Zuwanderung geht ungebremst weiter

Der Spiegel verkündet heute: Die Zuwanderung nach Deutschland nehme leider nicht wirklich ab. Die Diskrepanzen der Spiegel-Nachrichten von gestern, vorgestern und vorvorgestern? Morgen wird man einfach wieder das Gegenteil berichten.

@ Johannes Simon/Getty Images

Sascha Lobo schrieb im Oktober 2017 in seiner Spiegel-Online-Kolumne über den Vertrauensverlust der Medien. Schuld daran seien aber nicht die Medien selbst, sondern eine Mischung „zutiefst menschlicher Regungen“ beim Leser. Der nämlich würde den Überbringer der Botschaft verantwortlich machen für den Inhalt. Leider eine zutiefst theoretische Debatte, denn was ist die Wahrheit, was sind die Fakten, wer interpretiert sie beim Spiegel und in welche Botschaften werden sie anschließend unisono eingebettet?

Aktuell erstaunt der Spiegel nun eben diese Leser mit einer Nachricht, die an einen Offenbarungseid grenzt. Mit einen Bericht der Autorin Anna Reimann, die zum Jahresende 2017 Überraschendes erzählt: Die Zahl der Zuwanderer die nach Deutschland kommen, nehme nicht wirklich ab. „Seit Frühjahr 2016 hat sich die Zahl der monatlichen Zuzüge nach Deutschland (…) nicht weiter reduziert. Zudem bietet allein die Zahl der Neuankömmlinge kein vollständiges Bild darüber, wie viele Menschen die Bundesrepublik aufnimmt.“ Hinzu kämen noch Flüchtlinge über Resettlement-Programme sowie Familienangehörige, die zu anerkannten Flüchtlingen und Asylberechtigten nachkommen dürfen. Das Auswärtige Amt hätte bekannt gegeben, dass im ersten Halbjahr rund 60.000 Visa für die Familienzusammenführung ausgestellt wurden. Darunter fielen aber alle Ausländergruppen.

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Was Autorin Reimann hier auffällt: In Deutschland sei die Zahl der Neuankömmlinge aufs Jahr gerechnet offenbar weniger stark zurückgegangen als anderswo, etwa in den Mittelmeer-Anrainerstaaten. „Nach Deutschland sind also 2017 mehr Schutzsuchende gekommen als insgesamt über das Mittelmeer.“ Wie lassen sich diese Zahlen erklären?, fragt Reimann das Bundesinnenministerium. Und stellt konsterniert fest: „Eine abschließende Deutung dafür hat auch das Bundesinnenministerium nicht.“ Aber offenbar spiele die Balkanroute weiterhin eine große Rolle. Offenbar …

Frau Reimann erkennt auch, dass zurückgehende Zahlen der zu bearbeitenden Fälle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auch daran liegen könnten, dass dort schneller gearbeitet wird. Ebenso, wie sie in Erfahrung gebracht hat, dass immer mehr Einsprüche abgelehnter Asylbewerber vor Gericht Erfolg haben würden. Hunderttausende negativ beschiedene Asylanträge bedeuten also nicht, dass man diese Leute aus der Statistik streichen kann, weil sie Deutschland sofort verlassen müssen. Wie naiv wäre das auch anzunehmen, diese Gruppe wäre in Kürze nicht mehr Teil der Zuwanderungsstatistik?

Die Spiegel-Autorin stellt also auf einmal fest, dass die Zuwanderung nach Deutschland doch nicht abnimmt. Das allerdings hatten Monate vor ihr schon andere. Journalisten, die früher bereit waren, diese Gemengelage an Wegen der Zuwanderung zu analysierten und die dafür oft wie Aussätzige oder mindestens Spielverderber in die rechte Ecke gestellt wurden.

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Reimann schaut hin, fängt an zu schreiben und erschrickt wohl darüber, was sie plötzlich für rechtes Zeugs schreibt. Also möchte sie ihren Lesern im Schlussabsatz wenigstens einen Hoffnungsschimmer anbieten: Die freiwillige Rückkehr abgelehnter Asylbewerber. Ihr Kronzeuge ist kein geringerer als Innenminister Thomas de Maizière. Der berichtet nämlich, dass das neueste Geldversprechen bereits Wirkung zeigen würde: „Wir haben in den ersten zehn Tagen rund 200 Anträge bekommen.“ Tatsächlich: Die große Antragswelle nach bekannt werden der Auslobung einer Rückkehrerprämie erreichte zweihundert abgelehnte Asylbewerber. Neben den bereits vorhandenen finanziellen Anreizen legte der Minister nämlich noch eine Schippe zusätzliche Start- und Wohnkostenhilfe von 3.000 Euro für Familien und 1.000 Euro für Einzelpersonen obendrauf.

