Das Böse – nur Sparring-Partner für das Gute?

Mit dem Beitrag „Der Mensch ist böse – wie böse ist er?“ von Gero Jenner war eine Einladung zur Diskussion verbunden, die Alexander Wallasch hier annimmt.

Mit dem Beitrag „Der Mensch ist böse – wie böse ist er?“ von Gero Jenner war eine Einladung zur Diskussion verbunden, die ich hier gerne annehmen möchte. An der ich mich beteiligen will, weil ich mich von diesem Diskussions-Kick-Off aufgerufen fühle, mich und meine Art zu verteidigen: Nein, der Mensch ist nicht von Natur aus böse. Das Böse ist kein evolutionärer Vorteil. Das Böse ist nicht Teil des menschliches Genoms. Seine hohe Popularität kam erst mit der Idee der Erbsünde in die Welt. Mit der behaupteten Vertreibung aus dem Paradies. Mit dieser biblischen Albernheit, das uns irgendwer keinen Rosengarten versprochen hätte, obwohl wir doch mitten in einen hineingeboren wurden.

Was wäre denn, wenn das Böse nur als Regulativ in die Welt gekommen ist? Als Sparring-Partner, als Messlatte für das Gute? Die Philosophien dazu sind uralt und keinesfalls Produkt irgendwelcher moderner Sozialutopien, wie es Gero Jenner behauptet. Yin und Yang, Erfolg und Misserfolg, Sieg und Niederlage: Gutes braucht eine Dosis Schlechtes, um überhaupt als gut erkannt zu werden. Erst dann klärt sich doch, wie gut es ist, ob nur ein bisschen, ganz oder richtig.

Aber auch an einem aktuellen sehr deutschen Ereignis kann man diesen Sachverhalt gut begreiflicher machen: Wer sich in den letzten Monaten der Presse gegenüber offen gehalten hat, der konnte bald den Eindruck gewinnen, dass das Deutschland von 2016 irgendwo auf ein Niveau von 1930 zurückgefallen sei. Der Faschismus stand quasi schon vor der Haustür. Und mit ihm das ultimativ Böse. Die AfD als Widergänger der NSDAP. Sie haben das auch alles gelesen. Sie haben sich möglicherweise auch von dieser Hysterie antreiben lassen, von dieser Idee einer gesellschaftlichen Apokalypse. Schlussendlich hat sich aber herausgestellt, das dieses Quantum Boshaftigkeit, diese Nuance Feindlichkeit, das Gute, das Hilfsbereite und Freundliche wieder auf eine Weise feinjustiert hat, die für ein gemeinsames Gutes taugt. Zuviel des Guten wurde so erfolgreich verhindert, ohne dass sich das Böse hätte durchsetzen können. Möglicherweise ist zuviel des Guten sogar das Böse selbst?

Für Gero Jenner kam nun das Böse mit dem individuellen Besitz in die Welt. Das Gute war für ihn urhistorisch nur „unter Verhältnissen großer Bedürftigkeit an(zutreffen).“ Mit dem, was wir Menschwerdung, was für Kultivierung nennen, endet für ihn das Gute.

Das Bequeme der Vertreibung aus dem Paradies

Das folgt natürlich konsequent dieser überaus bequemen Idee einer biblischen Vertreibung aus dem Paradies. Erdacht von Menschen, die als Nomaden durch die Welt zogen, die einer kargen und menschenfeindlichen Umgebung das wenige abringen mussten, was sie zum Überleben benötigten. Menschen, die auf bereits sesshafte Artgenossen trafen und die ein elementares Interesse daran haben mussten, auf Teilhabe zu pochen – für das Überleben ihrer Kinder und Kindeskinder. Not traf also auf Erfindungsreichtum, Unvermögen auf Vermögen. Die viel spannendere Frage ist, warum dieses Missverhältnis nicht mit einer sofortigen Umverteilung ausgeglichen wurde oder werden könnte.

Aber die Unterversorgung der einen machte eben auch den Überfluss der anderen für diese selbst deutlicher. Wenn Sie so wollen, wurde das Gute durch ein Quantum Schlechtes erst als solches weithin sichtbar. Der Konflikt entstand also tatsächlich aus einem großartigen Erkenntnisprozess heraus. Das Gute war mit der Ankunft des Bösen, des Fordernden, des Wollenden, des Minderversorgten zu etwas überaus Erstrebenswerten geworden, wo es zuvor eine reine Selbstverständlichkeit war. Der Sündenfall war geboren. Der Prädestinationsgedanke besorgte den Rest: Wir haben es besser, also müssen wir besser sein. Müssen wir das Bessere für uns und die unseren verdient haben. Warum? Göttliche Fügung –  das war die einfachste und unantastbarste Erklärung: Auserwähltheit.

