Brandkatastrophe in Moria: Zu Risiken und Nebenwirkungen des moralischen Imperativs

Humanitäre Pharisäer haben die Lehren aus dem Flüchtlingsherbst 2015 nicht verstanden. Sie fachen emotionale Feuer an, über die sie sich dann echauffieren. Über den Widerspruch zwischen Humanität und ihren Grenzen muss man ohne Schaum vor dem Mund diskutieren.

imago images / ANE Edition

Wer die unmenschlichen Zustände im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos beobachtet, die schon Jahre andauern, empört sich zurecht über die Teilnahmslosigkeit der griechischen und europäischen Regierungen. Wer das Postulat der Menschenwürde betont, wie es die Verfassungen der europäischen Mitgliedstaaten oder die Charta der Grundrechte der Europäischen Union tun, der muss sich für dieses skandalöse Verhalten gegenüber den dort Monate und Jahre zusammengepferchten Migranten schämen. Deshalb ist der humanitäre Impuls mehr als verständlich: Holt die Leute da raus, sorgt für eine menschenwürdige Unterbringung in Europa – bis zum Abschluss eines ordentlichen Asylverfahrens!

Jetzt brannte das Lager Moria nieder, weil sich der Protest im übervollen und dazu noch wegen einer aktuellen Corona-Quarantäne abgeschotteten Lager wohl in Brandstiftung entlud. 13.000 Menschen vagabundieren jetzt verstreut auf der Insel, was das Konfliktpotential zwischen Einheimischen und Migranten dort weiter anstacheln dürfte. Was sich lokal auf Lesbos abspielt, reflektiert wie im Brennglas eine Entwicklung, über die gerade auch humanitär bewegte Mitmenschen nicht einfach hinwegsehen dürfen.

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In Griechenland haben sowohl die abgewählte linke Tzipras-Regierung wie die heute regierenden Konservativen bewusst eine Abschreckungsstrategie betrieben, um den Pull-Effekt einer humanitären Aufnahmestrategie zu beenden. Bis zum vergangenen Jahr steigerten sich die Zugangszahlen der Flüchtlinge, die auf dem Land- und Seeweg nach Griechenland gekommen sind, von 36.310 im Jahr 2017 über 50.508 im Jahr 2018 auf 74.613 im Jahr 2019. Der innenpolitische Druck in Griechenland gegen die Migrationswelle, aber auch die Unfähigkeit der EU, sich auf einen Verteilungsschlüssel in Europa zu einigen, führte dann zu dem zynischen Ergebnis, die Lager überquellen zu lassen, Rückführungen in die Türkei praktisch auszusetzen und so die Unmenschlichkeit zum politischen Abschreckungsfaktor für die weitere Migration zu machen.

Denn die Mitmenschlichkeit hat immer zwei Seiten: Wer die Angst vor Überfremdung ausklammert, die Kosten einer ungeregelten Migration negiert, der erntet in allen Gesellschaften der Welt irgendwann die hässliche Seite der gesellschaftlichen Überforderung. „Wir können nicht allen helfen“ lautete einst ein Buchtitel des Grünen Boris Palmer. Der Satz beinhaltet in seiner Schlichtheit mehr als zutreffend die schwierige Balance zwischen Humanität und pragmatischem Realitätssinn. Denn der politische Verdruss vor Überfremdung sucht sich Ventile. Rassistische und populistische Parteien ernten die Früchte des Bürgerzorns, erschweren Regierungsbildungen und destabilisieren auch über Jahrzehnte gefestigte Demokratien. Wer die Augen vor der begrenzten Aufnahmefähigkeit selbst von reichen Ländern wie Deutschland verschließt, hat die Lehren aus dem Flüchtlingsherbst 2015 und der nach wie vor andauernden Migration über den Asyl-Pfad nicht verstanden. Die politisch vor allem im grün-linken Milieu populäre Forderung von offenen Grenzen provoziert politische Reaktionen, die dann im Kampf gegen „Rechts“ und einer beispiellosen Stigmatisierung jeder kritischen Hinterfragung der Migrationspolitik enden. Man facht emotionale Feuer an, über die man sich dann echauffiert. Das könnte man als humanitäres Pharisäertum qualifizieren.

