Xavier Naidoo: Der Puppenspieler

Früher musste man die erste Strophe des Deutschlandlieds grölen, Opas Wehrmachtsorden in der Hausbar ausstellen, klobige Springerstiefel tragen oder sich durch Ernst Jünger quälen, um böse zu sein. Heute geht's fixer - mit Helene Fischer oder Xavier Naidoo.

© Clemens Bilan/Getty Images

Eine neue CD, ein neuer Song, und schon ist sie wieder da, die nächste Xavier-Naidoo-Erregungskurve. Die politische Klasse nebst Medien geben die Wüteriche. Wütend ist man, seit Xavier irgendwie bekifft vor dem Brandenburger Tor für die Reichsbürger auf dem Fahrrad den Friedensengel gab. Seitdem mag man ihn nicht mehr so recht, den Ex-Fußballwundergeliebten, den ehemaligen Soundtracker der Schmusesongs für die dicken Audis aus dem Bundestagsfuhrpark.

Das Dechiffriersyndikat des Feuilletons

Xavier Naidoo der Abtrünnige, der Verräter, der Klassenfeind, der Netzbeschmutzer. Dachte man doch bisher, man hätte Presse und Musikszene sauber eingetütet und dann kommt da so ein Multimillionär auf irgendeinem verqueren Wahrheitstrip und spielt uns den letzten Gerechten? Pfui, Spinne! Nach der ersten allgemeinen Verunsicherung nun die totale Empörung. Der Schimpf kennt keine Grenzen mehr. Über einen Song. Über ein Liedchen.

Da wird ein Songtext von einem selbstbeauftragten Dechiffriersyndikat im Feuilleton erkennungsdienstlich behandelt, als sei es ein Kassiber aus dem Zweiten Weltkrieg. Man spielt die Rolling Stones wieder rückwärts, weil man den Teufel im Klartext hören will.

Und das Magazin Der Spiegel so weit vorne weg, das man ihn in diesem unheiligen Zorn schon abheben sehen kann: maximal arrogant, aber weiter im bequemen Herrenreitergestus. Klar, das führte zuletzt der Spiegelautor Markus Feldenkirchen bei Maischberger vor, den man ausgerechnet auf Tuchfühlung neben den bösen Herrn Roger Köppel aus der Schweiz platziert hatte. Aber einer kann es immer noch besser: Dieses Mal ist das Andreas Borcholte über den Fall Xavier Naidoo auf SPON.

Der Mannheimer Sänger würde sich endlich unverstellt als der „rechtspopulistische“ Hetzer und Verschwörungstheoretiker positionieren. Naidoos Song „Marionetten“ beinhalte „echte Verschwörungsrhetorik mit antisemitischen Untertönen aus der Spinner-Ecke.“ Der Song „Marionetten“ wäre „umstürzlerische, staatsfeindliche Rhetorik von Pegida und der AfD-Rechten.“ Es würde einem schon beim Lesen dieser Hetzschrift übel. „Naidoo rappt ihn holpernd und ohne Flow über einen billig anmutenden Elektropop-Beat.“ Und so weiter und so fort.

Verhetzende Inhalte, massentauglich

Satire? Vielleicht analog zu diesem Wutdarsteller aus der „heute Show“? Borcholte versucht sich also als Gernot Hassknecht. Nein, dem Kritiker des Kritikers könne man nicht beikommen, denn der sichert sich ab und erklärt: Wer nun die Kritiker kritisiere, der sei sowieso „Reichsbürger“ und halte „alles, was in der so genannten Mainstream-Presse gegen Naidoo hervorgebracht wird, ohnehin für die programmatische, aus Kanzleramt und/oder CIA-Zentrale gesteuerte Abwehrreaktion.“ Wie nennt man so etwas nun? Eine vorauseilende Paranoia? Missbrauch würden Naidoo und seine Kollegen betreiben, „indem sie ihre Popularität instrumentalisieren, um demagogische, verhetzende Inhalte massentauglich zu machen.“

