Ulrich Siegmund – der Kennedy aus Tangermünde?

Ulrich Siegmund fliegen die Herzen zu, und der Block der Anti-AfD-Parteien ist zutiefst verunsichert. Es ist, als ob Frustration und lang empfundener Unmut ausgerechnet im kleinen Sachsen-Anhalt eine wirkliche Wende lostreten könnten.

picture alliance/dpa | Sebastian Willnow

Geschichte wird in den Metropolen geschrieben – aber oft in der Provinz gemacht. In Plauen, damals eine Stadt mit 75.000 Einwohnern, fand am 7. Oktober 1989 die erste Großdemonstration der Friedlichen Revolution statt, die von den DDR-Sicherheitskräften nicht mehr aufgelöst werden konnte. Rund 15.000, vielleicht 20.000 Menschen gingen auf die Straße. Es war der Kipp-Punkt. Berlin kam dann später, und die Berliner Machthaber hatten es nicht kommen sehen und nicht glauben wollen.

Fallen weitere Dominosteine?

Ist das kleine, verarmte Sachsen-Anhalt der Kipp-Punkt, der erstmals einen AfD-Kandidaten zum Ministerpräsidenten macht und dann weitere Dominosteine umfallen lässt; Mecklenburg-Vorpommern, vielleicht sogar das linksversiffte Berlin und dann den Westen?

Wir wissen es nicht. Umfrageinstitute schweigen sich aus und zählen brav die Antworten zusammen, die ihnen angeblich repräsentative Befragte geben – die längst nicht mehr glauben, dass ihre Antworten anonym bleiben. Wenn ein AfD-Spitzenkandidat zur vierten Ausfahrt mit den legendären Simson-Mopeds der DDR lädt, dann ist das ein Volksfest. Die Festhalle der CDU für den Auftritt ihres Spitzenkandidaten und Ministerpräsidenten Schulze ist dagegen so gesittet wie dünn besetzt. Der SPD-Vorsitzende und Bundesfinanzminister, der mächtige Lars Klingbeil, tritt nur in einem Saal auf, der klein genug ist für den mächtigen Mann von gestern ohne Gefolgschaft heute. Im Osten ist die AfD Volks- und die SPD Schrumpfpartei. Die Grünen? Eine seltsam skurrile Veranstaltung, eine im August verspätet auftretende Karnevalssitzung vor leeren Räumen und mit Witzen von vorgestern.

Und wer wird die Wahl gewinnen? Das Rennen ist offen. Ulrich Siegmund ist strahlend, schlagfertig, eine Art Kennedy aus Tangermünde.

Auf ihn wird mehr projiziert als auf irgendeinen anderen Politiker, der in Deutschland auf einer höheren Ebene als auf Gemeinderatsniveau agiert. Er ist für viele offensichtlich ein Hoffnungsträger. Dass er die Grabplatte wegstößt, die auf dem Land liegt – viele hatten das von Friedrich Merz erhofft und ihn und seine CDU gewählt. Sie dürfen sich verraten fühlen. Gemeinsam mit der SPD-Spitze, den Grünen und Linken hatte Merz die Verabredung getroffen, noch den alten, längst abgewählten Bundestag zur Ministerschuldengenehmigungsmaschine zu missbrauchen, obwohl jederzeit (!) die Konstituierung des neuen Bundestags möglich gewesen wäre.

Gemeinsam mit Bundestagspräsidentin Bärbel Bas wurde die Neu-Konstituierung auf 30 Tage hin verzögert, um den Deal durchzuziehen – nur 12 Tage hatte es nach der ersten gesamtdeutschen Wahl gedauert, den Bundestag zu konstituieren, obwohl damals die Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen wesentlich schwieriger waren.

Merz hat seither bewiesen, dass er nur ein kaltblütiger, gewissenloser Wahlbetrüger ist, der keines, aber auch genau gar keines der CDU-Wahlversprechen umzusetzen versucht hat. Schulden statt solider Haushaltspolitik – jetzt beginnen die Bürger zu ahnen, dass sie für die Zinszahlungen herangezogen und über steigende Preise infolge höherer Zinsen und Inflation geschröpft werden.

Der Heizungskeller wird zur Falle, in der jene verenden, die ihr Erspartes ins Eigenheim gesteckt haben und jetzt die Kosten des Umbaus tragen müssen.