Es ist traurig, aber wahr: Alle gut gemeinten Rettungsaktionen im Mittelmeer, ob durch von der EKD mitfinanzierte oder von privaten Hilfsorganisationen gecharterte Schiffe, erleichtern den Schleppern ihr rentables Fluchtgeschäft. Wahr ist auch, dass die hohen Sozialleistungen, die gerade Deutschland Asylbewerbern bietet, einen Pull-Effekt ausüben. Nicht ohne Grund strebt immer noch die Mehrzahl der in Europa ankommenden Migranten nach Deutschland. Über diesen Widerspruch zwischen Humanität und ihren Grenzen ohne Schaum vor dem Mund zu diskutieren, täte sowohl auf der politischen Linken wie in der von der Asyl-Politik profitierenden AfD dringend not.

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Kommentare ( 85 )

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85 Kommentare auf "Brandkatastrophe in Moria: Zu Risiken und Nebenwirkungen des moralischen Imperativs"

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Der Pull-Effekt läßt sich leicht abschaffen: Lebensmittelmarken statt Bargeld! Letzteres wird doch nur nach Hause transferiert, um den Nochzurückgebliebenen das Schleusungsgeld zukommen zu lassen.

Ich weiss nicht, was das ewige Mantra auf eine „gemeinsame EUropäische Lösung“ soll?
Die wird es nicht geben. Warum auch sollten sich andere EU Mitgliedsstaaten den Schuh anziehen?
Es sind Merkels Gäste, denn unsere Staatsratsvositzende hat alle Gepflogenheiten und juristischen Verträge, was den Grenzschutz sowie Dublin2 angeht, in diktatorischer Manier einseitig aufgekündigt.
Nun sollen sie die GröKaZ und deren Supporter (inklusive Wähler der Merkelschen Kartellparteien und Scheinopposition) auch haben und bewirten.

Mein Lösungsansatz: Flüchtlinge dürfen kommen, aber müssen für die Sozialleistungen arbeiten. Arbeit, die jeder machen kann, die aber meistens nicht oder nur selten gemacht wird, gibt es genug: Müll in Parks aufsammeln, öffentliche Toiletten reinigen, usw. Damit ist das Problem der „Flucht ins Sozialsystem“ gelöst. Die Zahl der Antragsteller reduziert sich, dadurch wird die Lage für die echten Flüchtlinge automatisch besser (weniger Last im System = schnellere Verfahren) und es gibt auch weniger Abschiebungen. Wer das Bleiberecht hat, kann sich dann auch eine andere Arbeit suchen (aber keine Sozialhilfe beziehen, solange er nicht genug in das System einbezahlt hat). Wer… Mehr

Was heisst, es gäbe weniger Abschiebungen.
Mir ist bisher nicht zur Kenntnis gelangt, dass überhaupt Abschiebungen im nennenswerten Umfang stattfinden.
Stattdessen werden alle Migranten irgendwie geduldet, selbst jene, die dank anwaltlicher Hilfe durch die Asyllobby den prozessualen Rechtsweg durch sämtliche Instanzen efolglos beschritten haben.

Wie wär’s damit: Die EU käme ihrer vertraglichen Verpflichtung nach (Schengenabkommen) und schlöße die Außengrenzen.
Dann können wir gerne darüber reden. wie man Menschen in ihren Heimatländern unterstützen könnte. Als Zweites wäre eine Weltbevölkerungskonferenz dringendst(!) notwendig.
Und weil das alles unterlaufen, erst gar nicht in Erwägung gezogen wird, was wirklich zur Problematik und deren Lösung notwendig wäre, verkriecht man sich hinter taktischer Rhetorik, und argumentiert mit Allgemeinplätzen wie Moral, oder wahlweise Humanität.
Alles andere wäre ja Rechts.
Nein, mir keiner was erzählen, diese Regierung sei von Moral und Humanität geleitet!

„Was sich lokal auf Lesbos abspielt, reflektiert wie im Brennglas eine Entwicklung, über die gerade auch humanitär bewegte Mitmenschen nicht einfach hinwegsehen dürfen.“

Dieser aus eigener Kraft ökonomisch nicht überlebensfähige afrikanische Geburtenüberschuss fällt mit katastrophalen Folgen in Europa ein. Niemand hat sie eingeladen, niemand will oder braucht sie. Sie zerstören Infrastrukturen und Gesllschaften der Zielländer.

Die Bevölkerung Europas hat das humanitäre Recht so zu leben wie es will, mit wem es will, darf entscheiden wer bleiben darf und wer gehen muss. Daher gibt es nur eine Lösung: Abschiebung in die Herkunftsländer. Den Inselbewohnern ihr Land befreit von den Eindringlingen zurückgeben.

