„Die Einzigen, die du noch wählen kannst“

An den Wahlständen wollen die Parteien nah beim Bürger sein. Aber mehr als ein paar Kugelschreiber und aufgeblasene Luftballons kann man von ihnen nicht erwarten - Antworten erst recht nicht. Allein gegen die AfD zu sein reicht eben nicht.

Symbolbild - eine zunehmende Zahl an Deutschen mit Migrationshintergrund kann sich vorstellen ihre Stimme der AfD zu geben

Es ist Samstag, und das Wetter ist perfekt für einen Stadtbummel. Die letzten wärmenden Sonnenstrahlen durchfluten die Innenstadt, und es ist viel los. Im Zentrum angelangt, sehe ich in Reih und Glied die Zelte der Parteien, die fleißig und „nah am Bürger“ Wahlkampf betreiben. Das erste Zelt gehört einer Gruppe, die sich VOLT nennt und mir bis dahin unbekannt war. Ich denke an eine Promo-Aktion für City-E-Roller, aber das ist falsch, denn VOLT wirbt für eine „Paneuropäische Lösung“, was immer das auch sein soll. Als ich näher komme, läuft ein junger Mann auf mich zu, in der Hand einen Flyer, und fragt mich: „Darf ich Ihnen etwas über uns erzählen?“ Ich antworte: „Ja! Wer seid ihr denn?“

Euphorisch erklärt er mir: „Wir sind eine recht junge Partei und stehen für eine paneuropäische Lösung.“ Ich schaue auf die Wahlplakate: irgendwas mit Norwegen steht da, irgendwas mit Holland. Ich stutze und warte, dass der junge Mann weiter erzählt. Tut er aber nicht. Also frage ich: „Was für eine paneuropäische Lösung denn?“ Aber das ist schon zu viel gefragt. Der gute Mann lächelt verlegen und redet von sozialer Gerechtigkeit, aber das reicht mir nicht. Ich will wissen, was bei VOLT anders ist als bei den anderen Parteien. „Wir haben uns von allen die besten Programmpunkte herausgesucht und vertreten sie. Von allen, nur nicht von der AfD“, sagt er grinsend, als hätte er einen Volltreffer gelandet.

Ein persönliches Stimmungsbild
Die AfD ist für immer mehr Migranten das kleinere Übel
Ich schaue skeptisch und frage: „Warum nicht von der AfD?“ – „Naja, weil wir paneuropäisch handeln, nicht so national und generell ein Problem mit Extremisten haben. Wir haben etwas von den Grünen, den Linken, der FDP…“ – „Also nichts Eigenes?“ – „Doch“, sagt er und verstummt. Ich bohre allerdings weiter: „Ich finde die Grünen sehr extrem. Und die Linke auch. FDP – keine Ahnung wofür die stehen, aber bestimmt nicht für Freiheit. Die AfD ist im Aufschwung. Meint ihr nicht, dass ein oder zwei Punkte auch von denen aufgenommen werden sollten?“ Doch davon will der gute Mann nichts willen, „da sind zu viele Rechte dabei.“ – „Ach so“, sage ich, bekomme eine Packung Haribo und einen Flyer in die Hand gedrückt und laufe weiter.

Der nächste Stand gehört der SPD. Dort ist ein junger Mann damit beschäftigt, einen Ballon aufzublasen – auch ein Programm, denke ich, und passend zur Partei. Der FDP-Club steht daneben, auch dort werden mit viel Lungenkraft Ballons aufgeblasen, die aber keiner haben will, die Flyer auch nicht – das Ding mit der Freiheit, gelb-pinke Plakate, Slogans, die keiner mehr liest, weil jeder sie kennt, und so weiter.

Daneben die Grünen, passend zum Programm mit einer Maschine ausgerüstet, die Seifenblasen produziert. Die werden von ein paar Kindern, die vor dem Zelt herum hüpfen, aufgefangen und zertrampelt. Die Grünen und ihre ganz besonders dunkle Parteihistorie mit Kindern.

