Der Corona-Virus COVID-19 ist älter als gedacht

Der Ursprung von Sars-CoV-2 kann zwischen der zweiten Oktoberhälfte und der ersten Novemberhälfte 2019 eingegrenzt werden.

Mauro Ujetto/NurPhoto via Getty Images
Der wichtigste Roman der italienischen Literatur sind die „promessi sposi“, die Brautleute. Früher musste jeder italienische Schüler dieses Werk von Alessandro Manzoni lesen. Die Geschichte spielt im 17. Jahrhundert, sie handelt wie so oft von zwei Liebenden, die ungewollt getrennt werden. Renzo und Lucia müssen allerlei Hindernisse bestehen, weil der Feudalherr ihre Heirat verhindern will, bis sie zuletzt doch noch glücklich heiraten können. Die „promessi sposi“ sind aber nicht nur ein Bildungsroman, der die italienische Standardsprache von heute maßgeblich beeinflusste; sie sind zugleich ein Historienroman, der in seiner präzisen Darstellung ein Novum war. Eines der berühmtesten Kapitel beschreibt die Pest des Jahres 1630 in Mailand. Goethe ließ sich trotz der guten Rezension des Buches dazu hinreißen, Manzoni für das „umständliche Detail“ bei Dingen „widerwärtiger Art“ zu kritisieren. Die Pestdarstellung, die als ein Glanzpunkt italienischer Prosa gilt, wollte der Dichterfürst in einer deutschen Übersetzung getilgt wissen.

Mailand ist heute auch der Sitz der Brera, jener italienischen Galerie, in welcher der „Kuss“ von Francesco Hayez ausgestellt wird, der als einer der berühmtesten Beiträge italienischer Malerei des 19. Jahrhunderts gilt. Er hat vielerorts Einzug in die Popkultur gefunden oder wird als Kitsch vermarktet. Hayez Abschied zweier Liebenden gilt oftmals als malerische Umsetzung von Manzonis Werk. Ein gefundener Ansatzpunkt für den Spott der Italiener, die das Motiv aufgriffen: mit Mundschutz und Desinfektionsmitteln als StreetArt.

Mailand nimmt heute eine wichtige Stellung beim Ausbruch der Corona-Epidemie in Europa ein. Die Millionenmetropole liegt unweit der „roten Zone“ von Codogno-Castelpusterlengo, die am Wochenende von der Außenwelt isoliert wurde. Ein Übergriff auf die lombardische Hauptstadt könnte eine Kettenreaktion in Gang setzen. Ein Ausmaß wie die von Manzoni beschriebene Pest dürfte sie nicht haben. Das Chaos allein dürfte jedoch die Vorstellungskraft der Gegenwart sprengen. Die Vergangenheit kannte die Krisen aus Dürre, Hunger und Seuche besser als der Zeitgeist.

Mailand spielt aber auch noch eine andere Rolle. Denn es waren Forscher von der Universität dieser Stadt, die kürzlich einen Verdacht bestätigten, der schon länger kursierte. Eine epidemiologisch-molekularbiologische Studie untersuchte 52 Genome von COVID-19. Daraus schlussfolgerten die Wissenschaftler: Der Ursprung von Sars-CoV-2 kann zwischen der zweiten Oktoberhälfte und der ersten Novemberhälfte 2019 eingegrenzt werden. Das ist deutlich früher als das, was die chinesischen Medien bisher kommuniziert haben. Erst Anfang Januar hatte China den Ausbruch einer neuen Krankheit zugegeben und später eingeräumt, dass es bereits Anfang Dezember neue Fälle gegeben hätte. Laut jetziger Forschungen war auch das nicht richtig.

Vielmehr – so berichtet die Tageszeitung Repubblica – habe sich das Virus ab Dezember erst mit besonderer Beschleunigung verbreitet. Eine Verdopplung der Infizierten fand alle vier Tage statt. Warum sich das Virus ab dieser Zeit besonders stark verbreitete, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Mailänder Wissenschaftler warfen verschiedene Möglichkeiten auf: bessere Anpassung an die Verbreitung von Mensch zu Mensch, besondere Eigenschaften der ersten Übertragungsopfer oder einer Virusvariation bzw. Mutation. Die vorherigen zwischenmenschlichen Übertragungen seien jedenfalls weniger effizient gewesen. Die große Anpassungsfähigkeit bestätigten chinesische Forscher, die nun auch Virus-Spuren in Tränen gefunden haben. Zugleich werde die Neuinfektion von eigentlich geheilten Patienten besorgt beobachtet.