Alles korrekt soweit, nur dass sie niemand eingeladen hätte, stimmt so nicht.
Merkel hat sie eingeladen, mit der stillschweigenden Unterstützung durch jene Mehrheit der Deutschen, die diese Pattex-Staatsratsvorsitzende bei jeder Wahl bestätigt und im Amt gehalten haben.
Ein überbordendes und noch dazu missbrauchtes Asylrecht sowie die europa-, wenn nicht gar weltweit, einmalige Alimentierung durch einen darunter bald zwangsläufig kollabierenden Sozialstaat stellen eine perpetuierte globale Einladung an alle Migrationswilligen Afrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens dar, die sich die Reisekosten leisten können.

Zitat: „zusammengepferchten Migranten“ > Mhh, „Migranten“? Oder doch eher illegale Grenzgänger und überwiegend Asyl-Touristen(inkl Jugendliche die weit über 20J. sind) sowie auch nicht wenige Kriminelle aller Art, Vergewaltiger vor denen die Mädchen u. Frauen auf Lesbos Angst haben, Allah-Fanatiker u. Taliban, Kriegsverbrecher, Folterer uäm?? Wobei sich auch die Frage stellt; Wenn nicht auch so wie bspw auch auf Lesbos, WIE soll denn sonst der Asyl-Tourismus eingeschränkt und möglichst unterbunden werden? Etwa dadurch, dass alle 3 Monate neue tausende Asyl-Touristen und sonstiges Gesindel in die EU und nach DE geholt/-lassen werden?? Wie lange soll das denn so weiter gehen, 5J, 10J.… Mehr

Müssen wir noch mehr kriminelle Subjekte importieren, reicht das sich bereits im Inland befindliche Potential nicht aus?? Wer solche Aufnahmeforderungen stellt, sollte gefälligst auch die Verantwortung und die sich daraus ergebenden Kosten tragen. Wer das nicht will, soll sein Maul halten !!

Weswegen profitiert die AfD von der Merkelschen Asylpolitik? Das Gegenteil ist doch der Fall, die Zustimmungswerte sind im Sinken und Merkel genießt das höchste Ansehen aller Politiker weltweit. Das Land Berlin, das über beide Ohren hochverschuldet ist, für einen Stadtstaat eine extrem schwache Wirtschaftsleistung erbringt und ohne Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich gar nicht lebensfähig ist und im Gegensatz zu Griechenland noch mehr Flüchtlinge alimentieren möchte scheint eher von der Asylpolitik zu profitieren.

Etwas tun und Geld ausgeben das dann andere bezahlen und erarbeiten müssen ist do angenehm.
Der Länderfinanzausgleich gehört gestoppt sofort.

Es ist keine Katastrophe. Katastrophen geschehen. Dies wurde gemacht.

Merkel wurde auch gemacht, und ist trotzdem eine Katastrophe…

So sieht es aus. Ich kann dieses Framing auch nicht mehr ertragen. a) Es handelt sich um Brandanschläge auf Eigentum der Grundstücksbesitzer und deren Olivenhaine und ggf. noch auf griechisches Staatseigentum, sowie Landfriedensbruch und Körperverletzung gegen Feuerwehrleute. b) Jetzt ist es schon eine Katastrophe, wenn kein Bewohner zu Schaden kommt, vorrangig ein paar Zelte, Bruchbuden und im wahrsten Sinne des Wortes Müll abbrennt? Wie wollen die das denn noch steigern, wenn jemand zu Schaden kommt? Die haben überhaupt kein Maß mehr bei den deutschen Medien und Politik. Notre Dame war eine Katastrophe, weil unersetzliches Kulturgut abgebrannt ist. Wer hat Notre… Mehr

>> Holt die Leute da raus, sorgt für eine menschenwürdige Unterbringung in Europa – bis zum Abschluss eines ordentlichen Asylverfahrens! << Unsinn! Lasst sie gar nicht erst an Land, sondern schickt sie unverzüglich in ihr Herkunftsland zurück. Das ist das Gebot der Stunde. Sind sie erst im Land, wird niemand sie mehr los. So weit darf es gar nicht erst kommen, denn Anspruch auf Asyl haben nur politisch Verfolgte – und die befinden sich NICHT unter den Glücksrittern.