Entweder es gibt Meinungsfreiheit, Kunst- und Satirefreiheit – oder nicht. Selbst wenn es im Auge des Betrachters weder Kunst noch Satire ist, mit Witz nichts zu tun hat, nicht nur geschmacklos, sondern unterirdisch abwegig wäre: Meinungsfreiheit ist Meinungsfreiheit.
picture alliance / ABBfoto | Frederik Kern
Was sagte Dieter Nuhr Toxisches in der ARD? Das:
„… Morde an Frauen werden im wesentlichen von Männern verübt, richtig,, bedeutet aber nicht, dass Männer ständig Frauen töten. Ist wie bei Muslimen, islamistische Attentate werden nur von Muslimen verübt, deshalb sind aber nicht alle Muslime Attentäter … es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr. Natürlich sind das 300 bis 350 zu viel,. Das ist doch gar keine Frage. Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer.
„Frauenverachtende Witze in der ARD: Dieter Nuhr ist für den Sender nicht mehr tragbar“, überschrieb Watson die Meinung von Andrea Zschocher, und fasste sie zusammen: „Es gibt Kabarettisten, die mit ihren Worten aufrütteln, die Missstände sichtbar machen und die Gesellschaft zum Nachdenken bringen. Und dann gibt es Dieter Nuhr, einen Mann, der Gewalt gegen Frauen zur Pointe degradiert und dafür auch noch öffentlich-rechtlichen Applaus bekommt.“
Für Frau Zschocher ist Nuhrs Botschaft klar: »Frauen sind selbst schuld. Das ist so unglaublich dumm, dass einem die Worte fehlen. Deswegen wäre Schweigen eine verständliche Reaktion. Wutentbranntes Gebrüll wäre angemessen, ein „Sag mal, gehts noch?“ und Dieter Nuhr aus dem Saal begleiten eine wünschenswerte Reaktion. Aber das ARD-Publikum macht, was wirklich niemand tun sollte: Es lacht. Es klatscht. Es belohnt diese widerliche Umkehr der Verantwortung.«
Carolina Schwarz von der taz schreibt, »ausgehend von einem Text meiner SZ-Kollegin Nele Sophie Karsten und von mir in der taz, die sich beide mit der strukturellen Gewalt im Patriarchat beschäftigen, sagt Nuhr, es gäbe kein strukturelles Problem mit dem Töten von Frauen. Er rechnet den Zuschauer_innen vor, dass die Wahrscheinlichkeit, als Frau von einem Mann getötet zu werden, quasi bei null liege. Denn es gäbe 300 bis 350 Frauenmorde pro Jahr, und er betont zwar, dass jeder Mord zu viel sei, nur um dann zum großen Aber zu kommen. Millionen Männer in Deutschland würden keine Frauen töten. Um zu überleben, hat er dann auch noch einen Ratschlag für die Frauen parat. Er sagt: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einfach erst mal kennenlernt.“ Und ergänzt nach einer kurzen Pause für das Gelächter des Publikums. „Vielleicht einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist.“«
Die Frage sei nicht, schrieb Frau Schwarz weiter, worüber Comedians Witze machen dürften. In einer Demokratie, in der die Kunstfreiheit ein hohes Gut wäre, dürften sie sich erst einmal über alles lustig machen. Die Frage, was ein gelungener Witz wäre, sei dabei eine ganz andere. Die Frauen hätten den Mann vor dem Sex kennenlernen sollen, sei nicht nur Victim Blaming, Schuldumkehr, sondern auch schlicht falsch: Die meisten, die Frauen töten, seien keine Fremden, die sie in einer Bar kennenlernen, sondern Männer, die sie kennen – in 87 Prozent der Fälle (Ex-)Partner.
Bliebe die Frage, warum die Öffentlich-Rechtlichen solchen Kabarettisten eine Bühne bieten. Laut ihrem Auftrag dürften sie keine Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren und seien zur Achtung der Menschenwürde verpflichtet. Eine Anfrage der taz habe der rbb beantwortet, sie könnten die Kritik verstehen, Nuhrs Sendung sei jedoch von der Kunst- und Satirefreiheit gedeckt. Konsequenzen solle es keine geben.
Werte Damen, hic Rhodus, hic salta. Entweder es gibt Meinungsfreiheit, Kunst- und Satirefreiheit – oder nicht. Selbst wenn es im Auge des Betrachters weder Kunst noch Satire ist, mit Witz nichts zu tun hat, nicht nur geschmacklos, sondern – wie ich in diesem Falle meine – schlicht unterirdisch abwegig ist, Meinungsfreiheit ist Meinungsfreiheit.

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