Die im Dunkel sieht man nicht
Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit im Deutschrap
Abwertend, beleidigend, antisemtisch, frauen-, und schwulenfeindlich: das alles und noch viel mehr sind sie: deutsche Songtexte. Die Ärzte besingen Claudia, die „hat nen Schäferhund. Und den hat sie nicht ohne Grund. Abends springt er in ihr Bett. Und dann geht es rund.“ Und Bushido veröffentlichte bei Sony „Stress ohne Grund“, da schreibt und rappt er, er „schieße auf Claudia Roth“, diese „kriegt Löcher wie ein Golfplatz“. Massive Provokation ist offensichtlich Teil der Vermarktungsstrategie. Und obendrein gedeckelt durch die Freiheit der Kunst. Böhmermann singt nicht, aber er beruft sich ebenfalls auf diese Freiheit.

Songs, drastisch, asozial, menschenfeindlich. Der undeutliche Text von Naidoo gibt das aber alles nicht her. Denn hinter einer gesungenen Handlungsaufforderung müsste die politische Bewegung stehen. Die Adaption. Das ist das eigentlich perfide dieser Diskussion. Die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Sie war Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Die Giovinezza war Triumphhymne der Nationalen Faschistischen Partei Italiens. Aber was hat das alles mit unserem Mannheimer Barden zu tun? Seinem Songtext fehlt dafür die eigentliche Akklamation.

Da sollte man sich doch mal an Heinz Rudolf Kunzes „Willkommen, liebe Mörder“ erinnern, wenn man eine echte Gratwanderung erleben will.

Naidoo steht viel eher in der Tradition der amerikanischen Liedermacher. Phil Ochs beispielsweise, die US-amerikanische Stimme des Protests der 1970er Jahre, der Gebursthelfer der bekifften Blumenkinder. Er sang: „Hier ist ein Land voller Kraft und Herrlichkeit. Voller Schönheit, die Worte nicht beschreiben können. Doch es ist nur so reich wie ein verriegeltes Gefängnistor.“ Ochs weiter: „Es ist ein einzigartiger Sumpf aus Korruption, der das Land vergiftet hat.“ Politiker damals schon nur Marionetten? 

Natürlich geht es hier um Zuspitzung ebenso wie um Verschlüsselung, um die interpretatorische Botschaft hinter der Botschaft. Um den Rhythmus des Bösen, des Guten, des Irgendwas. Und dann um diese eine Zeile, die Raum bietet für Interpretation – die Provokation. Wenn Ochs schrieb: „In einer derart brutalen, hässlichen Welt liegt der wahre Protest in Zärtlichkeit und Schönheit.“ Dann adaptiert das Xavier Naidoo als Botschafter der Liebe, so versteht er sich selbst: „Wenn ein Lied meine Lippen verlässt, dann nur damit Du Liebe empfängst.“ Ja, das darf man kitschig finden, aber es bleibt Lyrik zwischen Massenmarkt und Netzkultur. Hier geht es niemandem um faktische Wahrheiten, nicht um gesungene Nachrichten oder den politischen Vortrag mit Piano-Begleitung, sondern um die Wiedergabe eines Sounds einer ganzen Generation. Vielfältiger Stress also aus einem ganz anderen Grund. Aus vielen nicht erklärungsbedürftigen künstlerisch motivierten Gründen.

Nein, es geht hier tatsächlich nur um einen Song auf dem neuen Album von Xavier Naidoo. Ein sensibler Mainstreamer, von dem man nun aber doch bitte, bitte erwarten dürfe, dass er sich auch so benimmt, der gute Schmusesong-Lieferant aus Mannheim.

Gesucht: 80 Millionen Wahrheiten

Aber nein, dieser Herr Naidoo benimmt sich gar nicht so, wie der Herr Grönemeyer. Der Bochumer allerdings empörte sich schon im ersten Durchgang über das Theater um Naidoo: „Was jetzt auf seinem Rücken für ein absurdes Theater abgefertigt wird, ist unverständlich.“ Aber was ist nun, was aktuell passiert?

