Es ist okay, okay zu sein!

2019 war das Jahr der Moralprediger (und -innen!), die uns einreden, dass alles, was wir tun, »nicht okay« sei. Zur Arbeit fahren? Nicht okay! Ausatmen? Doppel-nicht-okay!! Ich widerspreche. Ich bin okay, und mein neues Motto ist: Es ist okay, okay zu sein!

Stephen Poore

Fisch ist gesund und gut für den Körper, und manchmal serviert man auch den Gästen etwas gebratenen Fisch. Gäste wiederum können nett sein, und wenn sie nett sind und vielleicht noch klug, dann sind sie gesund für die Seele. Gäste und Fische beide, das weiß die Volksweisheit genau, stinken nach drei Tagen (und einige Fische wie Gäste noch merklich früher) – wie schmackhaft und charmant sie anfänglich auch sein mögen.

Und dann gibt es noch die Moralisten, die sind ähnlich wie Gäste und Fisch. Der Einfluss von Moralisten auf die öffentliche Debatte ist so erheblich wie ihr Ruf in den klügeren Kreisen fischig ist.

Auch ich kritisiere gern und regelmäßig die Heuchelei und Hybris der moralpopulistischen Populärmoralisten, doch meine Kritik besteht nicht einmal nur darin, dass sie ihrem nah am Halbseidenen gewebten Gewerbe überhaupt nachgehen, sondern zuerst und zuletzt darin, dass ihr Einfluss so groß ist.

Moralin (und mit Moralin meine ich die moralische Ermahnung bei großer Selbstgewissheit) ist wie Salz, und ein wenig Moralin kann der allgemeine Debatte durchaus etwas interessante Würze geben, doch zu viel ist eben zu viel!

Wenn der Koch die Suppe versalzt, ist das denn nur die Schuld des Salzes? Ich kritisiere weder Salz noch Moralisten, ich kritisiere den Koch und die Gesellschaft, die die Suppe bis zur Giftigkeit versalzen. – »Ihr seid das Salz der Erde«, so ruft Jesus seine Jünger auf (Matthäus 5:13a), uns alle zu nerven, doch wenn das Salz in der Erde zu viel wird, dann wächst dort weder Ähre noch Blümelein, dann wird die fröhliche Wiese zum freudlosen Salzacker.

Die Botschaft ist stets…

Die letzten Jahre des Lebens im besten Salzacker aller Zeiten waren geprägt von Moralisten, die uns allezeit einredeten, dass wir nicht okay sind, dass wir immerzu schuldig sind, dass wir schuldig sind, wenn wir ausatmen, dass wir schuldig sind, wenn wir zur Arbeit fahren, um das Geld für Steuern und Zwangsgebühren zu verdienen, dass wir schuldig sind, wenn wir das Licht anmachen, während wir unsere Steuererklärung ausfüllen, dass wir schuldig sind, wenn wir die Heizung andrehen – und wehe wir fragen uns, warum diese Leute denn selbst nicht schuldig sind, wenn sie ihre überflüssigen Büros und sonstigen Paläste beheizen, oder wenn sie um die Welt jetten, um uns ob unserer Schuldigkeit zu belehren oder einfach nur ein Eis in Florida zu schlecken.

Wer waren denn die prominenten Themen und Köpfe des Jahres 2019? Ob Habeck oder Thunberg, ob Kühnert oder Neubauer oder all die Haltungssöldner in den Redaktionen – ihre Botschaft ist stets: Du bist nicht okay!

»It’s Okay To Be Different« lehrt ein beliebtes Kinderbuch, und ich stimme zu. Andersdenkende und Abweichler mögen den Linken heute als »Nazis« ohne »Haltung« gelten, doch ich bin auf der Seite derer, die selbst denken und selbst bestimmen, was ihnen wichtig ist – es ist okay, selbst zu denken und zu anderen Schlüssen zu kommen als die gehorsame Masse.

