Wie die Theologie der Migration Menschen unter Druck setzt

Die Masseneinwanderung verwickelt das Land in eine unendliche Rettungsaktion, die alle Kräfte in Anspruch nimmt und für Jahrzehnte auf eine lähmende, deprimierende Hängepartie festlegt. Der Migrationstheologie scheint diese Lähmung ganz recht zu sein.

Jetzt ist Weihnachten das ganze Jahr: wie die Kirchen Flüchtlinge als Druckmittel instrumentalisieren.

Der allzu nahe Gott

Aber geht es wirklich um Gott? Sicher ist in der Migrationstheologie viel von Gott die Rede. Oft wird sogar der Eindruck erweckt, als würde aus ihrem Geist eine Wiederbelebung des christlichen Glaubens möglich. Aber kann diese Theologie tatsächlich einen neuen Sinn für die Erhabenheit Gottes wecken? Steht Gott überhaupt im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit? Hört man genau hin, so muss man daran zweifeln. Bei seiner Rede vor dem Europäischen Parlament im November 2014 hat der Papst eine sehr herausfordernde Tonlage gewählt, doch der Eckpunkt dieser Herausforderung war nicht Gott. Es sei „die Stunde gekommen“, so sagte Franziskus, „gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte.“

Kurz darauf, vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, forderte er ein neues europäisches „Urvertrauen“: „Das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendentaler Würde begabte Person.“ Hier wird „der Mensch“ zum eigentlichen Eckpunkt und Unterpfand des Glaubens. Die Heiligkeit Gottes wird in die Heiligkeit der menschlichen Person hineingeholt. Gott ist nicht mehr das große Gegenüber des Menschen. Die Evangelische Kirche Deutschlands hat den folgenden Satz aus dem alten Testament (Jesaja 66, 13) als Jahreslosung für 2016 ausgegeben: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Man kann hier, bei wohlwollender Interpretation, die Absicht herauslesen, Gott den Menschen irgendwie nahezubringen. Er soll sich an eine persönliche, familiäre Situation erinnern, um Gott zu verstehen. Aber der Mutter-Vergleich ist eine sehr zudringliche Theologie, die das Glauben, Hoffen und Lieben eng macht. Ihr Bild von Gott ist im Grunde ein Selfie.

Was hier geschieht, ist durchaus gravierend. Das wird deutlich, wenn man sich daran erinnert, dass der christliche Glaube, der beim Aufbruch in die Moderne Pate stand, eine ganz andere Orientierung und Tonlage hatte. Max Weber hat gezeigt, wie im neuzeitlichen Christentum eine neue Spannweite zwischen Gott und dem Menschen eröffnet wurde, die es ermöglichte, in der Berufung auf Gott zurückhaltend zu sein und in der Arbeit auf Erden zupackend. Er sprach von dem „großen religionsgeschichtlichen Prozess“, der alle vordergründigen Mittel der Heilssuche als Aberglauben verwarf (Zauberei, symbolische Ablass-Handlungen) – der aber auch die Drohung eines unmittelbar bevorstehenden Weltenendes verwarf und der Welt mit dieser Ausdehnung der Zeit ein viel größeres Gewicht gab. Webers Beispiel war der Protestantismus und die moderne Marktwirtschaft.

Aber auch auf Seiten des römisch-katholischen Glaubens lässt sich diese theologische Entwicklung nachweisen, ohne die die Renaissance, die Aufklärung und der souveräne Rechtsstaat gar nicht denkbar gewesen wären. Der ferne Gott der Moderne führte nicht in Beliebigkeit, sondern legte die Menschen mit neuer Unausweichlichkeit auf ihren irdischen Ort fest. Dort lag ihre Bewährung. Der ferne Gott war ein fordernder Gott. Nicht der wurzellose, umherschweifende Mensch, sondern der in einen Beruf, in ein Unternehmen, in eine Familie, in ein Land investierende Mensch war die Konsequenz. Das neuchristliche Menschenbild ist bürgerlich. Dieser Bürger würde es weit von sich weisen, als „Ebenbild Gottes“ zu figurieren und sich als Person mit dem Adjektiv „heilig“ zu versehen.

Der christliche Gott der Neuzeit steht den Menschen erhabener gegenüber als der frühchristliche und mittelalterliche Gott. Aber er ist noch da. Er ist nicht wegsäkularisiert. In der neuen Spannweite zwischen Gott und Mensch sind nur die vordergründigen Heilsmittel verschwunden, die Gott allzu nah an den Menschen rückten. Wem die Moderne am Herzen liegt, sollte also durchaus den theologischen Streit wagen. Schaut man zum Beispiel in Max Webers „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ aus dem Jahre 1904 oder auch in den Sammelband von Alfred Müller-Armack „Staat und Wirtschaft“ (1959), spürt man eine Tonlage des Christentums, die sich von der heutigen kirchlichen Wirtschaftskritik völlig unterscheidet. Das war der Geist der deutschen Gründerzeit vor 120 Jahren und auch der Geist, der beim Neuanfang der Bundesrepublik nach 1945 Pate stand. Es war durchaus ein christlicher, ein religiöser Geist. Aber nicht die Spur von jener dummen Gegenüberstellung „des Menschen“ gegen „die Wirtschaft“, die wir heute von der katholischen und der evangelischen Kirche – in trauter Eintracht – vorgesetzt bekommen.