Die vollumfängliche Begeisterung erreicht die Massen indes nicht. Aber Autorin Reimann. Die sah die Chance, griff zu, um noch irgendetwas Versöhnliches unter den für den Spiegel geschriebenen Offenbarungseid zu setzen. Jetzt könnte man sagen: Lieber spät als nie. Lieber Ende 2017 eine Widerlegung der Lobo-These vom Verlust des Vertrauens in die Medien aufgrund zutiefst menschlicher Regungen beim Leser.

Aber was ist das nun? Eine Selbstbezichtigung? Nein, denn hier findet ja keine Spiegel-interne Abrechnung statt. Nichts, das irgendwie daran erinnern könnte, was beispielsweise der Chefredakteur der ZEIT Anfang 2017 dem Cicero in die Tasten sprach, als er fast kleinlaut kundtat, man sei in der Fehleinschätzung der Auswirkungen der Massen-Zuwanderung „beseelt von der historischen Aufgabe“ gewesen. Di Lorenzo nannte es eine „historische Panne“ der Medien.

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Nun wäre aber im Sinne der Glaubwürdigkeit genau so ein öffentliches Eingeständnis für den Spiegel notwendig, will man das Vertrauen der Leser zurückgewinnen, jetzt, wo die Verkaufszahlen des Blattes quasi entgegengesetzt zur Größe der Zuwanderung so dramatisch zurückgegangen sind. Nein, es kann nicht ausreichen, heute so zu berichten und morgen das genaue Gegenteil, das dann die Falschnachricht von gestern vergessen machen soll. Was uns Anna Reimann präsentiert, soll nun gefeiert werden als eine Rückkehr des Spiegels hin zu einem journalistischen Ethos von Vorgestern? Nur deshalb, weil man in Sachen Massen-Zuwanderung die jahrelange Schönfärberei und Informationsverweigerung mal für einen schnellen Artikel hat fallen lassen?

Sascha Lobo schrieb in seiner eingangs erwähnten Kolumne von einer Erosion des Vertrauens. Man erfahre nicht mehr, welches Parteibuch die Journalisten besäßen oder was ihre eigenen Interessen seien, die sich dann, so kann man Lobo interpretieren: in den Artikeln widerspiegeln würden. Für den Spiegel allerdings wurde das in den letzten zwei, drei Jahren auch ohne so ein Outing überdeutlich.

Autorin Anna Reimann steht hier nun stellvertretend für die versammelte Redaktion. So schrieb sie noch am 04.09.2017: „Im Vergleich zu 2015 und 2016, dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs, ist die Zahl der Neuankömmlinge, die in Deutschland Schutz suchen, deutlich gesunken.“ Und sie verstieg sich zur Aussage: Es „erscheine eine Erwerbstätigenquote von 50 Prozent unter den Geflüchteten nach etwa fünf Jahren realistisch.“ Letztere Annahme basierend auf Zahlen von 2013 und 2014.

Schon im Juli 2016 war Reimann voll Zuversicht: „Weniger Flüchtlinge in Deutschland“, schrieb sie, als wäre diese Reduktion schon immer innigster Wunsch des Spiegel: Viele Flüchtlinge kämen nicht mehr nach Europa, weil sich Europa konsequenter abgeschottet hätte. Während der Jamaika-Verhandlungen war Frau Reimann dann aber schon wieder der festen Überzeugung, dass das Thema Familiennachzug eine zentrale Bedeutung hätte, weil es „eines der wenigen zuverlässigen Instrumente (ist), mit denen sich der Flüchtlingszuzug wirklich steuern oder begrenzen lässt.“ Familiennachzug sei die „Gretchenfrage einer menschlichen Flüchtlingspolitik.“

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Schon wenige Monate später wird sie dann wohlwollend den Innenminister zitieren, der darauf setzt, Schecks zu verteilen um zweihundert spontan Willigen eine gute Heimreise zu wünschen. Wurde Anna Reimann nun von den Fakten überrollt? Plagte sie ein schlechtes Gewissen? Wurde Sie vom Spiegel gar gebeten, stellvertretend Abbitte zu leisten, indem sie das wahre Ausmaß der anhaltenden Zuwanderung endlich mal beim Namen nennt?

