Bischof Heiner Wilmer: Ein Neubeginn für die Deutsche Bischofskonferenz?

Heiner Wilmer spricht bedacht und salbungsvoll. Doch ob sich mit ihm nach den Verwerfungen der Ära Bätzing ein echter Neubeginn abzeichnet, oder ob die Spaltung lediglich sanfter weiterbetrieben wird, muss sich zeigen.

picture alliance/dpa | Daniel Löb

Mit Heiner Wilmer haben die deutschen Bischöfe einen neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt, der sich in Auftreten und Redeweise deutlich von seinem Vorgänger abhebt.

So gehäuft kam in seiner ersten Stellungnahme als DBK-Vorsitzender religiöses Vokabular zum Einsatz, dass ein anwesender Pressevertreter dies erstaunt anmerkte. „Noch nie“ seien auf den Pressekonferenzen der DBK „so oft die Worte ‚Christus’, ‚Jesus’ und ‚der Glaube’ verwendet“ worden. Die Verwendung zentraler Glaubensbegriffe als herausragendes Merkmal für einen katholischen Bischof?

Der Heilige Geist als Akteur – nicht als Waffe

In der Tat aber klingen diese Worte aus Heiner Wilmers Mund authentisch – anders als bei seinem Vorgänger Georg Bätzing, der „Jesus“ und vor allem den „Heiligen Geist“ nicht etwa als eigenständige göttliche Akteure im Weltgeschehen aufzufassen schien, sondern vielmehr als Waffe gebrauchte, um kirchenpolitische Reformprojekte voranzutreiben.

Der Ton also ist, ganz abgesehen vom markanten nordischen Einschlag, ein anderer. Das rief umgehend innerkirchliche Reaktionen hervor: Die Initiative „Neuer Anfang“, die sich seit den Wirren des „Synodalen Weges“ für Einheit mit dem Lehramt und gegen deutsche Sonderwege einsetzt, lobt die „spirituelle Tiefe“ und den „geistlichen Akzent“, den sein Statement gesetzt habe. Er habe „theologische und geistliche Substanz“ gezeigt.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, jenes Gremium von Kirchenfunktionären, das die Bischöfe seit der Einrichtung des Synodalen Weges vor sich hertreibt, manifestiert im Glückwunschschreiben die Realität, wie sie zu sein habe: Bischof Georg Bätzing habe „den Weg bereitet“ und überreiche den „Staffelstab“: Man freue sich, den Synodalen Weg weiterzugehen. Ein Diktat, keine Bitte – im ZDK hat man sich daran gewöhnt, die Bischöfe nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen.

DBK und ZDK: Befasst mit Fragen von gestern

Doch ist die Hoffnung oder Befürchtung eines Richtungswechsels begründet? Die Tonalität lässt zumindest auf einen brüderlicheren, freundlicheren Umgang der Bischöfe untereinander schließen. Das würde bereits eine enorme Verbesserung darstellen. Die herablassende und passiv-aggressive Attitüde Bätzings gegenüber seinen Amtsbrüdern war selbst für Außenstehende oft schwer erträglich.

Doch letztlich zählen die Inhalte. Und hier scheint Wilmer nicht zu bestätigen, was seine Wortwahl verheißt.

Tatsächlich findet in Europa derzeit ein geistlicher Aufbruch statt. Junge Menschen wenden sich der Kirche zu und bitten um Aufnahme. Sie suchen nach Bindung, Wurzeln, Gottes- und Christusbegegnung. Eine Ausgangssituation wie geschaffen für einen Bischof mit „spiritueller Tiefe“, der sich bereits als junger Mann der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester angeschlossen hat. Die „Herz-Jesu-Verehrung“ ist eine innerliche, zugleich aber politisch und kulturell wirkmächtige Frömmigkeitsform, die nicht zuletzt in ihrem Bekenntnis zur Freiheit von historischer Bedeutung ist.

Derzeit sind jedoch nur zwei deutsche Bischöfe, Stefan Oster und Rainer Maria Woelki, dazu bereit, dieses „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und aktiv geistliche Erweckung zu fördern.

