Auf seine Freunde in den Medien kann Joschka sich verlassen

Die meisten Journalisten lassen die gewalttätige Vergangenheit des von ihnen publizistisch überwiegend gut behandelten „Joschka“ in einem milden Licht erscheinen.

Die Frankfurter BILD-Redaktion meldete vor einigen Tagen einen interessanten Fund: In einem herrenlosen Koffer am Frankfurter Flughafen lag die „Polizeiakte Fischer“ aus dem Jahr 1976. Sie wurde angelegt, als der junge Revolutionär „Josef Martin Fischer“, wie er amtlich heißt, nach einer gewalttätigen Demonstration verhaftet und in Untersuchungshaft genommen wurde. Ermittelt wurde wegen Fischers Teilnahme an einer verbotenen Demonstration, Landfriedensbruchs, der Bildung einer kriminellen Vereinigung und versuchten Mordes. Zu einer Anklage kam es nicht. Der spätere Grünen-Politiker und Bundesaußenaußenminister wurde nach drei Tagen entlassen.

Gewalt war Mittel der Politik

Dass Fischer in gar nicht mehr so jungen Jahren – er war damals Ende Zwanzig – Gewalt als legitimes Mittel der Politik auffasste und als Anführer der sogenannten „Putztruppe“ seine linksradikalen Revolutions-Genossen in Straßenschlachten mit der Polizei führte, ist hinlänglich bekannt. Mit seiner Polizeiakte hat es dennoch eine besondere Bewandtnis. Als der rechte Sozialdemokrat Holger Börner 1985 die erste rot-grüne Landesregierung mit Fischer als Umweltminister bildete, wollte er vorher noch dessen Polizeiakte einsehen. Doch die ging – Wunder gibt es immer wieder – auf dem Weg zwischen dem Frankfurter Polizeipräsidium und der Wiesbadener Staatskanzlei verloren und tauchte 30 Jahre lang nicht mehr auf. Bis eben Zollbeamte den Koffer fanden und ihn der BILD-Redaktion übergaben. Die hat das gute Stück samt Inhalt inzwischen der Polizei retourniert.

Joschka Fischer, der heute unter anderem als Wirtschafts-Lobbyist sein Geld verdient, kommentierte den Fund laut BILD in der gewohnt gönnerhaft-überheblichen Pose. „Danke für die Information, dass die Akte wieder da ist. Aber was soll ich dazu sagen? Erinnerung? Das ist ja alles so unendlich weit weg …“. So unendlich weit weg? Wenn die Generation ihrer Eltern sich nicht mehr an das Dritte Reich und ihre Rolle als Mitläufer erinnern wollte, waren „Achtundsechziger“ wie Fischer nicht so verständnisvoll. Bei der eigenen gewalttätigen Vergangenheit kokettiert man dagegen gerne mit der eigenen Vergesslichkeit.

Wie war das genau mit der Akte?

Was „lernt“ uns das alles, wie man im Hessischen sagt? Der Aktenfund legt zunächst einmal nahe, dass es in den achtziger Jahren im hessischen Staatsapparat einen oder mehrere Fischer-Sympathisanten gab, der/die dessen Vergangenheit als Anführer einer politisierenden Schlägerbande vergessen machen wollte/n. Vielleicht hat auch ein linker SPD-Genosse in Uniform die Akte verschwinden lassen, um das als Modell für Bonn gedachte rot-grüne Experiment nicht zu gefährden.

Wer weiß, wie Holger Börner, der die Grünen einst – als er sie noch nicht brauchte – „mit der Dachlatte“ bekämpfen wollte, auf die Akte reagiert hätte? Schließlich war es bei der fraglichen Demonstration nicht um das übliche Gerangel zwischen der Gruppe „Revolutionärer Kampf“ und der Staatsmacht gegangen. Am 10. Mai 1976 flogen in Frankfurt Molotowcocktails, ein Polizeifahrzeug geriet in Brand und ein Polizist wurde lebensgefährlich verletzt, überlebte aber trotz seiner schweren Brandwunden. Ob und in welchem Umfang Fischer an der Planung des Molotowcocktail-Einsatzes beteiligt war, ist bis heute nicht geklärt. Angeblich hatte er die „Vollversammlung“ am Vorabend, auf der der Einsatz von „Mollis“ diskutiert wurde, geleitet. Aber das ist ja „alles so unendlich weit weg …“.

Der überraschende Fund der Akte wirft zudem ein bezeichnendes Licht auf unsere Medien. Natürlich wurde über das Auftauchen von Fischers Akte berichtet. Doch waren die meisten Journalisten bemüht, die gewalttätige Vergangenheit des von ihnen publizistisch überwiegend gut behandelten „Joschka“ in einem milden Licht erscheinen zu lassen. Dass die „Frankfurter Rundschau“ den Ex-Außenminister als „Mitglied der linken Szene“ bezeichnete, überrascht nicht. „Linke Szene“ klingt natürlich viel sympathischer als Wort- und Anführer der linksradikalen Gruppe „Revolutionärer Kampf“.

Nachdenklich machen muss dagegen, dass „Die Welt“ aus dem Hause Springer ebenfalls diese weichgespülte Formulierung verwendete. War’s Unwissenheit, war’s Kalkül? Und was wäre schlimmer? Dagegen fiel die „Süddeutsche Zeitung“ durch die angemessene zeitgeschichtliche Einordnung auf. Dort war von der „Verstrickung“ Fischers „in die linksradikale Szene“ zu lesen – immerhin.

In dem herrenlosen Koffer steckte Fischers Polizeiakte mit drei „Fahndungsfotos“, einer detaillierten Personenbeschreibung, biografischen Angaben und dem Protokoll des Verhörs. Überraschendes war offenbar nicht dabei. Und doch erzählt der herrenlose Koffer eine Geschichte über dieses Land: Mit welcher Großzügigkeit die politisch-publizistische Klasse „Jugendsünden“ nicht intensiv nachgeht und das, was bekannt wird, schnell verzeiht – sofern sie nur vom „Richtigen“ begangen worden sind.

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