Der vorzeitige Todesfall als Herrschaftsinstrument unserer Zeit

Mit Statistiken, die Korrelationen zu Kausalitäten und Risikofaktoren zu Todesursachen erheben, wird die Gesundheitspolitik in eine falsche Richtung gelenkt. Wem Fahrverbote wichtiger sind, als die Heilung von Krankheiten, handelt nicht im Interesse der Menschen.

Uns plagt eine Geißel, deren Herkunft und Wirkung weitgehend unbekannt sind. Gemeint ist der sogenannte „vorzeitige Todesfall“, eine gedankliche Konstruktion, auf deren Basis umfangreiche regulatorische Eingriffe der Politik möglich werden, die nicht nur die Wertschöpfungsmöglichkeiten der Wirtschaft begrenzen, sondern auch tief in die private, individuelle Lebensgestaltung eingreifen.

Wer sich fragt, warum selbst ursprünglich freie und liberale Demokratien in vielen Aspekten zunehmend diktatorisch agieren, wird beim „vorzeitigen Todesfall“ fündig. Perfide an diesem Konzept ist sein vordergründig fürsorglicher Charakter. Wer will schon vor der Zeit sterben? Wer möchte nicht so lange wie möglich bei bester Gesundheit leben? Für wen ist nicht der Tod eines Freundes, eines Angehörigen oder Partners ein tragisches Ereignis, auf das man gut verzichten kann? Der Staat, so die mit dem „vorzeitigen Todesfall“ verknüpfte Botschaft, setzt sich mit aller Macht dafür ein, unser Wohlergehen und das unserer Lieben zu erhalten. Damit niemand vor der Zeit dahinscheidet. Und dagegen kann man schwer opponieren. Obwohl es nicht die ganze Wahrheit ist.

Denn sterben müssen wir alle. Bislang kann keine Macht der Welt etwas daran ändern. Natürlich wird an Technologien gearbeitet, die Alterung und körperlichen Verfall bremsen und uns vielleicht sogar die relative Unsterblichkeit ermöglichen, in der allein ein Unfalltod ins Jenseits führt. Aber noch ist es nicht so weit. Irgendwann versagen das Herz oder andere lebenswichtige Organe und die potentiellen Auslöser dafür sind unüberschaubar vielfältig. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist ein „zu früher Tod“ auf sehr schwammige und gleitende Weise mit dem Lebensalter verknüpft. Von Amts wegen aber gibt es eine klare Grenze. Und die liegt bei 75 Jahren. Wer dieses Alter erreicht, so sehen es die diversen Gesundheitsbehörden, der hat es geschafft. Der stirbt nicht vorzeitig. Alle anderen sind aus dieser Perspektive Opfer ihrer Lebensweise oder ihrer Umwelt. Das möchte der Staat nicht hinnehmen. Warum nicht, ist aus guten Gründen nirgends beschrieben. Denn der „vorzeitige Todesfall“ hat mit Fürsorge in Wahrheit nichts zu tun. Er ist lediglich ein Instrument zur Durchsetzung ideologischer Interessen.

Spannend für die Behörden sind dabei gerade nicht die Todesfälle, deren Ursachen klar auf der Hand liegen, also Unfälle, Unglücke oder genetische Dispositionen. Viel interessanter sind solche, bei denen der Wirkungszusammenhang auf individueller Ebene unklar ist und möglicherweise mehrere Faktoren zusammenkommen. Denn solche Fälle eröffnen Interpretationsspielräume und bieten Chancen für statistische Fiktionen, aus denen Maßnahmen abgeleitet werden können, die politisch opportun und daher hilfreich erscheinen. Warum ein scheinbar gesunder Mensch im besten Alter plötzlich eine Herzattacke oder einen Schlaganfall erleidet, warum er plötzlich an Krebs erkrankt, das weiß man in der Regel nicht. Der menschliche Körper ist ein komplexes System miteinander verknüpfter Regelkreise, in der eine kleine Störung meist folgenlos bleibt, mitunter aber auch schwere Probleme verursachen kann. Was nun hat den Infarkt eigentlich entscheidend begünstigt? Übergewicht, Bluthochdruck, Tabak, Alkohol, Diabetes, eine andere Vorerkrankung oder gar ein Feinstaubpartikel? Und falls letzteres zutrifft: Welches Teilchen war es denn und aus welcher Quelle stammt es?

Feinstaub – ein konstruierter Killer?