Das Gute weckte aber nicht nur Begehrlichkeiten. Es wirkte auch auf die Pflege des Guten selbst. Es kultivierte eine vormalige Selbstverständlichkeit. Ideen entstanden, wie man das Gute dauerhaft schützen könnte. Sie kennen das: Wenn Sie zusammensitzen und sich einfach nur wohl fühlen, wenn alles gut und schön ist, ist dieser Moment schon wieder auf dem Rückzug in der Sekunde, wo jemand sich bemüßigt fühlt, festzuhalten, wie gut es uns doch gerade geht. Wo jemand den Vergleich mit schlechteren Zeiten zieht. Wo, wenn Sie so wollen, der Abgleich passiert, indem man das Böse hereinbittet, um das Gute noch ein bisschen strahlender zu empfinden. Die Stunde der Wehmut. Und auf Wehmut folgt Trauer und auf Trauer nicht selten Wut. Aber nicht etwa, weil der Mensch böse ist, sondern weil er so große Schwierigkeiten hat, ohne dieses Quantum Böse das Gute zu einer festen Große heranwachsen zu lassen. Oder noch weiter: Weil er überhaupt die Idee hat, etwas heranwachsen lassen zu müssen, etwas beschützen, hegen und pflegen zu müssen, was doch schon auf natürlichste Weise in ihm angelegt ist.

Das Gute braucht das Böse

Gero Jenner schreibt: „ Auch wer nicht an die Erbsünde glaubt, wird doch einräumen müssen, dass die Vorstellung, wonach der Mensch erst durch die von ihm geschaffenen zivilisatorischen Errungenschaften böse gemacht worden sei, das Verhalten der mordenden Nomadenhorden nicht zu erklären vermag.“ Und da muss man ihm bereits vehement widersprechen. Denn die Erkenntnis eines zivilisatorischen Vorteils („Errungenschaften“), das Wissen um das individuelle, das persönlich Gute kam doch erst dadurch in die Welt, dass dieser natürliche Zustand große Begehrlichkeiten bei anderen, bei Fremden, zu wecken in der Lage war, denen man nicht bereit war zu entsprechen. Wäre der Mensch also von Natur aus böse, dann wären die Bösen eben auch die, die sich auf der Seite der Guten wähnten, die aber Ihr Hab und Gut nicht bereit waren zu teilen.

Aber wir wären nicht Mensch, wir wären nicht gut, würden wir diesen Prozess nicht als Übergangsphase verstehen. Das Böse lässt sich ganz sicher in der Momentaufnahme, im Raub, im Morden, im Neiden und Verzehren um den Besitz des anderen festhalten. Aber lässt man den Dingen Zeit, schaut man auf die Entwicklung der Menschheit, dann entdeckt man doch eine Erfolgsgeschichte des Guten, die schwindlig macht. Sieben Milliarden Menschen können nicht irren. Begreift man, dass das Gute kein Endziel ist, verweigert man den Wunsch nach einem alles bereinigenden jüngsten Gericht, nach dem Paradies für alle Zeiten, dann entdeckt man eine paradiesische Entwicklung.

Es gibt heute Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen, denen es besser geht, als es Menschen jemals zuvor ergangen ist. Und die, für die das für den Moment nicht gilt, sind doch Teil des Ganzen. Heute könnte man theoretisch ein hungerndes Kind aus Afrika mitten hineinstoßen in eine Welt, die wie ein Paradies wirken muss mit seiner Fülle an Nahrung, seiner lebensverlängernden medizinischen Versorgung und seinen großartigen kulturellen Angeboten – es lebt ja in dieser bipolaren Welt! Hier und Heute. Und es passiert täglich. Beispielsweise ermöglichen adoptionswillige kinderlose Paare diesen Transfer aus einer bösen, weil menschenfeindlichen Welt hinüber in eine Gute, weil menschenfreundliche, in eine gute Welt. Klar, das alles passiert immer noch auf einem quantitativ niedrigen Niveau. Einfach deshalb, weil das Gute sich immer noch wie selbstverständlich an der Negation des Bösen orientiert.

Wenn Jenner schreibt: „Die Zivilisation bringt das Böse nicht hervor, sie vertausendfacht nur die Gelegenheiten.“, dann übersieht er das ungeheure Wachstum dieser sich als „gut“ gegenüber dem Bösen definierenden Zivilisation. Das eine kann nicht ohne das andere. Die viel spannendere Frage muss also sein, wie viel Böses es mindestens braucht, um das Gute maximal gedeihen zu lassen. Und wie wir das Gute am Ende bestmöglich an möglichst viele verteilen, und dabei dieses Minimum an Ungleichgewicht zu erhalten, das für eine Entwicklung zum Besseren hin, zum Guten hin, unbedingt notwendig ist. Nein, es geht nicht ohne das Böse, nicht ohne ein Ungleichgewicht. Man könnte hier sogar von einer physikalischen Größe sprechen, von einer immerwährenden Pendelbewegung zum Guten hin. Klingt evolutionär? Ja, das ist es wahrscheinlich auch. Aber war es je anders?

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