KRAFTWERK und die Mensch-Maschinen: Ein Konzertereignis löst die Flüchtlingskrise

Die Leute sind autoritätenhörig bis zum Gehtnichtmehr. Kontrolle nur für Howard-Carpendale-Fans?

In der Essener Lichtburg (ein wunderschöner, historischer Kino- und Veranstaltungssaal) erlebte ich letzte Woche Denkwürdiges: Hinterm Eingang warteten – hier sonst völlig unüblich – zahlreiche Ordner in typischem Neonreflexwestenlook. (Dass diese Bekleidung im Innenbereich eines Theaters ihren ursprünglichen Sinn erfüllt, glaube ich kaum, aber zumindest sind dadurch die Ordner auf Anhieb als solche erkennbar.) Einlasskontrollen bei einem KRAFTWERK-Konzert? „Datt is‘ wegen Paris“, klärt der Besucher hinter mir unaufgefordert alle auf. Ach so! Die Ordner arbeiten gewissenhaft, sogar die Capri-Sonne im Gepäck eines „Wir-sind-die-Roboter“-T-Shirt-Trägers hat keine Chance auf Einlass.

Bin ich nicht mal Terroristin?

Vor mir eine Frau im Rentenalter mit Mini-Umhängetasche. Der Ordner mustert die Frau, mustert die Tasche – und winkt beide durch. Das sorgt bei Frau und Tasche nicht etwa für Erleichterung, sondern für die folgende schnippisch boshafte Frage: „Ey, wollen Se bei mir etwa nich‘ reinkuckön?“ Faszinierend, offenbar fühlt sich die Dame nicht genug als potentielle Terroristin wert geschätzt und überdies als Frau und älterer Mensch diskriminiert. Auf jeden Fall zeigt sie mit diesem Kommentar ihren uneingeschränkten Willen, sich an jeglichem Kontrollgebaren klaglos zu beteiligen. Ich bin überzeugt: Wenn der Ordner gesagt hätte „So, junge Frau, machen Sie sich mal komplett frei, singen Sie laut ‚La Paloma‘ und hüpfen dabei auf einem Bein“, die Frau hätte das ohne zu murren gemacht! Für unser aller Sicherheit.

Im Foyer komme ich mit einer kleinen Gruppe ins Gespräch: „Und, wie denken Sie so über die Kontrollen?“, frage ich. Einhelliger Tenor: Das ist sinnvoll! Das muss man jetzt machen! „Aber wie weit“, frage ich weiter, „darf so was denn gehen? Also, wären Sie hier oder vor einem Fußballspiel künftig auch bereit, stundenlange Wartezeiten in Kauf zu nehmen?“ Einhelliger Tenor: Klar! Es dient doch unserer Sicherheit! Kein Szenario meinerseits vermag anschließend die Roboter auch nur ansatzweise in eine Abwehrhaltung zu bringen, sogar der berühmte Nacktscanner wird als sinnvoll und begrüßenswert bewertet. Menschenwürde? Egal, watt mutt datt mutt! Ich ziehe meine letzte Trumpfkarte im Provokationspoker: Datenschutz. KRAFTWERK verkaufen ausschließlich personalisierte Eintrittskarten, am Eingang muss ein Ausweis gezückt werden, sonst kein Einlass. Ähnliches kennen wir ja schon von der WM 2006, als auf den Karten neben dem Käufernamen sogar ein Chip eingepflanzt worden war. Ein Modell für die Zukunft im Kampf gegen den Terror? Einhelliger Tenor: Ja, das ist sinnvoll! Eher als Witz bringe ich dann auch noch Fingerabdrücke ins Spiel. Einhelliger Tenor: Zwar puh, aber im Zweifel auch ok!

War mal was mit Datenschutz?

Mensch-Maschine Meier, die Leute sind ja autoritätenhörig bis zum Gehtnichtmehr, kann die denn nix aus der Fassung bringen? Für die nächsten Statements muss ich dann gar nicht mehr fragen, die kommen von selbst: Wer so was nicht will, soll einfach zu Hause bleiben! Wer reinen Gewissens ist, darf nichts zu verbergen haben! Außerdem geht es auch darum, die Anzahl der Leute verlässlich zu begrenzen, es wurde schon viel zu oft bei Großveranstaltungen eine Massenpanik riskiert! Kirchentagsgleich werden diese Sätze ins Lichtburg-Foyer gebetet, und das begleitende Nicken der Leute sieht so synthetisch einstudiert aus, wie die archaischen Computer-Grafiken aus dem KRAFTWERK-Video „Musique non stop“. Ich stehe daneben und bin einfach nur baff. Aber: am Ende bekomme ich doch noch meine sehnlichst erhoffte Entrüstung …

„Wie wäre es denn“, frage ich (paradoxerweise diesmal OHNE provozieren zu wollen), „wenn wir derlei Kontrollen nicht erst am Veranstaltungsort durchführen, sondern schon vorher? Also an den Landesgrenzen zum Beispiel? Wenn wir dort ebenfalls penibel auf korrekte Ausweise achten und im Zweifel den Einlass verweigern? Für unser aller Sicherheit. Von jetzt auf gleich verwandelt sich das unschuldige Antlitz der Gruppe ins Gegenteil: Vor mir stehen keine zahmen Androiden mehr, sondern die Leute sehen aus wie … na ja, kennen Sie die Serie „The Walking Dead“? Man tobt und keift mich an: „Uääh, Unverschämtheit! RECHTS! Du Höcke, du! Plötzlich steht die La-Paloma-Oma neben uns: „Watt is‘ denn hier los?“ – „Na ja“, sage ich, „diese Leute hier sind gegen Einlasskontrollen.

Und wenn alle zu Howard Carpendale kommen?

Mal unter uns: Ist diese (wahre!) Geschichte nicht irgendwie bezeichnend? Die Mensch-Maschinen in Deutschland sind zu allem bereit, wenn es um „unsere Sicherheit“ geht, so lange man sich nicht um Ursachen scheren muss und eine vertretbare „Anlasskuktur“ gewahrt bleibt. Wehe, unser rothgetränktes Weltbild wird angegriffen, dann wird der Michel zum Til, schaltet das Hirn ab und rastet komplett aus. Doch: Winkt hier nicht auch die Chance auf eine humane Handhabung der Flüchtlingssituation? Stellen wir uns folgendes vor: An der Deutschen Grenze (welche auch immer) stehen 128 junge Männer aus Irgendwo, und der Grenzbeamte sagt: „Heute ist in Köln Howard-Carpendale-Konzert (oder ‚Schalke gegen Bremen‘, irgendwas ist ja immer), darf ich mal die Papiere sehen? Und bitte alle da vorn durch den Scanner laufen, ja?“ Natürlich müssten sich die durchgekommenen Flüchtlinge dann ein etwaiges Carpendale-Konzert in Köln nicht wirklich angucken, wir sind ja keine Unmenschen …

Ludgers CD „Hilfe, ich werd‘ KONSERVATIV!“ gibt es bei uns in Tichys Schaufenster. http://tichys-schaufenster.de (Da finden Sie auch ein paar Hörproben.)

Mehr zu Ludger unter www.ludger-k.de

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