Wassermangel in Afrika: Versagen oder Schicksal?

Wasser ist in Afrika reichlich vorhanden. Was fehlt, sind funktionierende Leitungen, Kläranlagen und verantwortungsvolle Regierungen. Stattdessen florieren Korruption und Misswirtschaft, auch Dank einer milliardenschweren Hilfsindustrie.

IMAGO / Joerg Boethling

Im Jahr 2026 hat immer noch mehr als ein Drittel der afrikanischen Bevölkerung keinen Zugang zu einer gesicherten Trinkwasserversorgung, insbesondere in Subsahara-Afrika. Die Folgen sind fatal. So müssen kontaminierte Wasserquellen, verunreinigte Brunnen oder Wasser genutzt werden, das auch Tiere trinken. Ohne sanitäre Einrichtungen gibt es auch keine Abwasserentsorgung, sodass sich Bakterien über Wasser und Lebensmittel rascher verbreiten können.

Afrika ist jedoch der Kontinent mit den größten oberirdischen Wasservorkommen. Dazu tragen Nil, Kongo und Niger ebenso bei wie 680 größere afrikanische Seen. Der Victoriasee allein ist fast so groß wie Irland oder Bayern. Länder mit den meisten Seen sind Uganda, Kenia und Kamerun. Afrika verfügt über 600.000 Kubikkilometer Grundwasser, das ist rund das 30-Fache des Niederschlags, der in einem Jahr auf den gesamten Kontinent fällt. Die fünf wassersichersten Länder Afrikas sind Ägypten, Botswana, Gabun, Mauritius und Tunesien. Somalia, Tschad und Niger sind laut UN die am wenigsten wassersicheren Länder des Kontinents.

Verantwortung der Machthaber

Der mangelnde Zugang zu sauberem Trinkwasser in Afrika ist ein direktes Spiegelbild der Ignoranz und des Abstands der afrikanischen Eliten zu ihrer eigenen Bevölkerung. Wasser und Armut sind eng miteinander verknüpft. Während immense Summen für Prestigeprojekte, Militärausgaben und Waffen bereitgestellt werden, wird die grundlegende Infrastruktur vernachlässigt. Der fehlende Zugang zu sauberem Trinkwasser – welcher südlich der Sahara weit über die Hälfte der Bevölkerung betrifft – blockiert das wirtschaftliche Potenzial des Kontinents. Ohne Wasser gibt es keine Gesundheit, ohne Gesundheit keine Bildung und ohne Bildung keinen wirtschaftlichen Fortschritt. Gewinne aus Rohstoffexporten müssten afrikanische Regierungen konsequent in die Infrastruktur der Strom- und Wasserversorgung investieren. In Kamerun gehen Teile des Stromnetzes und der Wasserversorgung noch auf die Kolonialzeit (erst die deutsche, dann die französische und britische Verwaltung) zurück. Die Verteilernetze, Masten und Transformatoren wurden nicht gewartet und sind völlig veraltet, weshalb ein Großteil des Stroms verpufft oder Leitungen ihre Funktion verlieren. Alte Wasserrohre verrosten über die Jahrzehnte und werden brüchig. Wasser versickert oft tagelang ungenutzt. Probleme des Zugangs zu Trinkwasser sind eine unerbittliche Realität.

Das chinesische Staatsunternehmen Sinomach hat von 2016 bis 2024 ein Projekt fertiggestellt, das 300.000 Kubikmeter Wasser aus dem Sanaga-Fluss über eine 60 Kilometer lange Pipeline in die Hauptstadt Jaunde transportiert. Das Wasser wird zuvor durch mechanische und chemische Reinigungsschritte aufbereitet. Während in städtischen Zentren wie Jaunde und Douala rund 80 % der Menschen mit Hilfe der Chinesen theoretisch Zugang zu sauberem Wasser haben, sind ländliche Regionen weiterhin stark unterversorgt. Auf dem Land sind Wasserstellen oft kilometerweit weg. Aber auch in den Städten beklagen Kameruner Verteilungsengpässe. Moderne Wasserwerke wie das Sanaga-Projekt sind zwar in Betrieb, aber weil inkompetente Verwaltungen die Erneuerung der Stadtviertelrohre nicht rascher bearbeiten, vergehen oft Wochen und Monate, bis das Wasser in den Haushalten ankommt.

