Kerninflationsrate unterschlägt Kosten der Klimapolitik

Nicht nur die Grünen trommeln für eine radikale Klimapolitik. Doch deren Kosten werden vernebelt: in der für die EZB entscheidenden Kerninflationsrate.

IMAGO / Steinach

Die Inflationsmessung ist schon immer eine zur Manipulation reizende Messgröße. Wie setzt sich der zugrundeliegende Warenkorb zusammen? Bildet er tatsächlich die Lebensrealität und das Konsumverhalten der Menschen halbwegs korrekt ab? Fließen Qualitätsverbesserungen bei Produkten und Dienstleistungen (Mehr für das gleiche Geld!) als Abschläge in die Inflationstatistik ein? Wie sieht es mit heimlichen Preiserhöhungen durch Qualitätsverschlechterungen aus? Wird selbstgenutztes Wohneigentum im Warenkorb berücksichtigt oder nicht? Werden stark schwankende Sektoren wie die Energiepreise herausgerechnet, um starke Ausschläge in der Inflationsmessung zu glätten?

Der Kaufkraftverlust, der durch die Geldentwertung entsteht, ist teuflisch. Denn er schleicht sich heimlich ein, macht Menschen arm. Oft merkt man seine Wirkung erst dann, wenn es zu spät ist: etwa bei der Altersvorsorge, bei der viele Menschen den Kaufkraftverlust über lange Zeiträume ausblenden und deshalb zu wenig sparen. Doch man merkt es auch beim Einkauf oder in der Gastronomie und erst recht beim Tanken oder bei der Stromrechnung: Das Leben wird ständig teurer, als es die offizielle Inflationsrate ausweist. Die „gefühlte Inflation“ ist deshalb für die Masse der Bevölkerung schon immer höher als die statistisch ausgewiesene Zahl.

Die Beschönigungstricks der Politik und der Notenbanken

Kurz vor der Bundestagswahl werden die offiziellen Inflationszahlen für den laufenden Monat August verkündet und wohl erstmals seit vielen Jahren die 4 Prozent-Marke in Deutschland deutlich überschreiten. Doch Politiker und vor allem die EZB-Notenbanker werden beschwichtigen: Alles nicht so schlimm. Die Kerninflationsrate ist nach wie vor niedrig. Denn die Hauptpreistreiber seien die volatilen Energiekosten. Die sind in Deutschland zwischen Juli 2020 bis Juli 2021 um satte 11,6 Prozent gestiegen. Da passt es doch prima, dass die Europäische Zentralbank für die Berechnung der Kerninflationsrate die Preise für Heizöl, Gas, Kraftstoffe und Strom herausrechnet. Weil die auf diese Weise nach unten frisierte Inflationszahl als geldpolitische Rechtfertigung dient, weiter an einer extrem lockeren Geldpolitik festzuhalten, ist dieser Beschönigungstrick brandgefährlich. Denn so facht die EZB bei ohnehin vorhandener Inflationstendenz das Inflationsfeuer weiter an. „Core Inflation“ ist ein Begriff in der Inflationsmessung, den die breitere Öffentlichkeit in Deutschland noch nicht so kennt, der aber für die Notenbanken der Welt eine wichtige Kennzahl darstellt. In dieser Rate sind nicht nur die Energiepreise ausgeblendet, sondern auch die Preise für Lebensmittel, Alkohol und Tabak. Dass die Verbraucher die stark gestiegenen Preise für diese Konsumsparten aber tatsächlich bezahlen müssen und diese Inflation nicht nur fühlen, sondern erleiden, wird unterschlagen. Angesichts der Dimension dieser frisierten Inflationsrate grenzt es an Augenwischerei, wenn die EZB künftig stufenweise auch das selbstgenutzte Wohneigentum bei der Berechnung der Inflationsrate berücksichtigen will. Das war bisher ein öffentlich immer wieder diskutierter Angriffspunkt. Dabei wird sich das maximal um etwa 0,2 Prozentpunkte in einer höheren Rat niederschlagen. Die „Core Inflation“ dagegen ist um mindestens zwei Prozentpunkte gegenüber der tatsächlichen Inflation unterzeichnet.

