Make Falafel, no Drogenbekämpfung

Unsere Hauptstadt setzt Maßstäbe: Neben dem umweltfreundlichsten (Nicht-)Flughafen und Felsbrocken zur Verkehrsberuhigung will sie jetzt Drogenhandel mit „menschlicher Interaktion“ begegnen – mit Imbisswagen. Die Innovationskraft, die von Berlin ausgeht, ist weltweit einmalig – nur erkennen viele reaktionäre Deutsche das nicht. Der aktuelle Frontbericht aus Charlottengrad.

imago images / Olaf Wagner

Früher, in der bösen, reaktionären Zeit, war Deutschland zwar schon einmal bekannt für Erfindungen und Innovationen – aber vor allem aus so umweltschädlichen und kapitalistischen Bereichen wie Technik, Chemie und Physik. Jetzt, im besten Deutschland aller Zeiten, sind die Erfindungen aus dem Volk der „Dichter und Denker“ von ganz anderem Kaliber. Fortschrittlich. Moralisch. Gut. Vor allem die Hauptstadt Berlin ist ein Vorreiter bei Innovationen, auf die die Welt gewartet hat und mit Neid zu uns aufblickt.

Wieder gibt es eine Neuerung, die weltweit für Furore sorgen könnte. Ist es doch immer noch so, dass reaktionäre Staaten wie die USA, Großbritannien, Frankreich und viele andere rückständige staatliche Gebilde im Kampf gegen Drogen auf die Polizei und Justiz setzen – wenn man einmal von bescheidenen, fortschrittlichen Versuchen der Legalisierung absieht.

Polizei und Justiz, das klingt nach Handschellen und Gefängnis, das ist bedrohlich, und bedrohlich ist nicht gut, sondern böse. Aber Berlin will gut sein. Deshalb wollen die Grünen, die im besonders progressiven Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg regieren, jetzt auf ganz neue Art auf den dort seit vielen Jahren im Görlitzer Park weitgehend unbeeinträchtigt von bösen Polizisten und Behörden in erfreulicher multikultureller Vielfalt blühenden Drogenhandel reagieren: Mit, so wörtlich, «menschlicher Interaktion».

Was das konkret bedeutet, werden Sie nun sicher fragen, voller Vorfreude auf einen neuen Geistesblitz aus der Rubrik „Mad in Germany“ (früher stand hinter den ersten drei Buchstaben noch ein „e“, aber diese Zeiten sind längst überholt): Nein, damit ist kein „Ringelpiez mit Anfassen“ gemeint, wie jetzt Ewiggestrige und böse Rechte defätistisch anmerken könnten. Die Idee ist weit raffinierter. Konkret ist beabsichtigt, „an den Eingängen zum Görlitzer Park mobile Imbisswagen aufzustellen, an denen sich Parkbesucher Falafel, Kaffee und Eis kaufen können“, so berichtet der Berliner Kurier.

„Wir gestalten den Park für die Nutzer, Mütter mit Kindern, Familien, Spaziergänger, Menschen, die ihre Hunde ausführen“, sagte die Sprecherin des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg, Sara Lühmann. Ob die Mehrdeutigkeit des Wortes „Nutzer“ im Zusammenhang mit Berlin bekanntesten Drogenumschlagplatz ihr dabei bewusst war, sei dahingestellt. Multikulturell bedeutet eben auch multiple Sprache mit multiplen Interpretationsmöglichkeiten.

Vor Monaten hatte bereits ein Initative des örtlichen Parkmanagers über die Grenzen Deutschlands hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Der Mann hatte mit rosa Farbe Stehplätze für Dealer markiert. Das erklärte Ziel: Die nicht auf Drogensuche kommenden Park-Besucher sollten weniger gestört werden und nicht mehr durch ein Spalier laufen müssen.

Diese Idee war dem grün regierten Bezirk dann aber doch zu suspekt, man erteilte ihr eine Absage. Vielleicht, weil eine Beschränkung auf Zonen zu viel Beschneidung der Individualität und Bewegungsfreiheit der Drogenhändler bedeutet hätte – jeder Mensch soll sich schließlich entfalten können, und viele der Männer haben ohnehin ein hartes Schicksal hinter sich und müssen besonders geschont werden (Imbissstände dagegen sind auch für Traumatisierte weitaus leichter zu verkraften). Vielleicht war auch die rosa Farbe als nicht gendergerecht Stein des Anstoßes. Zuzutrauen ist den stets das Gute anstrebenden grünen Bezirksregierenden alles, was man sich an fortschrittlichem und progressivem Gedankengut und Motiven vorstellen kann. Schließlich ist Deutschland nicht umsonst Moral-Weltmeister.