Im Jahr 2012 seien nahezu drei Millionen Menschen weltweit durch die Aufnahme von Feinstaubteilchen mit einer Größe von bis zu 2,5 Mikrometer vorzeitig gestorben, meldet die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer vielbeachteten Studie. Genau gesagt waren es 2.975.400, davon 26.160 in Deutschland. Woher wissen die das?

Sie wissen es nicht. Die Sicherheit in dieser Frage ist nur vorgetäuscht. Schließlich hat man nicht alle der 2.975.400 Leichen wieder ausgegraben und die genauen Zusammenhänge ihres Sterbens im Detail analysiert. Das wäre ohnehin aussichtslos, da viele der physiologischen Zusammenhänge in Verbindung mit den betrachteten Atemwegserkrankungen, mit Lungenkrebs oder dem Herzinfarkt nach wie vor unklar sind. Da stellen sich Fragen nach Vorerkrankungen, nach dem allgemeinen Lebenswandel und nach sonstigen Belastungen. Die behandelnden Ärzte könnten die Details über den Einzelfall wissen, die Angehörigen auch. Wichtige Informationen, die auf dem Weg vom individuellen Ereignis zu einer aggregierten gesamtstaatlichen Statistik schlicht verlorengehen. In Deutschland beispielsweise wird nicht einmal erhoben, ob ein an Lungenkrebs Verstorbener tatsächlich Raucher war, oder nicht.

Die Behauptung der WHO basiert vielmehr auf einem Rechenmodell, dessen Grundlage Kohortenstudien aus der Epidemiologie darstellen. Man betrachtet in solchen Erhebungen beispielsweise zwei definierte Gruppen, von denen die eine einem vermuteten Risikofaktor, hier dem Feinstaub, besonders ausgesetzt ist, und die andere nicht. Stellt man für die exponierte Gruppe eine höhere Erkrankungsrate an Lungenkrebs fest, als für die andere, kann man Feinstaub als Auslöser der Krankheit vermuten. Sterben von hundert Feinstaubexponierten zehn an Lungenkrebs, von hundert nicht Belasteten aber nur einer, so ist das Erkrankungsrisiko der ersten Gruppe um einen Faktor zehn höher, als das der zweiten. Der Kern der Vorgehensweise der WHO besteht in der Umkehrung dieses Resultats in die Ausgangshypothese, von elf Lungenkrebsfällen unter den insgesamt betrachteten zweihundert Personen seien zehn mit großer Sicherheit auf Feinstaub zurückzuführen. Aus der Kombination solcher Risikoverhältnisse mit Messungen zur Feinstaubbelastung und mit amtlichen Todesfallstatistiken für Erkrankungen der Atemwege, für Herzattacken, für Lungenkrebs in einem komplexen statistischen Modell ergibt sich dann eine Zahl. Wobei die WHO wenigsten noch eine Fehlermarge angibt. Es sind vielleicht nicht genau 26.160 Menschen in Deutschland im Jahr 2012 an der hiesigen Feinstaubbelastung gestorben, sondern mindestens 12.729 und höchstens 34.229. Vorzeitig wohlgemerkt, also vor ihrem 75. Geburtstag.

Eine Steilvorlage für Politik und Medien, auf deren Basis eine Korrelation zu einer Kausalität und ein Risikofaktor zu einer Todesursache erklärt werden können, was in vielerlei Hinsicht nützlich ist.

Manch dumme Idee erhält auf diese Weise eine zusätzliche Rechtfertigung. Man denke nur an die Energiewende oder an die Forderung, Verbrennungsmotoren zu verbieten. Neue Ängste liefern neue Möglichkeiten der Mobilisierung. Mit Vorschlägen zur Risikominimierung vermag sich ein Politiker als besonders verantwortlich zu verkaufen. Vorschläge, die von weiteren Fesseln für die Industrie bis hin zu individuellen Verhaltensvorschriften reichen. Wenn Feinstaub so gefährlich ist, dann müssen eben seine Quellen ausgetrocknet werden, die zu einem großen Teil in der Verbrennung fossiler Kohlenwasserstoffe bestehen. Für Ideologen, die von der Ökodiktatur und dem Nanny-Staat träumen, ist dieses Thema ein wertvolles Geschenk.