Ja-Sager beim Synodalen Weg

Heiner Wilmer hat sich in der Vergangenheit immer wieder den „progressiven“ Kräften angebiedert, die Struktur und Macht als bestimmende Themen betrachten: Macht für Frauen – daher der Wunsch, Frauen in sakramentale Ämter zu bringen –, Macht für linksidentitäre pressure groups, die Trans- und Genderideologie in der kirchlichen Lehre implementieren wollen, Macht für die Funktionäre, die über die Verwendung der Gelder bestimmen wollen.

Diese kirchlichen Akteure wollten zur Durchsetzung ihrer Ziele den Synodalen Weg benutzen. Ein kirchenrechtlich nicht definiertes Sitzungsformat, das ursprünglich der Missbrauchsaufarbeitung dienen sollte, dann aber vor allem auf pseudo-parlamentarische Weise Veränderungen des Lehramts diskutierte.

Während des Synodalen Weges segnete der Bischof von Hildesheim alle Reformvorhaben der Progressiven ab. Ob Frauen in sakramentalen Ämtern, die Umformung der Kirchenleitung oder die Umschreibung des christlichen Menschenbildes durch Annahme der Gender- und Transideologie und Ablehnung der christlichen Sexualmoral: Heiner Wilmer stimmte mit „Ja“.

Die Ablehnung eines Textes, der faktisch die Abschaffung der christlichen Sexualethik forderte, bedauerte Wilmer ausdrücklich: „Das ist ein echter Dämpfer für alle, die sich für eine Erneuerung unserer Kirche aus dem Glauben heraus einsetzen“, so Wilmer. Er „verstehe und teile die Enttäuschung vieler Katholikinnen und Katholiken über das Scheitern des Textes (…).“

Progressiv auf Linie

Und schon 2021 gab das Bistum Hildesheim einen Leitfaden für „gendersensible Sprache“ heraus. Darin wird nicht nur erläutert, dass und wie gegendert werden solle, auch für den Gottesdienst wird angeregt, die Ansprache an Gott entsprechend zu variieren. Besorgt zeigt sich die Handreichung darüber, dass Männer und Frauen stereotyp dargestellt werden könnten – so wird angemahnt, dass die Mimik auf Fotos ähnlich sein solle, auch Männer dürften lächeln und Frauen ernst schauen.

Dass das Bistum Hildesheim das vielfältige und komplexe biblische und christliche Menschenbild für derart infantile Geschlechtskonstruktionen aufgegeben hat, weckt zumindest Zweifel daran, dass die geistlichen Worte Wilmers mehr sind als eine oberflächliche Konvention.

Mit der unkritischen Übernahme von Prämissen der Transideologie ist der Bischof von Hildesheim nicht allein. Aber es stellt sich doch die Frage, warum die Kirche an dieser Stelle nachplappert, was Life-Style-Ideologien vorbeten.

Dass Wilmer während der Corona-Krise das Verlangen der Gläubigen nach der Eucharistie – nach katholischem Glauben die unmittelbarste Vereinigung mit Christus im Diesseits – als Überbewertung dieses Sakraments charakterisierte, steht im Widerspruch zur Aussage, er wolle „Christus ins Zentrum“ rücken; wobei der Fairness halber hinzugefügt werden muss, dass die notorisch antikirchliche DLF-Redakteurin Christiane Florin ihm diese Worte beinahe in den Mund legte. Wilmer hatte eigentlich positiv auf die zahlreichen anderen Möglichkeiten, den Glauben zu leben, hinweisen wollen. Während der Pandemie lag ihm sichtlich daran, den Menschen mit geistlichem Rat zur Seite zu stehen.

Stromlinienförmig

Wilmers Aussagen der vergangenen Jahre ergeben nicht das Bild eines geistlichen Erneuerers, sondern eher des typischen deutschen Bischofs: Dem Opportunismus verpflichtet. Da wird Greta Thunberg 2019 als „junge Prophetin“ bezeichnet, 2023 geht man auf Distanz, denn mit Antisemiten will man sich dann doch nicht gemein machen. Klare Positionen werden gemieden. Sobald man sich in Gefahr wähnt, dem Mainstream zu gefallen, behilft man sich mit Worthülsen und Satzbausteinen.