War vor Jahrzehnten vor allem die OPEC der Preistreiber für fossile Energieträger, ist das Öl-Anbieterkartell längst durch den staatlichen Preistreiber abgelöst. Um die 60 Prozent des Benzinpreises gehen auf Kosten der deutschen Steuerpolitik. Fast so hoch ist der Staatsanteil am Ticketpreis der Flugreisenden – abhängig von der Strecke. Auch beim Strompreis spielt der staatlich induzierte Preisanteil die Hauptrolle. Und die Deutsche Bahn, heute wie-der stärker unter Staatseinfluss als nach der formalen Privatisierung, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten kräftig zugelangt. Der Preis für einen Normaltarif der einfachen Fahrt über 100 Kilometer hat sich um nahezu zwei Drittel erhöht.

Klima-Politik befeuert die Inflation, aber das wird statistisch ignoriert

Steigende Energiepreise im Zeichen der Klimaschutz-Politik sind so sicher wie das Amen in der Kirche. Und zwar unabhängig davon, ob die Grünen in der nächsten Bundesregierung mitbestimmen oder in der Opposition verbleiben. Denn so mancher im politischen Berlin wünscht sich heimlich das Sachsen-Anhalt-Koalitionsmodell auch für den Bund: Die Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP. Doch der Klimaschutz-Zug des politischen Establish-ments ist auch ohne Grüne nicht mehr zu bremsen. Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat, prophezeite kürzlich in einem Interview ganz nüchtern: „Die geplanten höheren CO2-Preise und der Mehrbedarf an Strom im Zug der Energiewende werden die Energiekosten in Zukunft noch weiter steigen lassen.“

Doch die Verneblung der wahren Kosten hat in der Politik Methode – ob beim immer weiteren Ausbau des Sozialstaats oder bei einer Umweltpolitik, die immer bürokratischer und ineffizienter ausgestaltet wird. Also verschleiert man die Kostenwahrheit sogar über so ein banales Instrument wie die Statistik-Fälschung.

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Kommentare ( 31 )

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31 Comments
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elly
1 Monat her

VERSTECKTE STAATSSCHULDEN:„Der größte unsichtbare Schuldenberg in der Geschichte“Die gesamte Lücke ist demnach binnen Jahresfrist um 95 Prozentpunkte auf 440 Prozent des BIP gewachsen, was einem Betrag von 14,7 Billionen Euro entspricht. Das sei „der größte unsichtbare Schuldenberg in der Geschichte“, fasste der Ökonom seine Bestandsaufnahme am Donnerstag zusammen. (…) Als Problem von wachsender Bedeutung stellte er indes die Belastung der Staatskassen, vor allem der Länderetats, durch Beamtenpensionen heraus. Zwar teilt er die Analyse anderer Forscher, dass die große Pensionierungswelle im Staatsdienst der Alterung der übrigen Gesellschaft vorausläuft. Der Anstieg der jährlichen Pensions- und Beihilfeausgaben hat daher schon kurz nach der… Mehr

Thomas G
1 Monat her

„Inflation“ ist die Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbank. Für dieses neue Geld wurden keine Güter oder Dienstleistungen erbracht, sondern es wurde einfach gedruckt, bzw. elektronisch „erzeugt“. Weil jetzt eine größtere Geldmenge um die gleichgebliebene Menge an Gütern und Dienstleistungen konkurriert, steigen die Preise.
Die steigenden Energiewendekosten sind in diesem Sinne keine „Inflation“, sondern ein ganz normaler Raub durch höhere Steuern und Abgaben sowie eine unproduktive Arbeitsbeschaffungs-Klima-Bürokratie, die finanziert werden muss.

Thorsten
1 Monat her

„Wahltag ist Zahltag“ – das wissen wohl nur noch die Wenigsten. Und wählen deswegen die links-grünen Umverteiler. Und schimpfen dann über die entsprechenden Ergebnissse …

IJ
1 Monat her

Danke. Ein guter Hinweis zur angeblich unabhängigen Europäischen Zentralbank, der einmal mehr schaudern lässt. Vom Bundesbankpräsidenten Pöhl wird erzählt, dass er einmal in Tibet Urlaub gemacht hat und anschliessend seinen Mitarbeitern Fotos präsentierte. Auf einem waren er und seine Frau vor einer antiken steinernen Sanskrit-Tafel zu sehen. Ein alerter Mitarbeiter fragte sofort: „Was steht denn dort auf der Tafel?“ Der Bundesbank-Chef ohne zu zögern: „Man soll die Geldmenge knapp halten.“ Ich hätte gern, dass Menschen dieses Schlages wieder die Führung in Europa stellen.

