DER SPIEGEL Nr. 16: Ewiges Leben: Demnächst für alle!

Ostern besinnt sich der von Gründer Rudolf Augstein auf Nihilismus getrimmte SPIEGEL der christlich-abendländischen Tradition, existenzieller Fragen und verspricht auf dem Cover, die Leser darüber zu informieren, „wie der Mensch den Tod besiegen will“.

Nach einigen Wochen SPIEGEL-Abstinenz gefällt mir das Heft mit seiner bunten und breiten Themenmischung in dieser Woche recht gut.

Zu Ostern besinnt sich der von ihrem Gründer Rudolf Augstein auf Nihilismus getrimmte Spiegel auf die christlich-abendländische Tradition, widmet sich existenziellen Fragen und kündigt auf dem Cover an, ihre Leser darüber zu informieren, „wie der Mensch den Tod besiegen will“. Nun ja, das ist halt der Versuch, zu Ostern besinnlich daher zu kommen und sich beim letzten Leser einzuschmeicheln, für den solche Feste noch etwas bedeuten und bei den Ichs sowieso, die ihr Wellness-Programm schon durch haben.

Das Wollen ist die eine Sache, das Können die andere. Denn die meisten Menschen müssen sich vorerst wohl damit zufrieden geben, mit medizinischer Hilfe ihr Leben um einige Jährchen zu verlängern. In der Titelgeschichte berichtet Johann Grolle, wie Biologen das Leben von Menschen und anderen Lebewesen bereits verlängern.

Und ich freue mich natürlich mit den Fadenwürmern, dass die Wissenschaftler deren Lebensdauer gentechnisch bereits verzehnfachen konnten. Überrascht hat mich die Information, dass im Blutplasma junger Spender angeblich verjüngende und lebenserhaltende Substanzen enthalten sein sollen. Das erinnert doch fatal an Horrorfilme, in denen Graf Dracula und seine Vampirkollegen ständig nach jungen Frauen Ausschau halten müssen, um ihnen frisches Blut abzusaugen. Und ich Naivling dachte bisher, es handele sich dabei um puren Aberglauben. Nicht thematisiert wird die Frage, ob ewiges Leben überhaupt sinnvoll wäre und dadurch nicht mehr Schaden als Nutzen entstünde.

Im SPIEGEL-Gespräch „Wir dürfen nicht Gott spielen“ von Frank Hornig und Jörg Schindler mit Heinrich Bedford-Strohm pariert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland die vordergründig so rationalen Spiegel-Sticheleien in beeindruckend theologischer Manier und holt die Allmachtsfantasien aus dem Silicon Valley auf den Boden menschlicher Bedürfnisse zurück, die weit über noch so variantenreiche Kombinationen von 0 und 1 hinausgehen.
Der feine Essay „Verdammte Ewigkeit“ von Nils Minkmar bietet philosophisch erfrischende Gedanken darüber „warum wir den Tod brauchen, um unser Leben gut zu leben.“

Rafael Buschmann und Tim Röhn bleiben in ihrem Beitrag „Weitermachen“ über den Sprengstoff-Anschlag auf die BVB-Mannschaft erfreulicherweise auf dem Boden und unterlassen jegliche Spekulation über mutmaßliche Hintergründe. Recht so! Besser unvollständig informiert als in die Irre geführt. Aber weiß er, wo er da anknüpft mit „Weitermachen“? Weitermachen ist ja eine deutsche Tugend. So haben unsere Vorfahren die Bombennächte überlebt und weitergemacht, als gäbe es keine Royal Airforce. Einfach weitermachen. Wir schaffen das – diese Formel erzeugt vergessen geglaubte Tugenden in den Deutschen für die Bewältigung des neuen Staatsziels Zuwanderung. Gelegentlich täte ein bisschen historisches Bewusstsein ganz gut.

Gut tut, wie sachlich Fidelius Schmidt im Beitrag „Haste Scheiße am Fuß“ mit NRW-Innenminister Ralf Jäger umgeht: Sein Name ist nicht Jäger, sondern Hase. Er ist es nicht gewesen, nie. Und Hannelore Kraft ist als Ministerpräsidentin auch nicht verantwortlich; das ist sie nur für die wenigen gelungenen Sachen, aus denen sich Wahlkampf machen läßt. Failed State, diese Formel von Stephan Paetow in der Blackbox verwendet: NRW ist auf dem „besten“ Wege dahin.

Melanie Amann, Martin Pfaffenzeller und Severin Weiland informieren in „Alternative für Petry“ ohne Schulmeisterei über die undurchsichtige Gemengelage in der AfD. Ein echter Dienst am Leser.

Ilse Aigner hat mich mit dem Interview „Das ist unterirdisch“ über starke Frauen und die Machokultur in der Politik nachhaltig beeindruckt.

René Pfister kommt mit seinem Kommentar „Die Unterwerfung“ über die Emanzipation der CDU von Angela Merkel viel zu spät. Die hat sich und ihre Partei in eine wahrhaft alternativlose Situation geführt: Ohne Angela Merkel ist die CDU nur noch Zählkandidat. Mit ihr hat sie keine Perspektive. Denn selbst wenn Merkel noch mal gewinnt, so werden es nur ein paar mehr verlorene Jahre für die CDU.

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Kommentare ( 14 )

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„Denn selbst wenn Merkel noch mal gewinnt, so werden es nur ein paar mehr verlorene Jahre für die CDU.“

Verlorene Jahre für die CDU (oder eine der anderen Blockflöten) sind mir persönlich völlig schnurz – nicht aber, daß durch diese „Weiter so“-Jubelperserparteien [egal, ob aufgrund von Willfährig- bzw. Rückgratlosigkeit oder schlichtweg purem Überzeugungstäterwahn] die ökonomische, soziale, kulturelle, sicherheitstechnische und „psychologische“ Zukunft für die autochthone Bevölkerung Deutschlands mindestens auf Jahrzehnte – wenn nicht gar für immer – über den Jordan geht.