Freitagabend meldete das italienische Gesundheitsministerium 888 Infizierte, davon 46 Geheilte und 21 Tote. 531 davon fallen allein auf die Lombardei, das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. Obwohl bereits Stimmen laut werden, die zu einer „langsamen Normalisierung“ aufrufen, haben die Regionen Lombardei, Venetien und Emilia-Romagna vereinbart, ihre Schulen vorerst geschlossen zu halten. Premier Giuseppe Conte zeigte sich über Vorstöße zur Lockerung der Restriktionen verärgert: „Diejenigen, die heute sagten, man müsse alles wieder öffnen, haben gestern noch gesagt, man müsse alles schließen, inklusive Schengen.“

Eine mögliche, künstlich herbeigeführte Verringerung der Epidemie könnte in einem Vorstoß von Giuseppe Ippolito vom Institut Spallanzani liegen: „Wir arbeiten daran, in Zukunft nur noch klinische Fälle zu melden und nicht mehr alle Infektionen.“ Das entspräche WHO-Standards. In Italien richtete sich überdies Kritik gegen die Masse von Corona-Tests. Bis Freitagmittag hat Italien 11.085 Corona-Tests durchgeführt. In Deutschland und Frankreich waren es im Vergleichszeitraum nur wenige hundert. Die Angst davor, man könne in Europa den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen, weil man transparenter vorgeht als mancher Nachbar, wiegt in Italien offensichtlich schwer.

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Kommentare ( 24 )

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elly
7 Monate her

„Die Angst davor, man könne in Europa den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen, weil man transparenter vorgeht als mancher Nachbar, wiegt in Italien offensichtlich schwer.“
So ist das in der humanen, friedlichen, solidarischen EU. Es wird ein schwarzer Peter gesucht und gefunden. Die Ehrlichen sind die Dummen, der Rest trickst an der Statistik.

Hannibal Murkle
7 Monate her

Ein gutes Beispiel der Panikmache – in Hagen lässt ein 21jähriger einen Zug stoppen, weil er sich leicht erkältet fühlt. Auf mich wirkt es wie eine Spaßaktion – als ob es sich in der kurzen Zeit in einem Regionalzug rapide verschlechtern könnte: https://www.xing.com/communities/posts/omg-omg-omg-omg-omg-wir-werden-alle-sterben-1018661819 Nach Kamp-Lintorf gibt es zwei bestätigte Fälle in Duisburg, damit hat die Pestilenz offiziell das Ruhrgebiet erreicht. Die Duisburger Frauen haben sich gar nicht in Italien angesteckt, sondern im Karneval in Geilenkirchen. Währenddessen sah ich noch gestern in TV-Nachrichten was von Fußballspielen bei vollen Tribünen – wenn mehrere Tausende Leute dicht zusammen stehen, müsste (statistisch gesehen) jemand… Mehr

Ralf Poehling
7 Monate her

Zitat:“Der Ursprung von Sars-CoV-2 kann zwischen der zweiten Oktoberhälfte und der ersten Novemberhälfte 2019 eingegrenzt werden.“ Das finde ich überaus interessant. Ich hatte letzten November ein Lungenentzündung, bei der Rippen- und Zwerchfell mit betroffen waren und zunächst Beschwerden wie bei einem Bandscheibenvorfall oder einem Muskelkater verursachten. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Die Symptome, die derzeit für COVID 19 beschrieben werden, passen ziemlich genau auf das, womit ich im November zu kämpfen hatte. Total umgehauen hat es mich nicht. Allerdings hat es Ewigkeiten gedauert, bis das ganze wirklich soweit ausgebrochen war, dass der Krankenschein folgte. Ich… Mehr

Kassandra
7 Monate her

Bislang musste in Deutschland der Test selbst gezahlt werden und soll, wie ich heute hörte, mit 130,– bis 300,– Euro in Rechnung gestellt worden sein.
Einem war das zu teuer, er verließ die Uniklinik, um am nächsten Tag bei sich steigernden Beschwerden vorstellig zu werden. Positiv.
Mindestens 2 Fahrten im ÖPNV zu viel.
Inzwischen soll man anrufen und sie kommen zum Testen ins Haus…

Franz Schroeder
7 Monate her

Die Bundesregierung hat kurzfristig eine neue Rentenreform beschlossen um A: Die Rentenkasse auf lange Sicht, also „nachhaltig“ zu entlasten. B: Die Pflegeversicherung wieder in schwarze Zahlen zu bringen. C: Nebeneffekt der Rentenreform ist auch die Belegzahlen der Pflegeheime wieder in einen grünen Bereich zu bringen. Der Grund für diese doch effektive Reform ist das veränderte Verhalten der heutigen Alten. Sind sie noch früher allesamt zu Hause geblieben und haben die gesamte Rente in die Kinder und vor allem in die noch umgänglichen Enkel gesteckt. Sind die Omas früher noch im Kittelschurz in der Küche gestanden und haben für die Familie… Mehr

Andreas
7 Monate her
Antworten an  Franz Schroeder

Kann Ihrem Eindruck nicht widersprechen. Insbesondere der immerwährende Hinweis, dass Kinder, und gesunde jüngere Menschen nichts zu befürchten haben ist schon auffällig. Da beruhigt es nicht einmal, dass die meisten Politiker auch zur Risikogruppe gehören. Die kriegen sicher eine bessere Versorgung als der normale ältere Mensch.

