Familiennachzug ohne Ende – von Migrationsbremse keine Spur

Die Regierung will den Stopp des Familiennachzugs als Migrationswende verkaufen. Neue Zahlen zeigen: Der große Strom läuft über andere Wege weiter, und beim ausgesetzten Nachzug wartet der nächste Schub ab 2027 bereits.

picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt

Ende Mai 2025 legte das Bundesinnenministerium den Entwurf vor, mit dem die Regierung von Friedrich Merz ihre Migrationswende sichtbar machen wollte. Der Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten sollte für zwei Jahre ausgesetzt werden. Am 24. Juli 2025 trat das Gesetz in Kraft.
Betroffen sind Migranten mit eingeschränktem Schutzstatus. Sie erhalten in Deutschland kein Asyl und gelten auch nicht als anerkannte Flüchtlinge.

Fast 400.000 dieser subsidiär Schutzberechtigten leben in Deutschland. Viele stammen aus Syrien. Ein unbeschränkter Familiennachzug galt für diese Gruppe bereits vorher nicht. Seit 2018 war der Nachzug auf höchstens 1000 Visa im Monat begrenzt. Im Jahr waren das maximal 12.000 Fälle.
Die schwarz-rote Koalition nahm also einen begrenzten Teil der Migration ins Visier. Politisch reichte das für erheblichen Lärm. Die SPD quälte sich mit der Härte gegen Familien und Kinder. Kirchen und das linke Vorfeld aus Sozial- und Flüchtlingsorganisationen protestierten. Die Koalition zog das Gesetz trotzdem durch.

Innenminister Alexander Dobrindt verkaufte die Aussetzung als Beleg für einen neuen Kurs. Er sprach vom Abbau eines Pull-Faktors und vom Geschäftsmodell krimineller Banden: Nur einer müsse es nach Deutschland schaffen, danach könne die komplette Familie folgen. Diese Logik sollte gebrochen werden.

Die neuen Zahlen zeigen nun, wie begrenzt dieser Zugriff ausfällt. Von Anfang Januar 2025 bis Ende Mai 2026 wurden 18.570 Visa zum Familiennachzug für Angehörige von Schutzberechtigten erteilt. Die Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine AfD-Anfrage.

Für die zehn zahlenstärksten Nationalitäten weist die Bundesregierung 229 Visa für Angehörige von Asylberechtigten aus. Hinzu kommen 10.241 Visa für Angehörige anerkannter Flüchtlinge. Weitere 7278 Visa gingen an Angehörige subsidiär Schutzberechtigter. Gerade diese letzte Zahl ist politisch brisant. Der reguläre Nachzug zu subsidiär Schutzberechtigten ist seit Juli 2025 ausgesetzt. Das Bundesinnenministerium verweist darauf, dass der größte Teil der Visa vor Inkrafttreten des Stopps erteilt wurde. Weitere Fälle beruhen auf Gerichtsentscheidungen oder behördlichen Zusagen aus der Zeit vor der Gesetzesänderung.

Die größte Herkunftsgruppe bilden Syrer. Sie stellen rund die Hälfte der Fälle. Danach folgen türkische Staatsbürger und Afghanen. Die Asylmigration der vergangenen Jahre schreibt sich damit in der Familienmigration fort. Seit der Aussetzung ist das Neugeschäft offenbar eingebrochen. Neue Anträge werden kaum gestellt, weil die Erfolgsaussichten gering sind. Die AfD sieht darin keine Entwarnung. Sie geht davon aus, dass viele Familien die zweijährige Frist schlicht abwarten. Ihr innenpolitischer Sprecher Gottfried Curio fordert deshalb, den Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten dauerhaft zu beenden, abgesehen von engen Härtefällen. Die Aussetzung habe im gesamten Bereich des Familiennachzugs nur einen begrenzten Effekt.

Diese Einschätzung stützen die Gesamtzahlen. Deutschland erteilte im Jahr 2025 insgesamt 128.358 Visa zum Familiennachzug für Angehörige von Drittstaatsangehörigen. Darunter fallen Schutzberechtigte, Fachkräfte, Akademiker aus Nicht-EU-Staaten und weitere Migranten aus Drittstaaten.

Der größte Block war der Ehegattennachzug mit 67.831 Visa. Auf den Kindernachzug entfielen 54.882 Visa. Bei den Herkunftsländern lagen unter anderem die Türkei, Syrien, Indien und Kosovo vorn. Bis Ende Mai 2026 kamen bereits weitere 43.739 Visa hinzu.

Die Behörden lehnten im Jahr 2025 rund 21.265 Visaanträge ab. Im laufenden Kalenderjahr waren es bis Ende Mai 9126 Ablehnungen. Auch diese Zahlen zeigen, wie groß der Druck im System bleibt. Die Visastatistik erfasst den Weg über deutsche Auslandsvertretungen. Das Ausländerzentralregister weist zusätzlich Aufenthaltstitel aus familiären Gründen aus. Diese Kategorie ist breiter. Sie umfasst auch Drittstaatsangehörige, die sich bereits rechtmäßig in Deutschland aufhalten und hier ihren Status wechseln.

Zum Stichtag 31. Mai 2026 waren für das Jahr 2025 insgesamt 170.699 solcher Aufenthaltstitel registriert. Davon entfielen 39.330 auf Angehörige deutscher Staatsangehöriger. Besonders häufig erhielten Familienangehörige aus der Türkei, aus Syrien sowie aus Vietnam und der Ukraine einen solchen Titel.

Weitere 131.369 Aufenthaltstitel gingen an Familienmitglieder von Drittstaatsangehörigen, die sich bereits in Deutschland aufhalten. Gemeint sind Angehörige von Personen ohne deutschen oder sonstigen EU-Pass. Auch hier dominieren Menschen aus Syrien und der Türkei; Indien folgt ebenfalls weit oben.

Die Migrationswende der Regierung Merz ist damit keine. Der größere Familienzuzug läuft weiter. Über Ehegatten, Kinder, Aufenthaltstitel aus familiären Gründen und Statuswechsel wächst die Zuwanderung Jahr für Jahr in einer Größenordnung, die in vielen Kommunen längst Alltagssprengstoff ist.

Im Juli 2027 endet die Aussetzung, falls der Gesetzgeber sie nicht verlängert. Dann lebt die alte Regelung wieder auf. Bei fast 400.000 subsidiär Schutzberechtigten bleibt das Nachzugspotenzial erheblich.

Die Regierung hat die Debatte deshalb nur vertagt. Ihre Zahlen liefern bereits den nächsten Konflikt. Schwarz-Rot hat bisher vor allem ein Symbol produziert, das in zwei Jahren automatisch abläuft. Bis dahin haben SPD rot und SPD schwarz Deutschland eh geschafft und ausgesogen. In zwei Jahren steht wohl eh kaum noch ein Stein auf dem anderen.

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