Schüsse, Fluchtauto, SPD-Verbindung – neue Fragen im Fall Stade

Verbindungslinien ins Migranten-, NGO- und möglicherweise Clan-Milieu, sowie der fahrlässige Behörden-Umgang angesichts der Gewaltvorgeschichte des Mörders werfen viele Fragen auf.

Screenshot nX / Künstliche Intelligenz

Im Fall der Bluttat in Stade gibt es eine neue politische Verbindung: Die 65-jährige Frau Sylvia S., die sich als „Patentante“ des betroffenen Babys bezeichnet haben soll und den Fluchtwagen gefahren haben soll, ist die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku. Kurku ist zugleich Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe.

Er legte die familiäre Verbindung am Donnerstagabend über seinen Anwalt offen, sprach den Opfern und Angehörigen sein Mitgefühl aus und erklärte, er habe vor der Tat selbstverständlich keine Kenntnis von einer möglichen Tat gehabt. Landesregierung und SPD-Fraktion stellten sich hinter Kurku; die familiäre Verbindung habe laut Regierung keine unmittelbaren Auswirkungen auf sein Ehrenamt.

Damit rückt die Rolle der Sylvia S. noch stärker in den Mittelpunkt. Gegen sie wird weiter ermittelt, ein Haftbefehl wurde aber nicht beantragt. Sie hatte bei der Bluttat in einer Mutter-Kind-Einrichtung von Stade den teuren Mercedes mit fast 400 PS gefahren, war nach der Tat mit hoher Geschwindigkeit vor der Polizei weggefahren, blieb aber mit defektem Reifen dann liegen. Sie soll auch den mutmaßlichen Täter zum Termin in der Jugendhilfeeinrichtung gefahren haben und bezeichnet sich als Patentante des drei Monate alten Babys.

Die Staatsanwaltschaft sieht keinen dringenden Tatverdacht. Sie betont, erst nach Abschluss der Ermittlungen könne gesagt werden, ob und welcher Tatvorwurf angeklagt werde.
Sylvia S. ist laut Medienberichten sogenannte Migrationsberaterin bei der NGO „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“.

Die Tat selbst geschah am Montag, 29. Juni 2026, in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade. Der 45-jährige Vater aus Garbsen soll bei einem „Hilfeplangespräch“ in einer Jugendhilfeeinrichtung in der Dankersstraße 29 in Stade sechs Menschen erschossen haben – Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung sowie des Jugendamts der Region Hannover. Drei der Getöteten arbeiteten in der Jugendhilfestation Garbsen, drei weitere in Stade.

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um Fatih G., er ist nach Polizeiangaben in Deutschland geboren, besitzt die türkische Staatsangehörigkeit und wohnte im Raum Hannover. Er befindet sich inzwischen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft bewertet die Tat derzeit als sechsfachen Mord; als Mordmerkmale nennt sie insbesondere Heimtücke und niedrige Beweggründe. Eine Mordkommission wurde wegen Umfang und Komplexität des Verfahrens eingerichtet.
Hintergrund war offenbar ein eskalierter Konflikt um die drei Monate alte Tochter des Mannes. Mutter und Kind befanden sich in der Einrichtung in Stade; nach Polizeiangaben waren beide während der Tat im Haus, blieben aber unverletzt.

Die Vorgeschichte führt in die Medizinische Hochschule Hannover. Dort war das damals wenige Wochen alte Baby nach Medienrecherchen als Notfall behandelt worden; Ärzte äußerten den Verdacht auf ein Schütteltrauma, eine potenziell lebensgefährliche Hirnverletzung. Die Eltern bestritten diesen Verdacht. Laut ZEIT bestätigte die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen gegen beide Eltern wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Gegen den Vater lief zudem ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung: Am 22. April soll er im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Tochter gegenüber Ärzten der MHH aggressiv aufgetreten sein und verbal gedroht haben.

Das Amtsgericht Neustadt am Rübenberge hatte den Eltern die Gesundheitssorge entzogen, nachdem sie eine medizinische Behandlung des Kindes verweigert haben sollen. Mutter und Kind wurden daraufhin in der Einrichtung in Stade untergebracht. Gegen diese Entscheidung hatten die Eltern Beschwerde beim Oberlandesgericht Celle eingelegt.

Geklärt werden muss, warum trotz dieser Vorgeschichte kein stärkeres Sicherheitskonzept in der Einrichtung griff. Der Mann galt als aufbrausend, gegen ihn wurde bereits ermittelt, dennoch fand das Gespräch in der Einrichtung statt.
Nach Darstellung des Sozialministeriums sei das bei sogenannten „Hilfeplangesprächen“ üblich; Polizei werde nur hinzugezogen, wenn die Gefahrenlage entsprechend eingeschätzt werde. In Stade wurde offenbar lediglich eine größere Gesprächsrunde gewählt. Auch hier wieder die Frage: Wer wusste von welchen Warnsignalen und warum wurden sie nicht als konkrete Gefahr bewertet?

Nach Medienrecherchen soll der Verdächtige insgesamt 15-mal geschossen und zwischendurch nachgeladen haben. NDR-Recherchen zufolge soll er die Tatwaffe, eine Beretta Modell 70, etwa eine Woche vor der Tat in Berlin gekauft haben; für Pistole und Munition soll er rund 4.000 Euro bezahlt haben. Eine waffenrechtliche Erlaubnis soll der Mann nach Behördenangaben nicht gehabt haben.

Kurz nach der Tat berichteten Medien gestützt auf Informationen des WDR und NDR, dass der Täter womöglich aus dem Miri-Clan stamme. Dies wurde auf der ersten Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft ausdrücklich ausgeschlossen. Diese Passage wurde gegen Abend des 30. Juni stillschweigend gelöscht. Auf Anfrage von Tichys Einblick am Mittwochmorgen, warum diese Passage ohne Hinweis auf die nachträgliche Bearbeitung geändert worden sei, erklärte der NDR, aufgrund der veränderten Informationslage nicht weiter über diesen Verdacht berichten zu wollen.

Offen ist auch die Rolle der Mutter des Kindes. Sie war während der Tat in der Einrichtung, blieb unverletzt, wurde zunächst in Polizeiobhut genommen und später wieder entlassen. Auch gegen sie wurde kein Haftbefehl beantragt. Unklar ist, ob und in welchem Umfang sie, die 65-jährige Fahrerin oder andere Personen aus dem Umfeld von der Bewaffnung oder den Absichten des Mannes wussten.

Die neue aufgetauchte familiäre Verbindung der Fluchtwagenfahrerin zu einem SPD-Politiker beweist keine politische Verantwortung, macht aber den Fall noch prekärer. Die Öffentlichkeit muss jetzt erfahren: Wer spielt welche Rolle, und warum konnte ein hocheskalierter Konflikt ohne wirksame Sicherheitsvorkehrungen in eine solche Katastrophe münden? Wie eng ist das Unterstützernetz der Familie? Welche Rolle spielt die oben genannte NGO?

Nach der Bluttat erschüttern weitere Details: Unter den Todesopfern von Stade ist eine junge Mutter aus Hannover. Nach Angaben der Hannoverschen Allgemeinen hinterlässt sie zwei kleine Kinder im Alter von drei und vier Jahren; deren Vater soll erst wenige Wochen zuvor gestorben sein. Der Killer von Stade hinterlässt damit auch zwei Vollwaisen.

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