Und es endet nie. Da jedes einzelne Partikel bei einer entsprechenden Verquickung ungünstiger Umstände zum Tode führen kann, wird kein Grenzwert jemals ausreichend niedrig sein. Neben Feinstaub bieten auf diese Weise auch andere Luftschadstoffe wie Stickoxide, Schwefeloxide, Kohlenmonoxid und Ozon sowie zahllose Chemikalien existenzsichernde Beschäftigungsmöglichkeiten für Politik und Verwaltung. Die Übergänge von wohlmeinenden Empfehlungen über Gängelei und neue Gesetze bis hin zur Tyrannei sind dabei fließend.

Heilung statt Vorsorge   

Der vorzeitige Todesfall liefert eine Strategie mit der Garantie, ewig eingesetzt werden zu können. Erstens wird es all die vielen mit seiner Hilfe dämonisierten Schadstoffe immer geben, solange Menschen existieren und irgendeine Art von Technik zur Verbesserung ihrer Lebensumstände nutzen. Zweitens steigt die Zahl der vorzeitigen Todesfälle zwangsläufig mit zunehmender Bevölkerungszahl,  was gegenwärtig vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer trifft. Und drittens bietet selbst eine steigende Lebenserwartung die Möglichkeit, noch mehr Panik zu schüren.

Weil sich die Grenze, bis zu der von „vorzeitig“ gesprochen wird, entsprechend anpassen läßt. Noch vor zwanzig Jahren starben Menschen „vorzeitig“, die nicht mindestens ihren 65. Geburtstag feiern konnten. Dann rechnete man eine kurze Zeit mit 70 bis schließlich die heute gültigen 75 Jahre etabliert wurden. Auf die Zählung der mit der Zeit gewonnenen Lebensjahre verzichtet man wohlweislich, denn dadurch würde die Absurdität der Orientierung politischer Maßnahmen am „vorzeitigen Todesfall“ erst recht deutlich.

An meiner Magnettafel im Büro hängt eine Karikatur, die in vielen unterschiedlichen Versionen im Netz kursiert. Zwei Steinzeitmenschen sind auf ihr zu sehen, die sich über ihre Lebensumstände austauschen. Wir atmen saubere Luft, sagt der eine zum anderen, haben viel Bewegung und essen nur ökologisch erzeugte Produkte. Trotzdem wird kaum jemand älter als Dreißig. Irgendwas machen wir falsch. Aber was?

Das Risiko gehört zum Leben dazu. Vom Zeitpunkt seiner Geburt an beginnt jeder Mensch nicht nur zu altern, sondern ist auch zahlreichen Attacken seiner Umwelt ausgesetzt. Krankheitserreger in großer Vielfalt stürzen sich auf ihn, Schadstoffe und Gifte natürlichen wie künstlichen Ursprungs gelangen über den Stoffwechsel in seinen Körper. Das alles ist letztendlich unvermeidbar, die einzig wirklich wirksame Vorsorge dagegen wäre, erst gar nicht auf die Welt zu kommen. Selbst in einer Umgebung völlig ohne Feinstaub werden Menschen aus den ein oder anderen Gründen an Lungenkrebs erkranken. Die Statistiken der WHO nutzen den Betroffenen dann nichts. Statt den „vorzeitigen Todesfall“ zur Grundlage einer postfaktischen, an statistischen Korrelationen orientierten Gesundheitspolitik zu machen, sollte der Fokus auf der Entwicklung von Heilverfahren für den konkreten, individuellen Einzelfall liegen. Allein dafür sind epidemiologische Studien geeignet. Sie zeigen der medizinischen Forschung die Richtung, in der man suchen sollte, um genaue Wirkmechanismen aufzudecken und Diagnose- und Therapieverfahren zu entwickeln. Was bei Pest, Pocken und Polio einst gelungen ist, sollte doch bei Krebs, Atemwegs- oder Herzkrankheiten ebenfalls möglich sein.

Fossile Energieträger sind die Basis unseres heutigen Wohlstandes. Der nicht nur die Erfüllung von Grundbedürfnissen nach Nahrung, Wohnraum, Kleidung und Hygiene sichert, sondern auch Investitionen in neues Wissen und neue Technologien ermöglicht, insbesondere in der Medizin. Wir werden überhaupt erst alt genug, um uns über Feinstaub Gedanken zu machen, weil wir ihn produzieren. Und können uns nun entscheiden, was wir lieber wollen. Eine Welt der Fahrverbote, oder eine Welt, in der Lungenkrebs nicht mehr als eine Unannehmlichkeit vergleichbar einem herkömmlichen Schnupfen darstellt.

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