Wenn sich ausgerechnet Schlafforscher um Schule kümmern

Natürlich hätten Schüler auf den ersten Blick nichts dagegen, wenn sie erst später in die Schule müssten. Aber nicht, wenn sie dann bei der nach wie vor gängigen Halbtagsschule zwei Stunden später aus der Schule nach Hause kommen.

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Auch das noch: Jetzt mischen sich Schlafforscher in Fragen der Schulorganisation ein. Sie wollen offenbar gegen einen uralten Schülerkalauer angehen, der da heißt: „Lieber eine Stunde Unterricht als überhaupt keinen Schlaf.“ Dagegen etwas zu tun, wäre ja sinnvoll. Nur so, wie es sich die Schlafforscher (hochtrabend: Chronobiologen) vorstellen, wird es nichts.

Aber der Reihe nach! Soeben hat die dpa vermeldet: „Schlafforscher fordern späteren Schulbeginn – bisher vergeblich.“ Ein Professor Horst-Werner Korf meint, dass vor allem männliche Jugendliche durch einen Unterrichtsbeginn um acht Uhr belastet würden. Er hält einen Unterrichtsbeginn um oder vor acht Uhr für „problematisch“. Eine Studie der Universität Leipzig von 2016 habe zum Beispiel gezeigt, dass schon eine halbe Stunde weniger Schlaf die Leistungsfähigkeit in der Schule um 30 Prozent reduziere. Korf ist Direktor des Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts im Fachbereich Medizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Neun Uhr wäre der richtige Schulbeginn, assistiert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Alfred Wiater: „Wenn wir über eine Bildungsoffensive nachdenken, dann sollte auch der frühe Schulbeginn zur Diskussion stehen.“ Zuspruch bekommt er auch vom Chronobiologen Till Roenneberg, seines Zeichens Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er meint gar, der jetzige frühe Schulbeginn stelle ein „biologische Diskriminierung“ dar, die „Spätschläfer“ benachteilige und ihnen Bildungschancen verwehre.

Von Nichts kommt Nichts
Studie Schulstress: Jammern auf hohem Niveau – schon bei „etwas Anstrengung“
Aber bleiben wir auf dem Teppich: Diese Empfehlungen kommen wieder mal aus einer Laborsituation, die mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat. Die Fakten sind nämlich folgende: Erstens ist der Tagesrhythmus sehr individuell. Schule und auch Arbeitswelt können hier nicht den Bedürfnissen jedes Einzelnen gerecht werden. Zweitens: Natürlich hätten Schüler auf den ersten Blick nichts dagegen, wenn sie erst später in die Schule müssten. Aber diesen Wunsch geben sie sofort auf, wenn man ihnen vorrechnet, dass ein um eine Stunde späterer morgendlicher Schulbeginn bedeutet, dass sie bei der nach wie vor gängigen Halbtagsschule zwei Stunden später aus der Schule nach Hause kommen. Denn die am Morgen verlorene Stunde müsste nach einer dann zwischengeschalteten einstündigen Mittagspause am frühen Nachmittag stattfinden. Und diese Stunde – meine Herren Chronobiologen! – fiele dann in das biorhythmische Mittagstief. Drittens: Die allermeisten Eltern sind – da berufstätig – darauf angewiesen, ihre Kinder um 8 Uhr in der Schule zu haben. Ihre Arbeitszeiten sind nicht immer so flexibel, dass sie sich zum Beispiel als Eltern von Grundschülern noch nach 8 Uhr um ihre Kinder kümmern könnten. Viertens schließlich: In größeren Städten mit einem 10-Minuten-ÖPNV-Takt mag Schule ja beginnen, wann sie will. Im ländlichen Bereich, wo der ÖPNV unter anderem auch mit dem Berufs- und Werkverkehr abgestimmt werden muss, würde ein späterer Schulbeginn wegen der dann notwendigen Zweigleisigkeit enorme Mehrkosten verursachen.

Also, meine Herren Professoren, praktische Pädagogik geht nicht vom grünen Tisch aus. Aber es gibt eine ganz einfache Lösung: Eltern müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder rechtzeitig ins Bett kommen – und zwar ohne Smartphone unter der Decke. Das übrigens haben die Chronobiologen immerhin eingeräumt, dass das blaue Licht der Mäusebildschirme den Schlaf behindert. Ob das pro halbe Stunde Schlafminderung schon 30 Prozent Leistungsminderung ausmacht (siehe oben), mag bezweifelt werden. (Boshafte Einfügung: Vielleicht ist das aber der Grund, warum manche nächtens Smartphone-Süchtige bei ihren schulischen Leistungen schon im Bereich von Minus-Prozenten angekommen sind!)

