Das Rentendesaster der Zahnärzte als Modell für die geplante Zwangskapitalrente des Bundes?

Kapitalrente klingt zunächst nicht schlecht. Tatsächlich bedeutet es nichts anderes als noch mehr Zwangsabgaben. Die Politik versucht auch hier mit Taschenspielertricks davon abzulenken, dass sie nicht daran denkt, Probleme tatsächlich lösen zu wollen. Warum kann nicht jeder selbst steuerbefreit für seine Altersversorgung sparen?

IMAGO / Jürgen Heinrich

Die Probleme der Rente sind, genauso wie die der Sozialkassen, groß. Sehr groß sogar. So groß, dass selbst Politiker sie nicht mehr ignorieren können. Das Hauptproblem dieses Problems, wie auch der anderen Probleme, ist, dass die wichtigsten Gründe nicht benannt werden dürfen. Damit ist jede Analyse sinnlos und eine Lösung des Problems nicht möglich.

Deshalb versucht man, das Problem politisch zu lösen. Sprich: Man schweigt die eigentlichen Ursachen tot und präsentiert Scheinlösungen. Eine dieser Scheinlösungen, die medial ablenkt, ist die Kapitalrente. Kapital klingt gut. Es suggeriert Aktien, Dividenden von sagenumwobenen Konzernen, die – nach Ansicht der Linken, sogar noch beim Gewinn Profit machen. Vielleicht sogar irgendetwas Digitales. Wer weiß? Auf jeden Fall niemals versiegenden Reichtum. Tatsächlich ist es aber nichts anderes als eine Erhöhung der verpflichtenden Zahlung, die jedoch nicht als Abgabenerhöhung wahrgenommen werden soll.

Die Rentenkommission der Bundesregierung schlägt deshalb eine verpflichtende, beitragsfinanzierte „Kapitalrente“ vor, in die Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils 1 Prozent des Bruttolohns einzahlen. Diese Beiträge sollen in einem Staatsfonds am Aktienmarkt angelegt werden, um das Rentenniveau langfristig zu stabilisieren. Dieser Beitrag zur Kapitalrente soll schrittweise von zunächst 1 Prozent auf 2 Prozent des Bruttolohns steigen, jeweils hälftig getragen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, was die Kosten für Unternehmen natürlich noch weiter erhöhen wird. Um das Absicherungsniveau in der Übergangsphase zu stützen, soll der Staat für die Jahre vor 2040 Steuermittel zuschießen. Experten haben in Modellrechnungen Charts entwickelt, die man von Vermögensberatern nur zu gut kennt. Grafiken, auf denen steil aufsteigende Linien von links unten nach rechts oben zu sehen sind. Experten eben. Hier noch einmal die wichtigen Begriffe des Vorschlags:

  • verpflichtend
  • steigende Beiträge
  • Zuschüsse aus Steuern

Wäre die Politik ernsthaft an einer Lösung interessiert, würde sie dafür sorgen, dass jeder sein Geld steuerfrei selbst anlegen könnte. Davon will die Regierung, die das zwangsweise eingezogene Geld vermutlich bereits mehrmals verplant hat, natürlich nichts wissen.

Wie eine verpflichtende staatliche Kapitalrente in der Praxis vermutlich aussehen könnte, kann man derzeit in Berlin beobachten. Dort hat das Versorgungswerk der Zahnärzte für Berlin, Brandenburg und Bremen nahezu die Hälfte des Vermögens verloren, dass seine Mitglieder zwangsweise einzahlen mussten. Aus 2,2 Milliarden Euro wurden 1,1 Milliarden. Die Folgen tragen nun, mit gekürzten Renten, höheren Beiträgen und wachsender Existenzangst, rund 11.000 Zahnärzte und einige Tierärzte. Die Führung des Versorgungswerks setzte über Jahre auf riskante Beteiligungen: Hotels auf Ibiza und Sardinien, Privatkredite, eine Garnelenfarm in Schleswig-Holstein, ein Recyclingwerk in Los Angeles und zahlreiche Start-ups wurden zum Spielfeld einer Altersvorsorge, die eigentlich dem Schutz ihrer Mitglieder dienen sollte. Allein Beteiligungen im Wert von knapp 500 Millionen Euro sind heute nur noch rund 50 Millionen wert. Der langjährige Geschäftsführer wurde entlassen. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen ihn und ehemalige Gremienmitglieder.

