Eine Tyrannei der Abgewählten verhindert den notwendigen Hausputz in Deutschland

Ist eine Wahl auch dann demokratisch, wenn der Gewinner schon vor der Wahl feststeht? Oder anders: Ab wann handelt es sich nur noch um Formaldemokratie? Widerspricht es nicht dem demokratischen Grundprinzip, wenn jede neue politische Willensbildung an einer von abgewählten Versagern errichteten „Brandmauer“ scheitert? Von Thor Kunkel

picture alliance / PIC ONE | Christian Ender
Fraktionen der Linke, SPD und Bündnis 90/Die Grünen während der konstituierenden Sitzung des 21. Deutschen Bundestages, Berlin, 25.3.2025

Die Machthaber des alten Moral-Imperialismus sind auch die neuen, das steht jetzt schon fest, fragt sich nur in welcher Konstellation. Sie lenken die Demokratie so, wie es ihren machtpolitischen Interessen entspricht. Niemand hier in der Berliner „Moralzentrale“ des Landes versteht sich noch als Dienstleister in Sachen Regierungsführung. Niemand glaubt, er schulde dem Wähler auch nur die geringste Rechenschaft, sei es in der Migrationspolitik oder in der Energieversorgung des Landes.

Schließlich geht es ja immer um den guten Zweck, so wie im Fantasykino, wo die kleinen Leute auch andauernd die Welt retten „müssen“. Niemand sieht hier einen Zusammenhang zwischen seinem überbezahlten Job und den steuerzahlenden Bürgern, die man gern als „unsere Menschen“ bemuttert.

Zeit zum Lesen
„Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen
In Wahrheit – und das ist die bittere Pille – sind diese Parteien der demokratischen Mitte (wie sie sich hochtrabend nennen) so unabwählbar geworden wie Honneckers SED, die sich auch 28 Jahre lange hinter einer Mauer verschanzte. Böse Zungen würden vielleicht behaupten: Aus den Zirkelspitzen im Wappen der DDR sind nun – im Jahr 3 nach Corona – zwei gekreuzte Spritzen geworden, eine mit roter, eine mit grüner Ideologie.

Und daran soll der angeschlagene Wirtschaftsmotor Deutschland genesen? Zugegeben, die Methode des autokratischen Machterhalts à la Merkel mag weniger totalitär wirken, aber sie hat die deutsche Demokratie ad absurdum geführt: Jede Quittung, die der Wähler erteilt, beantworten die Abgewählten mit einer neuen Koalitionskombination, die einer Wettbewerbsbeschränkung entspricht. In der freien Marktwirtschaft hätten diese Trickser längst eine Monopolklage am Hals.

So dagegen – ohne demokratisches Regulativ – geht es munter weiter mit dem Kuhhandel unter Verlierern und einem irrational-selbstzerstörerischen politischen Kurs, der Deutschland als Wirtschaftsstandort ruiniert, vielleicht sogar in den Staatsbankrott stürzt. Bekommen die Wähler, die nicht Rot-Grün-Schwarz gewählt haben, dann eigentlich irgendeine Form von Schadenersatz? Fakt ist: Das Land steckt schon heute in der größten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik – man nehme nur den Stellenabbau bei ThyssenKrupp, VW, der Bahn, ZF, Audi, Siemens etc. – und den Verlust der internationalen Konkurrenzfähigkeit.

Achterbahn an der Börse
Keine Zeit für Klugschwätzer
Statt versprochenem Sparkurs winken neue Staatsschulden in nie gekannter Höhe, was der deutsche Leitindex Dax mit herben Kursverlusten bestrafte. Trumps Strafzölle mögen der sprichwörtliche Tropfen gewesen sein, aber das Maß war hier in Deutschland schon voll. Jeder, der auch nur den Hauch einer Ahnung von Volkswirtschaft hat, hat begriffen: Deutschlands politische Wokeria hat sich verzockt, auch Team Merz dürfte das wissen. Doch den dringend notwendigen Politikwechsel, der nur mit der zweiten konservativen Kraft im Bundestag möglich ist, traut sich keiner.

Stattdessen erleben wir ein ebenso peinliches wie schäbiges „The loser takes it all“, die Wahlverlierer schleppen ihr ideologisches Zaumzeug einfach weiter, sie diktieren dem, der sich schon zum Kanzler ausgerufen hat, die Bedingungen, und so wie es aussieht, wird der akzeptieren – was auf eine unglaubliche Skandalfähigkeit schließen lässt.