Da die häufigen Stromausfälle meist unangekündigt kommen, können Betriebe keine festen Liefertermine garantieren. Für ausländische Investoren ist diese Unzuverlässigkeit – nicht nur in Kamerun – eine starke Hemmschwelle. Fällt der Strom aus, versagen auch die elektrischen Wasserpumpen der Versorger. Die Menschen weichen dann auf ungefiltertes Fluss- oder Brunnenwasser aus, was zu Ausbrüchen von Krankheiten wie Cholera führt. Neben Cholera gibt es noch eine ganze Reihe schwerer bakterieller, viraler und parasitärer Erkrankungen, die durch kontaminiertes Trinkwasser oder mangelnde Hygiene ausgelöst werden.

Die herrschende Klasse lebt in einer anderen Realität als die normale Bevölkerung. Fällt der Strom aus oder wird das Wasser knapp, greifen die Eliten auf eigene, leistungsstarke Dieselgeneratoren und private Wassertanks oder teures, importiertes Flaschenwasser zurück. In Kamerun sind das z. B. die französischen Edelmarken Evian, Perrier oder Volvic. Sie schützen nicht nur vor Krankheiten, sondern dienen vor allem als Statussymbol. Eine einzige Flasche kostet in Jaunde oder Douala aufgrund der Importzölle und Transportkosten oft so viel, wie ein normaler Arbeiter am Tag verdient. In beiden Metropolen wird Abwasser meist über offene Straßengräben abgeführt. In diese Kanäle fließen Regenwasser, Haushaltsabwässer und manchmal auch industrielle Abfälle. Diese Gräben verstopfen oder laufen bei Starkregen über. Diese Mischung sickert in die Brunnen, aus denen sich die arme Bevölkerung versorgt. Wie in vielen Ländern Afrikas gibt es auch in Kamerun fast keine flächendeckende unterirdische Kanalisation und kaum funktionierende Kläranlagen. Die meisten Haushalte nutzen Latrinen oder Sickergruben.

Oberschicht kennt raue Wirklichkeit nicht

In dem Roman der Kamerunerin Djaili Amadou Amal „Im Herzen des Sahel“ (Orlanda Verlag, 2023) beschreibt sie die wohlhabende Oberschicht, die in gesicherten Verhältnissen lebt und für die sauberes fließendes Wasser und Elektrizität selbstverständlich sind. Die raue Wirklichkeit der einfachen Bevölkerung, die kilometerweit laufen muss, um überhaupt an Wasser zu gelangen, berührt das Leben dieser Privilegierten nicht. Sie schreibt, dass das fließende Wasser für die Reinigung von Luxusautos, das Sprengen von grünen Ziergärten und in verschwenderischen Badezimmern genutzt wird. Die Verschwendung von Wasser ist für die Eliten eine Möglichkeit, ihren Wohlstand und ihre Macht zur Schau zu stellen. Je mehr Wasser sie „sinnlos“ verbrauchen, desto deutlicher grenzen sie sich von der armen Landbevölkerung ab. Die Not der ländlichen Bevölkerung ist in der Wahrnehmung der besitzenden Klasse nicht vorhanden.

Nigeria: In den wohlhabenden Bezirken von Lagos oder der Hauptstadt Abuja haben die Eliten private Hochleistungsgeneratoren und französisches Wasser, während im Rest des Landes die staatlichen Strom- und Wassernetze regelmäßig zusammenbrechen.

Auch im Kongo leben die Eliten in der Hauptstadt Kinshasa in abgesicherten, voll klimatisierten Villen mit eigenem Wassernetz und Luxusgeschäften, komplett isoliert vom Chaos der restlichen Stadt, während die Menschen verschmutztes Wasser aus dem Kongo-Fluss trinken, was in der Folge zu zahlreichen Erkrankungen an Cholera und Typhus führt.

Während in vielen Teilen der Welt zu viel Wasser entnommen (z. B. in Asien) oder das Grundwasser zu stark verschmutzt wird (z. B. in Europa), liegt das Problem in Afrika an der fehlenden Nutzung des reichlich vorhandenen Wassers. Wie Forscher des British Geological Survey (BGS) und des University College London (UCL) herausgefunden haben, lagert in afrikanischen Böden das 30-Fache des jährlichen Niederschlags auf dem Kontinent. Diese Menge ist etwa 100-mal so groß wie die jährlich erneuerbaren oberirdischen Süßwasserressourcen. Es ist zudem 20-mal mehr Wasser, als in allen afrikanischen Seen vorhanden ist. Allerdings sind nur etwa drei Prozent der Ackerflächen in den Ländern südlich der Sahara mit Bewässerungssystemen ausgestattet und nur fünf Prozent nutzen Grundwasser.