Ich wage es, hier und heute und für das kommende Jahr, diesen Spar-Moralisten zu widersprechen. Wer sind die Figürchen denn, was haben sie geleistet (außer zu schwätzen), welche Verdienste sollen sie angesammelt haben, dass die Ihnen oder mir einreden wollen, dass wir nicht okay seien, dass wir uns deren Moraldiktat beugen müssten?

…der wird heute Moralist

Es gibt einige Berufe, in denen man es ohne formale Qualifikation und spezielles Fachwissen zu Geld bringen kann, dazu zählen etwa Politik, Journalismus oder Prostitution, und einige davon (nicht alle) beinhalten, dass man mangelnde Qualifikation durch lautes Einfordern von Moral ersetzen kann (im Buch »Talking Points« behandele ich das Einfordern von Moral im Abschnitt »Populismus«).

Wer nichts kann, wenig Skrupel hat, vom Schwätzen abgesehen faul ist und doch komfortabel leben will, der wird heute Moralist.

Die Gehälter studierter Ingenieure sogar nach Jahrzehnten von Erfahrung liegen unter den Einstiegseinkommen von Bundestagsabgeordneten mit abgebrochenem Studium (siehe merkur.de, 18.9.2018: »Wie viel verdienen Ingenieure in Deutschland?«, bundestag.de, Juli 2019: »Die Abgeordnetenentschädigung beträgt seit dem 1. Juli 2019 monatlich 10.083,47 Euro« – und zu Nebeneinkünften lese man etwa abgeordnetenwatch.de, 16.08.2019). Ja, man kann vom Moralismus wohlversorgt leben, doch ob man ein derart investiertes Leben auch »gut« findet, das muss man eben selbst entscheiden.

Nach so viel Kritik an Moralisten könnte man nun meinen, ich wollte das Moralistentum ganz abschaffen, doch das wäre auch nicht ganz richtig – Moralisten mögen häufig moralisch fragwürdige Gestalten sein, doch das heißt noch nicht, dass sie in allen Punkten falsch liegen!

Unterhaltsam, erfrischend

Das Kind, das uns sagt, dass der Kaiser nackt ist, kann darin ja durchaus richtig liegen – und doch wäre es ein Fehler, dem Kind anschließend jeden kindischen Gedanken zu glauben und es zum König an Stelle des Königs zu machen!

Früher hieß es: »Ich bin okay, du bist okay.« – Das Motto der Moralisten ist: »Ich bin moralisch überlegen, und du bist nicht okay.« – Von Zeit zu Zeit finde ich Moralisten und andere Prediger ganz charmant, oder sagen wir: unterhaltsam, vielleicht sogar erfrischend, doch allmählich stinken mir diese Leute wie alter Fisch.

Es war ja gar nicht verkehrt, dass die Ökos uns daran erinnerten, uns ein wenig mehr um die Umwelt zu kümmern – doch sie auch tatsächlich die entsprechende Politik bestimmen zu lassen, das ist wie wenn man das freche Kind zum König machen würde – ein freches Kind mag niedlich sein, dasselbe Kind als König eingesetzt bringt Chaos, Leid und Elend.

Ich bin es satt, von um-die-Welt-fliegenden Öko-Aktivisten gesagt zu bekommen, dass es moralisch verderblich sei, zur Arbeit zu fahren um sein Geld zu verdienen. Ich bin es satt, von Politikgroßverdienern erzählt zu bekommen, dass es moralisch verderblich sei, im Supermarkt normales Essen für meine Familie zu kaufen. (Und ich bin es doppelt und dreifach satt, von wohlstandsverwahrlosten Dummschwätzen erklärt zu bekommen, dass meine Familie den Sozialismus, aus dem wir geflohen sind, nur nicht richtig verstanden hat.)

… okay zu sein!

Ich bin okay, und ich bestehe darauf, okay zu sein. Es ist ein neues Motto von mir, und ich habe mir sogar ein T-Shirt-daraus gemacht: »Es ist okay, okay zu sein!«

Es ist okay, zu essen, was Menschen seit buchstäblich hunderttausenden von Jahren essen. Es ist okay, dass ich arbeiten und meinen Kindern das bestmögliche Leben ermöglichen will – und dass ich halbwegs würdig und möglichst lebendig zur und von der Arbeit kommen will (dass es überhaupt gesagt werden muss ist schon ein Zeichen des linksgrünen Wahnsinns dieser Zeiten). Es ist okay, zu genießen, was man sich erarbeitet hat. Es ist okay, seine Familie zu lieben, seine Stadt, sein Land, und ja, sein Volk.