Unsere gleichgeschalteten, links-dominierten Qualitäts-Medien machen Derartiges möglich, sie sind weder gewillt noch in der Lage, auf die Komplexität der Situation zu reagieren. Sie sitzen im selben Boot einer kaum vorstellbaren Verantwortungslosigkeit. Während diese Medien ihrem erklärten politischen Gegner vorwerfen, nur „einfache Antworten“ zu geben, hat man von ihnen in den letzten zehn Jahren auch nicht mehr als dieselbe an niederste Instinkte appellierende Antifa-Parole gehört: Kauft-nicht-bei-Nazis. Schon Merkel hatte dieses Narrativ übernommen, und noch immer stößt die CDU ins selbe Horn.

Zu Merzens Pech fühlt sich nun eine wachsende Mehrheit der Deutschen vom Preis-Leistungs-Verhältnis der kommenden Politik gelinde gesagt übervorteilt. Hier ist man es leid, jährlich mehr Steuern für politisches Totalversagen zu entrichten als jedes andere europäische Land. Hier hat man es satt, noch mehr Trittbrettfahrer des deutschen Wohlstands durchzufüttern oder darauf zu warten, dass die eigene Tochter das nächste Stadtfest heil übersteht (die Stadt Dorsten weiß, wie das geht!). Es ist anzunehmen, dass das Mobilisierungspotential der Unzufriedenen in den kommenden Wochen noch weiter wächst und die AfD zur stärksten Kraft machen wird. Laut der aktuellen Ipsos-Umfrage ist sie das bereits. Doch ob das hilft?

Gegenläufiger Trend
AfD erstmals vor Union
Deutschland muss sich früher oder später aus seinen vielen institutionalisierten Zwängen befreien und mit der Erkenntnis anfreunden, dass moderne Staaten mehr Ähnlichkeit mit Unternehmen haben als mit eigenbrötlerischen politischen Sekten, denen es gleich ist, auf wessen Kosten sie ihre Utopien verwirklichen können.

Sollte sich diese Negativ-Elite aus geistig verwirrten Weltverbesserern und Jakobiner-Weibern nicht bald von der Macht trennen lassen, könnte kommenden Generationen genau das drohen, was George Orwell schon vor über einem halben Jahrhundert in einem Satz prognosizierte: „Wenn Sie eine Vorstellung von der Zukunft haben wollen, stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein menschliches Gesicht drückt – für immer.“ Zu diesem Zeitpunkt wäre es dann für jeden demokratischen Hausputz zu spät. Die Zwingherrschaft wäre dann in Deutschland das Kind der Demokratie.

Thor Kunkel, Schriftsteller und studierter Bildender Künstler, arbeitete mehr als 20 Jahre in der Werbung, bevor er anfing, umstrittene Romane zu schreiben.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 60 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

60 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
jopa
7 Tage her

Die Nationale Front stellte die letzte und stellt auch die nächste Regierung. Damit verbleiben auch die Pfründe in den gleichen Händen und kommen den gleichen Leuten zu gute. Es werden nur Posten andern verteilt, also etwas Personalrochade. Sonst bleibt alles wie es war: Einfluß, Macht und Politik.

Karl Renschu
7 Tage her

Es gibt keine zweite konservative Kraft im Bundestag.

Vielleicht finden sich aber zur Kanzlerwahl ein paar Konservative in der größten Linksfraktion, wer weiß…

Falkenauge
8 Tage her

Sehr geehrter Thor Kunkel, wir standen vor längerer Zeit schon einmal in einem kurzen E-Mail-Kontakt. Ihr obiger Artikel ist treffend, greift aber noch zu kurz. Es geht nicht nur um den Austausch einer Negativ-Elite gegen eine etwas weniger negative, sondern um die Abschaffung der Herrschaft Weniger über das Volk überhaupt. Der Demokratie liegt die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen aus eigener Erkenntnis zugrunde. Das bedeutet Selbstverwaltung in allen Lebensbereichen, nicht das Diktat weniger. Es herrscht noch immer der alte Obrigkeitsstaat. Er wird nicht dadurch zur Demokratie, dass man seine Beherrscher angeblich wählen kann. Näher:
https://fassadenkratzer.de/2025/04/10/das-dramatische-verhangnis-des-noch-immer-etablierten-obrigkeitsstaates/

gmccar
7 Tage her
Antworten an  Falkenauge

Mein Großvater ging noch in ein Kaiserliches Gymnasium. Soweit ich mich erinnere über seinen Wissensstand aus der damaligen Zeit, auch Technisch/Physikalisch, ist zu erkennen, dass das heutige Bildungssystem da nirgendwo heranreicht. Dies hatte wohl dazu beigetragen, dass D. einstmals als Land der Dichter und Denker bezeichnet wurde.

jopa
7 Tage her
Antworten an  gmccar

Ich möchte mal wissen , wie die Ergebnisse und die Durchfallqouten aussähen, würden im Abitur die gleichen Fragen gestellt und bewertet wie vor 50 oder 100 Jahren.

