Wie Bruns dürfte es vielen Gastwirten in den Flutgebieten gehen. Nachdem die Politik zweimal die Gastbetriebe schließen ließ und Personal scharenweise in „krisensichere“ Branchen abwanderte, kommt nun auch noch das Hochwasser dazu.

Laut einer Umfrage des Dehoga Nordrhein-Westfalen stornieren die Gäste derzeit massenhaft ihre Buchungen – selbst wenn ein Gastronom oder eine Ortschaft gar nicht von der Flut betroffen ist. Von den befragten Betrieben berichteten 54,4 Prozent von Hochwasser-bedingten Stornierungen – 9 von 10 hätten aber die vereinbarte Leistung erbringen können. Selbst im verschonten Münsterland gebe es Stornierungen. „Es gibt fast überall im Land keinen objektiven Grund, eine Reise abzusagen. Selbst in weite Teile der Eifel kann man bedenkenlos reisen“, sagt Haakon Herbst, Regionalpräsident im Dehoga Nordrhein-Westfalen.

Fast jeder zweite Gastronom sieht seine Existenz durch die Stornierungen „akut gefährdet“. 14,3 Prozent schätzten die Stornierungen als existenzbedrohend ein. Auch Mohammad Nazzal, Präsidiumsmitglied des Dehoga Nordrhein, berichtet, dass manche Mitglieder aufgrund der Flut aufgeben wollen. „Die Langzeitschäden sind groß – etwa durch zerstörte Tourismus-Infrastruktur – und die Gäste denken fälschlicherweise, man könnte gar kein Urlaub mehr machen. Die Stornoraten sind sehr hoch“, sagt er.

Heinz Bruns ist zwar nicht von Stornierungen betroffen, weil er keine Übernachtungen anbietet und Buchungen für etwa Hochzeiten abgesagt hat. Aber die Corona-Politik hat auch ihm massiv zugesetzt: Er berichtet von 70 Prozent Umsatzeinbruch im vergangenen Jahr und Betriebsschließungen während 9 der 16 Monaten seit Anfang der Corona-Politik-Krise. Sorgen bereitet ihm vor allem der Personalmangel. Vor Corona zählte die Gastwirtschaft 27 Mitarbeiter – derzeit sind es noch 10. Auch Mohammad Nazzal berichtet, dass Personal „an jeder Ecke fehlt“. Manche Wirte müssten die Öffnungszeiten verkürzen. „Ich kenne keinen Gastronomen, der nicht sucht“, sagt der Jurist, der selbst eine Bar in Köln betreibt. Dazu komme Nachwuchsmangel, weil im Lockdown weniger Jugendliche eine Ausbildung begonnen hätten.

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Laut Dehoga-Bundesverband sank die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Februar um 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Vor der Krise arbeiteten demnach knapp 130.000 Angestellte mehr im Gaststättengewerbe. In den Vorjahren war die Beschäftigung stetig gewachsen. Einzelhändler hatten während des Lockdowns gezielt Personal aus der Gastronomie abgeworben, berichtet die Tagesschau. Etwa habe Lidl mit dem Slogan „Bar war gestern“ in den sozialen Netzwerken geworben. „Vor Corona galt unsere Branche als krisenfest und als Jobmotor. Hotels und Gaststätten waren zuverlässige Arbeitgeber“, sagte demnach Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges.

Bei den Gastronomen läuft das Geschäft denn auch weiter schlecht. Laut einer Dehoga-Umfrage verzeichneten gastgewerbliche Betriebe im Mai rund zwei Drittel weniger Umsatz als im Mai 2019. Wegen Corona-Auflagen wie der Testpflicht und Abstandsgeboten sahen sich 60 Prozent nur schwer in der Lage, rentabel zu wirtschaften. Die Zahl der Betriebe, die um ihre Existenz bangten, sank zwar deutlich, lag aber noch immer bei rund 45 Prozent.

Auch Mohammad Nazzal meint, der Juli sei in diesem Jahr schlechter verlaufen als im Vorjahr. Er kenne Betriebe, die seit der Corona-Krise gar nicht mehr geöffnet oder keine Hilfsgelder erhalten hätten. Laut Dehoga-Bundesverband warteten im Mai 8 Prozent noch immer auf die Dezemberhilfe und 73 Prozent auf die Überbrückungshilfe III. „Wenn wir einen weiteren gastronomischen Lockdown haben, dann sterben die Betriebe wie die Fliegen“, sagt Nazzal. Die Angst vor einem dritten Lockdown sei groß in der Branche.

Im Gastgewerbe dürfte wie in anderen Branchen ein massiver Insolvenzstau vorliegen. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts war die Zahl der beantragten Insolvenzen im vergangenen Jahr um 17,7 Prozent geringer als im Vorjahr. Auch im ersten Quartal dieses Jahres gab es knapp ein Fünftel weniger Pleiten. Gleichzeitig steigen die Betriebskosten deutlich, sagt Nazzal – etwa die Preise von Lebensmitteln oder Energie.

