Jusos: erst Ehe für alle, jetzt Ehe für keinen

Früher hieß es: keine Macht für niemand. Heute heißt es: keine Hochzeit für niemand. Der SPD-Parteinachwuchs will das Ja-Wort vor dem Standesbeamten verbieten. Die Jusos sind heute eine durchgeknallte Sekte.

picture alliance / Zoonar | Viorel Kurnosov

Es gibt kein politisches Talent mehr in Deutschland. Das hört und liest man immer wieder. Aber das stimmt nicht.

Denn die „Jungsozialisten in der SPD“, kurz Jusos, haben mindestens ein absolut bemerkenswertes politisches Talent: Sie schaffen es regelmäßig, Dinge zu fordern, die selbst die wenigen verbliebenen eingefleischten Anhänger der darbenden Mutterpartei für völlig irre halten.

Der Berliner Landesverband der Jusos (wer auch sonst) will die Zivilehe abschaffen. An ihre Stelle sollen sogenannte „Verantwortungsgemeinschaften“ treten, die unabhängig von Geschlecht, Verwandtschaft oder Personenzahl angemeldet werden können. Also nicht nur von zum Beispiel zwei Männern – sondern auch zum Beispiel von drei leiblichen Schwestern. Alles geht.

Nur die herkömmliche Ehe zwischen Mann und Frau, die sich vor einem Standesbeamten das Ja-Wort geben: Die soll nicht mehr gehen.

In einem Antrag mit dem bezeichnenden Titel „Nieder mit dem Patriarchat, auch wenn es sich romantisch anfühlt“ erklären die Jusos dieses Partnerschaftsmodell zu einem Instrument von Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus – und überhaupt eigentlich von allem, was die linken Nachwuchs-Weltdeuter sonst noch so an Lieblingsfeindbildern haben.

Das ist auf so vielen Ebenen so abwegig, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll.

Heute hü, morgen hott

Jahrzehntelang haben die wohlstandsverwahrlosten Möchtegern-Revoluzzer bekanntlich die „Ehe für alle“ sozusagen als ultimatives Weltrettungswerkzeug beworben.

Die Ehe, hieß es damals, sei eine ganz wunderbare Einrichtung, und es sei eine unerträgliche Verletzung der Menschenrechte, Homosexuellen diese Institution vorzuenthalten. Wer auch nur die zartesten Einwände dagegen hatte, wurde als rückständig gebrandmarkt, als intolerant, und befand sich auf der falschen Seite der Geschichte – was die sofortige Exkommunikation aus der menschlichen Gesellschaft rechtfertigte.

Kaum ist dieses Ziel nun erreicht, ändert sich der Plan. Jetzt lautet die Parole: Ehe für keinen.

Wer so durch das Meer der möglichen Überzeugungen irrlichtert, ist nicht flexibel – sondern beliebig. Politische Bewegungen, die ständig ihre Ziele wechseln, gelten zurecht als opportunistisch, prinzipienlos und unzuverlässig.

Um das zu verstehen, muss man auch als Juso kein Genie sein. Da reicht ein Blick auf die FDP oder auf Friedrich Merz.

Feindbild Familie

Eine Ehe ist zunächst einmal eine freiwillige Entscheidung freier Menschen.
Und da fangen für Sozialisten die Probleme schon an.

Im sozialistischen Staat mit seiner zentralen Planwirtschaft trifft die Zentralgewalt alle Entscheidungen. Der freie Mensch mit freiem Willen und eigenen, freiwilligen Entscheidungen ist im Kollektivismus nicht vorgesehen. Er ist unberechenbar und stört das System.

Der Sozialismus hat – aus seiner Perspektive übrigens völlig zurecht – die Ehe als systemische Bedrohung identifiziert. Mit der Ehe schaffen Menschen aus eigenem Antrieb einen Raum, in dem sie Verantwortung füreinander übernehmen und wechselseitige Verpflichtungen eingehen, die nicht vom Staat definiert werden. Das begründet eine existenzielle Loyalität füreinander, die stärker sein muss als jede politische Mode. Das schafft eine Bindung, die keinem Ministerium und keinem Parteitagsbeschluss unterliegt.

Jede Ehe ist eine kleine Republik für sich.