Buck Fiden
8 Tage her

Dieselben Loser und Politversager, die über 26 Jahre lang das Land in den Untergang gewirtschaftet haben, sollen jetzt die Probleme lösen, die sie verursacht haben.
Genau mein Humor.

WGreuer
9 Tage her

„Doch den dringend notwendigen Politikwechsel, der nur mit der zweiten konservativen Kraft im Bundestag möglich ist, traut sich keiner.“ Ich weiß, das wird hie nicht gerne gehört, aber diesen Kurswechsel dürfen sie nicht machen. Die meisten Menschen im Land sind noch immer der Meinung, dass diese Leute für die Bevölkerung arbeiten, dass ihr Auftrag die verbesserung des Lebens der Menschen im Lande ist. Offiziell ja, aber die vergangenen jahe haben gezeigt, dass dem faktisch nicht so ist. Die Parteiführungen fast in ganz Europa (aber nicht die Parteibasis, die ist bei den Linksparteien nur indoktriniert und dumm-dämlich) arbeiten offensichtlich für die… Mehr

Siggi
9 Tage her

Die SPD weiß, dass sie allein mit der Drohung die Koalition auffliegen zu lassen, den Merz in die Knie zwingen kann, so wie jetzt bei den Verhandlungen. Darin hat sie Erfahrung, denn die Grünen haben nichts anderes die letzten Jahre gemacht und versuche es immer noch. Merz wird scheitern, weil diese Phalanx der Versager nicht in der Lage ist, das zu tun, was Deutschland braucht. Die von Merz in Stein gemeißelte Spaltung, wird ihn mittelfristig erlegen.

Peter Pascht
9 Tage her

Die Machthaber der alten linksextrmistischen „Moral-Hegemonie“ sind auch die neuen,
Der „Koalitionsvrtrag täbgt die Handschrift des ehmaligen „StamoKap“ Linksextemisten Olaf Scholz.
Die großmauligen Merz und Söder haben scih mit dem Kotau vor einer linksextremistischen Apologie ihre Ämter erkauft.
So tief darfst du nicht sinken, um von der Jauche durch die man dich zieht auch noch zu trinken“
Sie haben es getan. Prost Friedrich, Prost Markus 😉

Last edited 9 Tage her by Peter Pascht
Armin Reichert
9 Tage her

Meine Worte hier seit langem: Die gefährlichste Partei für die Demokratie heißt weder Grüne, Linke, noch SPD, sondern CDU.

ChristianFuelle
9 Tage her

Ein sehr guter Artikel Herr Kunkel. Doch nur ein Satz bringt es auf den Punkt. Die Parteien der sogenannten demokratischen Mitte sind unwählbar geworden und regieren doch immer weiter. Was folgt daraus: Man bekommt sie mit Wahlen nicht von der Macht getrennt. Alles bekannt. Alles schon tausendmal analysiert, diskutiert und beschrieben. Und da die neue Einheitsfront genauso wie die Alte an der Macht klebt hilft hier auch nur noch die gleiche Trennungszeremonie wie 1989. Nur ein radikaler Schnitt wie damals setzt diesem Treiben ein Ende. Nur diese Option schlägt die Schlange den Kopf ab und jagt sie aus all ihren… Mehr

Armin Reichert
9 Tage her

Und eine Frau Pawlak meint, wir sollen uns wegen so einem bisschen Faschismus und so ein bisschen Menschenrechtsverletzungen mal nicht so anstellen!

https://www.focus.de/kultur/kino_tv/in-markus-lanz-corona-talk-offenbart-sich-deutschlands-ermuedende-problem-lust_26a7537c-ce15-47f5-814f-c1a09f66ac0e.html

Die Deutschen reden grundsätzlich gerne über Probleme und weniger über Lösungen. Der Staat musste die Freiheitsrechte zu Recht einschränken in dieser Zeit. 

Ich erinnere mich an eine Straßen-Demonstration gegen diese Einschränkung, in die ich unfreiwillig hineingeraten bin. Es war schrecklich, und nicht nur, weil es schrecklich voll war. Die Menschen dort wirkten schrecklich unangenehm, gar hasserfüllt. 

Ja, Frau Pawlak, sie waren nie weg und Sie sind eine von ihnen.

Last edited 9 Tage her by Armin Reichert