Deutschlands Markenzeichen Duale Ausbildung in Gefahr

Ob das Großprojekt von Bartelsmann Stiftung und Bundesagentur eine nennenswerte Zahl von qualifizierten Zuwanderern in Arbeit bringt, ist ungewiß, Jobs für NGOs bringt sie ganz sicher. Wer prüft die Qualifikation dafür?

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Die deutsche Handwerksordnung regelt in der Bundesrepublik Deutschland die Ausübung des Handwerks. Und das Berufsbildungsgesetz regelt die Berufsausbildung als duales System der Ausbildung in den Betrieben und Berufsschulen. Der OECD-Bildungsbericht lobt diese Duale Ausbildung ausdrücklich. Es sei mit verantwortlich für die so niedrige Erwerbslosenquote in Deutschland.

Aktuell allerdings arbeitet die Bundesagentur ausgerechnet mit der Bertelsmann Stiftung daran, dieses Bollwerk aus Tradition und Erfolgsgeschichte mit einem millionenschweren Projekt umzubauen oder in Teilen gleich ganz abzureißen. Und die Abrissbirne hat schon ganze Arbeit geleistet. Eigentlich müssten die Handwerkskammern längst Sturm laufen, stattdessen sitzen sie paralysiert mit Stiftung und der Agentur in einem Stuhlkreis und werden dort über ein Projekt unterrichtet, das Zuwanderer in qualifizierte Arbeit bringen will, indem man die strengen Wächter vor den Toren der Handwerksordnung und des Berufsbildungssystems einfach abzieht. Duale Ausbildung in Gefahr.

Kammer-Funktionäre schweigen

Das Großprojekt, welches das bewerkstelligen soll, heißt „BKE – Berufliche Kompetenzen erkennen“. Es soll nach der Bundestagswahl flächendeckend in den bundesweiten Arbeitsagenturen starten. Und es schafft sofort neue Arbeitsplätze: jede Menge gesicherte Stellen für Soziologen und Pädagogen und viele neue Stellenangebote zum BKE im Internet. Aber keine für Zuwanderer.

Aber was genau ist das eigentlich für ein Projekt? Via Kompetenztests will man feststellen, welche handwerklichen Befähigungen Zuwanderer eigentlich mitbringen. Umfängliche Testverfahren wurden in monatelanger Arbeit von einem ganzen Stab von Psychologen und Soziologen bei Bertelsmann erdacht und anschließend weiteren beteiligten Instituten zur Prüfung vorgelegt, die Mitarbeiter dafür benötigen und in Arbeit halten – ohne Duale Ausbildung.

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Aber man ist bereit zurückzugeben, was man für sich selbst schon eindrucksvoll erreicht hat: Indem man ein paar neue Tischler und Bäcker von hinter den Grenzen der Welt entdecken will. Aber vor allem geht es um Informationsgewinnung. Der Zuwanderer, das unbekannte Wesen. Aber was dann? Was, wenn man ermittelt hat, was eh schon jeder weiß? Wenn man festgestellt hat, das Tischler nicht gleich Tischler und Bäcker nicht gleich Bäcker sind? Wenn man kaum nach deutschen Maßstäben gemessene hochqualifizierte Facharbeiter finden kann? Zwar sind diese Interviews in den Agenturen auch in Farsi verfasst, aber an der deutschen Sprache führt kein Weg vorbei. Vor dem Eintritt ins Berufsleben steht in Deutschland die Duale Ausbildung. Gelernt und beigebracht in der Sprache der Kunden des Handwerks.

Selbst wenn man so in Zukunft in den Arbeitsagenturen irgendwelche marginalen Kompetenzen feststellt, fehlt dafür eine Zertifizierung nach deutschen Maßstäben. Wie sollte das auch funktionieren? Gleich durchstarten und gutes Geld durch eigene Hände Arbeit verdienen, ist hier schwerer, als zuvor von vielen Zuwanderern angenommen. Und es kostet Zeit: Ein Arbeitsleben im Paradies muss man sich also offensichtlich erarbeiten, selbst dann noch, wenn man schon angekommen ist: durch Duale Ausbildung.

Qualität nicht mehr wichtig?

