US-Wahlkampf: Erfundene Umfragen bringen Demokraten in Bedrängnis

Ein angebliches US-Meinungsforschungsinstitut erfand monatelang Umfragen mit auffallend guten Ergebnissen für demokratische Kandidaten. Renommierte Medien verbreiteten die Zahlen und verschaffen dem Ganzen Glaubwürdigkeit. Auch die New York Times fiel darauf herein.

picture alliance / Sipa USA | Graeme Sloan

In den USA ist knapp zwei Wochen vor den Kongresswahlen am 3. November ein massiver Umfrageskandal aufgeflogen, der abermals auch ein gewisses Licht auf die amerikanische Medienlandschaft wirft. Ein angebliches Meinungsforschungsinstitut namens Wedgewood Polls hat über Monate hinweg frei erfundene Umfrageergebnisse veröffentlicht. In zahlreichen entscheidenden Wahlkämpfen präsentierten die Fälschungen demokratische Kandidaten in ausgesprochen günstiger Position gegenüber ihren republikanischen Konkurrenten. Damit fanden diese Zahlen auch wieder sehr gerne Eingang in die Berichterstattung großer Medien und wurden wiederum auch von professionellen Wahlforschern übernommen. Die Medienlandschaft in den USA ist stark Demokratenfreundlich geprägt. Auch die New York Times verbreitete sie und musste inzwischen 15 entsprechende Erhebungen aus ihrer Datenbank entfernen.

Was sich hier abzeichnet, reicht weit über eine mal vorkommende Fehlprognose hinaus. Bei den angeblichen Erhebungen gab es teilweise überhaupt keine befragten Wähler. Stattdessen wurden Zahlen erfunden, die anschließend als seriöse Grundlage für politische Berichterstattung dienten. Das ist deshalb besonders brisant, weil die vermeintlichen Ergebnisse in mehreren Fällen genau jene Entwicklung nahelegten, über die demokratische Wahlkampfstrategen gerne berichtet sehen: unerwartet starke demokratische Kandidaten, bessere Aussichten für die eigene Partei und vor allem abrutschende Republikaner.

Erfundene Zahlen liefern die gewünschten Schlagzeilen

In Michigan bescheinigte Wedgewood der demokratischen Gouverneurskandidatin Jocelyn Benson einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten gegenüber ihrem republikanischen Konkurrenten John James. Benson sollte demnach 55 Prozent erreichen, James lediglich 45 Prozent. Der linksliberale Nachrichtensender MS NOW griff die angebliche Wedgewoood-Erhebung gerne auf und machte sie zum Gegenstand seiner Berichterstattung.

In Mississippi bescheinigte Wedgewood der republikanischen Senatorin Cindy Hyde-Smith nur noch einen Vorsprung von vier Prozentpunkten gegenüber ihrem demokratischen Herausforderer Scott Colom. 52 zu 48 Prozent lautete das angebliche Ergebnis. Eine solche Konstellation wäre in dem traditionell republikanisch geprägten Bundesstaat eine massive Überraschung gewesen. Newsweek erzählte darüber die hübsche Geschichte von einem Demokraten, der vor einer historischen Wahlsensation steht. Coloms Wahlkampfteam übernahm die vermeintlich unabhängigen Ergebnisse und verbreitete die Botschaft, das Rennen sei praktisch ausgeglichen und der Sieg in greifbare Nähe gerückt.

Der republikanische Meinungsforscher Jim McLaughlin weist darauf hin, dass Wedgewood seit Juni in einer Reihe umkämpfter Staaten wie Texas, Michigan, Georgia, Maine, Ohio und Kansas demokratischen Kandidaten günstigere Ergebnisse bescheinigte. Er vermutet dahinter einen gezielten Versuch, demokratische Bewerber zu unterstützen und zugleich Spender sowie Wahlkampfhelfer der Republikaner zu entmutigen. Auch der bekannte Wahlstatistiker Nate Silver stellte fest, dass die erfundenen Umfragen im Durchschnitt günstiger für die Demokraten ausfielen als die übrigen Erhebungen.

Eine demokratische Kandidatin gerät unter die Räder

Wie verheerend die manipulierten Zahlen innerhalb der Demokratischen Partei wirken, zeigt der Fall Mallory McMorrow aus Michigan, die sich sich um die Nominierung für die Wahl zum US-Senat beworben hatte. Ende Juni veröffentlichte Wedgewood eine angebliche Erhebung, nach der McMorrow nur noch neun Prozent Zustimmung erhielt. Ihre Konkurrenten Abdul El-Sayed und Haley Stevens lagen demnach bei 46 beziehungsweise 39 Prozent. Die ebenfalls erfundenen Vergleiche mit dem republikanischen Bewerber Mike Rogers stellten ausgerechnet El-Sayed besonders stark dar, während McMorrow als schwächste demokratische Kandidatin ausgewiesen wurde.

McMorrow schilderte nach Bekanntwerden des Betrugs, dass ihre Spendeneinnahmen eingebrochen seien, Wahlkampfhelfer entmutigt reagiert und Journalisten sie geradezu bedrängt hätten, endlich ihre Kandidatur zurückzuziehen. Genau das tat sie dann auch am 5. Juli. Andere, tatsächlich durchgeführte Befragungen hatten ebenfalls einen Rückgang ihrer Unterstützung gezeigt, allerdings erhielt damit der linke El-Sayed zusätzlichen Auftrieb dadurch, dass eine innerparteiliche Konkurrentin politisch unter erheblichen Druck geriet.