Es ist okay, daran festzuhalten, was wir gemeinsam über Jahrhunderte gelernt haben, teils durch bittere Schulen. Es ist okay, seinen Verstand zu gebrauchen und seiner Erfahrung zu vertrauen. Es ist okay, Angst zu haben – und es ist sogar okay, mal »nicht okay« zu sein!

Es ist okay, dagegen anzukämpfen, dass sich die von falscher Moral vergiftete Salzwüste linker Heuchelei noch weiter ausbreitet. Es ist okay, einfach nur leben zu wollen.

Es ist okay, dafür zu kämpfen was einem wichtig ist, und wer dafür kämpft, was einem wichtig ist, der ist definitiv auch okay. Es ist okay, Fische, Gäste und Moralisten fort zu schicken, wenn sie zu stinken beginnen.

All das und noch mehr, in einem Satz: Es ist okay, okay zu sein.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

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Kommentare ( 25 )

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Agrophysiker
1 Jahr her

Sehr geehrter Herr Wegner, um an ihren Salzvergleich anzuknüpfen, bei dem Sie auch Matthäus 5:13a zitieren anzuküpfen. Die Indizien deuten doch stark darauf hin, dass man unsere aktuellen Moralisten nicht mit gewöhnlichen Kochsalz (NaCl) vergleichen kann, sodern ehr mit Kupfersulfat. Das ist zwar auch ein Salz, aber weit giftiger und ist ein bekanntes Brechmittel! Wahrscheinlich hat da die Biolandwirtschaft abgefärbt, denn dort verwendet man dieses Salz auch gern, obwohl es gitig ist und sich im Boden anreichert. Ich fürchte in beiden Fällen hält die Vergiftung lange an und die Entgiftung ist sehr schwierig und aufwendig.

Herbert Wolkenspalter
1 Jahr her

Was ist der wesentliche Unterschied der Folgen von echter und falscher Moral, und woran erkennt man echt und falsch schon vorher?

Keine unkomplexe Sache, wo jeder für sich ständig Neues entdecken kann, das nicht durch den momentanen, eigenen politischen Standpunkt übertönt werden darf. Sonst fährt man schon mal in der falschen Spur.

H. Priess
1 Jahr her

Zum Jahresende rückblickend war für mich 2019 ganz okay. Mein Hausarzt ist zufrieden mit mir, die Darmspiegelung war auch okay, etwas weggeschnippelt aber sonst hab ich TÜF für drei Jahre bekommen, für einen Mann mit 59 nicht selbstverständlich. Meine Mutter ist dieses Jahr 90 geworden und immer noch quietschfidel. In der Familie alles gesund, keine Tragödien also da auch alles okay. Nur wenn ich mir anschaue, was ich in diesem Jahr an Schwachsinn, Idiotie, Verblödung, Lug und Trug erleben mußte dann war das Jahr eine Katastrophe. Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat von Schlagzeile zu Schlagzeile es wurde… Mehr

AngelinaClooney
1 Jahr her

Herr Wegner, Sie und Ihre Artikel sind voll okay!
In diesem Sinne: Ihnen und Ihrer Familie ein nettes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr!