Die Erschließung des Grundwassers könnte die afrikanische Wirtschaft voranbringen, indem landwirtschaftliche Erträge und die Anbaukultur verbessert werden könnten. Es wird meist auch nicht als Trinkwasser aufbereitet, sodass Menschen und Tiere es nicht ohne gesundheitliche Folgen nutzen können. Hinzu kommt, dass saubere Abwassersysteme und Aufbereitungsanlagen fehlen oder seit der Kolonialzeit nicht gewartet wurden, wodurch Fäkalien das Grundwasser verunreinigen. Die Trennung von Trink- und Abwasser sollte oberste Priorität haben.

Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten) hat die am besten ausgebaute Infrastruktur des Kontinents mit sehr hoher Basisversorgung. In den echten Demokratien wie Botswana und Mauritius gibt es dank gutem Wirtschaftsmanagement eine gute städtische und ländliche Wassererschließung.

Südafrika und Namibia haben hochmoderne Aufbereitungsanlagen. Namibia hat dies durch eine Zusammenarbeit mit Israel (Wissenstransfer), vor allem im Bereich der Meerwasserentsalzung und der Wüstenlandwirtschaft, erreicht. Israel gilt weltweit als technologischer Pionier bei der Bewältigung von Wasserknappheit. In Namibia lieferte Israel Know-how, wie eine Wüstenlandschaft durch eine Kombination aus Entsalzung, Abwasserrecycling und intelligenter Bewässerung komplett unabhängig werden kann. Israel leistet keine Finanzhilfen, sondern echte Hilfe zur Selbsthilfe durch Technologietransfer und Schulung, zum Beispiel in Äthiopien, Marokko, Kenia, Ruanda, Uganda, Malawi und Tansania.

Katastrophal ist die Situation in der Zentralafrikanischen Republik und im Tschad. Dort haben nur etwa 6 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sicheren Trinkwasserquellen. Die Demokratische Republik Kongo verfügt über mehr als 50 Prozent der gesamten Wasserreserven des Kontinents, hat jedoch wegen häufiger kriegerischer Auseinandersetzungen und fehlender Netze eine der schlechtesten Trinkwasserversorgungen weltweit und zwingt die Familien, im Durchschnitt täglich bis zu 6 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Da die üblichen 20 Liter Wasser kaum ausreichen, müssen Frauen und Kinder oft bis zu zwei- bis dreimal täglich die gefährlichen Wege gehen, um die Familie mit Trink-, Koch- und Waschwasser zu versorgen. Da der kongolesische Staat untätig ist, versuchen ausländische Geber wie GIZ, KfW und UN-Organisationen unter Umgehung staatlicher Stellen, die Not der Bevölkerung zu lindern. Sie verlagern die Korruption aber lediglich in den operativen Bereich: in Form von Vetternwirtschaft bei der Auftragsvergabe, überteuerten lokalen Verträgen, Schutz- und Schmiergeldern im Alltag. Der Steuerzahler der Geberländer zahlt immer einen „Korruptionsaufschlag“, damit ein kleiner Teil der Hilfe ankommt.

Der Schweizer Roland Widmer mit seiner Organisation „Aqua Pura“ zahlt keinen „Korruptionsaufschlag“, wenn er den Menschen zeigt, wie sie durch einfache Wasseraufbereitungssysteme mithilfe von Solarenergie und UV-C-Strahlung Viren und Bakterien im Wasser abtöten, ohne auf teure chemische Zusätze angewiesen zu sein. Seine mobilen Waterflow-Anlagen hat er gezielt für eine einfache Bedienung und wartungsarme Nutzung entwickelt. Einmal installiert, muss das Wasser nur durch das System gepumpt oder geleitet werden, um keimfrei aus dem Hahn zu fließen. Die Pflege der Filter wird nach einer Schulung des Vereins von den Wasserkomitees der Dörfer in Togo, Ghana, Uganda und Burkina Faso übernommen. Der Verein arbeitet seit 2007 vollständig ehrenamtlich. Verwaltungskosten entstehen nicht. Es ist ein kleines Projekt, aber verantwortungsvolle Regierungen könnten es zumindest als Pilotprojekt in Eigenregie übernehmen.

