Almanach des Schwachsinns 2017. Siebte Lieferung.

Die Einheitswippe ist ein Mahnmal vor einem Denkmal, das Stadtschloss ein Stück betonierte Erinnerungspolitik. Als Erinnerung an den Unrechtsstaat DDR hätte Erichs Lampenladen besser getaugt. Muss auch ein Mahnmal zum Untergang der Bonner Republik her?

Heute geht es um Extremitäten. Um die Füße der Berlinerinnen und Berliner. Und um die Patschhändchen des mächtigsten Mannes der Welt. Zwei extreme Beispiele für den Bullshit dieser Tage.

I.

Die Patschhand. Bestand ihre Aufgabe zunächst darin, den Namen unter Executive Orders zu meißeln, der aussieht wie die Skyline von Midtown Manhattan, so ist sie jetzt dazu da, Shakehands zu inszenieren. Golfspieler wissen: Der Schläger darf nicht wie mit dem Schraubstock gepackt, sondern sollte sanft wie ein lebendes Vögelchen gehalten werden. Eigentlich ist Trump ein ausgezeichneter Golfer. Die Hände seiner Besucher sind keine Schläger – Trump will nicht mit ihnen spielen, sondern gegen sie. In der neuen Wissenschaft der Trumpologie ist inzwischen eine eigene Fachrichtung entstanden, die sich ausschließlich mit seinem Handschlag befasst. Die ersten Doktorarbeiten schlagen sich bereits in den Feuilletons der Qualitätspresse nieder. Titel: “Bezaubern durch Bezwingen. Über den Ausdruckstanz der oberen Extremitäten.“ Oder: „Druck, Schweiß und Tränen. Neue Wege zum Deal.“

II.

Die Lernkurve. Noch wissen wir nicht, ob sie sich wie eine Gerade bewegt und gegebenenfalls wohin. Aufwärts? Abwärts? Erst stark ansteigend, sich dann zur Horizontale mäßigend, oder nach flachem Beginn nach oben ausschlagend gegen Unendlich. Immerhin zeigt sich, dass Trump eine gewisse Lernbereitschaft zugebilligt werden muss. Noch ist sich das Establishment nicht sicher, ob es sich um erwartbare Einarbeitungseffekte, um immer neue Volten der Unberechenbarkeit, um den Aufprall Trumps auf die Wirklichkeit oder um erste Ansätze der Sozialisierung eines Präsidenten handelt. Zum Lerneffekt gehört auch die Einsicht, dass die devotesten und eifrigsten Ratgeber nicht automatisch die hilfreichsten sind. Die unbeschwerte Geheimdiplomatie des Trumplagers mit Russland noch vor Amtsantritt spricht dafür, dass mit der Lernkurve zu spät begonnen worden ist. Nicht auszuschließen ist, dass es Trump aus der Lernkurve geschleudert hat. Womöglich handelt es sich aber auch nur um eine Lernkurve der Trumpologen. Das erste, was sie zu leisten haben, ist die Gewöhnung an die neue Normalität. Sie wird gemeinhin Chaos genannt. Die Chaostheorie aber weiß, dass es nur darauf ankommt, die im Chaos versteckte Regelhaftigkeit zu erkennen.

III.

Die unteren Extremitäten der Berlinerinnen und Berliner auf der Einheitswippe. Man kann Denkmäler aus guten Gründen für überflüssig halten. Sie verkürzen Geschichte auf Namen, Schlachten, Symbole. Schauplätze sind bessere Denkmäler. Aber sei´s drum: Die Einheitswippe wird nun doch gebaut, sie ist uns lieb und teuer. Bleibt die Frage: Denkmal oder Mahnmal? Woran erinnert es, wozu mahnt es? Erinnert es uns daran, dass Gorbi eine bankrotte Filiale seines zerbröselnden Imperiums loswerden wollte? Die Wippe ist aber kein Gorbi-Monument. Ginge es nach Wolfgang Thierse, den ewig zu kurz gekommenen Ex-DDR-Freiheitskämpfer, handelte es sich um ein Revolutionsdenkmal und zugleich um ein Mahnmal zur Erinnerung an die Diktatur der Besserwessis. Also um eine Art DDR-Nostalgieschaukel. Allein die Tatsache, dass Thierse streng für die Wippe plädiert, spricht stark gegen sie. Aber wir wollen nicht nachtragend sein. Die Einheitswippe ist auch ohne Thierses Senf allzu simple Symbolik. Die Füße des Volkes bewegen die Geschichte auf einem Spielplatz für die ganze Familie. Das Volk wird verschaukelt. Diese Wippe ist ein Mahnmal vor einem Denkmal. Denn auch das Stadtschloss ist nichts als ein Stück betonierte Erinnerungspolitik. Die preußische Aufklärung soll Naziterror und Kommunistendiktatur in den Schatten stellen. Das Schloss ist so schwachsinnig wie die Wippe. Als Erinnerungsort an den Unrechtsstaat DDR hätte Erichs Lampenladen besser getaugt. Kommt jetzt jemand auf die Idee, es müsse unbedingt auch ein Mahnmal zum Untergang der Bonner Republik her?

IV.

Mahnmal Berlin. Abgesehen davon ist das anschaulichste Mahnmal Berlin selbst. Sein Zustand. Der Hauptstadt eines entwickelten Industrielandes nicht würdig. Selbstvergessen zwischen Größenwahn und Laubenpieperei. Repräsentativ für nichts, außer für sich selbst. Aber das ist ein anderes Thema. Der schauderhafteste Gedenkort Berlins besteht nur aus einer schäbigen Informationstafel am Rande eines Parkplatzes mitten im Regierungsviertel. Dort, wo architektonische Missgeburten („Edelplatte“) Hitlers zugeschüttete Reichskanzlei überwölben. Der ganze Wahnsinn – verbuddelt, als könne man ihn so loswerden. Aus den Augen aus dem Sinn. Das ist Berlins von jeher falsche Geschichtspolitik. Entsorgung statt Aufdeckung. Keine falsche Angst vor Höckes Wallfahrts-Tours! Der Bunker gehört geöffnet. Er wäre gewissermaßen der letzte Band von Hitlers „Mein Kampf“.

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