Rentner werden zu Flaschensammlern, Bürgergeldempfänger sehen sich bessergestellt als jene, die sich bislang um ein karges, aber ehrlich erworbenes Arbeitseinkommen mühen. Pflegefälle werden künftig mehr zahlen müssen bis zum Ende ihrer Tage, die Entwicklungshilfe-Geschenke erreichen Weltrekordniveau und Deutschland ist die Kasse, die zur Plünderung freigegeben ist.

Verfolgt man den sogenannten kulturellen Überbau, dann sind  Männer, die sich zur Frau erklären und in den Kindergärten Nachwuchs für ihre perversen Absichten rekrutieren, die Helden der Nation, wobei jeder angegriffen wird, der das eben pervers nennt. Wobei das noch der harmloseste Begriff für eine flächendeckende sexuelle Verunsicherung der Kinder ist. Dass ein paar heiße Tage im August zur Klimakrise aufgebauscht werden, obwohl mittlerweile der Regen fällt und der Pulli aus dem Winterlager hervorgeholt werden muss, zeigt: Durch nichts lässt sich die rotgrüne Panikmaschine verlangsamen, schon gar nicht durch Fakten und Erleben.

Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung

Die Kluft zwischen den religiösen Verkündigungen einer woken Regierung jenseits jeder Reformbereitschaft und den täglichen Erfahrungen wird immer größer. Arbeitsplätze gehen verloren, Geld wird verplempert, Schulen verfallen, aber in einer Stadt wie Frankfurt erhalten Bürgergeldempfänger neue Küchengeräte, weil 10 Jahre unzumutbar sind für die Hätschelkinder des rotgrünen Magistrats. Mehr Unsinn gefällig?

Nicht nötig. Und das ist der Stoff, aus dem die Träume eines Ulrich Siegmund gewoben sind. Auf ihn wird die Hoffnung projiziert, dass vielleicht wieder etwas Vernunft einkehrt und nicht jeder Migrant eine Vorzugsbehandlung aus der Staatskasse erfährt, von der ein Einheimischer nur träumen kann.

Wird Siegmund das einlösen können, sollte er die Wahl mit absoluter Mehrheit gewinnen? Das wird schwer. Merz hat die Kassen geplündert. Nach Pinocchio grinst die Armut in die Stuben. Von Merz und der Koalition aus CDU und SPD bleiben Niedergang und Verwahrlosung. Und absurderweise will der Kanzler angesichts des wohl unumkehrbaren Verdampfens der SPD jetzt mit den Grünen Klimapolitik betreiben. Während die gesamte Welt von der überzogenen Industrievernichtung Abstand nimmt, zieht er die alte Klamotte hervor, weil er weiß: Repression lässt sich am besten mit einem drohenden Weltuntergang rechtfertigen. Auch wenn er nicht kommt und nicht kommt und nicht kommt.

Und am selben Wochenende also rollt Siegmund mit der Simson in einer Wolke von stinkenden Zweitakter-Abgasen daher und lacht; und die Zuschauer rufen „Uli, Uli, Uli!“

In den Talkshows ziehen die dort zur Dauer-Untermiete hausenden Gäste Sorgenfalten auf. Es sind die alten Gesichter, die man nicht mehr sehen kann. Selbst die wenigen Jungen wie Amthor wirken wie Greise. Man sehnt sich nach einem Wechsel. Wenigstens  andere Gesichter sollen es sein. Und das macht Siegmund so unangreifbar: Was immer man ihm unterstellt oder vorwirft – es wird als künstlich aufgeblasen, einseitig, unwahr empfunden. Er wirkt wie ein moderner Siegfried: Sie suchen das Lindenblatt, aber haben es noch nicht gefunden, und das Publikum amüsiert sich über den SPIEGEL, der ihn zum Verbrecher zu framen versucht. Mittlerweile stärkt ihn jeder Angriff, wie ein Bumerang fliegen die Vorwürfe zurück an den Absender. Sein Selbstbewusstsein stärkt auch Parteifreunde. Alice Weidel und Tino Chrupalla treten  selbstbewusst in den Sommerinterviews, als hätten sie auch im Drachenblut gebadet.

Ritter Siegmund und enttäuschte Hoffnungen

Siegmund ist kein Weltenretter, behauptet es auch nicht von sich. Aber er vermittelt: Es ist nicht alles verloren. Wahlen können vielleicht doch etwas verändern, obwohl seit Merkel durch Koalitions-Gemauschel eine immerwährende Grabplatte auf das Land gelegt wurde und jede Hoffnung auf Veränderung in einem bleiernen Dauerwinter erfrieren sollte. 