Für die Zahnärzte in Berlin ist die Mitgliedschaft und die Einzahlung in das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) verpflichtend. Verpflichtend soll es jetzt für alle werden, in die Kapitalrente einzuzahlen. Ob staatliche Vermögensverwalter zu grundlegend anderen Ergebnissen kommen würden als die Berliner? Das kann niemand wissen. Aber wir wollen jetzt ja alles, auf Wunsch von Friedrich Merz, positiv sehen, und deshalb schlagen wir vor: Die jetzt frei gewordenen Berliner Experten sollten das neu zu gründende Kapitalrentenamt leiten. Überqualifiziert, oft ein Ablehnungsgrund für staatliche Stellen, scheinen sie ja nicht zu sein.

Um Zwangsdarlehensnehmer zu beruhigen, erfanden pfiffige Beamte schon vor mehr als hundert Jahren das Wort „mündelsicher“. Es ist ein schönes Wort, zusammengesetzt aus Mündel und sicher. Es suggeriert Verantwortung, Fürsorge, Expertise und Wissen. Adam Tooze beschreibt in seinem Buch „Die Ökonomie der Zerstörung“, wie so etwas dann in der Praxis aussah.

Als Deutschland das letzte Mal viele Waffen brauchte, bemerkte der Staat, dass er mehr Geld zum Kauf all dieser neuen Waffen benötigen würde. Was also tun? Die Idee, Steuern zu erhöhen, wurde von pfiffigen Fachleuten schnell abgelehnt. Sie schlugen stattdessen vor, die Löhne zu erhöhen und den Konsum durch die Rationierung täglicher Güter drastisch einzuschränken. Die glücklichen Bezieher der nun höheren Löhne würden sich so nichts kaufen können und ihr Geld auf die Bank oder zur Sparkasse bringen, wo sie zusätzlich Zinsen erwarteten. Die Banken und Sparkassen wurden dann vom fürsorglichen Staat gezwungen, dieses Geld mündelsicher anzulegen. Mündelsicher waren aber nach Ansicht des Staates, der viel Geld brauchte, nur die Anleihen zum Kauf der vielen neuen Waffen. Leider wurden diese Waffen dann auch benutzt und gingen dabei auch noch kaputt. Als alles zu Ende war, blieben von hundert Reichsmark weniger als zwei übrig.

Will man jetzt gerade nicht wieder viele Waffen bauen? Nur gut, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

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Kommentare ( 57 )

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57 Comments
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BKF
4 Stunden her

„in die Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils 1 % ihres Bruttolohns einzahlen“ Der AG zahlt nichts selber ein, das kommt wie bei anderen solchen Konstellationen genauso aus dem Topf mit dem Namen Lohnkosten und gehört eigenlich zu wahren Brutto des AN.

roffmann
3 Stunden her
Antworten an  BKF

Das 1% kommt zu den Lohnkosten dazu, geht in die Preise und somit in die Wettbewerbsfähigkeit. Wenn die Marktpreise das hergeben gut , wenn nicht „Pech“-

Punti
2 Stunden her
Antworten an  BKF

Das stimmt, ist aber für das fortwährende Gejammer über die viel zu hohen Lohnnebenkosten propagandistisch notwendig. Das die Lohnkosten unternehmensseitig nur in ihrer Gesamthöhe relevant sind, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Aber auch die sind in Bestland inzwischen knapp.

Will Hunting
4 Stunden her

Die Beamten sollten mindestens einen solidarischen Sockelbeitrag in die gesetzliche RV einzahlen.

Siggi
3 Stunden her
Antworten an  Will Hunting

Dann würden große Teile des bezahlten Wahlviehs abtrünnig werden. Das verbeamtete Grundwahlvieh ist unersetzlich. Allein das zeigt doch, dass das ganze nur dem ehemaligen Arbeitgeber des Lügenbolds dient.

hoho
3 Stunden her
Antworten an  Will Hunting

Wieso Sockelbeitrag? Wieso gibt es überhaupt eine Sonderregelung bei RV? Wieso deckt der Staat ihre PKV Ausgaben auch? Was soll das überhaupt?

Boudicca
1 Stunde her
Antworten an  Will Hunting

Das Geld der Beamten kommt auch aus dem Steueraufkommen aus der freien Wirtschaft.

peter sponsel
2 Stunden her

Für den AN bedeutet das Konzept erstmal eine unmittelbare Lohnkürzung.
Die AG (und damit Firmen und Konzerne) können die Vorgaben zur Kapitalrente über entsprechende Preiserhöhungen kompensieren – ob 1 % oder 10 % , wer kann oder soll es kontrollieren ?
Bedeutet für den steuerzahlenden AN im Endeffekt, er/sie/divers hat erstmal weniger netto zur Verfügung. Im Gegenzug werden seine Ausgaben (ob für Miete, Essen) deutlich steigen.
Aus Sicht unserer dahergewählten Politiker auch kein nennenswertes Problem, da es das Stimmvolk der staatlich alimentierten Verbraucher kaum trifft.