Warum auch immer – der gute Bezirk ließ jedenfalls verlautbaren, die Zonen seien obsolet – mit dem Hinweis, die „Bekämpfung der Kriminalität“ sei Aufgabe der Polizei. Aus dem politisch korrekten Deutsch in die einfache Sprache des Pöbels übersetzt, damit es sich auch rechte (igitt!) hinter ihre verdorbenen Ohren schreiben können: Da in Berlin schon die Polizei human ist und arme Drogenkriminelle nicht diskriminiert, warum sollte dann die Bezirksregierung derart reaktionär und gemein sein?

Und so kommt jetzt eben etwas neues, besonders Fortschrittliches – die «menschliche Interaktion» mit Drogenhändlern. Falafel fürs Canabis, Kaffee und Eis fürs Kokain, und auch Heroin flutscht mit Döner sicher besser. Mit der Gastronomie wolle man „die Dominanz der Dealer abschwächen“, meint Stadtrat Florian Schmidt von den Grünen. Übersetzt heißt das wohl: Die armen Männer sollen auch gepflegt speisen und abschalten können, denn es ist anstrengend, den ganzen Tag männliche Dominanz zu zeigen. Vielleicht kommen ja noch neue Ideen: Etwa Tanzen für Drogen? Oder – wie auf dem evangelischen Kirchentag – zur Entspannung Vulven malen?

Frontbericht aus Charlottengrad
Berliner Umerziehung: Autofahrer müssen schikaniert werden!
Überdreht, werden Sie nun sagen? Mitnichten. Zuzutrauen ist dem Vordenker Schmidt einiges – er sorgt immer wieder bundesweit für Aufsehen mit fortschrittlichen Schritten. Etwa kürzlich mit seinem Vorschlag, endlich die bösen Autofahrer zu schikanieren, damit sie auf den öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, der in Berlin so progressiv ist, dass er mit seinen Verspätungen und Pöbeleien gegen Kunden wirbt (siehe hier).

In Schmidts Kiez und unter seiner Verantwortung wurde schon eine Straße mit riesigen Felsbrocken blockiert – eine zwar teure, aber ökologisch ideale Methode der Verkehrsberuhigung – schließlich ohne Plastik. Es wurden mehrere Parklets als „Begegnungszonen“ auf die Fahrbahn gestellt und grüne Punkte in den Asphalt eingelassen. – auch das kostet, aber dafür wird der Verkehr zum Stocken gebracht und so Umwelt und Klima gerettet. Wenigstens war das Projekt, das dann leider doch „nicht gut gelaufen“ ist und vorzeitig angebrochen wurde, nicht teuer: Nur 1,1 Millionen Euro. Dank Länderfinanzausgleich aus Bayern ein Klacks. Dass muss den Bajuwaren das Klima schon wert sein.

Ebenso Modellcharakter hat der Flughafen der Hauptstadt: Obwohl dieses milliardenteure Projekt eigentlich extremen Umweltschaden angerichtet hätte, würde es jetzt ökologisch umgewidmet – dadurch, dass auf absehbarer Zeit kein Flieger starten können. Dafür konzentriert sich das Management jetzt auf das wirklich Wichtige – den (Nicht-)Flughafen klimaneutral zu machen (siehe hier). Nur einige böse Klimaleugner verstehen den Sinn der Sache nicht und machen sich lustig – böse Klimalästerei.

Imbiss statt Polizei gegen Drogen, Felsbrocken zur Verkehrsberuhigung, Schikanieren von Autofahrern, Begegnungszonen auf der Fahrbahn, rosa Dealer-Zonen in den Parks und Flughäfen, von denen kein Flugzeug starten kann, und die deshalb garantiert klimaneutral und umweltfreundlich sind: Die Innovationskraft, die von der deutschen Hauptstadt ausgeht, ist weltweit einmalig und viel beneidet. „Mad in Germany“ wird zu einem neuen Markenzeichen für unser Land. Statt mit Stahlhelmen kämen die deutschen jetzt mit Moral, schrieb kürzlich die Zürcher Zeitung – und viele merkten gar nicht, dass es anerkennend und neidisch gemeint war.

Auch im Umgang mit Realität setzt Berlin Welt-Maßstäbe: In Berlin wird Polizisten gesagt, dass die Realität, die sie täglich erleben, »verzerrt« sei, und mit Psychologen will man ihnen eine politisch korrekte Realität antrainieren. Damit sind wir sogar weiter als George Orwell – so etwas Fortschrittliches konnte sich nicht einmal der vorstellen (Details hier).