Aegnor
1 Monat her

Die Inflationsmessung der Politik, einschließlich der Zentralbanken, dient doch schon seit Jahrzehnten nur noch der Irreführung des Bürgers. Die Aufgabe der (meisten) Zentralbanken lautet Preisstabilität – und zwar für den Bürger und niemand sonst. Damit ist die Berücksichtigung einer „Kerninflation“, wo man gerade die Waren des täglichen Bedarfs wie Energie und Lebensmittel die nun wirklich jeder braucht herausrechnet, schlichtweg Betrug. Genauso wie es glatter Betrug ist, Preisstabilität bei einer Preissteigerung von 2+x% zu verorten. Hier gilt weiterhin Fords Bonmot:“Würden die Bürger das Geldsystem verstehen, hätten wir morgen früh Revolution“. Da herrscht leider, offensichtlich politisch gewollt angesichts der schulischen Lehrpläne, eine… Mehr

Volksschauspieler
1 Monat her

Es glaubt doch niemand ernsthaft, jedenfalls der eigenständig denken kann, dass Schäuble ausgerechnet jetzt die Forderung nach einer schnelleren CO2-Steueranhebung zur Rettung des Klimas stellt, sondern weil er als ehemaliger Finanzminister sehr genau weiß, dass die derzeitigen Steuereinnahmen bei weitem nicht ausreichen, die massiv steigenden Staatsausgaben für die EU-Bürokratie nach dem Brexit, für die NATO und für die Massenmigration auch nur annähernd zu decken. Auf die Idee, Staatsausgaben zu senken, kommt diese Regierung nicht.
Die „CO2-Bepreisung“ ist ein Inflationstreiber und staatspolitisch verantwortungslos.

Mausi
1 Monat her

„Hauptpreistreiber seien die volatilen Energiekosten.“ Und daher nicht schlimm. Wie bildungsfern muss man eigentlich sein, um so ein Argument zu schlucken. Energiekosten sind die Kosten, denen man überall, aber wirklich überall ausgesetzt ist. Denen man nicht entkommen kann. Angefangen beim Babybrei, der erwärmt werden muss bis hin zur Seniorenresidenz, die beheizt werden will.

Last edited 1 Monat her by Mausi
gmccar
1 Monat her
Antworten an  Mausi

Betreffend der Co²-Steuer hat ich dies bereits mehrfach im Vorfeld angesprochen und erntete Skepsis. Nach Inkrafttreten standen einige mit offenem Mund wegen der (für sie überraschenden ) Preiserhöhungen in allen Bereichen da.

Nibelung
1 Monat her

Gerade weil es selbst jeder merkt, wie das Geld immer weniger wird ist es umso unverständlicher wie man da noch ruhig zur Tagesordnung übergehen kann und diesen Versagern noch das Steuerruder überläßt um uns alle an die Wand zu fahren. Wir haben in Teilen des Konsumgüterbereiches schon Inflationswerte von gut 20% und mehr, was man im Einzelnen belegen könnte und wenn das so weitergeht wird das Geldvermögen immer weiter entwertet und selbst wenn man nichts unternimmt und nur ruhig da sitzt, wird das Geldvermögen in Hinsicht zur Kaufkraft täglich weniger und die Leute können oder wollen es nicht sehen, was… Mehr

Holsteiner Jung
1 Monat her

Wir werden doch zu allen Themen von der Regierung besch…..
Sei es Inflation, wo die wirklichen Preistreiber nicht berücksichtigt werden,
dafür aber sehr seltene Anschaffungen einfließen. Mein Fernseher ist 15
Jahre alt und funktioniert einwandfrei.
Gerade heute gelesen zum Thema Impfzahlen. Lt. Spahns Ministerium
sind 59% der 19-59 geimpft. Laut Covimo Report des RKI aber 79%.
Entweder wieder Unfähigkeit oder gewollt. Ich tippe auf zweites.

199 Luftballon
1 Monat her

Momentan betreiben die USA die Nato und der Westen seit 20 Jahren ihr Umtreiben in Afghanistan, von Syrien, gar nicht erst zureden, die nächste Klatsche erfolgt in Mali.
Was haben die USA und Merkel in Syrien verloren ist meine nächste Frage.
Was haben die USA und Merkel im Hindukusch verloren?
Die 9/11 Attentäter waren alle Saudis mit dem Stützpunkt Deutschland.