Im September 2017 war sie noch voller Scham über dahingehende düstere Gedanken, als sie ihren Lesern gestand, zwar das Asylrecht zu verteidigen und Rassismus abzulehnen, aber aufgrund der Häufung von Einzelfällen von sexueller Gewalt von Zuwanderern verunsichert zu sein. Sie würde nun „genauer überlegen, ob der Radweg durch den Park strategisch günstig liegt.“ Für solche bösen Gedanken würde sie sich dann schämen.

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Nun wollen wir hier kein umfängliches Bashing einer ambitionierten langjährigen Spiegel-Autorin. Aber Anne Reimann hatte nun Mal das Pech, einen Auftrag für einen Artikel angenommen zu haben, der beim Leser offensichtlich als klammheimliche Kehrtwende verstanden werden sollte. Die ZEIT schickte für so ein Vorhaben immerhin den Chefredakteur selbst vor, der allerdings anschließend keinen Deut mehr drauf gab, was er zuvor großmundig verkündet hatte, und damit den Vertrauensverlust der Medien noch nachhaltiger befeuerte, als zuvor.

Der Spiegel hat daraus gelernt. Und Frau Reimann darf also heute verkünden: Die Zahl der Zuwanderer, die nach Deutschland kommen, nehme leider nicht wirklich ab. Die Diskrepanz zur Spiegel-Nachricht von gestern, vorgestern und vorvorgestern empört sofort. Frau Reimannn als strategisches Bäuerinnenopfer? Denn morgen wird man einfach wieder das Gegenteil berichten. Getreu nach der gemeinschaftlichen innerer Haltung als Einstellungsvoraussetzung, die heute das Parteibuch ersetzt, aber weiterhin den Verantwortlichen der über das Jahr 2017 hinaus weiter gehenden Massen-Zuwanderung zuarbeitet.

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Kommentare ( 122 )

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„Nach Deutschland sind also 2017 mehr Schutzsuchende gekommen als insgesamt über das Mittelmeer.“ Wie lassen sich diese Zahlen erklären?

„Schutzsuchende?“ Es muß Schatzsuchende heißen! Denn es sind Leute, die einem Herdentrieb folgend schon woanders die „grünen Wiesen“ sicherer Drittländer kahl gefressen haben.

Ganz einfach, da die Wohlfühloase „Asyl“ in anderen europäischen Staaten nicht so großzügig ausgestattet ist wie in GERMONEY… kommen diese „Schatzsuchenden“ nicht mehr übers Mittelmeer, sondern vermehrt aus unseren Anrainerstatten.
Von den einstmal 100.000 in Griechenland ausharrenden Asylanten, sollen sich inzwischen 70.000 in Deutschland befinden… trotz angeblich geschlossener Balkanroute.
Dem Rest, der sich keine gefälschten Pässe leisten kann um damit einen Flieger Richtung Germoney zu besteigen, hat unser „humanitärer Imperativ“ nun Abhilfe versprochen… Lufthanse wirds freuen.
Und wo sind eigentlich die 30.000 Afrikaner geblieben, die neulich noch in Bozen auf ihre Weiterreise zur „Mutti“ gewarten hatte… in Bozen jedenfalls nicht mehr.

Die ‚Umma‘ schickt mit Hilfe von UN und EU-Kommission – die ‚Gruppe-Merkel‘ lockt.

Warum gibt es in diesem Land Renten nach 40/45 Arbeitsjahren, von denen man nicht leben kann?

Anscheinend klappen Durchlässigkeit, Eskortierung, Transport und Betreuung auf den bisherigen Wanderrouten nicht mehr so richtig oder sind nicht mehr komfortabel genug.
Wohl deshalb geht die ‚Gruppe-Merkel‘ verstärkt dazu über, den Nach- und Zuzug über direkten Airline Transport zu sichern. Zumal hier auch auf Piloten- und Kabinencrew-
Seite keine Widerstände befürchtet werden müssen – im Gegensatz zur anderen Richtung.