In Sachsen-Anhalt ist der Bewegungsspielraum klein, aber er ist da. Auf Bundesebene zurren bezahlte NGOs, politisch besetzte Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht das System auf Unveränderlichkeit fest und schnüren mit selbstverursachten Haushaltszwängen jede Handlungsmöglichkeit ein. 

Aber vielleicht kommt die Veränderung nicht in der gepanzerten Luxuslimousine daher, sondern auf dem Moped. Soll ja öfter schon so gewesen sein.


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Kommentare ( 44 )

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44 Comments
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Deutscher
56 Minuten her

Kennedy. Geht’s noch ne Nummer größer?

Die Frage stellt sich anders: Sind die Ossis wie die Amis der 60er Jahre und bereit, die Ärmel bis unter die Achseln hochzukrempeln, in einem wirtschaftsliberalen System, das mehr erfordert als den Wunsch nach sozialistischer Gemütlichkeit?

Wenn ich denke, dass schon bald nach der Wende die Eier auf den Befreier Kohl flogen, hege ich da gewisse Zweifel. Jetzt tragen sie die AfD auf Händen. Werden sie es noch tun, wenn sie merken, dass der Osten auch mit den Blauen westlich bleibt?

Hieronymus Bosch
1 Stunde her

Die Deutschen wollen mehrheitlich von ihrer naiven Weltordnung, von ihrer aufgesetzten Willkommenskultur, von ihrer Klimahörigkeit und Hilfepsychose nicht abweichen, wollen Bürgergeldempfänger weiter pampern, Muslime den roten Teppich ausrollen und für die Meinungsfreiheit demostrieren, obwohl sie längst keine mehr ist! Dafür stehen noch immer fast 70 Prozent an CDU-,SPD-, Grünen- und Linken-Wähler, die unbeirrt an ihrem Irrsinn festhalten und damit ihre Macht demonstrieren, die sie als Demokratie und Volkssouveränität ausgeben. Unterstützt von einem Heer an wilfährigen Journalisten und regimetreuen Medien ziehen sie unbeirrt ihre Kreise! Die AfD ist für sie Staatsfeind Nr.1 und genau das versuchen sie dem orientierungslosen Volk zu… Mehr

Harry Charles
24 Minuten her
Antworten an  Hieronymus Bosch

Sie lenken schon wieder ab. Die AfD hat es in Sachsen-Anhalt doch selbst in der Hand. Dass die andere Seite jetzt eine mediale Großattacke fährt – all das war schon vor Monaten klar. Man muss sich eben darauf einstellen und entsprechend mobilisieren. Wenn man in Sachsen-Anhalt bei ca. 42% steht und noch ca. 2-3% braucht, dann ist das keine unüberwindbare Hürde. Und nicht immer jammern „die anderen…“. Denken Sie, die geben ihre Macht und die damit verbundenen Pfründe so einfach her? Gegen die Grünen haben sie in deren Anfangspahse (fast) genau so gehetzt, jetzt führen die das Establishment am Nasenring.… Mehr

89-erlebt
1 Stunde her

Nicht zu vergessen. All das läuft schon seit Monaten weit unter dem Radar der ach so ausgewogen neutralen, NUR den Fakten und Informationen verpflichteten GEZÖRR Sendern. Der MDR höchst selbst, wollte mit Schweigeminuten, die niemand mehr hören möchte auf die GEZÖRRte Bedeutungslosigkeit hinweisen.

Bernd Simonis
2 Stunden her

Eine Regierung zu führen erfordert ganz andere Fähigkeiten als auf der Strasse mit einer coolen Art und Weise gut anzukommen. Ich trommle auch für die AfD, zwangsläufig, aber meine Skepsis bleibt. Eine AfD Regierung könnte sich schnell abnutzen, und dann beginnt wieder ein neues Spiel.

Mermaid
2 Stunden her

Ja, Herr Tichy, mir scheint auch, daß Weidel und Chrupalla mitgerissen werden von diesem jungen Mann!
Und die Rezepte zur Gesundung unseres Landes liegen auf dem Tisch. Und sie kosten nicht einen Pfennig. Weidel hat sie angesprochen.
Eine Befreiung der Wirtschaft von politischen Zwängen, eine tiefgreifende Entbürokratisierung. Freiheit mit einem Wort! Eigenverantwortung. Kreativität. Das kostet alles nichts. Man muß es nur zulassen.
Der Staat selbst kann Ausgaben zusammenstreichen. Und sich über wieder sprudelnde Einnahmen freuen, die eine anspringende Wirtschaft generiert.
Wenn die Menschen Angst verlieren, bekommen sie Flügel!

