Berlins große Straßen-Umbenennungs-Offensive

Blücherstraße? Yorckstraße? Preußische Generäle, Kolionalherren? Zum Glück hat die Berliner Senatsverwaltung gehandelt. Jetzt können wir alle wieder beruhigt Lastenfahrrad treten.

imago images / Christian Spicker

Kennen Sie dieses unangenehme Gefühl? Sie haben sich gerade auf Ihr Lastenfahrrad geschwungen, um Ihre Kinder Greta und George Floyd in die Kita zu fahren, nichts Böses denkend und mit sich selbst im Reinen – und plötzlich sehen Sie dieses Straßenschild. Ein Schmerz reißt Ihr Herz entzwei, Sie fassen sich an die Brust und Ihre Kinder drehen sich erschrocken zu Ihnen um. „Was ist denn, Elter 1?“, fragen die Kleinen. „Kinder“, sagen Sie dann mit den Tränen ringend, „diese Straße hier ist nach einem deutschen Kolonialoffizier benannt. In Deutschland hat immer noch niemand aus unserer Geschichte gelernt!“. Das kommt Ihnen bekannt vor?

Heft 01-2021
Tichys Einblick 01-2021: Wer schützt unsere Demokratie vor Corona?
Na, dann habe ich eine gute Nachrichten für Sie! Ihr Leid, Ihre schlaflosen Nächte werden bald vorbei sein – naja, zumindest, wenn Sie in Berlin leben. Am ersten Dezember hat die Berliner Senatsverwaltung für Verkehr bekannt gemacht, dass das Berliner Straßengesetz geändert wurde. Die Umbenennung von Straßen wurde erleichtert – Umbenennung können nun ausdrücklich auch bei Namen erfolgen, die sich auf den Kolonialismus beziehen – „sofern die Straßen nach Wegbereitern und Verfechtern von Kolonialismus, Sklaverei und rassistisch-imperialistischen Ideologien oder nach in diesem Zusammenhang stehenden Orten, Sachen, Ereignissen, Organisationen, Symbolen, Begriffen oder ähnlichem benannt wurden.“

Klasse, oder? Und die Berliner Politiker (und Anwohner) haben auch schon einige Straßen auf dem Kieker. Größtes Dorn im Auge: das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding. Da wird schon seit Jahren versucht, endlich Orte wie die Petersallee, den Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße umzubenennen, die allesamt nach „Kolionalverbrechern“ (Tagesspiegel) benannt sind. Leider gibt es da Nachbarn, die gegen die Umbenennung geklagt haben – bestimmt Nazis. Wegen denen zieht sich das Verfahren unheimlich in die Länge.

Mohr, Mauritius, Mauretanien
Berliner Namensposse
Auch in anderen Bezirken gibt es einiges zu tun. Bereits im Sommer diesen Jahres hat die Bezirksverordnetenversammlung Mitte entschieden, die „Mohrenstraße“ in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen. Den kennen Sie doch sicher. Nicht? Na, das war der erste Gelehrte afrikanischer Herkunft in Preußen! Weiß doch jedes Kind. Und auch Berlin-Neukölln kann schon mit einer Umbenennung glänzen: die Wissmannstraße (benannt nach dem deutschen Kolonialoffizier Hermann von Wissmann) soll nach einer großen Anwohnerumfrage zur Namensfindung nun in Lucy-Lameck-Straße umbenannt werden. Muss ich bestimmt nicht dazu sagen, dass das die erste Frau in einem tansanischen Regierungskabinett war. In der Anwohnerumfrage wurde übrigens explizit nach NamensgeberIN gesucht. Sie sollte sich entweder im Bezirk-Neukölln oder im Widerstand gegen Kolonialmächte besonders verdient gemacht haben. Und da ist es am Ende die alt-bekannte Lucy geworden.

