Berlin: Zwangsabgabe für Betriebe, die nicht ausbilden

Ausbildungsplätze fehlen? Die Berliner Politik reagiert mit Zwang, statt an die Ursachen heranzugehen. Betriebe sollen zahlen, wenn sie nicht ausbilden – auch wenn Bewerber wegen der katastrophalen Schulpolitik fehlen: Berlin hat pro Jahr rund 3.000 Schulabgänger ohne Schulabschluss.

picture alliance/dpa | Christoph Soeder
Cansel Kiziltepe (SPD), Berliner Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Berlin, 18.12.2025

Am 26. März 2026 verabschiedete das Berliner Abgeordnetenhaus in 2. Lesung mit einer überwältigenden schwarz-rot-dunkelrot-grünen Mehrheit das „Berliner Ausbildungsförderungsfondsgesetz“. Hinter diesem Fonds verbirgt sich nichts anderes als eine Zwangsabgabe, die Betriebe mit mehr als zehn sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten leisten müssen, falls sie nicht ausbilden.

128 Abgeordnete der Union, der SPD, der Links-Partei und der Grünen stimmten für dieses Gesetz. 16 AfD-Abgeordnete stimmten dagegen; 4 CDU-Abgeordnete und ein Fraktionsloser enthielten sich der Stimme. Besonders heldenhaft waren die CDU-Abgeordneten, die fast komplett für das Gesetz stimmten, denn im Vorfeld gab es in der CDU-Fraktion heftigen Widerstand gegen dieses Gesetz. In einer Probeabstimmung in der CDU-Fraktion hatten sich – so die „Morgenpost“ – nur 26 der 52 Mitglieder zugunsten des Gesetzes geäußert; die anderen stimmten dagegen oder blieben der Abstimmung fern.

75 Millionen Euro für einen Ausbildungsfonds

Worum geht es? Am 2. Juli 2025 war ein Gesetzentwurf zur Ausbildungsplatzumlage eingebracht worden. Federführend: Berlins (Multi-) „Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung“, Cansel Kiziltepe (SPD). Ihre Pläne einer Ausbildungsplatzabgabe gehen auf den Berliner CDU/SPD-Koalitionsvertrag 2023/26 zurück. Ziel ist bzw. war die Errichtung eines jährlichen Fonds von 75 Millionen Euro, falls bis Ende 2025 nicht mindestens 2.000 zusätzliche betriebliche Ausbildungsplätze geschaffen würden. Da dies nun nicht der Fall war, kam eben am 26. März 2026 das Gesetz.

Vorbild für das Berliner Abgeordnetenhaus war das am 28. März 2023 – ausgerechnet! – von der Bremer Bürgerschaft beschlossene „Gesetz zur Errichtung eines Ausbildungsunterstützungsfonds im Land Bremen (Ausbildungsunterstützungsfondsgesetz – AusbUFG).“ Das sind Vorbilder: Wenn nämlich ein maroder Stadtstaat sich einen anderen maroden zum Vorbild erwählt.

Rechtlich unumstritten ist ein solches Landesgesetz gleichwohl nicht so ganz. Denn gesetzliche Regelungen des betrieblichen Teils der dualen Berufsausbildung sind Sache des Bundes. Weil der Bund aber bislang auf eine entsprechende Regelung einer Ausbildungsumlage verzichtet hat, haben die Länder hier einen Spielraum. Berlin hat sich dies denn auch bereits 2022 in einem Rechtsgutachten von Prof. Dr. Ulrich Battis bestätigen lassen. Die Verfassungsmäßigkeit einer Ausbildungsplatzumlage sei bereits 1980 (!) durch das Bundesverfassungsgericht und 2024 durch den Staatsgerichtshof Bremen bestätigt worden.

Was da auf Betriebe, die nicht ausbilden, zukommt, kann noch nicht eindeutig beziffert werden. Die Höhe der Umlage für den Einzelbetrieb hängt von dem noch festzulegenden Ausgleichsbetrag pro Auszubildenden und der Gesamtstruktur des Ausbildungsmarktes ab. Als Basis für die Berechnung dient die Bruttolohnsumme des Betriebes.