Ab und zu lese ich mal den Spiegel beim Arzt im Wartezimmer. Es ist doch so: Was da drin steht ist einfach Gesummse ohne Tiefgang. Egal zu welchem Thema werden einfach nur der rot-grüne Zeitgeist und die Flachdenker bedient und mit ener Meinung ausgestattet. Wer sich danach die Frage stellt, welche Erkenntnis habe ich nun?, wird keine positive Antwort finden.

Vor allem weiß man beim Überfliegen der Überschriften nach meiner Erfahrung zu 95 % anschließend genau, was im Artikel stehen wird. Diese Art der Vorhersehbarkeit schadet einem Nachrichtenmagazin.

Da der Spiegel nach dem Tode von Rudolf Augstein 100 Prozent transatlantische DNA hat, und sich sein Bewußtsein nicht von 3D nach 5D, sondern eher von 2D nach 1D entwickelt, ist beim Titel-Thema „Ewiges Leben“ wohl eher der (eigennützige, nicht fromme) Wunsch der Vater des Gedankens… David Rockefeller hat schließlich doch kein transhumanistisches ewiges Leben erreicht, im Gegenteil wurde er am Ende doch das Opfer seines eigenen schlechten Gewissens, also seiner Sünden. Soweit es mich betrifft: bitte mehr davon! Wir haben da noch ne ganze Latte an Leuten, von deren Übeltaten die Welt gerne – auch im österlich-spirituellen Sinne –… Mehr
Mag durchaus sein, dass so mancher Beitrag in diesem rot umrandeten Blatt lesbar ist, halte das aber für reines Kalkül . Mir gehen die Leute aus meinem Bekanntenkreis nicht aus dem Kopf, die im Gewirr des Meinungsmachtkampfs eine durchaus kritische Position zu ergattern suchen und dazu regelmäßig auf ebendieses Blatt zurückgreifen, das noch immer recht erfolgreich von seinem längst überholten Ruf des freien und investigativen Journalismus zehrt.. Um diese Leute bei der Stange zu halten, wird dann schon mal ein Jan Fleischhauer vor den Wagen gespannt, der darauf abgestellt ist, alle Hinweise auf eine gänzlich einseitige Linksberichterstattung zu relativieren. Alsdann… Mehr

Das hätte ich niemals gedacht…ein zeitkritisches Magazin wie TE läßt sich dazu herab, für ein linksgrünes Propaganda-Blättchen Werbung zu machen. Aber den Weg zum Zeitschriftenkiosk werde ich mir trotzdem ersparen. Und mein Mauszeiger reagiert immer noch allergisch; wenn er sich auch nur annähernd in der Nähe des SPIEGEL-Logos wähnt.

Solange die Medizin im Wesentlichen das Alter und damit die Phase des Niedergangs und Siechtums verlängert, kann ich noch keinen „Sieg über den Tod“ erkennen.

Bei „Verdammte Ewigkeit – Warum wir den Tod brauchen“ bin ich ja ganz froh, dass die Evolution und das damit verbundene Vergehen und Werden auch das OK der Philosophie hat. Ohne solch erfrischende Essays würd ja wohlmöglich ab morgen das Gras nicht mehr wachsen.

Für die nächste Ausgabe schlage ich vor:

Die Schwerkraft: Warum Oben und Unten eine ganz tolle Idee ist?

Aber da gibt es ja auch noch eine Mitte zwischen den beiden.

Niedlich:
Das Bild des Heiland und ganz klein der „gefährlich extrem(e)“ Gottseibeiuns…
Der Spiegel kann sich seine Textbeiträge sparen; wie bei der BILD- Zeitung sind alle Informationen bereits in der Schlagzeile gebündelt.
Schön, daß Sie wieder da sind, Herr Canibol.
Ihre Rezensionen sind mein persönlicher Garant, daß ich nicht einmal im Moment geistiger Umnachtung zum vor langer Zeit geliebten Spiegel zurückkehren werde.
Selbst das, was Sie positiv hervorheben, bekomme ich längst andernorts zu lesen.

„Bedford-Strom pariert… in beeindruckend theologischer Manier.“ Ich staune, bestimmt hat er wieder das Kreuz abgelegt oder den so bereichernden, friedlichen Islam gepriesen.

„Und der Herr sprach: Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verraten haben.“ Der Heini Bedform-Strohm hat sich vermutlich statt animalischer Schreie halt einfach die Pensionsgrenze zum zeitlichen Fixpunkt gesetzt.

Ich habe mir (über Blendle mit Rückholoption, damit ich nicht in den Verdacht komme, diese Zeitung per Kaufakt zu unterstützen 🙂 das Interview angesehen. Bedford-Strom war nicht so furchtbar, wie ich vorab annehmen wollte, und die Spiegel-Leute haben nicht nach dem bereichernden friedlichen Islam gefragt…

Aber in die evangelische Kirche trete ich nach mittlerweile 20 Jahren trotzdem nicht wieder ein… 😉

„die undurchsichtige Gemengelage in der AfD. Ein echter Dienst am Leser.“

In den Systemparteien ist ja alles am rechten (darf man das noch so sagen?) Platz, aber die AfD ist natürlich verdächtig. Weil sie gegen den Islam und eine übergriffige EU ist?

Na, so ein Glück, doch noch echter Lesersevice im Spiegel. Wenn man mit Dreck wirft, bleibt immer was kleben. Ist „undurchsichtig“ im Journalismus eigentlich eine wertende Kategorie, oder auch nur Panikmache? …