Plötzlich steht ein SPD-Mensch vor mir und hält mir einen Flyer vor die Nase. – „Nein, danke“ – „Vielleicht einen Kugelschreiber?“ – „Danke, nein“, entgegne ich und frage mich, welche Botschaften mit Kulis, Haribos und Luftballons verbunden sein könnten. Als ob mich ein Kugelschreiber, auf dem in Großbuchstaben SPD steht, dazu bringen würde, meine Meinung zu Kevin Kühnert und Co. zu ändern.

Ich laufe weiter und stoße auf ein blaues Auto, daneben ein riesiges Plakat, auf dem in großen Lettern steht: DEUTSCHLAND WIEDER STOLZ MACHEN. Aha, die AfD. Was für ein Stolz, und worauf, frage ich mich und schüttle den Kopf. Keine Ahnung. Aber ich verstehe, dass es Leute gibt – nicht nur Deutsche, sondern auch die früher so genannten Gastarbeiter -, die so reden, weil sie in Würde leben und mit diesem Wunsch Anerkennung finden wollen. Ich schaue mir die Leute an, die dort stehen: eine ältere Frau in schickem Kostüm, ansonsten Männer in dunklem Anzug und mit Altersglatze. Die Stimmung ist hier anders, geladener, angespannter.

Dann laufen drei ältere Damen an mir vorbei, bewaffnet mit Schildern, die sie als OMAS GEGEN RECHTS ausweisen. BJÖRN HÖCKE IST EIN NAZI, steht da zu lesen, AFD IST RECHTSRADIKAL und AFD TUT DER SEELE WEH. Manuela, Brigitte und Ursula Ü75 stehen für das Gute. Sie hatten das Glück, in Deutschlands besten Jahren groß geworden zu sein. Sie haben den Wohlstand im Überfluss genossen, sich ein gemütliches Nest gebaut, haben den Ruhestand erreicht und protestieren nun gegen diejenigen, die ihnen diesen Ruhestand finanzieren. Einen Ruhestand übrigens, der für die Jüngeren eine ferne Utopie ist. Aber Utopien waren ja schon immer eine Sache der Linken.

Während diese Großmütter des Guten selbstbewusst und voller Stolz an mir vorüberziehen, frage ich mich: Was bleibt für uns übrig? Warum sollen diejenigen, die auch so leben wollen wie Öko-Ursula und Veggi-Brigitte das konnten, die Bösen sein, die Schlechten, die Rechten und die Nazis?

„Das sind die Einzigen, die du noch wählen kannst, das sag‘ ich dir“, höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Ich sehe mich um und erblicke einen Mann und eine Frau, die mich anlächeln. „Ja, so ist es“, erwidere ich laut genug. Da bleiben die beiden stehen. „Ich finde es toll, dass Sie das verstehen“, sagt der Mann. „Es gibt wirklich nicht mehr viel zu verstehen“, antworte ich und laufe nach Hause.


TE-Wahlwette Hessen

Ihre Wetten nehmen wir ab sofort entgegen. Unsere Buchmacher öffnen ihre Schalter. Wer über alle genannten Parteien hinweg am nächsten an den Ergebnissen landet, gewinnt.

Annahmeschluss ist der Wahlsonntag (08.10.2023) um 17:35 Uhr. Das Wettergebnis wird bis einschließlich Montag, den 09.10.2023, veröffentlicht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Auf die Gewinner wartet:
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2. Platz: zwei Bücher aus dem Shop nach Wahl
3. Platz: ein Buch aus dem Shop nach Wahl

++ Abstimmung geschlossen ++

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Kommentare ( 44 )

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44 Comments
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Rainer Schweitzer
9 Monate her

„Wir… stehen für eine paneuropäische Lösung.“
Genau! Die Lösung ist 42. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, was das Problem dafür ist.

Oneiroi
9 Monate her

Faszinierend, dass man die Deutschen als einziges Volk dahin konditionieren konnte mit dem Stolzbegriff was komplett anderes zu verbinden als es der Rest der Menschheit tut. In jedem Land auf der Erde wo man von Nationalstolz spricht beabsichtigt man die Ehrung der Vorfahren, die das Land errichtet haben und in der Regel zumindest versucht hatten die Nachfolgegeneration besser als die Vorgänger leben zu lassen. In Deutschland scheint der Begriff auf die eigene eogistische Lebensleistung runtereduziert zu sein. Man könne angeblich nur auf seine eigenen Taten stolz sein. Dennoch scheint man auf eigene Kinder stolz sein zu können. Aber bloß nicht… Mehr

FreudLich
9 Monate her

Schönes Stimmungsbild! Und wer meint, das Pusten und Aufblasen sei ein symbolischer Akt, der ist gewiss ein ganz verquerer Denker. Vor allem wird aber mit so viel Intelligenz der Wähler nicht gerechnet.

