Von neuen Antikapitalisten zu den Iden des März

Die ZEIT wirkt wie hinter der Zeit und über ihr abgehoben, die FAS als Kramladen mit verborgenen Schätzen. Den Themenmix von heute und morgen hat erneut die WamS und einen Auftritt, der die Inhalte ins Bild setzt. Für Sie gelesen von Roland Tichy und Fritz Goergen.

Die Iden des März, an denen Roms Diktator Caesar ermordet wurde, fielen im Jahr 44 vor Christus auf den 15. März. Nach dem 13. März 2016 dürften jene enttäuscht werden, die auf das politsche Ende Merkels hoffen – aber, man soll bekanntlich nie „nie“ und „immer“ sagen.

Mit Stefan Austs Kommentar „Fluch der Alternativlosigkeit“ ist das CDU-Merkel-Thema für diese WamS-Ausgabe ausreichend vertreten und konzentriert sich in seiner Bedeutung für morgen auf diese Feststellung:

„Wenn sich die Diskussion in die Talkshows und auf die Straße verlagert, wird deutlich, dass etwas faul ist im Staate Deutschland. Dann zeigt sich, dass die Parteien nicht mehr den Willen des Volkes repräsentieren, sondern vor allem das individuelle politische Sendungsbewusstsein oder das Machtstreben von Berufspolitikern.“

Der ZEIT-Titel „Eine Volkspartei fürchtet das Volk“ verspricht viel. Aber im Kretschmann-Portrait und auf die Frage, was wird aus Merkel, erfahren wir nicht mehr als im „Dossier“, das nur eine Reportage über den Wahlkampf in Baden-Württemberg liefert, schöne Fleißarbeit, die sich im Satz des verzweifelten CDU-Vormanns von Heidelberg bündelt:

„Wer Merkel unterstützen will, denkt, er müsse grün wählen. Und wer sie bestrafen will, wählt AfD.“

Gelungen der Querschnitt von realen Zeitgenossen, mit dem Susanne Geschke (Wams) in „Nicht mehr ERREICHBAR“ die Entfremdung der SPD von ihrem Milieu viel konkreter macht als mit Umfrageergebnissen.

„Wie viel ANSTAND haben wir noch?“, der WamS-Titel gründet tiefer als Wahlkampf kann. Dass es sich hier um Unpolitisches handeln könnte, widerlegen Passagen wie diese:

„Das Problem ist, dass sich die westlichen Demokratien zu Affektgesellschaften entwickelt haben. Wo Gefühle einst durch Konventionen, Regeln oder rationales Denken gebändigt wurden, werden sie heute einfach rausgelassen. Nur so ist es zu erklären, dass im Herbst noch eine einzigartige Welle der Hilfsbereitschaft die Deutschen erfasste – und sich wenige Monate später das Klima um 180 Grad gedreht hat. Nun ist jeder Flüchtling ein potenzieller Vergewaltiger und das Abendland in Gefahr. Oder zumindest die eigene Rente.“

Wo viele wg. Volker Beck über Crystal Meth schwätzen, bringt der WamS-Text Licht ins Dunkel, „Der TEUFEL heißt Tina“ sagt, die Droge ist längst im Establishment angekommen. Im Politik-Teil der FAZ am Sonntag (FAS) befasst sich ein lesenswertes Stück von Morgen Freidel mit dem ausschweifenden, Crystal Meth getriebenen Lebensstil der hauptstädtischen Schwulenszene rund um den Nollendorf-Platz, der anschaulich wie unausgesprochen die Not mit der Lust des ertappten Grünen-Abgeordneten Volker Beck illustriert.

„Die Türkei bewegt sich“, titelt die FAS; es geht aber nicht um die Bewegung in Richtung einer islamischen Diktatur, die die letzten kritischen Zeitungen unter die Fuchtel nimmt, sondern um die Rücknahme von „Wirtschaftsflüchtlingen“ in das Land.

Daran ist bemerkenswert, dass dieses in den Kanon des Rechtsradikalismus verschobene Wort von Wirtschaftsflüchtlingen nun wieder titelseitenfähig ist und die FAS weiterhin brav auf Regierungslinie bleibt, die uns die Türkei als ideale Retterin und Partner verkauft. Auch demonstrativ ratlos bleibt sie bei zwei weiteren Berichten zum Thema.

Aus der Grenzstation Idomeni berichtet wie schon in früheren Wochen kühl und distanziert Michael Martens; er überlässt es dem Leser, sich die Frage zu stellen, warum eigentlich Griechenland die Menschenmassen erst  mit großen Fähren von den Inseln Richtung Idomeni schaufelt, um dann anschließend darüber zu klagen, dass dort viele Menschen im Niemandsland ankommen. Eine komplette Seite 3 widmet sie dem 100-jährigen konfliktreichen Nicht-Verhältnis von Griechen und Türken entlang der gemeinsamen Küstenlinie, das nun schnell gelöst werden soll, damit die Flüchtlinge wieder retour geschickt werden können; bekanntlich ist ja Griechenland für die Aufnahme von Flüchtlingen völlig ungeeignet, die Türkei aber bestens.