Die Kammern sind sauer

Die Handwerkskammer Berlins ist besonders sauer. Als 2025 die ersten Pläne einer Zwangsumlage bekannt wurden, trat die Handwerkskammer unter Protest sogar aus dem „Berliner Bündnis für Ausbildung“ aus. Vor allem war die Handwerkskammer erbost, weil es zum Gesetzentwurf keinerlei Anhörung unter Beteiligung der Fachverbände und damit keinerlei Dialogbereitschaft seitens der Politik gegeben hatte.

Die IHK kritisiert, dass die Zwangsabgabe an den Bedarfen vorbeigeht. Die IHK kritisiert auch, dass die Zwangsumlage Unternehmen bestrafe, die keine Bewerber finden, dass die Gefahr der Umverteilung zugunsten größerer Unternehmen bestehe, dass die Umlage zu Wettbewerbsverzerrung und sinkender Ausbildungsqualität führe und das Ganze einen immensen Verwaltungsapparat samt Personalkosten nach sich ziehe.

Boshafter Ausblick

Zugleich hat Berlin pro Jahr rund 3.000 Schulabgänger ohne Schulabschluss. Welcher Betrieb will solche jungen Leute schon einstellen? Zumal die Hürden, deren Überwindung Berlin vor dem Erwerb eines Schulabschlusses hat, nicht die höchsten sein dürften. Jedenfalls rangiert Berlin im Vergleich der 16 deutschen Länder bei Schulleistungsvergleichen der Neuntklässler nicht im mittleren oder gar vorderen Bereich.

Außerdem: Die SPD betreibt in Berlin ihre Bundeszentrale und eine Landesgeschäftsstelle, dazu 12 Kreisgeschäftsstellen, 34 Bürgerbüros von Mitgliedern des Abgeordnetenhauses (MdA) und 32 Wahlkreisbüros für ihre SPD-Bundestagsabgeordneten. Eine ähnliche Größenordnung dürfte die CDU haben. Kaum weniger Geschäftsstellen werden es bei der Links-Partei und bei den Grünen sein.

Geschätzt heißt das unter der Annahme, dass mindestens ein Viertel all dieser Geschäftsstellen mehr als zehn Mitarbeiter hat: Da könnten doch bestimmt hundert Azubis, auch solche ohne Schulabschluss, „ausgebildet“ und auf eine Politkarriere vorbereitet werden. Sie würden beim Zustand der politischen „Elite“ kaum aus dem Rahmen fallen. Und die Parteiapparate könnten damit einen Beitrag leisten, dass es zu dieser planwirtschaftlich anmutenden Zwangsumlage gar nicht erst kommt. Aber das will man vielleicht nicht.

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Kommentare ( 20 )

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Innere Unruhe
38 Minuten her

Ich wäre dafür, Zwangsabgabe für Eltern einzuführen, deren Kinder Probleme in der Schule machen…
Schulen sollen ausbildungsfähige Jugend liefern. Wessen Kind nicht ausbildungsfähig ist, muss bestraft werden. Dabei geht es weniger um die Noten – die meisten Kinder sind schlau genug, mindestens den Hauptschulabschluss zu schaffen.
Es geht um die Sozialisation: Fähigkeit, das Kopftuch abzulegen, wenn die Vorschriften dies erfordern; Fahilgkeit, mit Frauen zu arbeiten; Handreichen; Pünktlichkeit; gutes Deutsch, bzw. erkennbarer Wille, es zu verbessern.

Schwabenwilli
1 Stunde her

Wenn wollen sie ausbilden wenn es nachher dafür keinen Arbeitsplatz gibt?