Roland Mueller
9 Monate her
Antworten an  FreudLich

Die Grünen in Bayern haben die Wähler dazu aufgefordert, grün zu wählen, damit der Strom billiger wird. Die halten die Wähler ganz offensichtlich für voll vertrottelt. Unter Satire lässt sich so ein Laberrharbarber nicht mehr verbuchen.

Roland Mueller
9 Monate her

„Sie haben den Wohlstand im Überfluss genossen, sich ein gemütliches Nest gebaut, haben den Ruhestand erreicht und protestieren nun gegen diejenigen, die ihnen diesen Ruhestand finanzieren.“ Wenn ich jetzt ein bisschen polemisch werden wollte, würde ich sagen, leise rieselt bei den Omis gegen rechts der Kalk.

grenzenlos
9 Monate her

Frau Duman, ich war auch unterwegs in Frankfurt.
Und ich empfehle jedem, der CDU, SPD, die Grünen, FDP oder die Linke zu wählen beabsichtigt, vorher einen kleinen Bummel durch die Stadt. Er (oder sie oder es) sollte zunächst in Ruhe ein wenig im Frankfurter Hauptbahnhof verweilen, dann eine Runde durch Münchenerstraße, Taunusstraße und Niddastraße machen, und anschließend durch Kaiserstraße und Zeil zur Konstabler Wache schlendern. Dort angekommen sollte er (oder sie oder es) noch einmal in sich gehen und seine Wahlentscheidung treffen.

Mausi
9 Monate her

Vermutlich versteht kaum ein Zugereister, der in D arbeitet und das friedliche Zusammenleben genießt, wie man nicht zuerst auf die eigenen Leute achten kann. Bei den Menschen, die hier wirklich angekommen sind, hat die Familie einen hohen Rang und die eigene Bevölkerung. In Unterhaltenungen verstehen sie nicht, wie wir von Altersarmut reden können oder von Kinderarmut und zugleich immer weiter Menschen aufnehmen, die wir finanziell unterstützen. Sie verstehen auch nicht, wie wir Menschen aufnehmen können, die in ihren Heimatländern andere nicht zum „Clan“ oder zur gleichen Ethnie Gehörige verdrängen und vertreiben, wie wir zulassen, dass der radikale Islam Einfluss auf… Mehr

Last edited 9 Monate her by Mausi
Juergen P. Schneider
9 Monate her

Die Omas gegen rechts sind halt typische deutsche Wohlstandsuntertanen, die sich in der Meute bzw. Herde am Wohlsten fühlen. Die Gemeinschaft mit anderen Beschränkten gibt ihnen das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, da ihnen dies ja aus allen Medien jeden Tag bestätigt wird. Wer nicht selbst denken kann, der lässt halt denken. Diese wohlstandsverwahrlosten Tussis und verklemmten Gouvernanten müssen ihr bedeutungsloses Dasein irgendwie ein wenig aufpeppen. Was eignete sich dafür besser, als mit dem Strom zu schwimmen und sich jede Menge Lob für untertänige Staatsanbetung abzuholen. Da weiß man doch einfach was man hat und kann im… Mehr

akimo
9 Monate her

Was für ein toller Artikel!

Der Michel
9 Monate her

Klasse geschrieben!

JohnDoe1988
9 Monate her

Nur noch die Blauen sind wählbar, die Union, SPD, Grünen etc. wollen doch alle Deutschland am liebsten abschaffen uns Deutsche sollte es doch am besten gar nicht mehr geben. Die kriegen ihren Denkzettel, man muss die Blockparteien alle abstrafen!

Ich hielt die FDP mal für in Ordnung, aber keine Chance die helfen diesen Deutschlandhassern die gerade unser Land regieren auch noch. Diese Partei gehört weg, die sollte es gar nicht mehr geben.

Last edited 9 Monate her by JohnDoe1988