„Wir brauchen keine Gesinnungspolizei oder Meinungsüberwachung, sondern hoffentlich 80 Millionen verschiedene Köpfe und Wahrheiten“, Nein, kein Zitat aus Naidoos „Marionetten“, sondern ein weiterer Kommentar von Grönemeyer, der hier und heute noch einmal besondere Gültigkeit bekommt.

„Xavier Naidoo ist ein sensationell guter Musiker und Freund. Er ist einer der besten Sänger und Songwriter, den es in Deutschland gibt – ein großartiger Künstler“, postete Pur-Sänger Hartmut Engler, als die Kanonen zum ersten mal gegen den Sänger in Stellung gebracht wurden. Und Til Schweiger empörte sich, dass es doch erschütternd sei, wie mit einem der größten deutschen Sänger, „der auch als Mensch einer der liebsten, lustigsten und gutmütigsten Menschen im Showbusiness ist“, umgegangen werde.

Konzertveranstalter Marek Lieberberg (Rock am Ring) schrieb entsetzt: „Ich bin zutiefst erschüttert über die unglaubliche Hetze, die widerliche Heuchelei und den blinden Hass, für die es keinerlei Berechtigung gibt!“ – nein, nicht über den Song Naidoos, sondern über den Freigeist des Sängers. Presse und Politik haben es nun diesen Loyalitäts-Prominenten aus der Musik- und Filmbranche augenscheinlich nicht vergessen und packen die Gelegenheit beim Schopfe. Um sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen? Nein, denn dann wäre dieser Versuch grandios gescheitert.

Noch mal: Es geht um einen Songtext auf dem neuen Album des Sängers. Um ein nachdenklich stimmendes Gedankenspiel. Um ein im Stile Xavier Naidoos komponierten Text. Um nichts mehr. Wie der Text geht, können sie hier nachlesen und sich ein eigenes Urteil bilden: https://genius.com/Sohne-mannheims-marionetten-lyrics

Nein, wer sich hier so schreihalsmäßig empört, der glaubt nicht an Lobbyisten in Berlin, der hält Martin Schulz nicht für eine postfaktische Erscheinung, der glaubt, Angela Merkel vertrete langfristige Perspektiven, der hält die Grünen für eine Oppositionspartei, der weiß, dass wir noch mehr Migranten brauchen, um unsere Renten zu bezahlen, der hält Ausländerkriminalität für eine Erfindung der „Reichsbürger“ – in einem Satz: Der hat nicht mehr alle Tasten am Klavier.

Dem möchte man zusammen mit Xavier hinterhersingen:

„Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein.“

Dann singt man mal nicht zum dritten Platz einer Fußballweltmeisterschaft, sondern zur kommenden Bundestagswahl oder in der Karaokebar um die Ecke, ist doch völlig egal.

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Kommentare ( 123 )

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Es ist nicht nur dieser vieldiskutierte Song. Auch in einigen anderen steckt politisch unkorrekter Sprengstoff, nicht mit dem Holzhammer, aber hier und da gut gestreut, und dann ein Refrain wie „Du glaubst doch nicht wirklich, dass unsere Nachrichten nicht nachgerichtet sind“ (Song Nr.5: „Der Deutsche Michel“). Allein dieser Satz aus dem Munde Naidoos ist richtig Zündstoff, der geht an die Grundmauern des Systems Merkel, das eben auf den „nachgerichteten Nachrichten“ der Klebers und Slomkas medial basiert. Der Biber nagt den Damm an – und deshalb hasst man ihn oder wird ihn, wenn er nicht brav zu Kreuze kriecht, als drogensüchtigen… Mehr

Danke;)))

Ich… beneide Sie!