Indes möchte Heinz Bruns keinesfalls aufgeben. Er habe das Restaurant im Haus Kemnade mit seinen Eltern aufgebaut. Wenn er gehe, komme womöglich keiner nach. Mitte August will er mit dem Catering starten und in vier bis sechs Monaten soll wieder alles aufgebaut sein. „Man muss nach vorne schauen“, sagt er.

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Kommentare ( 37 )

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Susisorglos
1 Monat her

Es muss erst richtig wehtun, wenn sich etwas ändern soll. Ich habe bereits vor längerer Zeit für mich beschlossen, dieses Spiel nicht mehr mitzumachen. Ihr wollt mich ausgrenzen, wenn ich mich nicht impfen lasse? Nein, ich grenze euch aus meinem Leben aus. Ich ignoriere euch, wenn ich nur mit Test bei euch essen darf. Nur mit gültigem Test zum Haare schneiden? Ihr könnt mich mal – das kriege ich auch noch hin. Einkaufen nur mit Test und vorheriger Anmeldung? Geht’s noch? Wozu gibt es das Internet. Es muss ja nicht unbedingt Amazon sein. Ich fühle mich nicht im geringsten für… Mehr

Lore Kokos
1 Monat her

Eine Branche mit einer Umsatzrendite von deutlich unter 10 Prozent bekommt bis zu 75 Prozent des Umsatzes ersetzt. Die Personalkosten werden zu einem erheblichen Anteil durch das Kurzarbeitergeld beglichen.

Traditionell ist dazu ein ganz erheblicher Anteil des Marketings in die staatliche Tourismusförderung ausgelagert, die oft hauptsächlich mit der Förderung des Gastgewerbes beschäftigt ist.

Welche Branche außer dem Steinkohlebergbau hat jemals ähnlich viel Unterstützung bekommen?

Ich glaube den meisten Gastwirten und Hoteliers, dass sie lieber ganz normal arbeiten würden. Trotzdem sollten sie für die Unterstützung eher dankbar sein, zumal ohnehin wesentlich weniger Gäste gekommen wären, wenn sie hätten öffnen dürfen.

Last edited 1 Monat her by Lore Kokos
Britsch
1 Monat her
Antworten an  Lore Kokos

Sie meinen, Sie wissen Bescheid, kennen sich aus?
Anscheinend kennen sie die Realität nicht.

Radebeul
1 Monat her

Also wir haben inzwischen auch komplett ungestellt. Während wir früher auf Fahrradtouren und Wanderungen immer eingekehrt sind, nehmen wir heute leckeren Proviant selber mit und picknicken unterwegs in der Natur. Ist stressfreier und man weiß, was man verspeist. Thema hat sich damit auch für die Zukunft erledigt……..

Lore Kokos
1 Monat her
Antworten an  Radebeul

Da kommt noch was auf die Gastronomen zu. Wir waren gestern bei bestem, nicht zu heißem Sommerwetter im Rheingau unterwegs. Die Außengastronomie dort war, anders als wir erwartet hatten, nicht überlaufen, sondern maximal zu 50 Prozent ausgelastet. Ein großes Eiscafé, in dem man sonst kaum einen Platz bekommen konnte, war sogar geschlossen. Ein weiteres beliebtes Ausflugslokal hat Betriebsferien.

humerd
1 Monat her

ich werde die Deutschen nie verstehen. Da wurden die Tests kostenlos gemacht und es bildeten sich Menschenschlangen vor den Testzentren, nur damit die Leute in Massen in die Innenstädte zum shopping rasen können. Durch diese viele Tests, schnellte die magische Inzidenz in die Höhe und die Kanzlerin verhängte die Bundesnotbremse. Sie war sich nicht zu schade, den Menschen bis ins Wohnzimmer hinein zu regieren und vorzuschreiben, nur noch 1 Konatktperson …. blablabla Später wurden Betrügereien mit den Testzentren bekannt, auch die Clans verdienten mit. Alle empörten sich laut und rannten weiter in die Testzentren. Stell Dir vor, es macht keiner… Mehr

Last edited 1 Monat her by humerd
Monika
1 Monat her
Antworten an  humerd

Ich habe noch keinen einzigen Test gemacht. Gerade erst vorhin meinte ich zu meinem Mann, daß wir das ohne weiteres noch monatelang aussitzen können. Wenn demnächst die Tests bezahlt werden müssen, werden sie wahrscheinlich zurückgehen. Ob die Leute dann so blöde sind, sich für eine Shoppingtour impfen zu lassen? Wahrscheinlich. Aber egal, wenn keiner mehr testet, weil entweder alle geimpft sind oder das Geld für Tests sparen wollen, dann ist Corona schlagartig vorbei, das wäre ja auch nicht schlecht.