Und statistisch lässt sich das auch besser darstellen – nämlich gar nicht.

Habe gerade mal den Artikel von Frau Reimann angeschaut. Natürlich hat der Spiegel wieder die Kommentarfunktion darunter abgeschaltet. Das machen die immer, sobald sie brenzlige Tatsachen verkünden müssen. Ich finde das sowas von feige. Zu den weiter hohen Zuwanderungszahlen: je höher die Zahl der zu Integrierenden, desto weniger werden die Integration schaffen. Bei den aktuellen Zuwanderungszahlen in historischer Größenordnung wird es ohnehin keine Integration mehr geben. So viele unterschiedliche Menschen aus aller Herren Länder kann man gar nicht mehr integrieren. Da Politiker nicht dumm sind, wissen sie das auch. Trotzdem handeln sie genau entgegengesetzt. Das zeigt, dass sie längst die… Mehr

Vielen Dank, dass Sie den inhaltlichen Zickzack Kurs des Spiegels, so genau aufs Korn nehmen. Ich vermute, dass auch die Spiegel Autoren gelegentlich oder vllt. sogar regelmäßig Tichys Einblick lesen. Manchmal bewirkt der Blick oder die Perspektive von außen etwas …
Den Zickzack Kurs des Spiegels entnehme ich zwar nur den Schlagzeilen/Titeln der Artiekeln in meinem IPhone, denn ich lese ihn seit ca 2012 gar nicht mehr. So ergeht es vielen ehemaligen Lesern…. Das Niveau des Blattes ist nämlich schon lange vor 2015 drastisch gesunken.

Man darf sich auf den Tag freuen, an dem die Finanzgebahren, die Finanzierung der großen deutschen Zeitungen ans Tageslicht kommen!
Ausserdem muss die Haftungsfrage gestellt werden. Es kann doch nicht sein, dass ein ganzen Land von einigen Willigen in den Abgrund manövriert wird und deren Familie Reichtümer anhäufen.

Wichtig ist das alles gut dokumentiert wird. Für die Zeit danach.

Dann sind die immer noch da – oder glauben Sie, das löst sich in Luft auf, wie ein Spuk in der Nacht?
Aber vielleicht sind wir „danach“ nicht mehr da?

Wenn das Schiff ein Leck hat, nutzt es nichts, wenn die Offiziere darüber diskutieren, ob man die Menge des eindringenden Wassers begrenzen darf. Für die Passagiere ist es aber wichtig, dass die Kapelle weiter lustige Weisen spielt, sie könnten sonst beunruhigt werden. Auf jeden Fall vermieden werden muss ein Abdichtung des Leckes, das ist gegen die UN-Charta.

Frau Reimann hat den Nagel nicht ganz auf den Kopf getroffen. In Wirklichkeit lassen wir uns von Arabern und anderen Wirtschaftsflüchtlingen überrennen, die uns eines Tages den Kopf einschlagen. Danke CDU/CSU und anderen Linken.

Gestern hieß es in den Medien, die Wirtschaft fordert jährlich 300.000 qualifizierte Zuwanderer.
Das selbstredend zusätzlich zu den ungedeckelten 200.000 „Schutzsuchenden“ jährlich.
Wir normalen Bürger sollen für sogar von zwischenzeitlich offizieller Seite zugegebenermaßen Klima- und Wohlstandsflüchtlinge zurückstecken und sogar Verschlechterung/Verarmung in Kauf nehmen.
Würde man von den Eliten und Reichen auch ernsthaft einfordern dürfen, dass sie sich für ihren Wohlstand zu schämen haben, den sie oder ihre Vorfahren auf teilweise sehr fragwürdige Weise zusammengeschludert haben?
Nein, diese Forderung dürften wir nicht stellen, dann würde uns sofort das Totschlagargument „Sozialneid“ entgegengebrettert werden.
Aber vom normalen Bürger wird erwartet, dass er für Fremde verzichten soll.
Verlogene Doppelmoral.

Sicher doch, die „Schutzsuchenden“ wollen betreut werden.

Wenn Unrecht zu Recht wird wird Widerstand zur Pflicht.