In dieser Hinsicht braucht Deutschland tatsächlich eine „andere Schlafkultur“, wie sie die Professoren generell fordern. Mein zum Abschluss nicht ganz ernst gemeinter Tipp: Stellen Sie sich nicht der Pädagogik, sondern Angela Merkel und Martin Schulz zur Verfügung. Damit der deutsche Michel am Ende nicht noch die Bundestagswahl verpennt.


Josef Kraus war Oberstudiendirektor, Präsident des deutschen Lehrerverbands, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und als „Titan der Bildungspolitik“ bezeichnet. Er hat Bestseller zu Bildungsthemen verfasst und sein jüngstes Werk Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt erhalten Sie in unserem Shop: www.tichyseinblick.shop.

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Kommentare ( 42 )

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Lieber Herr Kraus, wenn es um „Ihren“ Bereich der Bildung geht, lassen Sie offenbar nichts anbrennen. Einige Ihrer Anmerkungen empfinde ich als geradezu arrogant. Ja, natürlich, allein „vom grünen Tisch“ aus geht nichts. Aber allein jahrzehntelange Erfahrung in und mit der Schule bedeutet noch keine Kompetenz beim Wandel. Und dass Ihre Argumentation überhaupt nicht auf Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen eingeht, ist „mal wieder typisch“. Ohne klare Impulse von außen wird sich (die) Schule nicht entscheidend verändern, sondern in ihren Strukturen aus dem 19. Jahrhundert stecken bleiben. Schule braucht nicht mehr vom Gleichen, sondern einen echten Musterwechsel. Die von Ihnen… Mehr

So ist es. Man kann gegen Niveauverfall, für ein mehrgliedriges Schulsystem und gegen „Verweichlichung“ sein. Das sollte nicht daran hindern, sich am Menschen zu orientieren, intelligent mit dessen Ressourcen umzugehen und neue Leistung nicht mit Bravsein, Büffeln und Unterordnung zu verwechseln. Wir haben genügend Kuscher, Wegducker und Nichtselbstdenker.

Ich möchte hier noch einen anderen Aspekt anführen und mich gleich als Spitzer Fan outen. Sein Abhandlungen über digitale Demenz sind vielleicht manchem bekannt. Hier etwas zum Thema Schlaf: „2. Schlaf Unter Jugendlichen ist der Trend zu weniger Schlaf schon seit längerer Zeit besorgniserregend, sie gehen relativ spät zu Bett, weisen eine vergleichsweise lange Einschlaflatenz und eine kurze Schlafdauer von etwa 6,5 Stunden auf, was in einem täglichen Schlafdefizit von etwa zwei Stunden resultiert. Wie große Studien zeigen, besteht gegenwärtig insbesondere der Trend, in der Stunde vor dem Schlafengehen nochmals ein digitales Endgerät zu verwenden (Einträge auf WhatsApp und Facebook… Mehr
Es mag sein, dass Spätschläfer hute benachteiligt sind, aber, würde man den Beginn auf 9 Uhr verlegen, so würde man die Frühschläfer benachteiligen. Das zum Einen, zu Anderen – wie wäre es denn damit, dass man die dumme Sommerzeit wegfallen läßt und damit wieder näher an der biologischen Uhr ist? Das wäre doch damit automatisch eine Stunde später für die Spätschläfer :-)) Bei weiteren Schulwegen (ländliche Gegend) hätten alle Schulkinder die Möglichkeit den kompletten Sommer über im Hellen aufzustehen, und müssten nicht schon Ende August im Dunklen aus den Federn. Ich denke, dass der Wegfall der Sommerzeit hier ganz sicher… Mehr
Ich hoffe, die Schlafforscher haben diese Studie und ihre Vorschläge im übernächtigten Zustand produziert – dann könnte man wenigstens darin eine Entschuldigung finden. Schon heute ist die Schule eine Schonveranstaltung im Vergleich zu meiner Schulzeit – wenn man dann noch die geregelten Beginnzeiten abschafft, wird die letzte Disziplinerfahrung für unsere Schneeflöckchen-Kinder ad acta gelegt (zumidest i.d. öffentlichen Schulen – damit gibts dann noch mehr Geschäft für Privatinstitute). In meiner Kindheit war um 20:00 Licht aus (ok Taschenlampe zum Lesen haben wir auch gehabt) – un das wurde v.d. Eltern gnadenlos kontrolliert. Aufstehen um 6:30 war damit problemlos. Ev. sollte man… Mehr

Was meinen sie denn mit Schonveranstaltung? Fehlt ihnen der Rohrstock, oder der Hofknicks?