Flavius Rex
2 Stunden her

Ach Ja, und die 70% die gleich am Anfang des Berichts der „Rentenkommission“ prangen — sind ganz klar ein Schutzwall für Beamte und sonst gar nichts. Beamte bekommen schon etwa 70% dh wenn jetzt jemand meint, das wäre übertrieben und ungerecht (was stimmt), dann kann sofort mit den fiktiven 70% in dem Bericht argumentiert werden. Überhaupt fällt auf, dass die sog. Kommission zu berufsständischen Versorgungswerken und Beamten praktisch nichts sagt.
Hier geht es – wie immer in der BRD – um skrupellose Besitzstandswahrung der privilegierten Kasten. Der Rest soll dafür bluten.

Siggi
2 Stunden her

Die nun veröffentlichten Umfragewerte zu MV sind selbst bei der Staatsfunkfirma für die Altparteien eine Klatsche. CDU bald einstellig, nach der im Wahlkampf noch einmal in Erinnerung gebrachten Russlandaktionen der Schwesig und dem Unsinn aus Berlin, wird die SPD unter 20 % sinken. Die AfD dürfte bis dahin auch in MV die 40 % Marke und höher erreicht haben.

Die drei anstehenden Wahlen werden zur Abrechnung mit den Tätern.

JamesBond
2 Stunden her

Vertrauen in solche Konstruktionen? Eher Nein vor allem wenn Herr Merz dafür wirbt, ist das ein passendes „Qualitäts-Siegel“.

Johny
2 Stunden her

Sehr guter Artikel vom Autor, waren auch schon meine Gedanken, den Bürgern frei zu stellen, wie sie privat zusätzlich und steuerfrei fürs Alter vorsorgen. Allerdings sehe auch ich die Begehrlichkeiten der Nomenklatura mit Bedenken. Die Versprechen das blaue vom Himmel in ferner Zukunft und sind dann vorher weg.

Arthur Dent
2 Stunden her

Das Ganze ist ein spieltheoretisches Dilemma: Wieso sollten Menschen im Niedriglohnbereich selbst vorsorgen, wenn die zu erwartende Rente kaum höher, als die Sozialhilfe ist? Nur wenn sie später nichts vom Staat bekommen würden, hätten sie einen Anreiz selbst vorzusorgen. Aus dieser Sicht kann man den Staat verstehen, dass diese Menschen im Niedriglohnbereich auch ihren Beitrag an der Vorsorge leisten sollen, damit sie ihm später nicht zu 100% auf der Tasche liegen. Wegen dem Gleichbehandlungsgrundsatz kann man dies aber nicht auf die Niedriglöhner beschränken, sondern verdonnert alle. Das Problem ist aber, dass staatlich vorgegebene „sichere“ Anlageformen (z.B. Staatsanleihen) meist keine oder… Mehr

Waehler 21
2 Stunden her

Grüße von Larry Fink! Und ein weiterer Schlag gegen den deutschen Mittelstand. Wer Aktien kauft, generiert Kurssteigerungen.
Geholfen hätte nur, wenn die Politik ihre Finger von anderer Leute Geld lässt,
Bei Schneeballsystemen hat der Normalverbraucher noch nie etwas gewonnen.

Last edited 2 Stunden her by Waehler 21
Alf
2 Stunden her

Tatsächlich bedeutet es nichts anderes als noch mehr Zwangsabgaben?
Nicht nur.
Eine Kapitalrente macht nur Sinn, wenn die Zwangsabgaben abgesichert sind.
Und Aktien einer Wirtschaft, die ruiniert wurde, bei einer Regierung gegen Land und Volk, die mit Haushalt und Sondervermögenschulden nicht auskommt, mit Geld nicht umgehen kann, unser Land, seine Bürger, unsere Kinder und Enkel über alle Maßen verschuldet und die Regierten 24/7 hinter die Fichte führt?
Das Ganze wird scheitern
Die schämen sich nicht einmal.
Die halten alle für blöd.
Sie können es nicht.
qed

karlotto
3 Stunden her

Wenn das Geld weg ist , hat es einanderer.
Kevin und Ian Maxwell , Larry Trachtenberg oder ist Bernad L. Masoff wieder im Geschäft ?

Punti
3 Stunden her

„Wäre die Politik ernsthaft an einer Lösung interessiert, würde sie dafür sorgen, dass jeder sein Geld steuerfrei selbst anlegen könnte.“ Und wäre sie zudem noch volkswirtschaftlich kompetent, dann würde sie genau das nicht tun. Die Sparquote in Deutschland liegt derzeit um die zehn Prozent. Eine weitere, in dem Fall notwendigerweise erheblich Erhöhung, gäbe Konjunktur und Staatsfinanzen unmittelbar den Rest. Und darüber hinaus gilt Mackenroth: „Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren.“