Ist diese Angst unbegründet, ist man weniger zurückhaltend: Machtmissbrauch liege in der DNA der Kirche, behauptete Wilmer 2018. Ein Satz, wie geschaffen um die strukturellen Veränderungen, die Synodal-Katholiken anstreben, zu rechtfertigen.

Die Weltkirche mag kein Gepolter

Weltkirchlich stellt sich die DBK mit der Wahl Wilmers auf das Pontifikat Leos XIV. ein. Wilmer ist ein Ordensmann, der zudem von 2015 bis 2018 als Generaloberer seiner Ordensgemeinschaft in Rom tätig war.

Sein nachdenklich-reflektiver Ton könnte in Rom deutlich besser ankommen als das selbstgewisse, hemdsärmelig-provinzielle Gepolter, mit dem sich Wilmers Vorgänger, angetrieben durch das nimmersatte ZDK und seine herrische Vorsitzende Irme Stetter-Karp, ins weltkirchliche Abseits katapultiert hat.

Doch die Ambivalenz bleibt: 2023 gab Wilmer gegenüber der Rheinischen Post zu Protokoll, dass er „ unbedingt für eine Erneuerung“ sei, man sei aber „zu ungeduldig“: „Uns fehlt in Deutschland mitunter etwas der lange Atem. Es fehlt manchmal die Bereitschaft anzuerkennen, dass nicht alles innerhalb der eigenen Lebensspanne umgesetzt werden kann.“, so der Bischof weiter.

Wofür wird der lange Atem gebraucht? Für die Installation von Frauen im Weiheamt oder für die Wiedererstarkung des sakramentalen Lebens?

Der Versuch progressiver Kräfte, das Lehramt durch direkte Attacken zu sprengen, kann als gescheitert gelten. Bereits Papst Franziskus suchte, durch die Einrichtung der Weltsynode ein Ventil für solche Bestrebungen zu schaffen und sie in geordnete Bahnen zu lenken. Auch wenn dies nicht gelang, so machte er die Ablehnung der deutsch-synodalen Pläne mehr als deutlich.

Heilung oder Spaltung?

Mit Wilmer könnte ein Strategiewechsel erfolgen: Die Unterwanderung der Glaubenslehre würde weiterverfolgt, aber sie würde eingehüllt in ein attraktiveres sprachliches Gewand, das dem Ansinnen Papst Leos XIV., Spaltungen innerhalb der Kirche zu überwinden, entgegenkäme.

So könnte sich der Spielraum für deutsche Sonderwege wieder vergrößern, was insbesondere angesichts der Einrichtung der geplanten Synodalkonferenz von Bedeutung ist. Bislang verweigern sich drei Bischöfe dem Vorhaben, eine Art ständiges Kirchenparlament zu kreieren.

Würden die synodalen Forderungen in gewaltlose Kommunikation verpackt, würde es für romtreue Bischöfe deutlich schwieriger, sich dagegen zur Wehr zu setzen, ohne wie Aggressoren zu wirken.

Dass Bischof Heiner Wilmer seinerseits dazu bereit wäre, in Konflikt mit dem deutschen Synodal-Katholizismus zu treten, scheint vorerst unwahrscheinlich. Unmöglich ist es nicht: Er lasse sich vom Heiligen Geist überraschen, sagte er in seiner ersten Stellungnahme. Zudem hat insbesondere das ZDK immer wieder gezeigt, dass es nicht dazu bereit ist, auch nur um Haaresbreite vom eigenen militanten Kurs abzurücken. Womöglich lässt sich die Auseinandersetzung also nicht vermeiden, mag Wilmer noch so konziliant versuchen, Gräben zu überwinden.

Erweist er sich jedoch lediglich als salbungsvollerer Vertreter synodaler Anliegen, würde die katholische Kirche in Deutschland den gefährlichen Balanceakt am Abgrund der Kirchenspaltung fortführen – lediglich etwas geräuschloser.

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Kommentare ( 1 )

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Siggi
2 Stunden her

Der Mann steht eher für ein stoisches weiter so, denn er ist in Rom gut vernetzt. Das ist man nur, wenn man „mitspielt“