Aber das alles hat eine Vorgeschichte, die bereits begann, als die Jugendarbeitslosigkeit in einigen südeuropäischen Staaten drastisch anstieg gegenüber jener in Deutschland. Gehen wir zurück in das Jahr 2012. Damals hatte der Europäische Rat seine Mitgliedsstaaten aufgefordert, bis „spätestens 2018“ neue Zertifizierungsmöglichkeiten zu schaffen für so genannte „non-formal und informell erworbene Kompetenzen“. Dass hier hauptsächlich Deutschland gemeint war, muss nicht extra erwähnt werden. Damals forderte der Rat die Handels- und Handwerkskammern auf, „flexiblere Bildungswege“ zu schaffen bzw. damit zu beginnen, Verfahren zu entwickeln, außerhalb der deutschen dualen Ausbildung erworbene Fähigkeiten anzuerkennen. Bezogen auf Kompetenzen von Zuwanderern ging es also um eine Art Inklusion ins Deutsche Handwerk, in den deutschen Arbeitsmarkt. Aber will man das nun inklusive oder exklusive zusätzlicher Ausbildungsteile aus dem dualen Ausbildungssystem?

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Damit konfrontiert, verwies der Präsident einer Handwerkskammer mit 24.000 Betrieben mit 180.000 Mitarbeitern gegenüber TE auf die deutsche Ausbildungsordnung ebenso wie auf den Kunden des Handwerks, der eine qualifizierte Top-Leistung verlangt und der großes Vertrauen hat in die hohe Qualität der deutschen Ausbildung. Auch wäre es den Gesellen gegenüber nicht gerecht, wenn man etwa Kompetenzen zertifizieren würde, die nicht aus diesem oder einem vergleichbaren Ausbildungssystem stammen. Die Handwerksordnung bleibe für ihn einer der Garanten für Qualität: die Duale Ausbildung.

Nun will das Projekt BKE in den Arbeitsagenturen Kompetenzen der Zuwanderer aus zunächst 30 Berufsgruppen wie Bäcker und Tischler feststellen. Hier verweist wieder der Kammerpräsident auf den Erhalt des deutschen Meisterbetriebs, der eine hohe Verantwortung trägt. So ginge es für Tischler, Bäcker und viele weitere Berufe auch um Gefahrenabwehr, Gesundheit und Unfallverhütung. Es würde keinen Sinn machen, hier etwas zu verändern oder zu verschlanken. Die Kompetenzfeststellung für das Handwerk muss weiter den Kammern obliegen. Dafür hätte die Duale Ausbildung ein bewährtes Prüfungssystem.

Selbstverständlich hätten auch die Kammern Chancen und Probleme der Zuwanderung erkannt. Natürlich bestehe Bedarf an neuen Auszubildenden. Ein Pilotprojekt mit zwölf jungen Zuwanderern sei schon erfolgreich verlaufen. Nach einem achtmonatigen Kompetenzfeststellungsverfahren inklusive intensiven Sprachunterricht konnten alle Teilnehmer in Ausbildung gebracht werden. Sechs ständige Mitarbeiter seiner Handwerkskammer würden sich mittlerweile um die Betreuung in vielen Bereichen kümmern. So wird erwartet, dass diese Auszubildenden auch nach Feierabend weiter fleißig Deutsch lernen. Zwölf Probanden auf 24.000 Betriebe.

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Das Gespräch mit dem Kammerpräsidenten zeigt zunächst einmal eines: Individuell festgestellte Kompetenzen sind nicht geeignet, am Deutschen Handwerk teilzunehmen. Ohne vorhergehende Sprachausbildung keine Duale Ausbildung. Aber das wusste man vorher schon. Jetzt sind aber Politik und Arbeitsagenturen gefordert, eine große Zahl von Zuwanderern in qualifizierte Arbeit zu bringen. Denn nur qualifizierte Arbeit ist sichere Arbeit, erklärt die Agentur vor Ort. Es macht also gar keinen Sinn, sich am dualen Ausbildungssystem vorbeimogeln zu wollen, indem man etwa im Interview auf Farsi erfragte Kompetenzen im nächsten Schritt teilzertifiziert, um damit Ausbildungszeit zu verkürzen.

Interessant ist außerdem die Rolle der Bertelsmann Stiftung mit ihren eigenen gesellschafts- und unternehmenspolitischen Motiven als Initialgeber für die Bundesagentur für Arbeit. Warum betrachtet es die Stiftung als ihre ureigene Aufgabe mit ihrem Projekt „BKE – Berufliche Kompetenzen erkennen“ die Forderungen des Europäischen Rates an seine Mitgliedsstaaten, also auch an die Bundesregierung, zu verwirklichen?