Fieselschweif
1 Stunde her

Als ob die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Betriebe nicht schon im tiefen Keller angekommen wäre, braucht man noch einen zusätzlichen politischen Kostenblock, damit auch jeder merkt, dass Deindustrialisierung und Abwanderung in diesem Land Trumpf ist. Den Vorschlag, die Politik als Vorreiter in Sachen Ausbildung neuer Volksvertreter voranschreiten zu lassen, finde ich richtig gut. Schließlich ist es nach Darstellung von oberer grüner Seite ok, wenn Abgeordnete im BT nicht richtig lesen könnten – repräsentieren sie dochdamit mittlerweile eine immer breiter werdende Bevölkerungsgruppe. Wenn die dann aber am End‘ nichts vernünftiges zustande bringen, egal. Hauptsache der zunehmen schwächere Bildungstand wird angemessen repräsentiert. Also ran… Mehr

Last edited 1 Stunde her by Fieselschweif
ralf12
1 Stunde her

Das war früher die klassische FDP Domäne (völlig anders abstimmen als vorher lauthals propagiert). Hat der Michel aber irgendwann begriffen und an der Wahlurne abgestraft. „Besonders heldenhaft waren die CDU-Abgeordneten, die fast komplett für das Gesetz stimmten, denn im Vorfeld gab es in der CDU-Fraktion heftigen Widerstand gegen dieses Gesetz. “ Hoffentlich Steigt die Lernkurve des Michel jetzt schon bis zu den nächsten Landtagswahlen. Der war dann hier einfach köstlich:“Da könnten doch bestimmt hundert Azubis, auch solche ohne Schulabschluss, „ausgebildet“ und auf eine Politkarriere vorbereitet werden. Sie würden beim Zustand der politischen „Elite“ kaum aus dem Rahmen fallen. “ hab Tränen gelacht,… Mehr

humerd
2 Stunden her

„Gesetz zur Errichtung eines Ausbildungsunterstützungsfonds im Land Bremen (Ausbildungsunterstützungsfondsgesetz – AusbUFG).“
Das nächste wunderbare Geschäftsmodell für NGOs / Gewerkschaften. Die bieten dann „Ausbildungen“ an, wie diese Integrationskurse oder Sprachkurse für „Geflüchtete“. Ausbildungen wie die von siehe Saskia Esken „Esken schloss am Berufskolleg für Informatik der Akademie für Datenverarbeitung Böblingen eine Ausbildung zur staatlich geprüften Informatikerin ab“ https://de.wikipedia.org/wiki/Akademie_f%C3%BCr_Datenverarbeitung_B%C3%B6blingen

AlNamrood
2 Stunden her

Es sind nicht bloß die schulischen Leistungen, es sind klipp und klar Verhaltensstörungen bei vielen jungen Leuten die eine Ausbildung unmöglich machen. Man kann weite Teile der jüngeren Generationen keine 5 Minuten alleine lassen ohne dass sie schlicht anfangen Mist zu machen. Kein Betrieb will oder braucht so jemanden.

Tesla
2 Stunden her

Dass immer mehr Schulabgänger die Mindestanforderungen für einen Ausbildungsplatz nicht mehr erfüllen, ist ein Versagen des Staates. Mir ist dieser Verfall schon in den 2000er Jahren aufgefallen, als ich ehrenamtlich im Prüfungsausschuss der IHK für Fachinformatik/Systemintegration tätig war – und die Prüflinge waren noch diejenigen, die noch einen Ausbildungsplatz bekommen hatten. Der letzte Rest quasi. Das dt. Bildungswesen ist eher ein Bildungslückenwesen. Und dass diese Lücken immer größer werden, erkennt man an den Änderungen der Unterrichtsinhalte zu Lasten der naturwiss. Fächer. Und zu Gunsten von Klimawahn, Gendergaga oder Regenbogenpropaganda – Dinge, die die Welt nicht braucht, auch nicht die Ausbildungsbetriebe.… Mehr

Bernd Bueter
2 Stunden her

Die Berliner „Intelligenz“ hat mehrheitlich gewählt und bekommt, was sie gewählt hat.
Wo ist also das Problem?

Verwaltungsgrundsatz:

den Wollenden geschieht kein Unrecht

Ralph Martin
2 Stunden her

Kartellparteienpolitik hat immer 3 Eigenschaften: wirkungslos, höhere Steuern und mehr Beschäftigung für den Staat.

Waehler 21
2 Stunden her

Bilden denn auch Abgeordnete aus? Geld genug bekommen sie doch vom Staat!
Und einen Schulabschluss braucht man auch nicht für diesen Job!