Klaus Kabel
2 Stunden her

Unter der FDJ Sekteärin Merkel begann für Deutschland eine neue „bleierne Zeit“. Diese Politik hat das Land tief gespalten, die Energiewirtschaft ruiniert und das Land ruiniert. Die aktuelle Führung biegt das Recht und nutzt Krisen wie Corona oder das Klima rein für den eigenen Machterhalt, gedeckt von den sogenannten Eliten. Diese Regierung ist eine absolute Schande für Deutschland! Doch mit Ulrich Siegmund kommt jetzt wieder echte Hoffnung aus Ostdeutschland. Egal, was die linke Blase noch versucht, um ihn zu verhindern: Dieses Licht lässt sich nicht mehr ausblasen. Es ist der Anfang vom Ende dieser bleiernen Zeit und das Verschieben der… Mehr

Harry Charles
18 Minuten her
Antworten an  Klaus Kabel

Ja, und wer hat die „DDR“ sozialisierte FDJ- Merkel hier in Amt und Würden gebracht? Die „bösen Amis“ etwa gegen die man jetzt im Osten so gern Stimmung macht? Mit ca. 50 Millionen deutschstämmigen US-Amerikanern steckt in den USA zur Zeit vielleicht mehr Deutsches als hier bei uns, wenn Sie mal durch die Fußgängerzone einer Großstadt gehen.

Koepenicker
2 Stunden her

Das Phänomen ist so alt wie die Politik selbst: In Krisenzeiten läuft man gerne dem nächsten „Erlöser“ hinterher. Gustave Le Bon schrieb dazu passend in seiner „Psychologie der Massen“: „Wer die Massen zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr; wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“ Sobald die Frustration über den Ist-Zustand groß genug ist, entsteht ein Vakuum und die Wähler projizieren all ihre Sehnsüchte in eine neue Person. Es wird dann weniger die konkrete Sachpolitik bewertet, sondern vielmehr die Hoffnung auf grundlegende Veränderung. Der Artikel beschreibt diesen Mechanismus sehr treffend am Beispiel von Ulrich Siegmund, aber eben auch anhand… Mehr

gom jabbar
2 Stunden her

Wovor sie am meisten Angst haben, ist, dass der Wähler merken könnte mit Wahlen doch etwas ändern zu können und die Ketten aus Zwängen, Steuern und Abgaben sprengen kann. Ich drücke die Daumen.

Hieronymus Bosch
2 Stunden her

Die tägliche AfD-Hetze in Medien wie n-tv oder Focus ist schon zur Routine geworden! Ständig werden neue Hetzer aus der Schublade gezogen, die Weltuntergamgsstimmung verbreiten! Das Armageddon sei nahe, wenn die AfD die Wahlen gewinnt! Und die alten Parteien würden sich mit dem Teufel verbünden, um weiterhin an der Macht zu bleiben!

Harry Charles
16 Minuten her
Antworten an  Hieronymus Bosch

Und diese Hetze wird in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl noch erheblich schlimmer werden. Und genau deshalb muss man sich auf AfD-Seite darauf einstellen, positiv denken und es vielleicht sogar als Chance sehen und überlegen was man dagegen tun kann.

Dreiklang
2 Stunden her

Herr Tichy, fragen Sie doch Herrn Herles, was er von Siegmund hält. Die Antwort wird sein: Nicht besonders viel, denn Herles hat sich kein einziges Mal positiv über die AfD geäußert, warum sollte es diesmal anders sein. Aber etwas ist nun anders: An Siegmund kann auch der CDU-Bestandswähler erkennen, was in seiner eigenen Partei alles verlorengegangen ist bzw. dessen er vorsätzlich beraubt wurde. Die CDU lernt jedoch nur aus katastrophalen Wahlergebnissen, also deutlich unter 20%. Sie will (bisher) nicht zur Kleinpartei werden. Es gibt gute Aussichten, dass diesmal die massive Warnung erfolgt.

Chlorhahn
2 Stunden her
Antworten an  Dreiklang

Ach der Herles ….

89-erlebt
1 Stunde her
Antworten an  Chlorhahn

Lebt sich‘s doch herrschaftlich vom Zwangsgelde und JA: Die UNION muss verschwinden, wenn irgend ein Bundesland oder die BRD noch eine Chance haben wollen.