Sie hat eigene Regeln und eine eigene Kultur. Mit der Zeit hat sie sogar eine eigene Geschichte. Und sie ist unabhängig, sozusagen souverän. Genau deshalb haben alle kollektivistischen Systeme seit jeher versucht, Ehe und Familie zu zersetzen.

So wie jetzt die Jusos.

Wie alle totalitären Systeme, so braucht auch der Sozialismus den direkten Zugriff auf den Menschen. Außer der Abhängigkeit des Menschen vom Staat darf es keine anderen Loyalitäten geben. Ehe und Familie stören dabei ganz erheblich. Sie vermitteln Werte, die nicht vom Staat kommen. Sie schaffen Identitäten, die sich staatlicher Kontrolle entziehen. Sie erzeugen Solidarität außerhalb staatlicher Strukturen.

Der offene Angriff der Jusos auf die Ehe ist deshalb in Wahrheit ein Angriff auf das Konzept von Familie insgesamt.

Vater Staat und Mutter Partei

Der sozialistische Staat kann seinen Herrschaftsanspruch nur durchsetzen, wenn sich die Bindungen der Menschen an ihre Lebenspartner, an ihre Kinder, an ihre Verwandten allmählich auflösen. Dann verschwindet die Familie sukzessive, und an ihre Stelle tritt – der Staat.

Er betreut. Er erzieht. Er versorgt. Kurz: Er entscheidet. Je weniger die Menschen auf familiäre Netzwerke zurückgreifen können, desto wichtiger werden staatliche Institutionen.

Der Angriff der Jusos gilt nicht nur der Ehe. Er gilt der gesamten Idee von dauerhaften menschlichen Bindungen außerhalb staatlicher Kontrolle. Die Ehe ist da allerdings der im Moment hartnäckigste Gegner. Die Ehe ist für Sozialisten ein Todfeind: aber nicht, weil sie Menschen unterdrückt – sondern weil sie Menschen unabhängig macht.

Und mit unabhängigen Menschen ist kein Staat zu machen. Jedenfalls kein sozialistischer.

Wenig verwunderlich, schlagen die Jusos eine Alternative vor, die eine offenkundige Lüge aus dem Spracharsenal von Totalitaristen ist: Die „Verantwortungsgemeinschaft“ ist das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgibt. Denn dabei geht es in Wahrheit nicht um das Schaffen von Verantwortung, sondern um das Abgeben individueller Verantwortung – an die „Gesellschaft“.

Ehe und Familie und der besondere Schutz

Unser Grundgesetz legt fest, dass Ehe und Familie unter besonderem Schutz stehen. Das ist kein historischer Zufall. Der betreffende Artikel 6 entstand nicht trotz der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, sondern wegen ihnen.

Die Väter unserer Verfassung wussten, wie gefährlich ein Staat ist, der in alle Lebensbereiche eindringt. Sie wussten, dass unsere Freiheit nicht nur auf dem Marktplatz verteidigt wird oder am Hindukusch.

Unsere Freiheit wird am Küchentisch verteidigt.

Sie wird in der Familie verteidigt. Dort entsteht das wichtigste soziale Kapital einer Gesellschaft. Da lernen Menschen Verantwortung. Da entstehen Bindungen, die keine Behörde erzeugen kann.

Auf ewig

Aus dem Antrag der Berliner Jusos wird wahrscheinlich nie ein Gesetz. Aber das macht ihn nicht besser. Denn wichtig ist die Denkweise dahinter.

Dahinter steht ein Weltbild, in dem jede nicht-staatliche Institution als Verdachtsfall behandelt wird. Familie? Problematisch. Nation? Problematisch. Tradition? Problematisch. Am Ende bleibt eine Gesellschaft übrig, die aus lauter vereinzelten Individuen besteht und in der der Staat irgendwann alles ersetzt, was einmal privat war.

Das ist kein Fortschritt. Das ist die Schreckensvision einer Gesellschaft ohne Wurzeln.

Die Ehe ist nicht deshalb schützenswert, weil sie perfekt wäre. Sie ist schützenswert, weil sie freiwillig ist. Sie ist schützenswert, weil sie Ausdruck persönlicher Freiheit ist.

Und weil sie dem Staat Grenzen setzt.

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