Reinhard Schroeter
1 Jahr her

Die Dummschwätzerin die uns, die wir die Gelegenheit hatten, den Sozialismus am eigenen Leibe zu erfahren, glaubt darüber belehren zu dürfen, dass wir diesen nur falsch verstanden haben, ist seit einiger Zeit eine der SPD-Vorsitzenden. Sie war es auch , die eine Erhöhung der CO2-Bepreisung genannten Luftsteuer gefordert und durchgesetzt hat. Die Umverteilung von unten nach oben geht dieser Genossin offenbar nicht schnell genug. Man fragt sich, wem jetzt wieder mit aktiver Hilfe der SPD die Taschen voll gemacht werden sollen. Ja , man hat es satt, bis zum Erbrechen satt, jeden Tag , den Gott werden lässt, in einem… Mehr

Thorsten
1 Jahr her
Antworten an  Reinhard Schroeter

Wer überzeugt vom Sozialimus in der DDR war – und Merkel war wohl FDJ-Sekretärin, der ist auch noch heute davon überzeugt. Es gibt auch noch genug Stalinisten in der Sowjetunion.

omma boese
1 Jahr her

da in DE mittlerweile alles auf dem kopf steht, bemühe ich mal kurz bert brecht:
erst kommt die moral und dann das fressen,
erzählen uns die, die beim großen fressen an mutti´s üppigem buffet hocken….
eine gute zeit und DANKE auch Ihnen Herr Wegner
bis die zeiten hoffentlich! wieder besser werden

Hannibal Murkle
1 Jahr her
Antworten an  omma boese

Die Klimahysterie ist im Grunde plumpe PR für Green-Tech-Firmen, die nur durch staatliche CO2-Vermeidungsvorschriften an Aufträge kommen. Und für CO2-Zertifikatenhändler, von den einige nachweislich Klima-Bewegungen sponsern. Die Verbindungen der Green-Tech-Wirtschaft (nicht nur Windräder) mit den Grünen sollten restlos aufgeklärt werden. Es gab in der Nachkriegszeit einige Wirtschaftsaffären, doch noch nie so dreist und noch nie in diesen Dimensionen – ein Großteil der Wirtschaft und des Alltags, die komplett den Green-Industrie-Gewinnen untergeordnet werden sollten. Dazu die paar ’nützliche **‘ (auf Chinesisch ‚Baizuo‘), die behaupten, den Aussterben-Unfug samt Klima-Vergewaltigungen usw. zu glauben. Notfalls gibt es so plumpe Tricks wie etwa ‚multiplizieren wir… Mehr

Dill Schweiger
1 Jahr her

„Moralisten“, dass ist der „Brechreiz“ unserer heutigen Zeit. Sie sind Meister darin, einen Popanz aufzublasen.

Philokteta
1 Jahr her

Okay, Herr Wegner, das ist alles okay, was Sie geschrieben haben. Ich danke Ihnen dafür, daß Sie uns, die wir sozus. normal geblieben sind, bestärken.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie frohe Weihnachten.

Knipser
1 Jahr her

Dass es den linksgrünen Ideologen, die uns in den Schlammassel reiten, überhaupt gelungen ist, andersdenkende Teile der Gesellschaft als „nicht okay“ zu brandmarken, ist schon ein Kunststück. Allerdings liegt dieser Hohlraum, in den Ideologen vorgestossen sind, auch begründet in der Sattheit und Ignoranz der Gesamtgesellschaft, die dies in ihrer Mehrheit schon viel länger als 2015 nicht merkt und/ oder ignorant hinnimmt. Ich unterstelle, dass jeder TE-Leser in seinem direkten/ persönlichen Umfeld etliche „Fälle“ dieser „bürgerlichen Ignoranz“ hat (um es mal nett auszudrücken, schliesslich ist ja Weihnachten). Eine Gesellschaft, die letztlich widerspruchslos das hier bei TE thematisierte hinnimmt, solche Minderleister, Belehrer,… Mehr

Muller
1 Jahr her

Thema: Erbschuld.
Die Basis der erfolgreichsten Religionen.
Deren Religions-„Vertreter“ damit seit Jahrtausenden die moralische und sehr wohl auch finanzielle Basis ihrer Existenz geschaffen, ausgebaut und gesichert haben.
Wenn man sich die persönlichen und familiären Hintergründe so mancher, zunehmend auch aus dem linken Spektrum stammenden Politiker ansieht, wird diese Übertragung aud die Politik verständlich.
Wer bei wirtschaftlichen Argumenten einfach nur leer dasteht, kann den Gegner immer noch sehr gut mit reichlich selbstgemachtem Moralschleim blenden.