Michael M.
1 Monat her
Antworten an  Monika

Volle Zustimmung Monika, vor allem zum letzten Satz.
Ich wurde auch noch nie irgendwo getestet, hab auch noch nie einen Selbsttest durchgeführt (wozu?!), bin nicht geimpft und lebe trotzdem (oder gerade deswegen, wer weiß das schon) noch.
Wenn es zum Shoppen, Restaurantbesuch, Haarschneiden, Theaterbesuch, Kino etc. einen Test braucht dann gehe ich da definitiv nicht hin und ich halte das noch sehr sehr lange durch, versprochen!

Reinhard Schroeter
1 Monat her

Schön das die Dehoga Umfragen macht.
Sonst macht sie ja nichts.
Das heisst, den Eingang der Mitgliedsbeiträge iher Mitglieder, die den Funktionären dort ein fürstliches Salär garantieren, wird sie schon akribisch überwachen.
Und ja, sofort und voller Inbrunst, Gleichschalten hat sie sich auch lassen.
Aber mehr fällt mir bei der Dehoga dann doch nicht ein. Ich weiss nicht einmal wer sie braucht, ausser sie sich selber.
Für Gastwirte und Hoteliers , das hat sie in dem letzen eineinhalb Jahren bewiesen, macht sie keinen Finger krumm.

JamesBond
1 Monat her

Übrigens im Berchtesgadener Land ist die Saison für Hotels etc. auch schon wieder vorbei, ab heute quasi Lockdown – Dehoga ist der Sargnagel der Hotels und Gastronomie!

Mausi
1 Monat her

Wo ist denn das Personal hingegangen? Genau wie die Gewerkschaften alles durchwinken und dann jammern, wenn es zu spät ist.

Wer uns auf E-Auto setzen will, muss Autofahren unterbinden. Denn für Fahrten über lange Strecken in vernünftiger Zeit kann man m. E. das E-Auto nicht benutzen. Am besten gelingt die Reduzierung der Mobilität, indem alle Anbieter von Übernachtungen pleitegehen. Und indem die Gastronomie pleitegeht. Dann haben wir auch mehr Geld in der Tasche. Als Folge sind wir weiterhin in der Lage, die Stromrechnung zu bezahlen und darüber hinaus können Steuern und übrige Abgaben erhöht werden. Ist doch prima.

Last edited 1 Monat her by Mausi
badmoon
1 Monat her

Wo war der Dehoga-Dachverband am Anfang des ersten und bei Beginn des zweiten Lockdowns ? Ich habe damals von denen nichts gehört. Ist der im Präsidium sitzende ( richtig gegendert ? ) Mohammad Nazzal, Mitglied der SPD, CDU, FDP oder etwa der Grünen ?

DW
1 Monat her

Die DEHOGA forderte als erste, nur noch Geimpfte in Lokale zu lassen. Die DEHOGA hat ohne zu mucken unterwürfig alle Lockdowns für notwendig und richtig erklärt und ihre angeschlossenen Betriebe angehalten, dies genauso zu vertreten. Was haben die denn erwartet? Dass die Regierung ihnen dafür dankt?
Ganz im Gegenteil, der kriechende Depp kriegt auch noch einen Tritt in den Hintern.

Der nachdenkliche Paul
1 Monat her
Antworten an  DW

Alleine schon die Diskriminierung der nicht Geimpften lässt meinen Blutdruck in die Höhe schnellen. In diese Restaurants würde ich niemals mehr in meinem Leben auch nur einen Fuß mehr hineinsetzen, selbst wenn diese Voraussetzung nach einer gewissen Zeit wieder zurückgenommen werden würden.

Jerry
1 Monat her

Die Gastronomie ist bei mir unten durch, seitdem sie bei der Euro Einführung die Leute abgezockt haben. Mein Mitleid hält sich in Grenzen…

humerd
1 Monat her
Antworten an  Jerry

Meine Beobachtung: jetzt zockt die Hotel- und Gastrobranche wieder ab. Die Preise haben erheblich angezogen. Jetzt mit der Begründung „Corona“.

Jerry
1 Monat her
Antworten an  humerd

@humert: Das kann ich mir gut vorstellen. Die Preise anzuheben ist eine typische Reaktion von Unternehmen, auch vor Corona schon, wenn sie durch Umsatzrückgang (häufig durch schlechtes Management) kurz vor der Insolvenz stehen. I.d.R. ändert das an der bevorstehenden Insolvenz allerdings nichts, es schreckt höchstens noch mehr Kunden ab und ist eher eine Art Beschleuniger.

Oliver Koenig
1 Monat her

Auch nicht vergessen:

AfD’ler werden hier nicht bedient!

Na dann eben nicht.

Jerry
1 Monat her
Antworten an  Oliver Koenig

König: Und Geld von „Querdenkern“ wird ja auch nicht angenommen! Mal sehen welche Kunden noch übrig bleiben…

Last edited 1 Monat her by Jerry
Iso
1 Monat her

Gehen Sie nicht hungrig einkaufen, und gehen Sie auch nicht hungrig spazieren. In beiden Fällen geben Sie immer mehr aus als gedacht. 🙂