Amok, Hofer, Terror und Urlaub

Vergleiche ich, was ich in den beiden Boulevard-Blättern lese, mit den viel mehr Seiten in den "Qualitätsmedien" und Sätzen im TV, habe ich in den letztgenannten nicht mehr erfahren.

Der angestammten Bild-Zeitung Österreichs, der Kronenzeitung, versucht ein Blatt, Konkurrenz zu machen, das ÖSTERREICH heißt. Auf dessen Titel ein gescheiterter Finanzminister Grasser, ein heiratender Strache und ein demoskopisch führender Hofer. „GUTEN MORGEN URLAUB“ ist der Haupttitel der BamS, „Jetzt spricht der Vater des Amok-Schützen von München“ der Nebentitel.

Im Gesprächsbericht der BamS mit dem Vater erfahren wir nichts Neues. Dass es wohl auch nichts Neues gibt, jedenfalls nichts Gesichertes, signalisieren auch Welt, FAZ, Spiegel usw. in ihren Online-Versionen von heute: Sie alle zitieren die BamS. Auf den Folgeseiten hat das Blatt interessantere Stimmen zusammengetragen als manches mit einem „höheren“ Anspruch.

25 Prozent, hat Emnid für BamS ermittelt, fühlen sich inzwischen nicht mehr sicher im eigenen Land. „Statistisch betrachtet ist die Lage eindeutig“, schreiben die BamS-Leute, die „Zahl der Morde ist seit Jahren rückläufig  und auch die Terror-Gefahr war in den 70-er und 80-er Jahren deutlich größer.“ Und auch diese Zahl stimmt: „9000 Menschen verunglücken jedes Jahr allein in Deutschland tödlich im eigenen Haushalt. Er ist – statistisch gesehen – der gefährlichste Ort.“ Kommentiert Altmeister der Kommunikationsforschung Hans Mathias Kepplinger: „Das Leben in Deutschland war noch nie so sicher wie jetzt. Es erscheint uns nur unsicherer.“ Dass wir Risiken und Gefahren seit Urzeiten überschätzen, sei, so Kepplinger, in unseren Genen angelegt, um unsere Überlebenschancen zu erhöhen. Einen anderen Grund sieht er darin, „dass alltägliche Todesursachen in den Medien so gut wie nicht stattfinden.“ Heute erreicht uns alles in Echtzeit, zitiert die BamS den Psychologen Michael Schulte-Markwort: „Man hat das Gefühl, direkt dabei zu sein. Und das sorgt für Panik.“ Dass viel mehr im Straßenverkehr sterben als bei Terroranschlägen, wissen wohl alle. Aber an die Verkehrstoten haben wir uns über lange Zeit gewöhnt. Medien-Experte Jo Groebel meint, wir werden uns an Ereignisse wie in den letzten Wochen auch gewöhnen. Dazu passt: Im BamS-Interview mit dem Chef der GSG 9 widerfährt uns zwar nichts Tiefschürfendes, aber allein die Bilder signalisieren: Leute, verlasst euch auf uns und die Sicherheit im Lande.

Vom CDU-Netzwerk der kritischen Migranten „Union in Vielfalt“, berichtet die BamS„Erdogans langer Arm nach Deutschland“ – , gibt es einen 131-Seiten-Report zum Einfluss türkisch-islamischer Lobby-Organisationen – und Mitverfasser Salim Camak warnt: „Die Union wird von türkischen Nationaöisten und Erdogan-Lobbyisten infiltriert.“ Mit dem Terror in Istanbul, erfahren wir weiter hinten, geht die ARD bei neuen Drehs für ihren Erfolgs-TV-Krimi „Mordkommission Istanbul“ flexibel um. Gedreht wurde in Izmir statt Istanbul und wie verlautet werde man „in der aktuellen Stoffentwicklung die politische Lage berücksichtigen.“ Da bin ich mal gespannt.

Eine ganz andere Terror-Wirkung vermeldet ÖSTERREICH AM SONNTAG – in Folge ÖamS genannt – „Rekord-Weekend: Österreich ist ausgebucht“ – 2,6 Millionen Urlauber: „Der heimische Tourismus darf über einen Rekord nach dem anderen jubeln. Bereits 2015 gab es mit 135,15 Millionen Gästen so viele Ankünfte wie noch nie. Dieser Wert dürfte heuer noch einmal getoppt werden. Hauptgrund ist die weltweite Angst vor Terror.“

ÖamS meldet aber auch: „Terror-Alarm: Hunderte Attentäter in Europa“. Die Polizi warne vor „Syrien-Heimkehrern“: „Kein Ende der Terrorwelle in Deutschland und Frankreich. Auch Österreich ist in Gefahr.“

Herausgeber Wolfgang Fellner kommentiert in „Der Terror regiert jetzt die Politik …“ unter anderem, die FPÖ „setzt mithilfe der Terrorangst zu einem neuen Höhenflug an.“ Mit 35 % (SPÖ 25, ÖVP 19, Grüne 12, Neos 7) habe sie ihren bisher höchsten Umfragwert erreicht. Am stärksten profitiere ihr Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Norbert Hofer (demoskopisch führt er mit 52% vor 48% vor Alexander Van der Bellen). Der neue Bundeskanzler Kern (SPÖ)  könne dem nichts entgegensetzen, „weil er zum Thema Flüchtlinge weder Initiativen noch klare Aussagen hat.“ (Kanzlerin Merkel auch nicht, ist das Amts-bedingt?) Im Polit-Barometer, so Fellner, gewinnen „derzeit nur jene Politiker, die sich zur Flüchtlings- und Terrorfrage mit harter, klarer Linie zu Wort melden – vor allem Sebastian Kurz (Außenminister, ÖVP), der immer stärker zum einzigen chancenreichen Gegner von Strache (FPÖ) wird.“

Interviews mit FPÖ-Obmann Strache und Verteidigungsminister Doskozil gibts auch noch in ÖamS und eine Reportage über die „reichste Terrormiliz der Welt“ – „Inside ISIS: So tötet das Terror-Netzwerk“.

Vergleiche ich, was ich in den beiden Boulevard-Blättern lese, mit den viel mehr Seiten in den „Qualitätsmedien“ und Formel-Endlos-Schleifen im TV, habe ich in den letztgenannten nicht mehr erfahren. Schönen Restsonntag allerseits.

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Kommentare ( 13 )

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