Warum gibt es so wenige lokale Wasserstrategien?

In vielen Regionen steht für die Regierungen der Erhalt der eigenen Macht und die innere Sicherheit an erster Stelle. Durchaus ausreichende Budgets werden z. B. in Guinea, Niger oder Kamerun gezielt in das Militär und den Sicherheitsapparat gelenkt. Investitionen in die Wasserinfrastruktur tragen nicht zur unmittelbaren Machtsicherung bei.

Da sich internationale Geber geradezu aufdrängen, um die Wasserversorgung zu sichern, können Regierungen staatliche Kernaufgaben an das Ausland „auslagern“. Die Geber stört auch nicht, dass bei der Einfuhr von benötigten Werkzeugen etc. regelmäßig „informelle Zahlungen“ fällig werden, um die Abfertigung zu beschleunigen. Um die Blockade von Hilfsprojekten zu vermeiden, sind auch für Bohrrechte oder für Baugenehmigungen solche „nützlichen Zahlungen“ fällig. So wird die Korruption hingenommen und es ändert sich nichts. Der Erfolg von Projekten wird immer daran gemessen, ob die Millionen planmäßig ausgegeben wurden (Mittelabfluss). Nur die Zahlen müssen stimmen. Offizielle Baustopps würden die Zielvorgaben gefährden.

Hinzu kommt: Anstatt lokale Kompetenzen sowie Wissen zu nutzen und zu stärken, bringen Geberorganisationen fertige westliche Konzepte mit. Wenn ein Projekt scheitert, wird die Schuld in der Regel in der Unfähigkeit der Menschen vor Ort gesucht. Das zementiert das Vorurteil, dass sie es selbst nicht können.

Um Steuergelder für die Entwicklungshilfe im eigenen Land zu rechtfertigen, nutzen Ministerien und NGOs (ein Widerspruch, weil oft regierungsnah) seit Jahren eine kalkulierte Bildsprache (Poverty Porn) mit hungernden Kindern mit Fliegen im Gesicht, bettelnden Menschen und vertrockneten Brunnen. Dieses Marketing beraubt die Betroffenen ihrer Würde und bedient das Retterbedürfnis.

Dabei können nach meiner Erfahrung Entwicklungshelfer nie sicherstellen, dass die schwächsten Bevölkerungsgruppen (unabhängig von Ethnie oder politischer Zugehörigkeit) Zugang zum Wasser erhalten. Ich habe in Kamerun erlebt, dass ein lokaler Politiker die Eröffnung eines neuen Brunnens für seinen Wahlkampf nutzte und den Zugang mithilfe einer Gebühr beschränkte. Er wollte bestimmen, wer das Wasser bekommt, um seine Machtbasis zu sichern.

Vom Bittsteller zum Geschäftspartner

Solange Entwicklungshilfe als staatliche Milliardenindustrie organisiert ist, verwaltet sie sich selbst. Diese Überheblichkeit führt dazu, dass das System der Entwicklungshilfe vor allem vermeidet, sich überflüssig zu machen, und stattdessen die Existenz der eigenen Organisation, die Karrieren der Helfer und das eigene Wohlbefinden der Geberländer zu sichern versucht.

Die Behauptung, das aktuelle System würde die Ärmsten schützen, hält der Praxis nicht stand. BMZ und GIZ, die primär sich selbst erhalten, lassen sich nicht reformieren und müssen ersetzt werden. Das Wirtschaftsministerium (BMWE) bräuchte für eine weitaus größere Wirkung nur einen Bruchteil des aktuellen Milliardenbudgets. Beispiel: Anstatt dass wir für den Bau einer Wasserleitung Millionen verschenken, setzt das BMWE auf Hermesbürgschaften oder Investitionsgarantien. Es gibt für deutsche Investoren lediglich eine Garantie, falls das Projekt scheitert. Das Risiko für private Investoren sinkt erheblich, und es wird privates Kapital mobilisiert. Staatliche Hilfsbudgets werden damit überflüssig. Die humanitäre Hilfe für akute Krisen bleibt wie bisher im Auswärtigen Amt. Das ständige und als arrogant empfundene moralische Belehren durch das BMZ fällt weg. Das stärkt die politische Souveränität der Afrikaner. Sie werden vom Bittsteller zu einem Geschäftspartner.

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