Noch eine ABM-Maßnahme für NGOs

Hat hier die große Koalition ureigene Aufgaben mal eben an die Bertelsmann Stiftung outgesourct? Denn der Koalitionsvertrag von 2013 beinhaltet bereits, was da nun von einem privaten Player zur Serienreife gebracht werden soll. Und das, ohne dass es zu lauten Protesten der Kammern gekommen wäre. Laut Koalitionsvertrag von 2013 hat man sich vorgenommen, für Menschen, die sogenannte informelle Kompetenzen erworben haben, die sie nicht durch Zertifikate belegen können, neue Verfahren entwickeln, die zur Transparenz und Anerkennung führen. Und zwei Jahre später kamen die Menschen in Millionenzahl.

Also schrieb die Bertelsmann Stiftung 2015 in ihrer Broschüre „Wenn aus Kompetenzen berufliche Chancen werden“, es müssten auch Qualifikationen von Flüchtlingen und Immigranten anerkannt werden, die in der Praxis erworben wurden oder wenn Nachweise in Kriegs- oder Unglücksgebieten verloren gingen. Deutschland sei in Sachen Kompetenzanerkennung in der Pflicht. Es ging also schon 2015 nicht nur um eine Kompetenzfeststellung, sondern insbesondere um anschließende Zertifizierungsmöglichkeiten. Also um – zurückhaltend ausgedrückt – eine Verschlankung des Handwerksrechts.

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Die Rede ist da von einer neuen „Anerkennungskultur“. Es müsse gelingen, so die Stiftung, „insbesondere die Kammern als die Zertifizierungsinstitutionen in der Berufsbildung“ für eine Beteiligung zu gewinnen. Es seien die Kammern, die der „Validierung von informell und non-formal erworbenen Kompetenzen durch die entsprechende Ausgestaltung Wert verleihen können.“ Dieser „alternative Weg“, darauf legt die Stiftung Wert, „darf keine Beschädigung der traditionellen Ausbildungskultur darstellen.“ Man weiß also bei Bertelsmann schon gleich selbst, wo die Kritik am Projekt ansetzen wird.

Einer der drei Autoren damals war Prof. Dr. Nicolas Schöpf, ehemals tätig an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, auch einst tätig für das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb), einem weiteren Bigplayer im Projekt „BKE – Berufliche Kompetenzen erkennen“. Ja, man ist gut vernetzt. Ja, man kennt sich.

Den goldenen Boden des Handwerks versilbern?

Viele Gesprächspartner zum „BKE – Berufliche Kompetenzen erkennen“ betonten die Chancen des Projektes. Ihre eigenen Chancen haben sie zu dem Zeitpunkt selbstverständlich bereits wahrgenommen. Nur wenige hinterfragten hier Protagonisten wie Bertelsmann als Ideengeber geschweige denn, dass man sich Gedanken machen wollte über mögliche Ziele – wo das alles hinführen könnte: nämlich zu einer Abwertung des deutschen Ausbildungssystems mittels einer Zertifizierung von in Interviews ermittelten Kompetenzen.

Umso tiefer wir uns in die Materie eingearbeitet haben, umso weiter wir uns auf dem Zeitstrahl hin zur Realisierung dieses Projekt zurückbewegt haben, desto transparenter wurde die Chronologie, desto deutlicher auch die Vernetzungen der Mitspieler zueinander. Das Deutsche Handwerk müsste sich in Alarmstimmung befinden. Wenn, ja wenn die Kammern nicht schon selbst Teil des Projekts wären – höflich formuliert.

Ein umfangreicher Fragenkatalog zum Projekt wurde an die Bundesagentur für Arbeit und die Bertelsmann Stiftung geschickt. In beiden Fällen wurde eine zügige Bearbeitung zugesagt. Sobald wir Antwort bekommen, berichten wir auch darüber an dieser Stelle.

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Kommentare

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  • Sec.of Class Warfare

    Also auch ohne jetzt das Ausbildungssystem über alle Maßen loben zu wollen, es hat doch schließlich auch erhebliche Schwächen: jetzt einfach „informelle“ Kompetenzen anerkennen zu wollen heißt unterm Strich, dass auch jemand, der sich eine Weile rumgetrieben hat, nur wissen muss, wie er sich durchmogelt zum Gesellenbrief. Da kann ich keinen Mehrwert erkennen.

  • Al-Namrood

    Was hindert mich als Kunde, Arbeiten nur von Deutschen durchführen zu lassen? Alles andere wäre ein zu hohes Risiko.