Gemessen an dem anspruchsvollen Christentum der Neuzeit wäre diese aktuelle Positionierung der Kirchen, die sich nun mit der Migrationstheologie weiter radikalisiert, ein Rückfall. Ein theologischer Rückfall, der die religionsgeschichtliche Verabschiedung aller vordergründigen Heilsmittel wieder rückgängig macht. Dem Menschen wird eine trügerische Gottesnähe suggeriert, wenn er sich nur weit genug von seiner Bürgerlichkeit entfernt. Und wenn er sich jetzt dem „Flüchtling“ als neuer Leitfigur zuwendet.

Eine Theologie, die das Land lähmt

Deutschland ist kein Land, das sich auf seinem Stand saturiert zurücklehnen kann. Es muss produktiv sein. Ein anspruchsvoller religiöser Glaube, der sich in der Bewährung vor Gott sieht, würde da durchaus gebraucht. Es gäbe einiges aufzuräumen in Wirtschaft, Staat und Privatsphäre. Die meisten Krisen unserer Zeit sind ja nur provisorisch gemilderte und dadurch verschleppte Krisen. Es gibt auch tieferliegende Schwächen, die die bürgerliche Substanz betreffen – zum Beispiel bei der Fähigkeit, sich auf eine Sache, einen Beruf, eine Familie, ein Unternehmen, einen Ort wirklich festzulegen. Da könnte ein kräftiger Schuss von dem Geist, den Max Weber und Alfred Müller-Armack darstellten, durchaus hilfreich sein.

Es gäbe aber auch in religiösen Dingen etwas aufzuräumen. Hier ginge es um mehr Zurückhaltung. Um Rituale, die die Ferne Gottes respektieren. Die Kirchen sind viel zu sehr mit menschlichen Angelegenheiten vollgestellt, der Name Gottes wird zu oft für soziale Dienstleistungen in Anspruch genommen. Wir müssen wieder lernen, in den kleinen Dingen die Größe des fernen Gottes zu sehen und zu verehren. Gerade zu Weihnachten gibt es eine bürgerliche Tradition in diesem Sinn. Der Zauber des Tannenbaums, der Adventskerze, der Schnitzwerke, der Plätzchen, der Orangen liegt in der Übersetzung der Ferne, die hier gelingt. Vielleicht hat mancher, der der diesjährigen Dauerbeschallung mit dem Flüchtlingsthema entgehen wollte, diese kleinen Signale finden können.

Das sind hier nur kurze Hinweise. Aber sie zeigen, dass der christliche Glaube gerade in unserer Zeit sehr viel zur Weiterentwicklung Deutschlands beitragen könnte. Für die Migrationstheologie gilt das allerdings nicht. Denn bei keiner der oben genannten Reformaufgaben hilft die Massenzuwanderung weiter. Die Migranten können den Deutschen nicht die schmerzhafte Aufgabe abnehmen, eine neue Reformagenda für Wirtschaft und Staat auf die Tagesordnung zu setzen. Sie können auch nicht das Problem lösen, das die Kirchen der Gegenwart bei der Vermittlung des christlichen Glaubens haben. Beides sind bürgerliche Aufgaben, Aufgaben für die Bürger dieses Landes. Natürlich wird unser Land immer wieder Flüchtlinge und Migranten aufnehmen. Natürlich wird es auch andere Religionen respektvoll behandeln. Aber weiterbringen wird das unser Land nicht. Schon gar nicht wird ein reformunfähiges Deutschland durch die Massenmigration zu einem „spannenden“ Land werden.

Im Gegenteil, die Migration ist ein Ersatzthema, das von den eigentlichen Problemen und Aufgaben des Landes ablenkt. Die Masseneinwanderung verwickelt das Land in eine unendliche Rettungsaktion, die alle Kräfte in Anspruch nimmt und für Jahrzehnte auf eine lähmende, deprimierende Hängepartie festlegt. Der Migrationstheologie scheint diese Lähmung ganz recht zu sein.

Dieser Beitrag ist auf der Achse des Guten erschienen.

In der Reihe “Migrationsmythos” von Gerd Held sind bisher erschienen:

Teil 1 – Flüchtlinge: Die Diktatur des Rettens >>>

Teil II – Flüchtlingskrise: Der Inbegriff des Bösen – die Abschiebung >>>

Teil III – Die Grenzlüge: Merkel flieht die Wirklichkeit >>>

Teil IV – Wild Migration: Wer Grenzen stürmt, wird nirgendwo heimisch werden >>>

Teil V – Integration – Die falsche regulative Idee >>>

Teil VI – Afrika-Migration: Lernen von Frankreich >>>

Teil VII – Legitim handelt, wer Grenzen setzt >>>

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