Monika Medel
7 Monate her

Interessant wie jetzt verschiedene Leute immer wieder auf die böse alte Pest zu sprechen kommen. Das ist mir derzeit auch schon passiert. Da scheint etwas im kollektiven Gedächtnis festzusitzen das dann zu den oben beschriebenen panischen Reaktionen führt. Dagegen hilft dann auch kein ÖR.

ioeides
7 Monate her

Wie wäre es mal mit einigen Fakten? Die „Durchseuchung“ mit Influenzaviren diverser Generationen beträgt in Deutschland bestimmt 50% oder mehr. 2017 wurden bei uns 1.176 Menschen als Grippetote amtlich registriert. Als Grippefolgenopfer (Lungenentzündung, Herz/Kreislauf, geschwächter Allgemeinzustand infolge diverser Immunschwächungen) werden weitere 25.000 Tote geschätzt (ohne individuellen Kausalitätsnachweis). Ohne Impfprogramme und persönliche Hygienemaßnahmen wäre die Zahl sicher deutlich höher gewesen. Öffentliche Veranstaltungen wurden nicht abgesagt. Was von SARS, Schweine- und Vogelgrippe bekannt wurde, bewegt sich in ähnlichen Größenordnungen wie von der Influenza bekannt. Nach allem, was bislang über den Schweregrad der Erkrankung bekannt ist, scheint es sich um das bekannte Ausmaß… Mehr

Michael Theren
7 Monate her

paßt doch; zwischen dem 18.10. und 27.10.19 fand die CISM Militär WM in Wuhan statt….

Kassandra
7 Monate her
Antworten an  Michael Theren

Und? Hat sich einer von denen angesteckt? Oder ein begleitender „Funktionär“?

Michael Theren
7 Monate her
Antworten an  Kassandra

es geht die Mär, daß der Virus anläßlich der Veranstaltung platziert wurde

Andreas
7 Monate her

Egal, wie die Lage exakt ist – eine Verzögerung der Übertragung bei einer Mortalitätsrate zwischen 0,3 und einem Prozent wäre angesagt. Bei 80 Mio Deutschen wäre bei einer „Durchseuchung“ von 50 Prozent ( 40 Mio) mit 120.000 bis 400.000 Toten zu rechnen. Bisschen höher als die übliche Grippequote. Auch wenn es weniger sein sollte – Vorsorge wäre nicht falsch. Drum gibt es dieses Wochenende ja auch keine Bundesligaspiele, zu denen rund eine halbe Million Menschen aufeinandertreffen. Ich vergaß: im Freien und so nah beieinander steckt man sich ja nicht an und zum Glück war ein Großteil der Leute ja schon… Mehr

Der Winzer
7 Monate her
Antworten an  Andreas

So ist es.
Das entspricht ja auch den Ansagen der Herren Drosten & Kekulé.
Aber anscheinend finden sie kaum Gehör.
So hinken die Behörden der Entwicklung immer 2 Schritte hinterher … .

Ronaldo
7 Monate her

Ich vermute sowieso, dass es bei der Zählung der Infizierten noch viele Überraschungen geben wird. Denkt man einmal unbedarft darüber nach, wo man die ersten Fälle vermuten würde, ist es naheliegend als Faktor die Nähe zu internationalen Flughäfen zu vermuten. Das wären also Großstädte. Bisher tauchen die Infizierten in Europa aber in so gut wie allen Fällen eher in der „Pampa“ auf. Das kann irgendwie nicht passen.

Ben Goldstein
7 Monate her
Antworten an  Ronaldo

Die Wahrheit könnte die Stadtbevölkerung verunsichern. Youtube demonetarisiert schon mal alles, was die Worte „Covid“ oder „Corona“ in Titel oder Beschreibung hat. Auch andere soziale Medien haben sich gegen so eine Verunsicherung entschieden. Besser man stopft allen das Maul und zerstört das Vertrauen der Menschen, bevor die Panik überhaupt in Gang gekommen ist, als dass man die Bevölkerung verunsichert.

Jasmin
7 Monate her
Antworten an  Ronaldo

Hm? Ich wohne auf dem Lande, wie die Mehrheit der Bevölkerung. Wenn ich in den Urlaub fliege, starte und lande ich i.d.R. von/ auf dem Hamburger Flughafen. Nach Rückkehr setze ich mich in mein Auto, und fahre in mein Örtchen zurück. Dort gehe ich einkaufen, erledige alles notwendige, rede mit den Nachbarn etc. Will sagen, es ist gar nicht so erstaunlich, wenn die meisten Infizierten „in der Pampa“ identifiziert werden. Die Flughäfen betrachte ich eher als Verteilstation, gerade weil die Infizierten sich von dort aus bundesweit verteilen. Und da es bis dato offenbar keine Testung bei Wiedereinreise am Flughafen gibt,… Mehr