In meiner Schule früher, also Gymnasium, galt für die Unterrichtsplanung immer der eiserne Grundsatz: Kein Matheunterricht nach der großen Pause, also 5. oder 6. Stunde. Auch Physik war tabu, Klassenarbeiten nur, wenn es nicht anders ging. Zwar maulten dann immer die Kunst-/Religions-/Sozialkunde/3. Fremdsprachelehrer ob der Benachteiligung (und besonders beliebt natürlich die 6. Stunde am Freitag) aber die Schulleitung tat gut daran. Das zu Zeiten allerdings, als das Wort „Ganztagsschule“ noch völlig unbekannt war und Kinder bei Unterrichtsausfall einfach nach Hause geschickt wurden. Das heißt nicht, daß wir pünktlich waren (ich spreche hier von den 70er Jahren, und Pünktlichkeit war eine… Mehr
Interessant wie unterschiedlich die Meinungen hier sind. Ich betrachte das Problem dann mal von Ende her. Bei all den zu berücksichtigenden Individualitäten werden nicht wenige Kinder durch die „Ritzen“ rutschen. Viele haben ohnehin schon Orientierungsprobleme im Schlaraffenland der Möglichkeiten. Wenn es ganz schlimm kommt landen sie in der Psychiatrie. Dort ist dann oberstes Gebot, ein streng strukturierter Tagesablauf mit in Beton gegossenen Regeln. Das ist eine harte Schule, leider werden die Kinder-und Jugendpsychiatrien immer voller. Was die Chronobiologie betrifft, wäre vielen geholfen, wenn Sommer- und Winterzeit abgeschafft würde. Mit dem Entwerfen eines eigenen Stundenplans, sind Kinder überfordert. Um im Leben… Mehr

´s ist ja fast wie bei der Deutschen Bahn:

*Schule würde wunderbar funktionieren, wären da nicht diese vielen kleinen Kinderlein…*

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Tja…wie man hier lesen kann, sind wir alle gefährdet…oder diskriminiert😁😁 Ich schlage vor, wir bleiben alle zu Hause, fressen was die Natur uns so gibt, später uns gegenseitig..und geilen uns auf, dass WIR ENTSCHEIDEN dürfen , wann wir aufstehen und wann wir schlafen gehen. Freiheit für ALLE!

http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-01/schichtarbeit-gesundheit-risiken

Es ist erstaunlich! Auf der Suche nach diskriminierten Minderheiten kann man wirklich überall fündig werden, jetzt also die „Spätschläfer“, welche arme Opfer von Benachteiligung sind. Und das (hier: von den Schlafforschern) vorgeschlagene Rezept für die „gerechte“ Lösung des Problems zeugt auch hier wieder von der heute weit verbreiteten Idee von Gerechtigkeit, welche darin besteht, alle anderen zu benachteiligen, um der jeweiligen diskriminierten Minderheit einen Vorteil gegenüber den anderen zu verschaffen. Auch characteristisch für diese Opfergruppierungen ist, von anderen Entgegenkommen zu fordern, anstatt mal bei der Verantwortung für sich selbst und sein Leben anzusetzen und zu schauen, wie man aus der… Mehr

Ganz so apodiktisch würde ich die Forderungen der Schlafforscher nicht abbügeln. Tatsächlich hat die Chronobiologie einiges zur Leistungsfähigkeit des Gehirns zu sagen und circadiane Rhythmen spielen gerade in der Adoleszenz eine nicht zu unterschätzende Rolle. In Großbritannien fährt man gut mit einem Schulbeginn nicht vor 8.30 Uhr, meistens erst um 8.45 Uhr. Dass sich daraus Folgeprobleme für Mittagspause und Nachmittagsunterricht ergeben, muss man kalkulieren. Ohnehin sollte man Schule auch von der Biologie des kleinen Menschen her denken. Wie sagte mir letzte Woche die Leiterin einer Kette von KITA und Ganztagsschulbetreuungseinrichtungen: „Für die Kleinen sind es heute verdammt lange Tage.“