El-Sayed gewann schließlich die demokratische Vorwahl und tritt am 3. November gegen den Republikaner Mike Rogers an. Dieser Fall zeigt, wie weit die Folgen manipulierter Meinungsforschung reichen können.

Große Medien fallen auf den Schwindel herein

Besonders peinlich ist die Angelegenheit für die etablierten Medien und professionellen Prognosedienste. Neben der New York Times übernahmen unter anderem Newsweek und viele andere große Nachrichtenangebote die Ergebnisse des angeblichen Meinungsforschungsinstituts. Decision Desk HQ musste 17 Erhebungen aus seinen Datensammlungen entfernen. Auch Nate Silver und FiftyPlusOne hatten Wedgewood berücksichtigt.

Die New York Times versicherte inzwischen, sie habe das Unternehmen vor der Aufnahme seiner Umfragen zu Identität, Erhebungsmethoden und Finanzierung befragt. Waren die großen Redaktionen gegenüber den vermeintlichen Erhebungen womöglich auch deshalb so aufgeschlossen, weil diese häufig für Demokraten erfreuliche Ergebnisse lieferten? Fest steht allerdings, dass solche Zahlen den Stoff für aufsehenerregende Schlagzeilen lieferten und wiederholt ihren Weg in die politische Berichterstattung fanden.

Bei RealClearPolitics war man skeptisch und bereits an der fehlenden Unternehmensgeschichte von Wedgewood, der provisorischen Internetseite und den mangelnden Angaben über Mitarbeiter misstrauisch geworden. Die Verantwortlichen nahmen Wedgewood deshalb gar nicht erst in ihre Umfrageübersichten auf.

Der ganze Fall erinnert an den deutschen X-Auftritt „PrognosUmfragen“, der seit 2012 Wahlprojektionen veröffentlicht, ohne nachvollziehbar offenzulegen, wie die Zahlen überhaupt zustande kommen. Wer hinter dem Konto steckt, ist bis heute unbekannt. Angaben zu Stichprobengrößen und Erhebungsmethoden fehlen. Bereits 2023 warnte der Rat der Deutschen Markt- und Sozialforschung ausdrücklich vor den Veröffentlichungen, deren Herkunft und Grundlage „völlig unklar“ seien. Das hinderte Politiker von CDU, Freien Wählern und AfD nicht daran, die vermeintlichen Umfrageergebnisse weiterzuverbreiten. Pikant ist dabei die Namensähnlichkeit mit der renommierten Schweizer Prognos AG. Das Wirtschaftsforschungsunternehmen musste wiederholt klarstellen, dass es mit dem X-Konto überhaupt nichts zu tun hat und selbst keine politische Wahlforschung betreibt. Zuletzt distanzierte sich Prognos im September 2026 erneut ausdrücklich von dem Auftritt.

Der Schwindel war angeblich nur ein Experiment

Aufgeflogen ist die Affäre durch Nachforschungen des auf Wahlumfragen spezialisierten Portals FiftyPlusOne. Dessen Mitarbeiter hatten auffällige Unstimmigkeiten in den angeblichen Rohdaten entdeckt und den vermeintlichen Meinungsforschern kritische Fragen gestellt. Als diese mit den Erkenntnissen konfrontiert wurden, reagierten sie zunächst mit einer Beschimpfung. Kurz darauf veröffentlichten sie eine Erklärung, wonach es sich bei ihrer gesamten Tätigkeit lediglich um ein gesellschaftliches Experiment gehandelt habe. Man habe demonstrieren wollen, wie einfach es sei, eine vollständig erfundene Forschungsfirma in die etablierten politischen Auswertungssysteme einzuschleusen.

Dass dieser angebliche pädagogische Anspruch ausgerechnet in dem Augenblick öffentlich wurde, als die Fälschungen unmittelbar vor ihrer Enttarnung standen, macht die Erklärung wenig überzeugend. Noch dazu war Wedgewood nicht der erste Fall dieser Art. Bereits im August war ein angebliches Institut namens Median Strategies aufgeflogen, das unter anderem für die Bürgermeisterwahl in Los Angeles Zahlen erfunden hatte. Auch dort hatte die demokratische Amtsinhaberin Karen Bass eine für sie günstige angebliche Erhebung verbreitet, bevor der Schwindel bekannt wurde.

Der amerikanische Umfrageskandal besitzt schließlich eine zusätzliche wirtschaftliche Dimension. Auf Prognosemärkten wie Kalshi und Polymarket werden reale Geldbeträge auf politische Wahlausgänge gesetzt. Im Zusammenhang mit den gefälschten Median-Strategies-Umfragen waren bereits ungewöhnliche Bewegungen der Wettquoten festgestellt worden. Ob die Fälscher sich damit bereichern wollten, ist bislang nicht geklärt. Die Möglichkeit, mit erfundenen Zahlen nicht nur politische Erwartungen, sondern auch Wettmärkte zu beeinflussen, eröffnet jedenfalls weitere Fragen nach den tatsächlichen Motiven der Verantwortlichen.

US-Präsident Donald Trump hat den Skandal inzwischen aufgegriffen und insbesondere die New York Times wegen ihrer Übernahme der Fälschungen attackiert. Der ganze Vorgang liefert ihm neue Argumente für seine seit Jahren erhobene Kritik an politischen Umfragen und der unausgewogenen Berichterstattung großer amerikanischer Medien.

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