Auch im Setzen von Prioritäten können sich andere, Deutschland moralisch unterlegene Länder (also eigentlich alle), ein Beispiel nehmen an Berlin, insbesondere an der grünen Bezirksregierung von Kreuzberg. Die weiß eben, was wirklich wichtig ist: Den Drogenverkauf im Görlitzer Park toleriert sie de facto, weil sie eben tolerant ist. Nicht tolerant ist da, wo es nötig ist: „„Kaffee in Einwegbechern wird es nicht geben“, kündigte die Bezirksregierung an. Wer Berlin kennt, weiß – man kann sich darauf verlassen: Gegen Verstöße gegen das Plastik-Verbot wird mit aller Härte des Gesetzes vorgegangen werden.

P.S.: Mein Galgenhumor sei mir bitte verziehen – aber er ist in Berlin intellektuelle Notwehr und unerlässlich für die Geistes-Hygiene.


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Lesen Sie auch Reitschusters Kolumne «Berlin extrem – Frontberichte aus Charlottengrad»: Darin lüftet der Autor ironisch den Blick hinter die Kulissen der russisch-ukrainisch-jüdischen Diaspora an der Spree, deren Außeneinsichten oft ungewöhnliche Perspektiven eröffnen. Darüber hinaus spießt der Autor den Alltags-Wahnsinn in der Hauptstadt auf – ebenso wie die Absurditäten in der Parallelwelt des Berliner Politikbetriebs und deren Auswirkungen auf den bodenhaftenden Rest der Republik.

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Kommentare ( 47 )

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47 Kommentare auf "Make Falafel, no Drogenbekämpfung"

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Große Komödiantik. Sie sollten vielleicht das Genre wechseln.

Ich kann mich noch gut an Ihre Kolumne „Alltag in Moskau“ erinnern.

Ich war letztens in Berlin und unter anderem auch im Görlitzer Park. Bin aber weder von irgendwelchen Drogendealer belästigt worden noch musste ich durch ein Spalier laufen. Also da war Amsterdam in den 70ern aber schlimmer.

„mad in Germany“ Klasse, Herr Reitschuster!

Also ich finde es nicht mehr lustig wie diese arroganten Typen das Geld der Steuerzahler für ihre weltfremden Spinnereien heraushauen. Länderfinanzausgleich gehört auf den Prüfstand der Opposition.

Viellöeicht denkt man ja einfach an einenm Teil des eigenen Wählerklientels.
Je einfacher man es den Dealern macht um so mehr gibt es.
Um so größer ist das Angebot je günstiger bekommen die Kunden Ihren Stoff.
Man kann doch die Dealer und vor allem deren Kunden auf keinen Fall diskriminieren.
Der Verkauf und Gebrauch gehört ja sowieso legalisiert.
Wenn das Andere aber nicht einsehen legalisiert man es eben inoffiziell.

Inzwischen gefällt mir die Bezeichnung „Charlottengrad“ nicht mehr. Angesichts der Entwicklung in der letzten Zeit plädiere ich für „Berlinistan“ oder „Berlinabad“. Ich fürchte, nach einer Umbenennung in „Charlottengrad“ werden wir uns nochmal sehnen.

Volle Punktzahl.

Wieder einmal sind den Grünen andere Bevölkerungsgruppen offensichtlich wichtiger als die Einheimischen (obwohl diese den ganzen grünen Sch… über ihre Steuern bezahlen). Und wieder einmal wird nicht bei den Ursachen angesetzt. In diesem speziellen Fall könnte man glatt auf die Idee kommen, die Grünen sympathisierten mit den Dealern auch wegen ihrer eigenen Beziehung zu Rauschgift (hat in dieser Partei ja eine gewisse Tradition). Und die Imbißwagen könnte man als eine Art „Opium für das Volk“ interpretieren (Ablenkung von den Problemen). Was den Grünen eher nicht in den Sinn kommen dürfte: Ihre Politik ist für viele Einheimische längst nicht mehr in… Mehr

Ich glaube ich habe das Lied zum Zeitgeist gefunden:
„Tic tac toe – Ich wär so gern so blöd wie du“ https://www.youtube.com/watch?v=44FH9LHg0bg

Die Deutschen haben das Gefühl dafür verloren, dass es Strafen geben muss, wenn eine soziale Ordnung aufrecht erhalten werden soll. Das wird sich rächen.

Absolut! Sowohl außenpolitisch wie auch innenpolitisch bzw. im Zusammenleben. Eine fatale Infantilisierung die schon jetzt böse Folgen hat – aber mittel- und langfristig noch viel dramatischere. .

Als ich noch klein war, sind sie im TV (schwarzweiß damals noch) auf- und abgehüpft und haben gesungen: Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft… und ich fragte mich in meiner kindlichen Unbedarftheit, was das wohl für eine besondere Luft sein möge. Heute weiß ich zwar nicht, was in der Luft ist, aber welche Auswirkungen es hat, ist kein Geheimnis mehr.

Oder liegt es vielleicht daran? https://www.bz-berlin.de/berlin/der-abwasser-beweis-24-000-linien-kokain-zieht-sich-berlin-taeglich-rein