Wenn man den Text dieses Songs liest, fragt man sich zwangsläufig, wie gross muss doch die Angst derjenigen sein, die sich hier angesprochen fühlen und wie schlecht muss deren Gewissen sein, falls sie über ein solches verfügen. Die, die sich „Elite“ nennen, wissen offenbar ganz genau, wie wackelig ihre Herrschaft ist und sie fürchten das Volk. Sie hoffen sicher, dass der Sturm an ihnen vorbeizieht und alles so bleibt, wie es ist. Fakt ist aber, dass es in der Vergangenheit immer so war, dass die Angst vor anderen Meinungen und das panische Einprügeln auf jede Art von Opposition ein klares… Mehr

Xavier hat hier offensichtlich in ein Wespennest gestochen, so wie die Reaktion des Establishments zeigt. Lediglich bei Vimeo ist er noch zu hören, leider ohne das Video.
Ich hab ihn mir heute aus Solidarität bei A***** herunter geladen.
Heute las ich, dass Xavier schon wieder etwas zurückrudern musste.
Soweit ist es hier schon mit der freien Meinungsäußerung.

Was ich Naidoo neben seiner christlichen Attitüde beim gelegentlichen Vorbeihoeren übel genommen habe, ist der Umstand, dass er sich bzgl seiner Musik so schamlos bei Holger Biege bedient hat, wohl ohne es zu erwähnen. Schön, falls er jetzt mal nicht abkupfert.

Der Oberbürgermeister ist kein Hilfsbeamter der Ermittlungsbehörden. So einem Typen gegenüber muss man weder Auskunft geben, noch sich rechtfertigen. Die Söhne Mannheims bezahlen ein vielfaches mehr an Steuern, als der Oberbürgermeister jemals zahlen wird. Von daher hat dieser mal ganz kleine Brötchen zu backen. Es darf nicht angehen, dass der Kellner dem Gast Befehle erteilt.

Ein paar der interpretierenden Besinnungsaufsätze (oder sollte es Gesinnungsaufsätze heißen?) habe ich mir angetan. Die Schreiber gehören wahrscheinlich zu der Sorte von Leuten, die auch auf Autokennzeichen nach dem Ziehen der Quersumme Nazibotschaften entdecken. Leicht off topic: Putzig wie immer war natürlich auch die Empörung von Claudia Roth. Da die ehemalige Managerin von Ton Steine Scherben wohl glaubt, in jungen Jahren öfter ohne Schirm unterwegs gewesen zu sein, wenn der Herrr mal gerade wieder Hirn regnen ließ, sind für sie die frühen, recht eindeutigen Texte der Scherben natürlich kein Hinderungsgrund auch mal einen problematischen Künstler mit MiHiGru zur Ordnung zu… Mehr

…da politisch Deutschland so links ist insgesamt, wie nie zuvor seit Gründung der DDR…

Alors, „Je suis Xavier“..!! Während angebliche Rockmusiker, die immer etwas Subversives auszeichnete, nun im Sinne eine Gesinnungs-Kulturkammer die berüchtigte „Haltung“ zeigen sollen und brav auch herrschaftsanalog zeigen, sind solche Künstler wie Naidoo die letzten Subversiven im Musikgeschäft. Selbst die auf Gangsta Masche einfahrende Schwesta Ewa ist da nur eine Variante der systemanalogen Verpuppung. Der Staatsfunk Radio Bremen weigert sich wegen der systemisch anrüchigen folgerichtig ein Konzert von Naidoo zu übertragen, wie eigentlich eingetaktet, und alle Gesinnungskünstler bis zum Düsseldorfer Andreas Frege genannt „Campino“, schwören der Kanzlerin eiserne und systemische Treue. Claudia Roth meldet sich und kann sich vor Hate Speech… Mehr

Der Crystal Meth Beck? Dachte der wär weg.

Da kann man sagen was man will, der Xaver hat jedenfalls Xixr. Mehr als jeder Kommentator, obwohl man selbst als solcher das ungute Gefühl nicht los wird, dass…

Ich jedenfalls hätte noch bis Anfang 2015 einiges für unmöglich gehalten. Man sieht wie man sich doch täuschen kann.

Immer wieder lohnt es sich auch „Animal Farm“ (z.B.auf YT) anzusehen, wie sich die Dinge so entwickeln, wenn so getan wird, als sei alles nur „zu unserem besten“.

Churchill hat leider recht mit seiner Einschätzung über die Deutschen.

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