Allet wie früha, nur anders
Die schale Berlina Luft war mal viel erfrischender
Auch wenn jetzt schon viel geschafft wurde – es bleibt spannend. Viele Umbenennungen wurden noch nicht beschlossen und die Zahl untragbarer Namensgeber ist bekanntlich groß. Schließlich sind ja nicht nur Kolonialoffiziere eine Zumutung für jeden friedliebenden Erdenbürger, sondern z.B. auch preußische Generäle generell und alles, was irgendwie mit Krieg oder Gewalt zu tun hat. Ein Lichtblick: die Kreuzberger Grünen haben auch die Umbenennung der Yorckstraße (Generalfeldmarschall Ludwig Graf Yorck von Wartenburg) und der Blücherstraße sowie des Blücherplatzes (General Leberecht von Blücher) gefordert. Es dauert also zum Glück nicht mehr lange, dann können Sie endlich beruhigt durch die Berliner Straßen fahren. Keine Kolonialherren werden Sie mehr stören, keine Offiziere werden Ihnen die Laune verderben. Irgendwann wird Sie endlich nichts mehr an den Krieg erinnern – und Sie werden sich durch die Michelle-Obama-Allee radelnd des Lebens freuen.

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Kommentare ( 149 )

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Matrix
19 Tage her

Diese Auslöschung preußischer Geschichte ist besorgniserregend und ein weiterer Versuch, dieses Land seiner Wurzeln und identitätsstiftenden Persönlichkeiten zu berauben. Rückwirkend alle Persönlichkeiten des letzten und vorletzten Jahrhunderts durch die hochmütige grün-rot-bunte Gutmenschenbrille abzuurteilen wird dem Umstand nicht gerecht, dass sie vielfach aus einem spezifischen Zeitgeist handelten und auch viel positives für die damaligen Gesellschaften erreicht hatten.

Korner
19 Tage her

Berliner oder NRW Verhältnisse im Bund, wer freut sich nicht schon darauf. Einfach Laschet wählen und schon haben wir das.

Korner
19 Tage her

Berlin vernichtet sich selbst. Und das ist gut so. Seit dem Mauerfall, ist Berlin eh nicht mehr Berlin.

Niklot
19 Tage her

Das Sowjetische Ehrenmal, benannt nach den Sowjets, die bekanntlich 50 Millionen Tote auf dem Gewissen haben, ist wohl noch nicht umbenannt worden… Nicht zu vergessen das Leid Hunderttausender (zumeist) deutscher Mädchen und Frauen, die von Sowjetsoldaten vergewaltigt wurden.

Korner
19 Tage her
Antworten an  Niklot

Das war aber keine einseitige Geschichte.

Hegauhenne
20 Tage her

Nummern täten’s ja eigentlich auch, wie Fifth Avenue, politisch völlig neutral, Zahlen machen keinen Ärger.

Danton
19 Tage her
Antworten an  Hegauhenne

Nun, dann sollten sie sich mal dran machen und den Kurfürstendamm in 88. Avenue umbenennen.

Gerhard Doering
20 Tage her

Habe Verwandte in Berlin die sind alle bekloppt.Meine Tante wohnt in Zehlendorf in der Prinz Handjery Straße.Auf meine Frage was sie von den Umbenennungen hält antwortete sie wie folgt:“Aber nicht meine Straße, das wird mir zu teuer. Mein türkischer Taxifahrer fährt doch jetzt schon kreuz und quer durch Berlin bevor er mich nach langer Fahrt zu Hause absetzt. Das soll später der Russe entscheiden.“

Last edited 20 Tage her by Gerhard Doering
Medienfluechtling
20 Tage her

Siegerjustiz: Man erinnere sich an die Zeit nach 89 wo in Ostdeutschland ebenfalls viele Straßennamen umbenannt wurden. Teilweise die Namen von Antifaschisten mit preussischen Offizieren wechselten. Karma?!

Deutscher
20 Tage her

Hauptsache der olle Marx, auf den sich Massenmörder wie Stalin und Mao beriefen, behält sein 8 Meter hohes Denkmal in Chemnitz. Das sagt alles aus über die politische Klimakatastrophe.

Gottfried
20 Tage her

Jetzt habe ich auch Verständnis für die Zerstörung der Buddhastatuen in Bamiyan durch die Taliban.

Deutscher
19 Tage her
Antworten an  Gottfried

Brüder im Geiste der Linken und deshalb wohl auch deren Lieblingsreligion.

Silverager
20 Tage her

Der wahnhafte Irrsinn, der täglich aus der Shithole City Berlin hervorquillt, wird immer unerträglicher.