Man spürt geradezu das emotionale Unbehagen der Redaktion, dass sie wegen rationaler Überlegungen aus der Refugee-Welcome-Front auf die neue Merkel-Linie einschwenken will und doch noch nicht kann. Geht ja auch zu schnell, dieser Wechsel. Und die Welt ist irgendwie komplizierter, wenn man sich statt im reinen Mitgefühl zu schwelgen den Motiven der Beteiligten nähern muss.

Mitten in Deutschland packt die WamS das Thema an. „WILLKOMMEN bei den Meckies“ beschreibt, wie die sicher teuren Dienste von MacKinsey an der Realität der Berliner Verwaltung bei der Lageso scheitern und fragt, warum Agenturen den Staat flott machen sollen:

„Doch die ZLA, die Zentrale Leistungsabteilung im dritten Stock des Gebäudes, verfügt lediglich über 56 Mitarbeiter. Und nur sechs von ihnen sind umfassend qualifiziert. Die restlichen 50 kennen nur Teilbereiche. Sie sind neu, müssen noch eingearbeitet werden, sind nur ausgeliehen oder vorübergehend da. Es arbeiten nun etwa ehemalige Postmitarbeiter dort, die in Sachen Asyl nicht besonders sattelfest sind.“

Ob Lageso oder BAMF: Nichts ist im Zustand des Jahres 2016 – nichts funktioniert. Und die Politik sattelt ständig neue Aufträge auf marode Organisationen drauf. Jeder, der mal in einer Bürokratie war, weiß, zwinge ihnen Neuerungen auf – dann wird’s noch schlimmer.  Damit korrespondiert: Westliche Helfer zur Migranten-Betreuung in der Türkei. Deren Behörden wollen das nicht: „HELFER unerwünscht“.

Im Ressort „Leben“ versucht die FAS eine weitere Rettung der Kampagne „Regretting Motherhood“; hier lässt man seit einigen Monaten nicht mehr nur die Kinderlosigkeit hoch leben, sondern will generell Mutterschaft als den denkbar irrwitzigsten Fehler im Leben der Frauen enttarnen. Jetzt plötzlich sei es keine Privatsache mehr, Kinder zu haben. Es ist ein wirrer Text, der wohl nur aus der Selbstbezüglichkeit der Verfasserin zu erklären ist, die aus ihrer wohl unbefriedigend empfundenen Lebenslage versucht, ein generelles Lebensgefühl und Politikanweisungen zu konstruieren und dann nach dem mühevollen Umweg doch nur bei der Erhöhung von Kinderunterstützungsleistungen strandet. Aber auch das vermutlich nur, weil ein früher gefeierter Kinder-Star des Ressorts, die Roman-Debüttantin Alina Bronsky, plötzlich in der Mutterfalle steckt und darüber lamentiert wie früher bunter und witziger über das Leben im Russen-Hochhaus am Stadtrand.

Das hat auch die WamS im Programm, Tenor: „MÜTTER, hört die Signale“ – „Die Schriftstellerin Alina Bronsky ist wütend über die Art, wie Frauen in Deutschland
das Muttersein ausgetrieben wird. Darum gibt sie ihnen jetzt eine Stimme.“ Nicht falsch, aber abgekupfert.  Gute PR ist, wenn Redakteure es nicht merken.

Im FAS-Wirtschaftsteil darf Sahra Wagenknecht eine neue Wirtschaftsordnung fordern, die stark an die gescheiterte in Jugoslawien erinnert und die Winfried Kretschmann als Held der Mittelständler imaginiert. Die ZEIT freut in „Comeback der Grenzen“ dass der Ökonom David Autor, für den Grenzen sich wirtschaftliche rechnen, in Cambridge „die Weltrevolution“ vorbereitet. Passend zeigt die WamS in „Die neuen ANTIKAPIALISTEN“: „Europas Rechtspopulisten werben in der Wirtschaftspolitik mit Rezepten, die klassisch links sind. Und gefährlich für den Wohlstand.“ Wächst etwa an den politischen Rändern zusammen, was zusammen gehört?

Der Geldteil der FAS versucht, die Vorteile von Handy-Bezahlsystemen gegenüber Bargeld zu vermitteln; der Dank der Hersteller dürfte gewiss sein. So bleibt lesenswert wie immer Thomas Mayers Kolumne über die riskante Negativ-Zins-Politik der EZB.

Die FAS erinnert so an eine Art Kramladen der Publizistik; in irgendwelchen Regalen  schlummern Schätze, das Schaufenster ist wirr dekoriert und je weiter man ins Innere vordringt, umso seltsam intellektuell verschwurbelter wirken Ressorts wie Leben und Feuilleton. Das Große fehlt und die Idee auch von dem, was diese Woche wichtig sein könnte.

Die ZEIT wirkt wie hinter der Zeit und über ihr abgehoben. Den Themenmix von heute und morgen hat erneut die WamS, einen Auftritt, der anspricht und die Inhalte sehr gut ins Bild setzt, auch.

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Kommentare ( 8 )

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